Qualitätssicherung in der Bildung
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20.4.2015 | Von:
H.-Georg Lützenkirchen

Dem Rechtsextremismus wirkungsvoll begegnen: Gelingensbedingungen in der Fortbildung von Multiplikator(inn)en

Zur Herausbildung einer aktiven Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft hat politische Bildung beigetragen. Die ursprünglich aus dem Impuls einer für die Deutschen neuartigen Demokratieerziehung sich entwickelnde Disziplin ließ tatsächlich etwas von dem entstehen, was angestrebt war: eine Bildung zum Zoon politikon. Das ist mithin auch eine stetige Mahnung an das Ideal einer lebenslangen Menschenbildung und des freien und qualifizierten Urteilsvermögens.[1] Die Erfüllung dieses Bildungsideals ist eine lebendige Demokratie, die von aktiven, mündigen Bürger(inne)n mitgestaltet wird.[2] Verlieren freilich die Menschen die Fähigkeit und die Lust, sich aktiv zu beteiligen, tauchen "Bruchstellen" auf, die den Konsens über die demokratische Gesellschaft in Frage stellen und "antidemokratische Mentalitäten" fördern. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland nennt fünf "Bruchstellen": "1. Rechtsextreme Orientierungen und Einstellungen zum Rechtsextremismus; 2. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit; 3. Distanzen zur Demokratie; 4. Kalte ökonomistische Haltungen zum Sozialleben; 5. Feindliche Gesinnungen gegen die europäische Einheit und andere Länder."[3]

Nicht jede dieser benannten "Bruchstellen" ist für sich betrachtet per se rechtsextrem. Aber jede kann unter bestimmten Umständen zum Anknüpfungspunkt rechtsextremen und damit antidemokratischen Denkens werden. Diese Zusammenhänge deutlich zu machen, ist eine Aufgabe für politische Bildung in Fortbildungen mit Multiplikator(inn)en: die Bruchstellen als Bestandteile eigener lebensweltlicher Erfahrung bewusst zu machen und zu verdeutlichen, in welcher Wechselbeziehung sie mit rechtsextremen Einstellungen stehen – bevor sie pauschal als rechtsextrem etikettiert werden.

Politische Bildung soll – aus Sicht vieler Akteure in Politik und Gesellschaft – zu einer Art Gefahrenabwehr gegen antidemokratische Bedrohungen beitragen. Spätestens seit den 1990er Jahren zeigten sich diese Bedrohungen in Form rechtsextrem motivierter Straftaten, gewaltbereiter Ausländerfeindlichkeit und offen rechtsextremer Übergriffe bis hin zur Aufdeckung der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) 2011. Aber auch die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien wie der DVU oder der NPD sowie rechtspopulistischer Parteien wie aktuell der AfD[4] fordern die demokratische Gesellschaft heraus. Politik und Gesellschaft reagierten mit verstärkten Anstrengungen zur Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft. Anbieter von politischer Jugend- und Erwachsenenbildung vermehrten ihre Angebote zum Thema Rechtsextremismus, zunächst mit dem Ziel, das gesellschaftliche Phänomen besser zu verstehen. Ein Problem wurde aber deutlich: Erreicht dieses Angebot überhaupt die Zielgruppen, vor allem junge Menschen, die selbst zu rechtsextremen Einstellungen tendieren? Nachhaltiger auf eben diese gefährdeten Gruppen ausgerichtet waren und sind Programme auf Bundes- und Landesebene.[5] Im Mittelpunkt steht dort die Förderung "themenbezogener innovativer Ansätze in der Kinder- und Jugendhilfe sowie angrenzenden Arbeitsfeldern".[6] Diese Ausrichtung folgt der Einsicht, dass insbesondere junge Menschen einerseits die gefährdete Gruppe darstellen, andererseits gerade sie aber auch im Sinne einer politisch-präventiven Zielsetzung noch "formbar" sind, bevor sie in ihrem Denken und Handeln eventuell rechtsextrem werden. Also unterstützen die Programme – sei es mit den sogenannten Lokalen Aktionsplänen (LAP), mit ausgewählten Modellprojekten oder dem Aufbau von Beratungsnetzwerken[7] – besonders die Menschen und Einrichtungen, die, wie beispielsweise in der Jugend(sozial)arbeit, über viel Erfahrung in der Projektarbeit mit gefährdeten jungen Menschen verfügen.

