Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands
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8.4.2015 | Von:
Ulrich Pfeil

Kriegsende in Frankreich

"Die Freiheit kam vom Meer." Unter diesem Motto lief 2014 eine Ausstellung in Cherbourg, mit der die Stadt in der Normandie ihrer Befreiung von deutscher Besatzung am 26. Juni 1944 gedachte. Seinerzeit hatte es bereits kurz darauf, am 14. Juli 1944, einen großen öffentlichen Ball gegeben, an dem neben der lokalen Bevölkerung auch US-amerikanische Soldaten teilgenommen hatten. Nachdem die Deutschen ab 1940 das Begehen des französischen Nationalfeiertages verboten hatten, war dieser Tag für Cherbourg ein ganz besonderer Freudentag, der in der Ausstellung siebzig Jahre später ebenfalls dokumentiert wurde. Die frühen Bilder der Freude und des Glücks sollten jedoch nicht vergessen lassen, dass es bis zur Befreiung des ganzen Landes noch ein opferreicher Weg war.[1] So sei zum einen daran erinnert, dass die Waffen-SS-Einheit "Das Reich" am 10. Juni 1944 – vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie – das Dorf Oradour-sur-Glane dem Erdboden gleichmachte und mit 642 getöteten Zivilisten, darunter 207 Kinder, das größte Massaker in Westeuropa anrichtete,[2] zum anderen daran, dass bei den Kämpfen im elsässischen Colmar noch im Februar 1945 auf beiden Seiten über 20000 Soldaten ums Leben kamen.

Die verschiedenen hier genannten Daten deuten auf einen uneinheitlichen Prozess hin, der von unterschiedlichen geografischen, politischen, militärischen und persönlichen Grundvoraussetzungen geprägt war. Auf den folgenden Seiten soll daher analysiert werden, wie sich Frankreich 1944/45 neben der Lösung der aus dem Krieg unmittelbar resultierenden Probleme von einer dreifachen Belastung zu befreien gedachte: der deutschen Besatzung, des Zweiten Weltkriegs und des autoritären Kollaborationsregimes unter Führung von Marschall Philippe Pétain.

Befreiung

Ausgangspunkte für die Befreiung des Landes waren die alliierten Landungen in der Normandie am 6. Juni 1944 und in der Provence ab dem 15. August 1944,[3] sodass nun nach und nach die alliierten Truppen mit Unterstützung französischer Verbände Stadt um Stadt unter dem Jubel der einheimischen Bevölkerung befreiten. Während dieses drôle de paix (seltsamen Friedens) schmückte zumeist die Trikolore als Zeichen wiedergefundener Freiheit die Häuser, und in patriotischen Zeremonien wurde der allgemeinen Erleichterung Ausdruck verliehen.

Von höchster symbolischer Bedeutung war die Befreiung von Paris am 25. August 1944. Nachdem die Amerikaner zunächst auf direktem Wege nach Deutschland wollten, konnte Charles de Gaulle, der Anführer der Forces françaises libres und spätere Präsident Frankreichs, den amerikanischen Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower davon überzeugen, Einheiten zur Befreiung der französischen Hauptstadt abzustellen. Zugleich bestand der General darauf, dass sich die 2. Panzerdivision unter Führung von General Philippe Leclerc an die Spitze der Bewegung setzte. Am Abend des 25. August verkündete de Gaulle schließlich vom Balkon des Rathauses aus den Rückgewinn der Hauptstadt, "befreit aus eigener Kraft, befreit durch sein Volk unter Mitwirkung der Armeen Frankreichs, mit Unterstützung und Mithilfe ganz Frankreichs, eines Frankreichs, das kämpft, dieses einen, wahren, ewigen Frankreichs". Am folgenden Vormittag schritt er unter dem Jubel von über 100000 Parisern die Champs-Élysées herunter, hinter ihm führende Widerstandskämpfer und kommende politische Größen der IV. Republik. Nicht nur der Résistance-Mythos war damit geboren, sondern auch die herausragende Rolle de Gaulles für das Nachkriegsfrankreich gesichert.

