Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule

27.3.2015 | Von:
Misun Han-Broich

Engagement in der Flüchtlingshilfe – eine Erfolg versprechende Integrationshilfe

Bedeutung des Ehrenamts im Bereich der Flüchtlingshilfe

Aufgrund der Ergebnisse einer im Rahmen meiner Dissertation vorgenommenen empirischen Studie[8] über Ehrenamtlichkeit in der Flüchtlingssozialarbeit vertrete ich eine ganzheitliche dreidimensionale Integrationstheorie, die neben einer kognitv-kulturellen (Denken) und einer sozial-strukturellen (Handeln) auch eine seelisch-emotionale (Fühlen) Dimension umfasst. Ich definiere Integration als einen Zustand des inneren Gleichgewichts eines Migranten in diesen drei Dimensionen. Überraschenderweise zeigt die Studie, dass ehrenamtliche Tätigkeit für Flüchtlinge ihre größte Wirkung in der seelisch-emotionalen Integration entfaltet. Durch den Aufbau persönlicher Beziehungen stehen die Ehrenamtlichen den Flüchtlingen insbesondere bei der Überwindung ihrer seelisch belastenden Vergangenheits- und Gegenwartsprobleme zur Seite. Obwohl Ehrenamtliche nach ursprünglicher Aufgabenvereinbarung keine therapeutische beziehungsweise psychosoziale Arbeit explizit zu leisten haben, sondern eher konkrete Hilfestellungen (Bildungs- und Betreuungsarbeit, Begegnung, praktische Lebenshilfe und so weiter) geben sollen, zeigt sich die größte Wirkung ihrer Arbeit gerade nicht in diesen (die praktische Integration betreffenden) kognitiv-kulturellen und sozial-strukturellen Bereichen, sondern vielmehr im seelisch-emotionalen Bereich.

Dieses zunächst nicht ins Auge gefasste Integrationsziel ehrenamtlicher therapeutischer Hilfestellung erweist sich als ihre besondere Leistung, die ganz wesentlich mit den dem Ehrenamt zugrunde liegenden intrinsischen Motiven[9] und Beziehungsfähigkeiten der Ehrenamtlichen selbst zusammenhängt: Sie können durch die persönliche Art ihrer Kontakte eine einzigartige Beziehung zu Flüchtlingen aufbauen, indem sie gezielt auf Menschen zugehen, persönliche Berührungspunkte herstellen und mit den Flüchtlingen eine ganzheitliche Begegnung[10] erleben. So tragen sie zur seelisch-emotionalen Stabilisierung und Integration insbesondere auch der traumatisierten Flüchtlinge bei. In der Ehrenamtsbeziehung findet eine Begegnung statt, in der sich Ich und Du als gleichberechtigte Subjekte begegnen und keiner dem anderen bewertend gegenübersteht. In einer solchen Beziehung wächst die Fähigkeit, sich dem Anderen zu öffnen. Von daher ist es möglich, dass in den Ehrenamtsbeziehungen (familiäre) Nähe und Wärme entstehen, zumal die Akteure ihrem Gegenüber ohne Erwartungen einer Gegenleistung begegnen und in der Regel bereit sind, auch seelische Zuwendung und Zuneigung zu schenken.

So werden Flüchtlinge, die aufgrund ihrer extrem schwierigen seelischen und strukturellen Ausgangssituation und negativer Erfahrungen mit der Aufnahmegesellschaft eine nur geringe oder gar keine Motivation zur Integration hatten und sogar negativ voreingestellt oder blockiert waren, erst durch die mit ehrenamtlicher Hilfe überwundene seelisch-emotionale Blockade zu weiterführenden Integrationsschritten in den beiden anderen Dimensionen aufgeschlossen. Damit leistet das Ehrenamt einen entscheidenden, seelisch-emotional vorbereitenden ersten Schritt zur kognitiv-kulturellen und sozial-strukturellen Integration. In diesem Sinne versteht sich das Ehrenamt als ein unverzichtbarer Baustein zur Integration.

Die integrationsförderlichen Beziehungen zwischen Ehrenamtlichen und Flüchtlingen lassen sich ihrer Funktion nach als Ersatz-, Kompensations-, Lernbeziehung sowie Kapitalbeziehung typisieren:[11]

Ersatzbeziehung: Die Flucht als eine von außen aufgezwungene Entscheidung unterbricht abrupt den sozialen und vielfach auch familiären Lebenszusammenhang. Durch die Kontakte zu den Ehrenamtlichen können verloren gegangene soziale Bindungen teilweise ersetzt werden. Das trägt dazu bei, soziale Bezugssysteme für Flüchtlinge familienähnlich zu vergrößern und zu stabilisieren. Dadurch wird die soziale Integration gefördert. Darüber hinaus spielen die Ehrenamtlichen insbesondere für Flüchtlingskinder oder -jugendliche eine elterliche Rolle oder fungieren als Elternersatz. Gerade diese ehrenamtlichen Ersatzbeziehungen dürften im Hinblick auf die drastisch zunehmende Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge nach Deutschland von besonderem Interesse für die Praxis sowohl bei der Unterbringung als auch bei der Betreuung dieser Flüchtlingsgruppe sein.

