Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule

27.3.2015 | Von:
Misun Han-Broich

Engagement in der Flüchtlingshilfe – eine Erfolg versprechende Integrationshilfe

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) sind zu einem festen Bestandteil der Migration geworden. Sie stellen ein ganz eigenes Problemfeld dar, für das nach neuen Lösungsansätzen gesucht wird. Hierbei kann ehrenamtliche Unterstützung insbesondere in Form einer Patenschaftsbeziehung – unterlegt mit geeigneten Ehrenamtskonzepten – eine Erfolg versprechende Rolle spielen.

Die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge haben nicht selten traumatische Fluchterfahrungen gemacht und sehen sich jetzt in Deutschland vor neue Probleme gestellt. "Aufgrund ihres Alters, ihrer Herauslösung aus dem vertrauten Umfeld und wegen des fehlenden Schutzes durch die eigene Familie zählen umF zur Gruppe der besonders verletzlichen und daher besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge."[15] Zwar fallen sie in Deutschland unter die Regelungen zur gesetzlichen Inobhutnahme mit staatlich verordneter Unterbringung und Betreuung durch einen Vormund. Dabei erfahren sie jedoch wiederholte Verschiebungen der Zuständigkeiten im Aufnahmeprozess und häufige Wechsel der Bezugspersonen in Ämtern und Jugendhilfeeinrichtungen, was im Hinblick auf zuvor erlittene Verluste der elterlichen beziehungsweise sozialen Bezugssysteme eine Wiederholung der Beziehungsverluste darstellt und eine sekundäre Traumatisierung auslösen kann. Mit Vollendung des 18. Lebensjahres müssen sie ihre Unterkunft wieder verlassen, sie verlieren ihren gesetzlichen Vormund und sehen sich zudem mit einer möglichen Abschiebung konfrontiert. Dass bei all dem die jugendliche Seele Schaden nimmt, ist nicht weiter verwunderlich und muss in Lösungsansätzen berücksichtigt werden. Wegen ihrer oben beschriebenen spezifischen Integrationswirkung gerade auch im seelisch-emotionalen Bereich stellt ehrenamtliche Unterstützung einen solchen Lösungsansatz in mehrfacher Hinsicht dar.

Intrinsisch motivierte Ehrenamtliche können nachhaltige patenschaftsähnliche Beziehungen – im Sinne der Ersatz- und Therapiebeziehung – zu jungen Flüchtlingen aufbauen, sie seelisch-emotional stabilisieren und dann auf allen weiteren Stufen des Integrationsprozesses wirkungsvoll begleiten und unterstützen. Hierfür muss ein konzeptioneller Rahmen geschaffen werden, der eine professionelle Zusammenarbeit der Ehrenamtlichen mit den hauptamtlichen Flüchtlingsbetreuern ermöglicht. Mit Blick auf die prekäre Unterbringungslage wäre zu erwägen, ob die unbegleiteten Minderjährigen nicht auch in die Lebensgemeinschaft der Ehrenamtlichen – analog den Pflegefamilien und individualpädagogischen Betreuungsstellen – aufgenommen werden können, wenn ehrenamtliche Betreuer dies wünschen, entsprechend qualifiziert sind und die räumlichen Möglichkeiten vorweisen können. Das hier vorgeschlagene Konzept müsste durch den Staat mit rechtlicher Weichenstellung eingeführt und finanziell und fachlich unterstützt werden.

Auch mit Blick auf die Bildungssituation der jungen Flüchtlinge kann die ehrenamtliche Unterstützung hilfreich sein. Sie schaffen in der Regel die Eingliederung in das reguläre deutsche Schulsystem nicht, andere unterstützende Angebote stehen nicht flächendeckend zur Verfügung. Oftmals findet für 16- bis 17-Jährige keine Beschulung statt, da sie nicht mehr der allgemeinen Schulpflicht unterliegen. In diesem Zusammenhang halte ich qualifizierte Ehrenamtliche als Ausführer des Bildungsauftrages für sehr geeignet. Denn gutes Lernen setzt gute Lernbeziehungen voraus, man lernt in und an der Beziehung zu den Lehrenden. Zu Flüchtlingsjugendlichen, die aufgrund ihrer belastenden Situation in ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sind, können die Ehrenamtlichen eine von Anteilnahme, Respekt und Anerkennung geprägte empathische Beziehung aufbauen und eine gute Lerngrundlage für die kognitiv-kulturelle Integration schaffen. Von daher könnten insbesondere die betroffenen Schulen (oder andere Organisationen, Kirchengemeinden) bewusst Ehrenamtliche aus dem Gemeinwesen, Freiwilligenagenturen oder der Eltern- und Schülerschaft rekrutieren und in die Arbeit einbinden.

