Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands
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Das Kriegsende als Erinnerungsort der extremen Rechten


8.4.2015
Gestützt auf einen Stock, in der Linken einen alten Koffer, schleppt sich ein Mann mittleren Alters scheinbar mühselig die Straße entlang. Ihm folgen weitere Männer, manche tragen einen Kopfverband unter ihrer Feldmütze. Begleitet werden sie von einigen dick eingemummelten Frauen, zwei von ihnen ziehen eine Handkarre hinter sich her. Menschen auf der Flucht? Keineswegs – denn auch wenn sich die Männer und Frauen alle Mühe geben, einen möglichst geschundenen Eindruck zu hinterlassen, wirkt der Aufzug doch eher bizarr. Zu offenkundig inszeniert ist der Auftritt der augenscheinlich wohlgenährten "Flüchtlinge", die am 8. Mai 2014 durch die Straßen von Demmin in Vorpommern ziehen. Sie bilden die Spitze einer gespenstisch anmutenden Prozession, die an das Geschehen am Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern soll, als zahllose Menschen aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reiches auf der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee die Straßen der Kleinstadt bevölkerten.

Organisiert wird das jährliche Spektakel durch die NPD und neonazistische Kameradschaften. Den Höhepunkt des "Trauermarsches" bildet eine Kundgebung im Hafen der Hansestadt, zu der am Kai im Halbkreis Aufstellung genommen wird. Medien sind dabei unerwünscht. Nach kurzen Ansprachen und einer Rede wird ein Kranz dem Wasser übergeben, der an jene Frauen und Mädchen erinnern soll, die sich in den letzten Kriegstagen hier das Leben nahmen. Viele von ihnen ertränkten sich damals in der Tollense oder Peene. Vorsichtige Schätzungen gehen von mindestens 500 Selbsttötungen aus.[1]

Seit Jahren versucht die extreme Rechte, diese Tragödie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Der 8. Mai 1945 habe, betonte 2013 der damalige stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Nationaldemokraten, Sebastian Richter, "nicht nur hier in Demmin, sondern im ganzen Deutschen Reich das Vorhaben der alliierten Kriegsverbrecher (zementiert), unser Volk von der Landkarte zu streichen". Im Jahr zuvor hatte der Fraktionsvorsitzende der NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs, am gleichen Ort konstatiert, dass dieser Tag "vor dem Hintergrund der Grauen des Zweiten Weltkriegs, für die deutsche Nation, für das deutsche Volk, für die deutschen Mütter, Frauen, Kinder, Schwerverwundeten (…) alles andere (…) als ein Tag der Befreiung" gewesen sei.

Die Dramaturgie der Demminer Veranstaltungen folgt konsequent den für das extrem rechte Geschichtsverständnis charakteristischen Kernnarrativen, die in schier endlosen Wiederholungen den angeblich ebenso leidvollen wie heroischen Opfergang des deutschen Volkes angesichts übermächtiger Gegner beschwören.[2] "Geschichte" wird hier gleichsam als Waffe genutzt, um die eigenen ideologischen Grundpositionen mit dem Nimbus absoluter und unhinterfragbarer "Wahrheit" zu versehen. Diese Praxis ist nicht zuletzt Ausdruck eines Politikverständnisses, das durchgängig von Kompromisslosigkeit und dichotomen Freund-Feind-Kategorisierungen geprägt ist.

Zur Konstruktion extrem rechter Erinnerungsorte



Die geschichtspolitischen Deutungsmuster der extremen Rechten greifen weder auf Erkenntnisse überprüfbarer historischer Forschung zurück, noch entwickeln sie sich in der diskursiven Auseinandersetzung mit anderen geschichts- und erinnerungskulturellen Interpretationen. Vielmehr spiegeln sich in der extrem rechten Aneignung von Geschichte die fortwährenden Versuche wider, eine "historisch-fiktionale Gegenerzählung" zu entwerfen, die mit "Spekulationen, Mutmaßungen, widerlegten Thesen und teilweise auch mit reinen Fantasien" argumentiert.[3] Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn hat in diesem Zusammenhang auch von "Fantasiegeschichte" gesprochen, die genutzt werde, "um eine Wirklichkeit zu interpretieren, die in den Augen ihrer Protagonisten so hätte gewesen sein sollen beziehungsweise müssen, um die eigenen Zukunftsvisionen und das Agieren in der Gegenwart legitimieren zu können".[4]

Für die verschiedenen Strömungen dieses Spektrums stellt Geschichte somit ein zentrales, wenn auch ambivalentes Politikfeld dar. Zum einen bilden die präzedenzlosen Verbrechen des Nationalsozialismus eine Hypothek, zu denen sich die Protagonisten der extremen Rechten in irgendeiner Form verhalten müssen. Zum anderen haben sich geschichtspolitische Themen in den vergangenen Jahren vor allem für die bewegungsorientierten Strömungen der extremen Rechten als besonders mobilisierungsfähig erwiesen und dazu beigetragen, das notorisch zersplitterte und in Grabenkämpfe verstrickte Spektrum durch den Rekurs auf gemeinsam geteilte Mythen und "Fantasiegeschichten" zumindest anlassbezogen immer wieder zu einen.

Die Kernnarrative der extremen Rechten sind dabei über Jahrzehnte hinweg weitgehend unverändert geblieben. Die bereits für das antidemokratische Denken der Zwischenkriegszeit charakteristischen Kategorien und mythologisch aufgeladenen Schlüsselbegriffe wie "Volk", "Gemeinschaft", "Nation" und "Organismus" prägen die Wahrnehmungshorizonte und Deutungsmuster ihres Geschichtsverständnisses nach wie vor.[5] Ausdifferenziert haben sich hingegen seit den frühen 1990er Jahren die geschichtspolitischen Anlässe, zu denen mobilisiert wird. Die Breite des Repertoires zeigte (und zeigt) sich etwa in der Agitation gegen die Wehrmachtsausstellungen (1995–2004) des Hamburger Instituts für Sozialforschung, in den "Trauermärschen" zum Todestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess (seit 1988), anlässlich der Jahrestage der Bombardierung deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges und nicht zuletzt in der Vereinnahmung des propagandistisch zum "Tag der Schande" deklarierten Kriegsendes am 8. Mai 1945.