Therapiebeziehung: Die durch Kriegs- und Fluchterlebnisse traumatisierten Flüchtlinge leiden unter deren Spätfolgen, weil ihnen in ihrer neuen Lebensumwelt keine oder nur unzureichende therapeutische Möglichkeiten für die angemessene Verarbeitung ihrer Traumaerfahrungen geboten werden. Wenn aber Flüchtlinge zu Ehrenamtlichen langsam eine Vertrauensbeziehung aufbauen, sich ihnen gegenüber allmählich öffnen und ihnen dabei nicht selten ihre oftmals leidvolle Geschichte anvertrauen, hilft ihnen das bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit. In diesem Sinne wird dem Ehrenamt eine therapeutische Funktion zugeschrieben, wobei die Ehrenamtlichen durch ihre persönliche Begleitung[12] quasi als Therapeut zu den Flüchtlingen in Beziehung stehen. Diese Art von Therapiebeziehung bewegt und motiviert auch zunächst integrationsunwillige beziehungsweise -unfähige Menschen zur (seelisch-emotionalen) Integration und ermöglicht somit erst die soziale Integration der Flüchtlinge.

Kompensationsbeziehung: Die interviewten Flüchtlinge haben aufgrund ihres rechtlichen Status zwingend häufige Kontakte zu Behörden. Die Mehrheit macht dabei mit den Verwaltungsbeamten negative Erfahrungen, die zu neuen Traumata führen können. Sie fühlen sich nicht willkommen oder als Menschen wertgeschätzt, man begegnet ihnen nicht selten unhöflich und sogar im Befehlston. Auch im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung kommt es zu Diskriminierungserfahrungen. Da sie ansonsten kaum positiv gestaltete Kontakte haben, entsteht ein eher negatives Bild der Aufnahmegesellschaft. Die Beziehungen zu den Ehrenamtlichen kompensieren dieses einseitige und negative Bild von Deutschland. Das Gefühl, abgelehnt zu werden, kann durch die Beziehung zu Ehrenamtlichen kompensiert und in ein Gefühl des Angenommenseins umgewandelt werden, das entscheidend für eine seelisch-emotionale Integration und die Bereitschaft zur sozialen Integration ist.

Lernbeziehung: Die Flüchtlinge lernen durch die Kontakte zu Ehrenamtlichen Sprache, Verhalten, Normen, Werte und Erwartungen der aufnehmenden Gesellschaft kennen. Dieser Lerneffekt fördert zweifellos am stärksten die kognitiv-kulturelle Integration der Flüchtlinge. Deutsche mit ihren Verhaltensweisen und menschlichen Regungen einschätzen zu können, erhöht die allgemeine Kontaktbereitschaft und führt nachweislich zur besseren sozialen Integration. Die Lernbeziehung ist keinesfalls einseitig. Auch die Ehrenamtlichen haben positive Lernerfahrungen. Sie lernen Menschen aus anderen Kulturkreisen kennen und verstehen es, zwischen den Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung zu vermitteln und als Meinungsmultiplikator eine aufklärende Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen.

Kapitalbeziehung: Ehrenamtsbeziehungen können auch als eine Art von Sozialkapital betrachtet werden. Die Beziehungen zu Ehrenamtlichen werden in bestimmten Situationen, beispielsweise bei behördlichen Schwierigkeiten oder bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, nutzbringend und vorteilhaft für Flüchtlinge eingesetzt. So konnten durch Interventionen von Ehrenamtlichen die Abschiebetermine für Flüchtlinge verschoben werden oder durch ihre Vermittlung Mietwohnungen und Arbeitsstellen für Flüchtlinge besorgt werden. Dadurch wird auch die strukturelle Integration verbessert.