Die Schlacht um Paris hatte insgesamt 3400 Tote und 5500 Verletzte gekostet, und das Blutvergießen war noch nicht beendet.[4] Noch am 25. August massakrierte eine deutsche Einheit 124 Einwohner des südlich von Tours gelegenen Dorfes Maillé.[5] Zum Jahreswechsel 1944/45 war jedoch fast das gesamte französische Territorium befreit; zu den wenigen Ausnahmen gehörten unter anderem die Atlantikhäfen La Rochelle und Saint-Nazaire, die für die nach Deutschland drängenden amerikanischen Truppen keine strategische Priorität mehr besaßen und deshalb erst nach dem 8. Mai 1945 kapitulierten.[6]

Verlust, Zerstörung, soziale Not

Im Moment der deutschen Kapitulation am 7./8. Mai 1945 bot Europa ein Bild der Zerstörung, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Dabei galt es anfänglich auch in Frankreich, die Opfer zu zählen. Nachdem im Ersten Weltkrieg über 1,2 Millionen französische Soldaten und rund 40000 Zivilisten getötet worden waren (dazu kamen vier Millionen verwundete Soldaten), gab es 1944/45 nach letzten Erkenntnissen etwa 400000 Opfer zu beklagen (davon mehr als die Hälfte Zivilisten).[7] Zu den rund 150000 Soldaten kamen weniger als 100000 zivile Opfer auf französischem Territorium. Ungefähr 150000 Franzosen wurden von den Deutschen außerhalb Frankreichs (vor allem in Deutschland und Polen) umgebracht, unter ihnen über 75000 Juden, 21000 Kriegsgefangene, weitere 20000 nicht-jüdische Verhaftete und 10000 bis 20000 Zivilarbeiter.

Während 1945 weniger Opfer gezählt wurden als 1918, waren die materiellen Zerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg weitaus stärker. Hatte der Erste Weltkrieg "nur" 13 Départements getroffen, waren es zwischen 1940 und 1944/45 immerhin 74. 500000 Wohnungen waren nicht mehr bewohnbar, was einem Zerstörungsgrad von etwa 20 Prozent entsprach. Die größten Schäden hatte dabei die Normandie zu verzeichnen,[8] die nicht alleine unter den heftigen Rückzugsgefechten der deutschen Wehrmacht gelitten hatte, sondern – zur Befreiung des eigenen Territoriums – auch Opfer von westalliierten Luftangriffen geworden war, bei denen Le Havre (82 Prozent), Caen (73 Prozent), Saint-Lô (77 Prozent) und Rouen (50 Prozent) am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden.[9] Paris hingegen überstand den Krieg nahezu unversehrt. Durch die Zerstörungen waren die Kapazitäten der französischen Handelsflotte auf ein Minimum reduziert, sodass auch die Verteilung der zum Überleben notwendigen Güter weiter erschwert wurde; hinzu kamen zerstörte Straßen und Eisenbahnlinien. Keine Brücke zwischen Paris und Le Havre war mehr intakt, nur noch eine über den Rhein, und gerade einmal zehn Prozent des französischen Schienennetzes war noch befahrbar, sodass das Land quasi stillstand.

Aus den Zerstörungen erwuchsen in der unmittelbaren Nachkriegszeit Existenzunsicherheit, Arbeitslosigkeit, soziale Not und Hunger, der durch den sich etablierenden Schwarzmarkt nicht gemildert wurde.[10] Auch wenn der Preis für ein Kilo Brot in Paris offiziell auf 3,75 Francs festgelegt war, mussten "unter dem Mantel" zwischen 20 und 30 Francs bezahlt werden, was der Pariser in der Vorkriegszeit für einen Restaurantbesuch auf den Tisch gelegt hatte. So waren auch die meisten Franzosen von der lebensnotwendigen Mindestkalorienmenge von etwa 2400 pro Tag weit entfernt. In Paris brachte es ein Erwachsener im August 1944 gerade einmal auf 900 Kalorien; 1210 waren es im September und 1515 im Mai 1945.[11] 70 Prozent der französischen Männer und 55 Prozent der Frauen hatten im Vergleich zur Vorkriegszeit an Gewicht verloren; ein Drittel aller Kinder litt an Wachstumsstörungen. So waren die französischen Jugendlichen 1945 zwischen sieben und elf Zentimeter kleiner und wogen zwischen sieben und neun Kilo weniger als ihre Altersgenossen im Jahr 1935. Zudem begünstigte das Untergewicht die Anfälligkeit für Krankheiten und Seuchen, denen in erster Linie Kinder und Alte zum Opfer fielen.