Dabei wird in den Programmen kein direkter politischer Bildungsauftrag formuliert. Er ist freilich indirekt vorhanden, indem die Programme immer auch eine über die akuten Anlässe ihrer Implementierung hinausgehende präventive Intention verfolgen. Tatsächlich zielt ja politische Bildung auf die Gestaltung einer Zukunft, in der eine aufgeklärt-selbstbewusste Zivilgesellschaft mit aktiven Bürger(inne)n Rechtsextremismus gar nicht mehr erst entstehen lässt. Um also diesen Präventionseffekt durch politische Bildung zu erreichen, ist es erforderlich, ihn mit den unterschiedlichen professionellen Ansprüchen und Erwartungen der von diesen Programmen Geförderten in Verbindung zu bringen. Das geschieht zielgerichtet in Fortbildungen für Multiplikator(inn)en aus Jugendarbeit, Schule, Polizei, Verwaltung und anderen Berufswelten, wie sie in ein- oder mehrtägigen Seminaren in Kooperation von Anbietern politischer Bildung und Anbietern beruflicher Bildung erprobt werden. "Erfolgreich" ist politische Bildung in dieser Konstellation also erst in der Verbindung mit den spezifischen berufsbezogenen Anliegen der Teilnehmenden. Wie diese Verbindung didaktisch und methodisch zu gestalten ist, bedarf eigener Überlegungen und Anstrengungen.

Ein Beispiel für einen entsprechenden Ansatz ist das Fortbildungskonzept "Qualifiziert handeln!", das die Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben, dem DGB Bildungswerk Bund sowie den Evangelischen Akademien in Deutschland für Multiplikator(inn)en aus sozialen, sozialpädagogischen und schulischen Arbeitsbereichen sowie aus Politik, Verwaltung, Ehrenamt und Polizei seit 2013 anbietet. Die bisherigen Erfahrungen der Kooperationspartner in diesem Themenfeld haben Eingang in die Seminarprogramme gefunden. Als Innovationen und gleichermaßen Gelingensbedingungen betrachten sie unter anderem das Prinzip, einen Teil dieser Veranstaltungen berufsbegleitend über einen längeren Zeitraum hin anzubieten, den Teilnehmenden Gelegenheit zu geben, das Gelernte in Praxisprojekten zu erproben und Vernetzung langfristig zu unterstützen.

Aus Sicht des Begutachters resultieren weitere Gelingensbedingungen vor allem aus der Umsetzung folgender Schwerpunkte politischer Bildung: die Sensibilisierung für die und Bewusstmachung der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die das jeweils spezifische berufliche (und soziale) Handeln prägen; die Sensibilisierung für eigene "Anteile", die zu Anknüpfungspunkten für rechtextremes Denken werden können; die Grenzen des Expertenwissens, wozu auch die ständige Vergewisserung über klare Begrifflichkeiten gehört; die Ausbildung einer Haltung als glaubhafter "Repräsentant" der Zivilgesellschaft sowie die Ausbildung neuer Netzwerkkompetenz.

Gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen

Eine Bedingung gelingender politischer Bildung ist der Versuch, die Multiplikator(inn)en anzuregen und zu befähigen, über die für ihr berufliches Handeln unabdingbaren gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen nachzudenken. Dazu gehört zunächst die Fähigkeit, die Herausforderung der demokratischen Zivilgesellschaft durch rechtsextrem motiviertes Denken und Handeln rechtzeitig zu erkennen und zu verstehen. Sie ist immer dann herausgefordert, wenn die allem rechtsextremen Denken immanente Abwertung von Menschen zu strafrechtlich relevanten Übergriffen führt. Jeder dieser Übergriffe zielt auf den Geltungsbereich der Werte, die für eine demokratisch-rechtsstaatlich verfasste Gesellschaft maßgebend sind – und zwar unabhängig davon, ob das durch eine gezielte rechtsextreme Tat wie einen Anschlag oder eine Schändung direkt intendiert ist oder nicht.[8] Es ist eine entscheidende Gelingensbedingung für politische Bildung, dass sie die Teilnehmenden für diesen Zusammenhang zu sensibilisieren vermag.

