Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Dan Diner

Zwischenzeit 1945 bis 1949. Über jüdische und andere Konstellationen - Essay

Zäsuren markieren das Bewusstsein der Zeitgenossen, schreiben Erinnerung ein und generieren Gedächtnis. Periodisierungen sind Behelfe der Historisierung. Sie dienen der raum-zeitlichen Orientierung und suchen aus angemessener Distanz heraus Sinn zu stiften. Mit der deutschen Kapitulation endet der Zweite Weltkrieg am 8./9. Mai 1945 – genauer: die Kampfhandlungen auf dem europäischen Kriegsschauplatz. Im Fernen Osten streckt das kaiserliche Japan erheblich später, am 15. August beziehungsweise 2. September, die Waffen. Die unterschiedlichen Daten – Zäsuren – indizieren, dass die Kriegsschauplätze in Europa und in Asien miteinander ebenso verbunden wie voneinander getrennt waren. Und sie legen eine Periodisierung des Krieges nahe, die jene raum-zeitliche Differenz verstärkt. So ist unbestritten, dass in Europa der Krieg mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann; in Asien ließe sich ein derart periodisierender Einschnitt für die Entfesselung des Krieges allenfalls retrospektiv und dies anhand des japanischen Zugriffs auf die Mandschurei anzeigen, dem sogenannten Mukden-Zwischenfall vom 18. September 1931.

Eine klare Zäsur wie für den Zweiten Weltkrieg, dessen Beginn und Ende in Europa mit einem bestimmten Tag und einer klar fixierten Uhrzeit verbunden sind, lässt sich für den Anbeginn der nachfolgenden Auseinandersetzung als Epoche – die des Kalten Krieges – nicht angeben. Aus deutscher Sicht bietet sich hierfür das Jahr der Gründung der Bundesrepublik Deutschland mit der Verkündung des Grundgesetzes im Mai 1949 und der im Oktober ausgerufenen DDR an. Ebenso lässt sich das Ende der Epoche auf ein bestimmtes, ikonische Strahlkraft annehmendes Ereignis zurückführen: auf den Fall der Mauer am 9. November 1989 und das alsbald eingetretene Ende der DDR.

Wie deutsch sich dieses Datum letztendlich ausnimmt, wird daran deutlich, dass sich mit dem 9. November gleich mehrere Schicksalsereignisse deutscher Geschichte jähren: die Ausrufung der Republik 1918, der gescheiterte Putsch Hitlers 1923 in München, die sogenannte Reichskristallnacht 1938, der Fall der Mauer 1989. Die ersten drei Ereignisse stehen in einem wenn auch nur symbolischen Kausalverhältnis zueinander. Der 9. November des Mauerfalls verhält sich zu ihnen jedenfalls wie die Kontingenz zum Telos, also wie der Zufall zu einem angestrebten Ziel. Dass sich die Deutschen des tiefen Wandels ihrer Geschichte vielleicht doch nicht so gewiss sind, wie es scheinen mag, offenbart sich daran, dass sie, indem sie aus dem Bann des 9. November auszuscheren suchten, den 3. Oktober zu ihrem Nationalfeiertag erkoren. Die inszenierte Beliebigkeit dieses Datums verdeckt nur mühsam die sich dahinter verbergende historische Chiffre des 9. November. Dies jedenfalls ist die deutschzentrische Deutung symbolischer Zeiteinschnitte.

Zone des Übergangs

Andere historische Räume und politische Erinnerungskulturen werden für den Beginn und vermutlich auch für das Ende des Kalten Krieges andere Periodisierungseinschnitte nahelegen. Seine Anfänge lassen sich jedenfalls weniger im Herzen des Kontinents und damit dem räumlichen Umfeld der "deutschen Frage" orten denn im Raum der "orientalischen Frage" des 19. Jahrhunderts, also in der Region um Iran, Türkei und Griechenland. Es beginnt mit der anfänglichen sowjetischen Weigerung, sich vertragsgemäß aus ihrer Teilungszone in Nordiran zurückzuziehen und steigert sich mittels des bereits 1944 begonnenen, bis 1948 anhaltenden griechischen Bürgerkrieges. Sowohl dieser Krieg, in dem die kommunistische Seite wesentlich von Titos Jugoslawien und nicht von Stalin unterstützt wurde, als auch die sowjetischen Pressionen gegen die Türkei, vor allem in der Kaukasusregion, veranlassten den US-amerikanischen Präsidenten Truman 1947 dazu, die nach ihm benannte Doktrin zu verkünden – eine Ansprache, die gemeinhin als Zeichen des Beginns des Kalten Krieges gilt. Im Fernen Osten verläuft eine Linie der Kontinuität des chinesischen Bürgerkrieges durch die Ereignisfolge des Zweiten Weltkrieges hindurch, um im Epochenjahr 1949 im Sieg der Chinesischen Revolution einzumünden. Als heißer Krieg im Kalten Krieg findet diese Tendenz im Koreakrieg 1950 bis 1953 ihre Fortsetzung.

Die wenigen Jahre zwischen 1945, dem Ende des Krieges, und 1949, dem Jahr der abschließenden institutionellen Etablierung des Kalten Krieges, lassen sich als Zeit einer historischen Gezeitenabfolge verstehen – eine Zone des Übergangs, eine Art von Zwischenzeit. Eine Zone des Übergangs waren die Jahre 1945 bis 1949 freilich nicht nur für die jüdischen Überlebenden des ultimativen Genozids, dem später sogenannten Holocaust, sondern auch für viele Millionen anderer displaced persons, die in Europa umherirrten. Gleichwohl waren diese Jahre gerade für Juden ganz besondere. Es vollzog sich nämlich so etwas wie eine Revolutionierung des jüdischen Selbstverständnisses – eine der Katastrophe geschuldete Transformation von einer diasporischen in eine tellurische Existenz, will heißen und in geometrischer Metaphorik gefasst: von einer Lage, die von einem ungeschützten Punkt symbolisiert wird, in die einer machtgestützten Fläche.

Diese Transformation jüdischer Existenz war drei sich miteinander verfugenden historischen Entwicklungen geschuldet. Hier ist, erstens, die jüdische Katastrophe zu nennen, die – auf Europa bezogen – alle aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart des 20. Jahrhunderts reichenden jüdischen Emanzipationserwartungen annullierte – ob es sich nun um Formen der auf Menschen- und Bürgerrechten beruhenden individuellen Emanzipation handelte oder um Gruppenrechte, wie sie etwa durch das Minderheitenregime des Völkerbundes in der Zwischenkriegszeit vereinbart worden waren. Hinzu kam, zweitens, die dem Zweiten Weltkrieg auf dem Fuße folgende Dekolonisierung und der Übergang der imperialen Stafette auf die Vereinigten Staaten. Und schließlich, drittens, die Massenflucht von dem Holocaust entronnener Juden aus den sich zunehmend verschließenden Ländern des zukünftigen Ostblocks nach Westen – vornehmlich in die US-amerikanische Besatzungszone Deutschlands.

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Autor: Dan Diner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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