Die Hoffnung vieler Franzosen, dass mit dem Ende der deutschen Besatzung auch das Ende des Mangels gekommen sei, erwies sich als Illusion. Lebensmittelkarten gehörten bis 1949 zum Alltag, was zu Unmutsäußerungen gegenüber Politikern, Landwirten und Zwischenhändlern führte, denen Wucher vorgeworfen wurde, sodass Plünderungen keine Seltenheit waren.[12] Hinzu kam, dass die Industrieproduktion aufgrund fehlender Roh- und Grundstoffe stockte und viele Unternehmen zur Schließung zwang. Die Euphorie im Moment des Kriegsendes machte daher rasch der Desillusion Platz; nicht ohne Grund sprach der Schriftsteller und Journalist Joseph Kessel von einer "liberté sans joie" (Befreiung ohne Freude).[13]

Angesichts dieser schier unüberwindbar erscheinenden Probleme befürchtete auch die politische Führung eine lang anhaltende Durststrecke. De Gaulle sagte den Franzosen im Oktober 1945 noch 25 Jahre unermüdlicher Arbeit voraus, um das Land wieder aufzubauen. Doch bei aller Not zeigte sich bald, dass der Pessimismus der Nachkriegszeit nicht den wirtschaftlichen Realitäten entsprach. Bereits 1948 überschritt Frankreich wieder seine Vorkriegsproduktion an Kohle und Stahl. Bis 1952 wurde schließlich der Steinkohlebergbau auf den Leistungsstand der Vorkriegszeit gebracht.[14] Auch die Arbeitslosenzahlen sanken und gaben gerade den ehemaligen Kriegsgefangenen die Gelegenheit, sich zügig wieder in die französische Gesellschaft zu integrieren. Sie bildeten die Grundlage für das französische Wirtschaftswunder (les Trente Glorieuses, "die glorreichen Dreißig" von 1945 bis 1975), das den Wiederaufbau des Landes schneller ermöglichte, als viele es anfänglich gedacht hatten.[15]

Entwurzelung

Im Zweiten Weltkrieg war ganz Europa in Bewegung geraten. Mit Kriegsende versiegten die Ströme umherziehender Menschen jedoch nicht, im Gegenteil: "Aus einem Verschiebebahnhof unter den Bedingungen des Krieges wandelte sich Europa nach Kriegsende in einen Verschiebebahnhof unter den Hinterlassenschaften des Krieges: Zerstörungen, Grenzverschiebungen, Entwurzelung, Tod."[16] In Belgien und Frankreich hatten diese Wanderungsbewegungen bereits vor der Westoffensive der deutschen Wehrmacht im Mai/Juni 1940 begonnen. Ungefähr sechs Millionen Belgier und Franzosen hatten ihre Heimat verlassen, um vor deutscher Besatzung und Gewalt zu fliehen.[17] Die meisten von ihnen kehrten bis September 1940 wieder nach Hause zurück, doch zur Ruhe kam die französische Gesellschaft während der Vichy-Zeit nicht. Diese Feststellung gilt in besonderem Maße für die Einwohner des Elsasses und von Lothringen, von denen über eine halbe Million vor den deutschen Besatzern Zuflucht im inneren Frankreich suchten. Die große Mehrheit kam nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 zurück, doch noch im selben Jahr wurden im Rahmen der NS-Germanisierungspolitik 45000 Elsässer und 100000 Lothringer ihrer Heimat wieder verwiesen.[18]

Nach 1940 wurden viele Bewohner aus den von britischen und amerikanischen Verbänden zur Befreiung des französischen Territoriums bombardierten Städten evakuiert. Einschneidender für ganz Frankreich war jedoch die Anwerbung von Arbeitskräften durch die deutschen Besatzer im Rahmen des Service du travail obligatoire (STO). Zu den 200000 Franzosen, die sich freiwillig gemeldet hatten, kamen nun noch einmal zwischen 600000 und 650000 französische Zwangsarbeiter. 75721 französische Juden wurden aus "rassischen" Gründen gewaltsam nach Deutschland deportiert, von denen nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager nur 2500 zurückkamen. Zwischen 1940 und 1945 waren insgesamt 1,6 Millionen französische Kriegsgefangene in Deutschland; bei Kriegsende waren es noch 1,2 Millionen, die bis Juni 1945 fast alle wieder heimgekehrt waren. Sie wurden zuerst in Auffanglagern untergebracht, bevor sie schließlich in ihre Heimatorte zurückkehren konnten. Nach bisweilen mehrjähriger Trennung verlief die Rückkehr in Familie und Gesellschaft jedoch vielfach nicht ohne Komplikationen.