Ein Beispiel mag erläutern, was gemeint ist: Bei der sozialpädagogischen Arbeit mit einem Jugendlichen kann es sinnvoll sein, auf die Thematisierung des ideologischen Kontextes, in dem er sich bewegt, zu verzichten, um nicht durch eine stigmatisierende Zuschreibung den Blick auf die individuellen Bedingungen des Jugendlichen zu versperren. In einem politischen Bildungskontext muss indes die sozialpädagogische Maßnahme immer auch im gesamtgesellschaftlichen Rahmen reflektiert werden,[9] um auf das Handeln des Jugendlichen nicht nur professionell reagieren zu können, sondern es auch "gesellschaftspolitisch" zu verstehen und bewerten zu können. Das gelingt in dem Maße, wie politische Bildung in den Fortbildungssituationen auch die prägenden Sozialisierungszusammenhänge der Jugendlichen zu thematisieren versteht. Die Diskussion über die Bedeutung dieses Lebensumfelds, in dem Erwachsene in den Familien, in Schule, Ausbildung und Vereinen auf die Entwicklung und Meinungsbildung der Jugendlichen Einfluss nehmen – oft ist das die typische "Mitte der Gesellschaft" – eröffnet den Multiplikator(inn)en zudem zusätzliche Handlungsoptionen. Sie bestehen beispielsweise darin, "vor Ort" in Netzwerken die Bevölkerung für die Gestaltung ihrer Lebenswelt zu aktivieren: "Was wollen/können wir gemeinsam tun, damit ‚unser Kiez‘ für uns lebenswert bleibt?"[10] Mit solchen lebensweltbezogenen, zugleich niederschwellig angelegten Veranstaltungen lassen sich aus der Mitte der Gesellschaft heraus Verbündete für lokale Initiativen finden und damit Personen, die Vorbildfunktion für die Jugendlichen des Kiezes erfüllen können.

Eine typische Erwartung, die von den Teilnehmenden im Rahmen berufsbezogener Fortbildung zum Umgang mit Rechtsextremismus immer wieder formuliert wird, ist es, zu erfahren, wie man im beruflichen Kontext mit Problemfällen umgehen sollte, welche "Lösungen" es für Konfliktsituationen gibt. Dahinter steht die Sehnsucht nach fertigen Konzepten, mit denen die unmittelbare Handlungs- und Einwirkungskompetenz verbessert werden kann. Sie betreffen zumeist eine "Dimension des Wissens" (Informationen zum Thema), eine "Dimension des Könnens" (Methodenkompetenz) sowie eine "Dimension der beruflichen Haltungen" (professioneller Habitus).[11]

Grenzen der Wissensvermittlung

Information und Wissen sind Voraussetzungen für Handlungskompetenz. Deshalb ist die Organisation der Wissensvermittlung in Fortbildungen mit Multiplikator(inn)en eine wichtige Aufgabe. Das betrifft zum einen das notwendige Wissen über aktuellen Rechtsextremismus, zum anderen das Wissen über historisch-politische Zusammenhänge, die zum Verständnis und zur Erklärung der gesellschaftlichen Phänomene geeignet erscheinen. Man nutzt hierbei gerne die methodischen Kompetenzen aus der politischen Bildungsarbeit. Noch wichtiger aber als die methodische Kompetenz, mit der "Expertenwissen" in den Kommunikationszusammenhängen von Fortbildung verfügbar gemacht wird, ist für gelingende politische Bildung die Frage nach der Relevanz des Expertenwissens: Wie wichtig ist dieses Wissen und wie kann es praktisch nutzbar werden?