Ich möchte deshalb eine Debatte darüber anregen, ob und wie ein professionell gestaltetes Ehrenamtskonzept für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge die jetzigen staatlichen Lösungen verbessern und ergänzen kann und welche infrastrukturellen, personellen und finanziellen Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen wären. Kurzfristig ist es wichtig und notwendig, hauptamtliche Flüchtlingsbeauftragte auf die Möglichkeiten ehrenamtlicher Unterstützung bei der Inobhutnahme der Jugendlichen hinzuweisen, über Motivation und spezifische Einsatzmöglichkeiten Ehrenamtlicher zu informieren und Konzepte für eine professionelle Zusammenarbeit zu entwickeln.

Erfolgsrezept für die Praxis des Engagements

Angesichts der konstant hohen Flüchtlingszahlen aus den verschiedensten Kulturkreisen und den damit verbundenen Integrationsanforderungen darf ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich nicht dem Zufall überlassen werden, wie es vielfach in der Praxis geschieht. Das Engagement muss vielmehr zum Gegenstand eines planvollen systematischen Handelns bei den Flüchtlingsbehörden und anderen mit der Integration von Flüchtlingen befassten Organisationen werden.

Auch muss das Engagement adäquat durch interkulturelle Bildung getragen werden, damit es ohne Nebenwirkungen die Flüchtlingsintegration erfolgreich voranbringen kann. Interkulturelle Kontakte führen, auch wenn sie mit wohlwollender Bereitschaft erfolgen, nicht automatisch zum Abbau von Vorurteilen oder zu mehr Toleranz. Es können sich durch interkulturelle Missverständnisse und Irritationen oder im Konfliktfall die ablehnenden Einstellungen eher noch verfestigen, wie Empirie und Praxis zeigen.[16] Von daher ist es ratsam, dass Ehrenamtliche, die mit Flüchtlingen in Beziehung treten, durch Weiterbildungsangebote auf die interkulturelle Begegnung vorbereitet und in ihrem Engagement begleitet werden. Das gilt umso mehr für die interkulturelle Kompetenz von Hauptamtlichen, die diese Ehrenamtlichen beratend und unterstützend begleiten sollen.

Ausschlaggebend für den Erfolg ist jedoch eine neue Ehrenamtskultur, die die organisationsspezifische Kultur der Anerkennung und die Bewusstseinsveränderung bei den hauptberuflich tätigen Mitarbeitern dieser Institutionen und Organisationen umfasst, sei es in Vereinen, Verwaltungen, Kirchengemeinden oder Schulen. Hauptamtliche sind in der Regel diejenigen, die durch Direktansprache potenzieller Ehrenamtlicher diese für den Beginn oder das Weiterführen eines Engagements motivieren und durch Wertschätzung, Anerkennung und gute Begleitung entlohnen. Doch bestehen nicht selten Vorbehalte gegenüber den Ehrenamtlichen verbunden mit Desinteresse an einer Zusammenarbeit mit ihnen. Es ist daher dringend erforderlich, bei den Hauptamtlichen eine Bewusstseinsänderung über die Bedeutung des Ehrenamts und seine integrativen Wirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft herbeizuführen. So sollten die Hauptamtlichen als Schlüsselfiguren für den Erfolg der Ehrenamtsprojekte (an)erkannt werden und ihre Handlungskompetenzen für den adäquaten Umgang mit Ehrenamtlichen durch kontinuierliche Aus- und Fortbildung gefördert werden. Hierzu gehört die Vermittlung von Kenntnissen über Motive, Wirkmechanismen und Potenziale von Ehrenamtlichen und wie man sie rekrutieren, einsetzen und professionell begleiten kann.

Fußnoten

15.
Vgl. J. Pothmann (Anm. 4), S. 36; Peter Neher, Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland. Positionierung des Deutschen Caritasverbandes (DCV), in: Neue Caritas, (2014) 6, S. 31–41.
16.
Vgl. M. Han-Broich (Anm. 8), S. 206ff.
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Autor: Misun Han-Broich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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