Säuberungen

In Phasen politischer Umbrüche verbinden Säuberungen unmittelbar die anbrechende neue Zeit mit der jüngsten Vergangenheit. In Frankreich begannen sie bereits vor der eigentlichen libération. Mit einer Verordnung des Comité français de la Libération nationale (CFLN) vom 18. August 1943 wurde eine Säuberungskommission eingesetzt, die verschiedene auf nordafrikanischem Boden festgesetzte Vichy-Beamte aburteilte.[19] Auch in Frankreich selbst gab es schon vor der alliierten Landung in der Normandie "wilde Säuberungen" (épuration sauvage), in der Regel ohne gerichtliche Grundlage. So konnte der amerikanische Historiker Peter Novick herausarbeiten, dass es bereits vor dem 6. Juni 1944 zu 5234 Exekutionen gekommen war, während die Zahl für die Monate danach niedriger lag (4439).[20] Dass die épuration sauvage mit der Befreiung von der deutschen Besatzung nicht zwangsläufig ihr Ende fand, lag vor allem an den langsam mahlenden Mühlen der Justiz, die die Mitglieder der Résistance nicht selten zur Verzweiflung trieb.[21] Sie wollten schnell und heftig zuschlagen, um die offenen Wunden der Besatzung rasch vernarben zu lassen. Der französische Historiker Henry Rousso sieht in der reinigenden Wirkung einer strengen Säuberung eine vielleicht unverzichtbare Grundlage für die Überwindung der vorangegangenen eigenen Unzulänglichkeit und damit den Ausgangspunkt für den Weg zu einer wieder aufgerichteten Nation. Zugleich kann sie als eine Form der Wiedergutmachung für die Opfer des NS-Terrors und des Vichy-Regimes verstanden werden.[22]

Das ländliche Frankreich zahlte dabei den größten Blutzoll, während die Anonymität der größeren Städte die Verfolgung und Denunziation schwieriger gestaltete. Zudem gelang es den wohlhabenderen Kreisen eher, ihre Anwälte und Netzwerke zu mobilisieren, sodass sie sich oftmals ungerechtfertigt von ihrer Schuld reinwaschen konnten. Insgesamt kamen in den Säuberungen zu Kriegsende etwa 10000 Franzosen ums Leben.

Ein besonderer Platz unter den Opfern der Säuberung soll hier den rund 20000 zumeist jungen Frauen eingeräumt werden, die ein Verhältnis mit einem deutschen Soldaten unterhalten hatten ("horizontale Kollaboration") und nun als "unreine Elemente" gebrandmarkt wurden.[23] Sie sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Nation verraten, sie mit ihrem eigenen Körper besudelt zu haben. Ihre Ankläger schoren ihnen zur Strafe öffentlich das Kopfhaar und trieben sie durch die Straßen, stellten sie oft nackt zur Schau und steinigten sie in Einzelfällen. An diesen Gewalttaten beteiligten sich nicht selten Männer, die noch kurz zuvor mit den Deutschen dunkle Geschäfte gemacht hatten. Indem die Schmach über die vielfältigen Arrangements mit den deutschen Besatzern auf die machtlosen Frauen abgewälzt wurde, versuchten sich diese "Widerständler der letzten Stunde" reinzuwaschen.[24]

Mit der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung gingen rasch auch die "wilden Säuberungen" zurück. Die Justiz internierte oft präventiv verdächtige Personen und setzte Wahrheitsfindungskommissionen ein, die die Vergangenheit der Internierten durchleuchteten und im Anschluss ein Urteil fällten oder das weitere Verfahren festlegten. Auf diese Weise wurden viele Franzosen vor der Lynchjustiz beziehungsweise Exekution gerettet. Insgesamt wurden zwischen September 1944 und April 1945 über 126000 Personen interniert, von denen 55 Prozent schließlich wieder freigelassen und 45 Prozent der Justiz übergeben wurden. Anders als der Militärgerichtshof in Nürnberg unterließen es Politik und Justiz in dieser Phase jedoch, die Verbrechen zu definieren, bevor sie die Verantwortlichen verurteilten. Weder wurde die Frage gestellt, was ein Kollaborateur ist,[25] noch wurde nach den Verbindungen zwischen Kollaboration und nationaler Revolution gesucht – also inwiefern der schrittweise Austausch der Werte der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" durch "Arbeit, Familie, Vaterland" eine Rolle gespielt hatte.