Indem das Expertenwissen rechtsextreme Phänomene erläutert, stärkt es eine Rezeptionshaltung, die sich bequem in ein Freund-Feind-Schema einordnen lässt: hier wir, die "guten Kümmerer", dort die anderen, die "bösen Rechtsextremen"! Diese Konstellation wird bestärkt durch einen weiteren Aspekt: Das Expertenwissen kann eine eigene "Expertenrealität" schaffen. Ein Beispiel: Expertenwissen über die rechtsextreme Musikszene, ihre Protagonisten und szenetypischen Erscheinungsformen ist faszinierend und interessant – umso mehr, wenn erkennbar wird, dass diese Informationen in abenteuerlich anmutenden Recherchen zusammengetragen wurden. Zuweilen geht aber das in den Fortbildungen vermittelte Wissen weit über das hinaus, was die Szene selbst von sich weiß. Es schafft eigene Bedeutungszusammenhänge. Im schlimmsten Fall schafft das Expertenwissen Bedeutung, wo gar keine ist.[12] Es ist also nachzufragen, wie die Multiplikator(inn)en das Einzelphänomen, über das viel Expertenwissen vorhanden ist, gesellschaftspolitisch einzuordnen vermögen. Eine Gelingensbedingung für politische Bildung ist in dem Maße erfüllt, wie es ihr beispielsweise mit eingeschobenen moderierten Reflexionsrunden gelingt, das Expertenwissen an die jeweiligen Arbeitszusammenhänge der Multiplikator(inn)en zu vermitteln und dort für sie nutzbar zu machen.

Dazu gehört auch Sorgfalt bei historischen Informationen, damit nicht falsche historische Klischees durch vermeintlich "richtige" Klischees ersetzt werden. Ein Beispiel: In einer Informationseinheit über typische antisemitische Motive, über die sich Anschlussfähigkeit an rechtsextreme Denkweisen herstellen lässt, wird das Klischee des Juden als Geldhändler thematisiert. Statt nun, was Aufgabe politischer Bildung wäre, dieses historische Klischee zu hinterfragen, soll ein anderes, "gutes" Klischee das Gegenargument liefern. Es wird also ein Hinweis gegeben, demzufolge sich nachweisen lasse, dass es in vielen Städten trotz des geltenden Zinsverbots für Christen im ausgehenden Mittelalter mehr christliche als jüdische Geldhändler gegeben habe. Ist also das "schlechte" Klischee somit widerlegt?

Abgesehen von der historisch-wissenschaftlichen Beurteilung des Hinweises in diesem Fall ist im Sinne politischer Bildung ein anderer Aspekt wichtig: An diesem Beispiel ließe sich anschaulich zeigen, wie eine (christliche) Mehrheitsgesellschaft im Umgang mit einer (jüdischen) Minderheit durch gezielte diskriminierende und ausgrenzende Maßnahmen genau jene Bedingungen erst schafft, die dann zur Grundlage und Bestätigung eines sich tief einprägenden Vorurteils (das des jüdischen "Wucherers") gegen die Minderheit wird. Um aber den modellhaften Charakter dieses Zusammenspiels von Diskriminierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung und Vorurteilen beschreiben zu können, sind – neben historischen Mindestkenntnissen – moderierte Diskussionsrunden erforderlich, in denen derartige Zusammenhänge erläutert und ihr aktueller Gesellschaftsbezug vermittelt werden.

Anknüpfungspunkte

Tatsächlich beeinflussen tief verwurzelte antisemitische Klischees immer noch und immer wieder aktuelle Einstellungen. Weshalb eine weitere Gelingensbedingung für politische Bildung darin besteht, die gewohnten Denk- und Verhaltensmuster in Beruf und Alltag andauernd zu hinterfragen. Denn es gilt, sie als jene Anknüpfungspunkte für rechtsextremes Denken zu erkennen, die in der viel zitierten Mitte der Gesellschaft zu Hause sind.

Ein weiteres Beispiel: Konstruktionen des Männlichen und Weiblichen in der rechtsextremen Szene bieten – gerade dann, wenn sie noch nicht Teil einer geschlossenen rechtsextremen Ideologie geworden sind – aufschlussreiche Einblicke, wie konservativ-traditionelle Haltungen vereinnahmt werden. Das beginnt bereits dann, wenn Menschen sich von der aufgeklärten Diskussion über Geschlechterrollen überfordert fühlen. Die Überforderung ist auch Ausdruck eines latenten "Unbehagens an der Moderne" (Charles Taylor). Die Lebenswelt wird wahrgenommen als zunehmend komplexer werdende Gesellschaft, in der eindeutige Identitätsmuster und -angebote verloren zu gehen drohen. Das schafft Verunsicherung. Die aus dieser Verunsicherung resultierende Sehnsucht nach Halt, Sicherheit und Eindeutigkeit zur Bestimmung der eigenen, auch der geschlechtlichen Identität beginnt hier, irgendwo in der Mitte der Gesellschaft – und äußert sich in der bewussten Entscheidung einer jungen Frau für ein konservativ-traditionelles Lebensmodell, in dem sie für sich die Rolle als Hausfrau und Mutter vorsieht, weil sie glaubt, dieses Modell könne ihr die gewünschten Sicherheiten geben. Diese Motivation muss man ernst nehmen.[13] In Fortbildungen gilt es daher zu diskutieren, an welchem Punkt das sich in konservativ-traditionellen Lebensentwürfen äußernde Unbehagen zu rechtsextremer Ideologie wird und als grundsätzliche Absage an eine demokratische und vielfältige Gesellschaft gedeutet werden muss.[14]