Die immer wieder aufgerufenen Mythen, Erzählungen und Referenzfiguren können als "Erinnerungsorte der extremen Rechten" bezeichnet werden.[6] Der auf den französischen Historiker Pierre Nora zurückgehende Terminus lieux de mémoire [7] bezeichnet keinen topografischen Ort, sondern dient als ein Bild, das sich in unterschiedlichen Formen und Praktiken konkretisiert. Als Erinnerungsorte firmieren "reale wie mystische Gestalten und Ereignisse, Gebäude, Denkmäler, Institutionen und Begriffe, Bücher und Kunstwerke".[8] Konstitutiv ist nicht seine Gegenständlichkeit, sondern seine symbolische Aufladung, die sich aus kollektiv geteilten Gedächtnisinhalten speist. Diese entstehen freilich nicht beliebig oder im luftleeren Raum; sie stellen vielmehr soziale Konstruktionen dar. Erinnerungsorte bilden demnach nicht notwendigerweise tatsächliches historisches Geschehen ab, sondern erfüllen eine identitätsstiftende Funktion, die sich vorwiegend an den "Kriterien der Gegenwart" orientiert.[9] Der sozialkonstruktivistische Charakter kollektiver Erinnerung ist nicht nur für die extreme Rechte, sondern für Geschichts- und Erinnerungskulturen insgesamt kennzeichnend, wie nicht zuletzt der Blick auf die sich wandelnden Deutungen des 8. Mai 1945 zeigt. Die Spezifik extrem rechter Erinnerungsorte ergibt sich indessen aus ihrer "fundamentaloppositionellen" Aufladung,[10] die letztendlich darauf abzielt, eine "realitätsresistente Wertegemeinschaft" historisch zu fundieren.[11]

Grundsätzlich konnte sich die extreme Rechte mit ihren geschichtspolitischen Vorstößen zu keinem Zeitpunkt in Politik, Gesellschaft oder Wissenschaft durchsetzen. Gleichwohl waren auf unterschiedliche Weise hegemoniale und fundamentaloppositionelle Erinnerungskulturen in der Bundesrepublik immer auch aufeinander bezogen und wiesen dabei im Hinblick auf bestimmte Narrative durchaus Überschneidungen auf. Diese Feststellung gilt etwa für den langlebigen Mythos von der "sauberen Wehrmacht", der erst im Laufe der 1990er Jahre zunehmend auch öffentlich hinterfragt wurde. Sie gilt aber ebenso für die Bewertung des 8. Mai 1945, der in der bundesdeutschen medialen und politischen Öffentlichkeit keineswegs von Beginn an als "Tag der Befreiung" gewürdigt wurde.


Fußnoten

1.
Vgl. Demminer Regionalmuseum (Hrsg.), Das Kriegsende in Demmin 1945. Umgang mit einem schwierigen Thema, Demmin 2013.
2.
Unter den Begriff "extreme Rechte" wird hier ein heterogenes Spektrum gefasst, das von den bewegungsorientierten neonazistischen "Kameradschaften" über die NPD bis hin zu den eher diskursorientierten Netzwerken der sogenannten Neuen Rechten reicht, gleichwohl aber durch ähnliche weltanschauliche Grundpositionen gekennzeichnet ist. Zentral für alle Strömungen der extremen Rechten ist ein ethnozentrisches, von Ungleichwertigkeitsvorstellungen geprägtes Denken.
3.
Gideon Botsch, "Schluß mit dem Holocaust". Der Brandanschlag auf die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen im Kontext rechtsextremer Geschichtspolitik, in: Christoph Kopke (Hrsg.), Angriffe auf die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Rechtsextremismus in Brandenburg und die Gedenkstätte Sachsenhausen, Berlin 2014, S. 40–52, hier: S. 48.
4.
Samuel Salzborn, Extremismus und Geschichtspolitik, in: Jahrbuch für Politik und Geschichte, 2 (2011), S. 13–25, hier: S. 21.
5.
Vgl. Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, München 1962, S. 307.
6.
Vgl. Martin Langebach/Michael Sturm (Hrsg.), Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015.
7.
Vgl. Pierre Nora, Les lieux de mémoire, 3 Bde., Paris 1984–1993.
8.
Étienne François/Hagen Schulze, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. I, München 2001, S. 9–24, hier: S. 17f.
9.
Michael Kohlstruck, Erinnerungspolitik: Kollektive Identität, Neue Ordnung, Diskurshegemonie, in: Birgit Schwelling (Hrsg.), Politikwissenschaft als Kulturwissenschaft. Theorien, Methoden, Problemstellungen, Wiesbaden, S. 173–193, hier: S. 176.
10.
Ders., Fundamentaloppositionelle Geschichtspolitik. Die Mythologisierung von Rudolf Heß im deutschen Rechtsextremismus, in: Claudia Fröhlich/Horst-Alfred Heinrich (Hrsg.), Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten? Stuttgart 2004, S. 95–109.
11.
Rainer Erb, "Der letzte Mann" – oder: Wie Rechtsextremisten eine militärische Niederlage in einem moralischen Sieg umdeuten, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 20 (2011), S. 287–313, hier: S. 287.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Michael Sturm, Martin Langebach für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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