War der Beginn der Säuberungen in Frankreich von heftiger Gewalt geprägt, verlief sich ihr Ende in allgemeiner Gleichgültigkeit und Überdrüssigkeit: "Je länger sich ein Kollaborateur diesen Säuberungsmaßnahmen entziehen konnte, um so glimpflicher kam er davon."[26] Bis Dezember 1948 waren 69 Prozent der Verurteilten wieder auf freiem Fuß; die Säuberungstribunale verschwanden bis Januar 1951 ohne großes öffentliches Aufsehen. Als am 6. August 1953 das Amnestiegesetz verabschiedet wurde, befand sich nur noch ein Prozent der Verurteilten hinter Gittern. Bereits 1950 war die Reintegration von vormals verurteilten Beamten aus der Verwaltung und den Ministerien abgeschlossen.[27] Versöhnung erhielt den Vorzug vor weiter gehenden Säuberungen und sollte helfen, die innergesellschaftlichen Gräben zu schließen.

Größeres Interesse fanden nur noch die Prozesse gegen die führenden Köpfe der Kollaboration. Der mittlerweile 88 Jahre alte Philippe Pétain wurde am 15. August 1945 zum Tode verurteilt, doch umgehend von de Gaulle persönlich begnadigt, sodass er seine lebenslange Haft bis zu seinem Tod am 23. Juli 1951 absitzen konnte. Hingerichtet wurde hingegen am 15. Oktober 1945 Pierre Laval, der letzte Ministerpräsident des Vichy-Regimes. Die IV. Republik wollte mit der Aburteilung der führenden Kollaborateure den Bruch mit der Vergangenheit dokumentieren, gleichzeitig aber die Kontinuität der Republik über das Regime von Vichy hinweg belegen.

Politische Neuordnung

Gilt der 6. Juni 1944 gemeinhin als Ausgangspunkt für die libération Frankreichs, so begannen die Planungen für die politische Neuordnung schon früher. Die gaullistische Erinnerung mag hier mit dem 18. Juni 1940 einsetzen, als der General seine Landsleute aus dem Londoner Exil zum Widerstand aufrief und sich selbst zunehmend als legitimer Anführer der France libre durchsetzte. Konkreter wurden die Vorstellungen von der Befreiung jedoch am 3. Juni 1943, als sich die Widerstandskreise um de Gaulle und Henri Giraud in Algier auf die Gründung des CFLN einigen konnten, welches das Pétain-Regime nach der Befreiung ersetzen sollte. Es wurde dabei ab September 1943 von einer beratenden Versammlung unterstützt, die sich aus ehemaligen Abgeordneten der III. Republik und aus Vertretern der Widerstandsbewegungen zusammensetzte und damit eine Verbindung zwischen der Zeit vor und nach Pétain herstellte. Sie fungierte in gewisser Weise als Parlament: Zunächst in Algier, ab September 1944 dann in Paris, verabschiedete die Versammlung Gesetzesvorlagen (unter anderem die Einführung des Frauenwahlrechts und der Sozialversicherung sowie die Verstaatlichung von Kohlegruben), die dann per Dekret durch das CFLN in Kraft treten konnten.