Werden diese Anknüpfungspunkte beschrieben und verstanden, dann lassen sich im Übrigen auch Vorgaben formulieren, mit denen konservative Haltungen zur kritischen Selbstreflexion aufgefordert werden können, um sich klar von rechtsextremen Inhalten abzusetzen. Gleichermaßen lassen sich pauschale Abwertungen konservativer Positionen als potenziell rechtsextreme Ideologie zurückweisen.

Werden solche Zusammenhänge in den Fortbildungen thematisiert, findet dies zumeist Zustimmung. Doch werden sie von der abstrakten Ebene in konkrete Lebenssituationen überführt, indem die Teilnehmenden aufgefordert werden, in diesen Zusammenhängen ihre eigenen "Anteile", also ihre Ansichten und Werte zu hinterfragen, ergeben sich oft Abwehrhaltungen. Es ist eine Gelingensbedingung für politische Bildung, diese (psychologische) Abwehrhaltung zu überwinden und eine produktive Erkenntnisbereitschaft für die Betrachtung eigener Ängste, Vorurteile und Diskriminierungsbereitschaft zu wecken.

Klare Begrifflichkeiten

Die eigenwillige Dynamik des Expertenwissens lässt sich in vielen Fortbildungszusammenhängen beobachten: Je mehr man sich auskennt mit den Erscheinungen der rechtsextremen Szene (Musik, Kleidung, Codes und dergleichen), umso besser fühlt man sich professionell gerüstet.

Doch es ist unsinnig, die Multiplikator(inn)en zu weiteren Expert(inn)en in Sachen Rechtsextremismus zu machen. Eine Gelingensbedingung politischer Bildung besteht vielmehr darin, sie stattdessen zu befähigen, die Informationen kritisch einzuordnen, um sie verantwortungsbewusst nutzen zu können. Das beginnt schon beim Umgang mit Begriffen und rhetorischen Figuren der Rechtsextremisten, die sich unmerklich in den eigenen Sprachgebrauch einschleichen. So werden beispielsweise bei der Beschäftigung mit antiislamischen Positionen Pauschalbezeichnungen wie "der Islam" und das in solchen Pauschalbezeichnungen transportierte Feindbild aus dem rechtsextremen Argumentationsmuster übernommen und bestätigt – zumindest bleibt es unhinterfragt. Wenn, um ein anderes Beispiel zu nennen, von Teilnehmenden in Fortbildungsveranstaltungen Positionen der NPD dargestellt werden, wird aus den propagandistischen Texten der Begriff "das System" übernommen. "Das System" wurde und wird (neben seiner neutralen Verwendung in den Bedeutungen, die der Duden aufführt) historisch und zeitgenössisch auch als abwertende Bezeichnung des demokratischen Rechtsstaates und damit als Kampfbegriff gebraucht. Eine Gelingensbedingung politischer Bildung besteht darin, den Teilnehmenden in allen Diskursen, in denen der Begriff benutzt wird, seine Funktion im Rahmen der NPD-Strategie deutlich zu machen. Gelingt dies nicht, so schleicht sich auch dieser Begriff in einen vermeintlich kritischen Diskurs ein und kann schlimmstenfalls dort sogar Wirkung entfalten: etwa dann, wenn berechtigte Kritik an Erscheinungsformen des demokratischen Rechtsstaates im Klischee von der Intransparenz "des Systems" aufgeht. [15] Unbemerkt entstehen so wirkungsmächtige Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Argumentationen.