Die Integrationswirkung der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe variiert abhängig von der rechtlichen und psychosozialen Situation der Flüchtlinge:[13] In meiner Studie von 2005 habe ich zwei Flüchtlingsgruppen untersucht, sogenannte geduldete Flüchtlinge, die überwiegend aus dem ehemaligen Jugoslawien (Kosovo, Serbien) stammten und durch unerwartete Außenereignisse (Krieg, politische Verfolgung) flüchten mussten, und jüdische Kontingentflüchtlinge, die überwiegend aus der ehemaligen Sowjetunion stammten und aufgrund einer wohlüberlegten und langfristigen Entscheidung nach Deutschland migrieren wollten. Insgesamt wurde bei allen Flüchtlingen mit ehrenamtlicher Unterstützung eine höhere Gesamtintegration erreicht als ohne. Während sich bei den überwiegend gut gebildeten Kontingentflüchtlingen die ehrenamtliche Unterstützung insbesondere bei der sozial-strukturellen Integration auswirkt, zeigt sie bei den geduldeten Flüchtlingen, die wegen ihrer Kriegs- und Fluchterlebnisse nicht selten traumatisiert waren und dann auch noch wegen des unsicheren Bleiberechtes zusätzlichen Existenz- und Abschiebeängsten ausgesetzt waren, die größte Wirkung im seelisch-emotionalen Bereich. Dies lässt die Schlussfolgerung zu: Je schwieriger die Lebenssituation der Menschen ist, desto wirkungsvoller ist die ehrenamtliche Integrationsarbeit.

Ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe trägt nicht nur zur Integration der Flüchtlinge als Ehrenamtsadressaten bei, sondern hat auch in besonderer Weise eine integrierende Wirkung auf die an ehrenamtlichen Prozessen Beteiligten[14] und auf die Gesellschaft. Die integrative Wirkung des Ehrenamts zeigt sich besonders in einer versöhnenden Funktion, indem es (im Konfliktfall) zwischen den beteiligten Parteien – hier den Flüchtlingen und der Aufnahmegesellschaft – vermittelnd und ausgleichend wirkt. Diese versöhnende Rolle der Engagements zeigt sich in erster Linie in einer die öffentliche Meinung beeinflussenden Multiplikatorfunktion des Ehrenamts. Durch die Vermittlung der ehrenamtlichen Akteure revidiert die Aufnahmegesellschaft ihre durch Unkenntnis oder Vorurteile geprägte Haltung fremden Menschen gegenüber. Somit tragen die Ehrenamtlichen zur Versöhnung der beiden Parteien bei.

Fußnoten

8.
Für diese Studie, die aus meiner langjährigen sozialarbeiterischen Praxis in der Flüchtlingsbetreuung der Stadt Münster hervorging, wurden Interviews mit Ehrenamtlichen, Flüchtlingen und deren Familien, hauptamtlich tätigenden Sozialarbeitenden und Vertreterinnen und Vertretern von Flüchtlingsorganisationen und Ämtern geführt. Vgl. Misun Han-Broich, Ehrenamt und Integration. Die Bedeutung sozialen Engagements in der (Flüchtling-)Sozialarbeit, Wiesbaden 2012.
9.
Die in der Studie hinterfragten Motive der Ehrenamtlichen sind entweder extrinsischen oder intrinsischen Ursprungs. Die extrinsische Motivation hat ihren Ursprung in einer (veränderten) biografischen oder gesellschaftlichen (Lebens-)Situation. Dahingegen liegt die intrinsische Motivation in der Erfüllung religiöser oder ethischer Ansprüche sowie in einer empathischen Persönlichkeitsstruktur der Ehrenamtlichen begründet. Vgl. ebd. S. 82–88.
10.
Im Sinne Martin Bubers begegnen sich Menschen dann ganzheitlich, wenn sie gegenseitig den anderen die Qualität eines Subjektes zuerkennen, wobei ein "Ich-Du-Verhältnis" eingeräumt wird. Wenn sich Menschen als Personen ganzheitlich begegnen, findet in der Beziehung ein Berühren und Berührt-Werden statt. Es ist nach Buber diese personale ontologische Begegnung, die das Herz öffnet und Kraft ausschüttet. Vgl. Martin Buber, Ich und Du, Heidelberg 198311; M. Han-Broich (Anm. 8), S. 193ff.
11.
Vgl. ebd. S. 157–166.
12.
Vgl. auch die "Soteria-Bewegung" ab Ende der 1960er Jahre, wobei der Heilungseffekt für psychisch Kranken mehr bei einer persönlichen Begleitung durch Laienhelfer als bei Medikation oder Therapieaufenthalt in Kliniken begründet und daher deren Umsetzung postuliert wurde.
13.
Vgl. M. Han-Broich (Anm. 8), S. 51–63, S. 128–150.
14.
Die integrative Funktion des Ehrenamts zeigt sich im Hinblick auf die ehrenamtlichen Akteure speziell darin, dass die mit der Wahrnehmung des Ehrenamts geknüpften neuen Kontakte auch Zugang zu neuen sozialen Netzwerken ermöglichen. Die Ehrenamtlichen überwinden durch "neuartige", außerhalb ihres herkömmlichen sozialen Umfeldes liegende Kontakte die Grenze des eigenen Sozialraumes und integrieren sich in einen anderen, bislang nicht zugänglichen sozialen Raum. Dadurch wird auch die sozialräumliche Integration begünstigt.
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Autor: Misun Han-Broich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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