Diese frühen Anstrengungen zur politischen Neuordnung waren besonders für de Gaulle von besonderer Bedeutung, galt es doch, die von den USA geplante Militärverwaltung zu verhindern. Nachdem er sich gegen seinen Konkurrenten Giraud durchgesetzt hatte, machte er den Amerikanern klar, dass die Verwaltung Frankreichs einzig den Franzosen vorbehalten sei. Der spätere Premierminister Michel Debré hatte eine Liste der zukünftigen Kommissare der Republik zusammengestellt, die die Präfekten des Vichy-Regimes ersetzten sollten. Drei Tage vor der alliierten Landung in der Normandie wurde aus dem CFLN schließlich das Gouvernement provisoire de la République française (GPRF) gebildet. Als de Gaulle am 14. Juni 1944 in der Normandie ankam und unter dem Jubel der Bevölkerung seine berühmte Rede in Bayeux hielt, bekam die "Stimme aus London" nun auch ein Gesicht. Er nutzte die Gelegenheit umgehend, um einen Kommissar der Republik einzusetzen und damit die französische Souveränität zu demonstrieren. Nachdem die Alliierten und vor allem US-Präsident Franklin D. Roosevelt dem GPRF anfangs die Legitimation abgesprochen hatten, konnten sie mittelfristig nicht mehr die Augen vor der Realität verschließen; im Oktober erkannte Roosevelt die provisorische Regierung und damit auch de Gaulle an.

Nunmehr galt es für den General, Frankreich den Rang einer Siegermacht zu verschaffen, um sich an den alliierten Konferenzen über die Zukunft Deutschlands beteiligen zu können. De Gaulle fühlte sich in diesen letzten Kriegsmonaten von den Amerikanern, Sowjets und Briten brüskiert, weil sie ihn in die Verhandlungen nicht einbezogen. Dass seiner Forderung, Frankreich eine eigene Besatzungszone und einen Platz im Alliierten Kontrollrat zuzugestehen, schließlich doch entsprochen wurde, konnte ihn dabei kaum befriedigen. Zur Verwirklichung seines Ziels nahm er das Heft selbst in die Hand und reiste Anfang Dezember 1944 nach Moskau, um direkt mit Stalin über Frankreichs Rückkehr in das Konzert der Großmächte zu verhandeln. Mochte ihm dies auch gelungen sein, so zeigte ihm nichtsdestotrotz seine Abwesenheit auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945, dass Frankreich eben nur eine "verspätete Siegermacht" war. So war es für de Gaulle von entscheidender Bedeutung, die französischen Kolonien an seiner Seite zu wissen, denen er bei seiner Rede in Brazzaville bereits am 30. Januar 1944 politische, soziale und wirtschaftliche Reformen und eine grundlegende Neuordnung der wechselseitigen Beziehungen versprochen hatte. Während des Krieges sollte sich das Empire colonial français am Kampf gegen die deutschen Besatzer beteiligen, nach dem Krieg galt es als Garant für den französischen Weltmachtanspruch. Unruhe und Unabhängigkeitsforderungen konnte Frankreich daher nicht gebrauchen, sodass die Kolonialmacht unter anderem am 8. Mai 1945 einen Aufstand in Sétif (Algerien) blutig niederschlug.

Umgang mit der Vergangenheit

Der von de Gaulle konstruierte Résistance-Mythos ließ wenig Platz für abweichende Erzählungen. Vor besonderen Schwierigkeiten standen dabei die den Gaskammern entkommenen Juden, die in eine französische Gesellschaft kamen, die sich unfähig zur Kommunikation zeigte und Wahrnehmungssperren aufwies. Die Deportierten sahen sich einer tief gespaltenen französischen Gesellschaft gegenüber, die das Trauma der Besatzung so schnell wie möglich vergessen wollte,[28] und einem Staat, der das Regime von Vichy für illegal und illegitim erklärte und es auf diese Weise über Jahre tabuisierte. Zugleich wurde die Résistance zur einzig legitimen Repräsentantin Frankreichs erklärt, die die nationale Identität und Kontinuität sicherstellen sollte.[29]

Viele Überlebende der Vernichtungslager waren dabei hin- und hergerissen zwischen dem eigenen Verlangen, das Erlebte mitzuteilen, und der eigenen Unfähigkeit, es in Worte zu fassen. Nach Marginalisierung, Stigmatisierung und Deportation schien für die Mehrheit der überlebenden französischen Juden das Schweigen ein Weg, um in die nationale Gemeinschaft zurückzufinden.