Die sorgfältige Verwendung von Begriffen ist im Hinblick auf die Selbstvergewisserung der Multiplikator(inn)en aber auch noch in anderer Hinsicht eine Gelingensbedingung. Anschaulich werden antidemokratische Handlungen, wenn sie konkret beschrieben werden – als "Diskriminierung", als "Vorurteile", als "Rassismus", als "Fremdenfeindlichkeit"; ja auch eine sperrige Begriffskonstruktion wie "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" macht die Sachverhalte im Bezug zur eigenen Lebens- und Berufswelt anschaulich, bevor sie als "rechtsextrem" in ein bequemes Freund-Feind-Raster eingeordnet werden.

Haltung

Mit der ständigen Selbstvergewisserung der Multiplikator(inn)en einher geht eine weitere politische Bildungsintention, die eine Gelingensbedingung konstituiert: die Ausbildung eines politischen Selbstverständnisses der Teilnehmenden. Sie zielt darauf, dass sich die Multiplikator(inn)en als engagierte Repräsentant(inn)en der demokratischen Zivilgesellschaft verstehen und sie dieses Verständnis als Teil ihrer professionellen, aber auch persönlichen Kompetenz anerkennen.

In diesem Zusammenhang taucht in den Fachdiskursen zunehmend der Begriff "Haltung" auf.[16] Gemeint ist eine nicht nur berufsbezogene professionelle Haltung, sondern auch eine politisch engagierte Haltung.[17] Beides konstituiert berufliche und persönliche Kompetenz.

In dieser Zielsetzung ist es eine Gelingensbedingung für politische Bildung, Kritik als Kategorie der Erkenntnis und des Handelns in die Fortbildung einzubringen. Das ist zuweilen schwierig, weil es die Multiplikator(inn)en auch in Konflikte mit Abläufen und Hierarchien im beruflichen Alltag bringen kann. Denn Kritik bedeutet immer Herausforderung.[18] Aber sie bestärkt und befähigt die Multiplikator(inn)en, Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit im gesellschaftlichen und politischen Leben aufzudecken und anzuerkennen. Im Umgang mit Menschen, die rechtsextremen Einstellungen nahe stehen, überzeugt es in der Tat wenig, andauernd auf die Demokratie als das "richtige" politische Modell zu verweisen, wenn dieses tatsächlich in vielen Bereichen selbst nicht seinen Ansprüchen genügt. Hier fördert die kritische Haltung den Mut und die Fähigkeit der Multiplikator(inn)en, im Zweifel auch deutlich Position zu beziehen und Kritik zuzulassen an den eigenen Idealen vor allem dann, wenn sie im Rahmen einer strukturell-institutionellen Verbundenheit zum etablierten Politikbetrieb oft nur noch als rhetorische Floskeln existieren. Im Feld der Arbeit mit rechtsextremen Einstellungen nahestehenden Jugendlichen bedeutet dies auch, die Fähigkeit und den Mut der Multiplikator(inn)en dahin gehend auszubilden, dass sie die rebellischen Anteile im abweichendem Verhalten der Jugendlichen zu erkennen, zu würdigen und in berufsorientierte Handlungskompetenz zu überführen wissen. Dazu gehört ein Selbstverständnis als engagierte(r) Repräsentant(in) der Werte und Grundvoraussetzungen, die die demokratische Zivilgesellschaft ausmachen. Mit dieser Repräsentation einher geht wohlverstandene Autorität – nicht im Sinne des dumpfen Abbildes einer Machtstruktur, sondern im Sinne einer aufgeklärten und emanzipierten Akzeptanz der sie konstituierenden Bedingungen, wozu beispielsweise professionelle Kompetenz, beruflich-sozialer Status, Persönlichkeit, aber auch das demokratisch-rechtsstaatliche Amt gehören. Haltung vereint in diesem Sinne Selbstbewusstsein, Engagement und Autorität.

Netzwerkkompetenz

Im Rahmen der Bundesprogramme wurden insbesondere die Lokalen Aktionspläne, die unterschiedliche lokale Akteure der Zivilgesellschaft zusammenführen, positiv bewertet.[19] Kritisch wurde freilich bemerkt, dass es einen "Verbesserungsbedarf hinsichtlich der Beteiligung und Einbeziehung der Bürger/innen und der einflussreichen Personen gibt. Auch die Schaffung neuer Netzwerke ist ausbaufähig."[20]

Das verweist auf eine weitere Gelingensbedingung politischer Bildung: Vermittlung von Netzwerkkompetenz. Aktive Netzwerke sind für die politische Bildung eine Herausforderung. Dabei geht es nicht in erster Linie um solche professionellen Netzwerke, die als eigene Organisationen bestimmte Wirkungsziele erreichen sollen.[21] Es geht um freie Netzwerke, die sich bereits in dem Moment gründen und verknüpfen, da sich Bürger(innen) zu Aktivitäten gegen Rechtextremismus zusammenfinden. Diese "natürlichen" Netzwerke sind vergleichsweise informelle, dabei aber durchaus effektive Zusammenschlüsse, die Personen, Einrichtungen, Organisationen vernetzen und so unterschiedliche Erfahrungen und Kompetenzen für gesellschaftspolitisches Handeln verfügbar machen. Dabei ist die Art des Engagements vielfältig. Gerade das ist die Stärke dieser natürlichen Netzwerke, die Ausdruck einer aktiven Zivilgesellschaft sind.[22]

Eine Gelingensbedingung für politische Bildung besteht darin, diese natürlichen Netzwerke als Akteure ernst zu nehmen, sie durch eigene niederschwellige Veranstaltungen im Lebensumfeld der Menschen anzuregen, zu fördern und die dort vorhandenen Kompetenzen in ein gesellschaftliches Netzwerk, das die natürlichen mit den professionellen Netzwerken verknüpft, aktiv zu integrieren. Zu Netzwerkkompetenz verhilft politische Bildung, indem sie die Multiplikator(inn)en befähigt, die Ressourcen in diesem gesellschaftlichen Netzwerk bedarfsgerecht zu nutzen. Dabei können Anbieter politischer Bildung selbst koordinierende Aufgaben übernehmen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung, in: Empfehlungen und Gutachten des deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen 1953–1965. Gesamtausgabe im Auftrag des Ausschusses besorgt von Hans Bohnenkamp, Walter Dirks, Doris Knab, Stuttgart 1966, S. 857–928.
2.
In diesem Verständnis ist Partizipation dann das "Königsziel" der politischen Bildung. Vgl. Benedikt Widmaier, Außerschulische politische Bildung nach 1945 – Eine Erfolgsgeschichte?, in: APuZ, (2012) 46–47, S. 9–16, hier: S. 14.
3.
Andreas Zick/Anna Klein, Fragile Mitte – feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Bonn 2014, S. 139, http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_14/FragileMitte-FeindseligeZustaende.pdf« (7.4.2015). Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird hier verstanden als "Feindseligkeiten gegenüber Gruppen, die in einer Gesellschaft als schwach, abweichend, minderwertig oder zum Beispiel unpassend bezeichnet werden und ein hohes Diskriminierungsrisiko aufweisen. Die Feindseligkeiten können in Vorurteilen, negativen Emotionen, als Hass-Reden oder -Taten erscheinen. (…) Wir reden von Menschenfeindlichkeit, weil die unterschiedlichsten Feindseligkeiten miteinander verbunden sind in einem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit." Ebd., S. 18.
4.
Vgl. zu dieser Einordnung beispielsweise Karl-Rudolf Korte, Alternative für Deutschland (AfD), 28.4.2014, http://www.bpb.de/politik/wahlen/wer-steht-zur-wahl/europawahl-2014/180972/afd« (9.4.2015).
5.
Seit 2011 bündelte das Bundesprogramm "Toleranz fördern – Kompetenz stärken" die Vorgängerprogramme "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" und "kompetent. für Demokratie – Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus" (http://www.toleranz-foerdern-kompetenz-staerken.de«) (20.3.2015). Im Januar 2015 startete das zuständige Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das neue Bundesprogramm "Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit" (http://www.demokratie-leben.de«). Hinzu kommen Programme einzelner Bundesländer.
6.
Ursula Bischoff et al., Abschlussbericht der Programmevaluation der Bundesprogramme "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" und "kompetent. für Demokratie – Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus" für den Berichtszeitraum 1.7.2007 bis 31.12.2010, München–Halle (Saale) 2011, S. 15.