Keinen Platz im offiziellen Erinnerungsdiskurs der Nachkriegszeit fanden auch die "Kinder der Liebe", die aus Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und französischen Frauen hervorgegangen waren. Ihnen haftete jetzt der Makel an, "Kinder der Schande" zu sein, passten doch die Liebesbeziehungen zwischen deutschen Soldaten und Französinnen nicht zu dem in der Nachkriegszeit so gerne präsentierten Bild des moralischen Siegers.[30]

Auf offene Ohren mussten auch die Elsässer lange warten. Die besondere Situation dieses "Landes dazwischen" hatte Traumata und tragische Schicksale geschaffen, die sowohl das Verhältnis zu Deutschland belasteten als auch die Beziehungen zu "Innerfrankreich". Darüber hinaus galt es zunächst, sich untereinander zu versöhnen, denn die Schicksale und Erfahrungen der elsässischen Bevölkerung waren uneinheitlich.[31] Die in der Provinz Gebliebenen und die nach der Evakuierung Zurückgekehrten mussten mit den demobilisierten Zwangseingezogenen, den malgré-nous, den aus den deutschen und sowjetischen Gefangenenlagern entlassenen Kriegsgefangenen, den Widerstandskämpfern, den in ganz Europa und den im übrigen Frankreich versprengten Elsässern wieder zusammengeführt werden. Diese geografischen, kulturellen und mentalen Entwurzelungen sowie die Germanisierungsversuche der Nationalsozialisten hatten die moralische Widerstandskraft der Elsässer stark beeinträchtigt und hinterließen 1945 ein Erbe, das mit dem restlichen schwerlich in Einklang zu bringen war: "Die Nichtübereinstimmung des offiziellen kollektiven Gedächtnisses und der elsässischen Erinnerungen war stärker als die vordergründige patriotische Einhelligkeit. Die eigenen, authentischen Erfahrungen konnten nicht artikuliert werden, dafür mussten die Erinnerungen der Anderen, andere Erinnerungen übernommen werden."[32]

Mit der spezifischen Last der Vergangenheit ging Frankreich in eine ungewisse Zukunft. Die Französische Republik konnte sich in ihrem Status als Siegermacht einrichten, musste aber zugleich ihre Integrität und die von de Gaulle angestrebte "Größe" der Nation wiederfinden. Wirtschaftlicher Wiederaufbau und industrielle Modernisierung erfolgten dabei größtenteils über Verstaatlichungen und eine Planwirtschaft à la française. Dabei brachten die Strukturveränderungen und der tief greifende soziale Wandel das Land bisweilen an den Rand des Bürgerkrieges, doch gelang es de Gaulle, mit dem von ihm entworfenen Résistance-Mythos einen positiven Bezug zur Vergangenheit herzustellen, um nach dem Trauma der Besatzungszeit die nationale Versöhnung und ein positives Selbstbild zu befördern. Die Erinnerung an Widerstandshelden und "Märtyrer" ließ dabei nur wenig Platz für abweichende Narrative. Von dieser selektiven Erinnerung waren neben den Überlebenden der Vernichtungslager und den Elsässern auch die französischen Opfer der angloamerikanischen Bombenangriffe betroffen, die über ihr Leid auch deswegen nicht sprachen, weil sie es in der Regel als unumgängliche Vorleistung für die Befreiung ihres Landes von den Deutschen ansahen.[33]
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Fußnoten

1.
Vgl. Jörg Requate, Frankreich seit 1945, Göttingen 2011, S. 22ff.
2.
Vgl. Andrea Erkenbrecher, A Right to Irreconcilability? Oradour-sur-Glane, German-French Relations and the Limits of Reconciliation After World War II, in: Birgit Schwelling (Hrsg.), Reconciliation, Civil Society, and the Politics of Memory. Transnational Initiatives in the 20th and 21st Century, Bielefeld 2012, S. 167–199; Ahlrich Meyer, Oradour 1944, in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Orte des Grauens – Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 176–185.
3.
Vgl. Stéphane Simonnet, Atlas de la libération de la France, 6 juin 1944 – 8 mai 1945, Paris 2004.
4.
Vgl. Jean-François Muracciole, La libération de Paris, Paris 2013.
5.
Dominique Lormier, Les crimes nazis lors de la libération de la France (1944–1945), Paris 2014.
6.
Vgl. Rémy Desquesnes, Les poches de résistance allemandes sur le littoral français: août 1944 – mai 1945, Rennes 2011.
7.
Zur Problematik der Zählung vgl. Pieter Lagrou, Les guerres, les morts et le deuil: Bilan chiffré de la Seconde Guerre mondiale, in: Stéphane Audoin-Rouzeau et al. (Hrsg.), La violence de la guerre 1914–1945. Approches comparées des deux conflits mondiaux, Brüssel 2002, S. 313–327.
8.
Vgl. Jean-Pierre Rioux, La France de la IVe République, Paris 1980, S. 33.
9.
Vgl. Andrew Knapp, Les Français sous les bombes alliées 1940–1945, Paris 2014.
10.
Vgl. Fabrice Grenard, La France du marché noir, 1940–1949, Paris 2008.
11.
Vgl. Mouvement économique en France de 1938 à 1948, Paris 1950.
12.
Vgl. Ralph Schor, Histoire de la société française au XXe siècle, Paris 2004, S. 258.
13.
Zit. nach: Philippe Buton, La Joie douloureuse. La libération de la France, Brüssel 2004.
14.
Vgl. Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 236.
15.
Zum breiteren Kontext vgl. Stefanie Middendorf, Massenkultur. Zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Modernität in Frankreich, 1880–1980, Göttingen 2009.
16.
Matthias Beer, Flüchtlinge und Vertriebene in den Westzonen und der Bundesrepublik Deutschland, in: Flucht, Vertreibung, Integration, hrsg. von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld 2005, S. 109–123, hier: S. 109.
17.
Vgl. Pierre Miquel, L’Exode. 10 mai – 20 juin 1940, Paris 2003.
18.
Vgl. Michael Erbe (Hrsg.), Das Elsass. Historische Landschaft im Wandel der Zeiten, Stuttgart 2002, S. 174ff.
19.
Vgl. Paris Buttin, Le procès Pucheu, Paris 1948.
20.
Vgl. Peter Novick, L’épuration française 1944–1949, Paris 1985.
21.
Vgl. Philippe Buton, La France, la violence et le communisme à la libération, in: Communisme, (2004) 78–79, S. 141–149.
22.
Vgl. Henry Rousso, Une justice impossible: L’épuration et la politique antijuive de Vichy, in: Annales. Histoire, Sciences sociales, (1993) 48, S. 745–770; Marc-Olivier Baruch (Hrsg.), Une poignée de misérables. L’épuration de la société française après la Seconde Guerre mondiale, Paris 2003.
23.
Vgl. Fabrice Virgili, La France "virile". Des femmes tondues à la libération, Paris 2004.
24.
Vgl. Stefan Martens, Frankreich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in: Ernst Hinrichs (Hrsg.), Kleine Geschichte Frankreichs, Stuttgart 2006, S. 417–483.
25.
Vgl. Pascal Ory, Les collaborateurs (1940–1945), Paris 1977.
26.
Ernst Weisenfeld, Geschichte Frankreichs seit 1945. Von de Gaulle bis zur Gegenwart, München 19973, S. 29.
27.
Vgl. Henry Rousso, Le régime de Vichy, Paris 2007, S. 104f.
28.
Vgl. Ulrich Pfeil, Frankreichs Meistererzählung vom "Land der Menschenrechte", in: Martin Sabrow (Hrsg.), Leitbilder der Zeitgeschichte, Leipzig 2011, S. 76–102.
29.
Vgl. Ingrid Gilcher-Holtey, Die Konstruktion der "mémoire collective" in Frankreich und Deutschland, in: Frankreich-Jahrbuch 2000, Opladen 2000, S. 51–68, hier: S. 63.
30.
Vgl. Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la Seconde Guerre mondiale, Paris 2009. Zu "Kindern des Krieges" siehe auch den Beitrag von Elke Kleinau und Ingvill C. Mochmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
31.
Vgl. Jean-Laurent Vonau, L’épuration en Alsace. La face méconnue de la libération, 1944–1953, Straßburg 2005.
32.
Frédéric Hartweg, 1945 im Elsaß: Ein Rückblick nach vorn, in: Thomas Höpel/Dieter Tiemann (Hrsg.), 1945–1950 Jahre danach. Aspekte und Perspektiven im deutsch-französischen Beziehungsfeld, Leipzig 1996, S. 266–273, hier: S. 268f.
33.
Vgl. Michael Schmiedel, Une amnésie nationale? Krieg und Nachkrieg in Frankreich, in: Jörg Arnold et al. (Hrsg.), Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Göttingen 2009, S. 66–83.
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Autor: Ulrich Pfeil für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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