7.
Vgl. Bundesprogramm (Anm. 5).
8.
Das meint aber auch: es gibt keine derartige Tat, die "unpolitisch" wäre! Unabhängig davon, wie die individuelle Verantwortung des Jugendlichen zu bewerten ist, gibt es immer ein Umfeld, aus dem heraus die Tat in ihrer konkreten Erscheinung möglich wurde. Wenn dies schon nicht (wie in der Vergangenheit leider sehr oft) von zuständigen Behörden (Polizei, Justiz) genügend erkannt wird, aus Sicht der politischen Bildung ist es zentral. Sie muss Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Aufmerksamkeitslevel hoch bleibt. Rechtsextrem motiviertes Handeln muss immer wieder bemerkt werden. Vgl. A. Zick (Anm. 3), S. 152.
9.
Vgl. BIKnetz – Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus: Feinkonzept des Rahmencurriculums "Handlungskompetenz – ein Bildungsangebot zum Umgang mit rechtsextrem gefährdeten bzw. orientierten Jugendlichen für Pädagoginnen und Pädagogen", S. 2, http://www.biknetz.de/kompetenzen-staerken/curriculum.html« (10.3.2015).
10.
So wie es beispielsweise der Jugendhilfeträger RheinFlanke Köln mit dem "Generationendialog" intendiert. Vgl. H.-Georg Lützenkirchen, Teilhabe und Partizipation. Spielen und Verantwortung. Fußball für Toleranz – Vom Spiel zur Teilhabe. Der Generationendialog. Zwei Modelle, Norderstedt 2013.
11.
Vgl. BIKnetz (Anm. 9), S. 5f.
12.
Oder eine Bedeutung, die für andere Expert(inn)en aus Wissenschaft und bestimmten Behörden und Einrichtungen wichtig ist, nicht aber für den politischen Bildungszusammenhang.
13.
Man muss sie nicht gut finden. Doch ist zu fragen, an welcher Stelle man wie interveniert, um ein alternatives Lebenskonzept mit gleichberechtigten Geschlechterrollen zu vermitteln. Eine pauschale Abwertung ist jedenfalls unangemessen.
14.
Nebenbei bemerkt: Wenn sich rechtsextreme Propagandisten als Hüter traditioneller Geschlechterrollen anbieten und dabei Verunsicherungen durch komplexe Rollenanforderungen aufgreifen, die für Frauen immer noch von einer selbstverständlichen Mehrfachbelastung in Haushalt, Familie und Beruf ausgehen, dann ist dies auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftspolitische Herausforderung der Geschlechtergleichheit noch nicht bewältigt ist.
15.
Genauso "funktioniert" Pegida.
16.
Was nicht gleichzusetzen ist mit dem "professionellen Habitus" in der sozialen Arbeit. Vgl. BIKnetz (Anm. 9), S. 5.
17.
"Daher braucht politische Bildung zivilgesellschaftliche Courage und den Mut, Meinungen gegen den menschenfeindlichen Mainstream zu setzen." A. Zick (Anm. 3), S. 151f.
18.
"Dies zu betonen ist keineswegs selbstverständlich, weil der Begriff ,Kritik‘ in den Diskursen der politischen Bildung lange Zeit für ein im wahrsten Sinne des Wortes (politisch) ,rotes Tuch‘ gehalten wurde. Nicht zuletzt deshalb wurde der non-formalen politischen Bildung, die eigentlich immer am Kritikbegriff festgehalten hat, vorgeworfen, sie betreibe mehr Mission als Aufklärung, arbeite nicht nach professionellen Maßstäben und müsse sich infolgedessen modernisieren." B. Widmaier (Anm. 2), S. 13.
19.
"Die meisten LAP konnten die Programmvorgaben gut umsetzen und somit einen Beitrag zur Prävention von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sowie zur Demokratie- und Toleranzentwicklung leisten." U. Bischoff (Anm. 6), S. 321.
20.
Ebd.
21.
Vgl. Rainer Strobl/Olaf Lobermeier, Gelingensfaktoren für eine gute Netzwerkarbeit, Kontaktstelle BIKnetz – Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus, gsub-Projektegesellschaft mbH, 2012, http://www.biknetz.de/fileadmin/Dokumente/Oeffentlichkeit_herstellen/Themen/Aufsaetze/Aufsatz_Strobl_Lobermeier_final.pdf« (20.3.2015).
22.
Es handelt sich also um eine moderne Form "aktiver Minderheiten", von denen einst Walter Dirks sprach. Vgl. Sabine Hering/H.-Georg Lützenkirchen, Wegweiser. Die politische Erwachsenenbildung nach dem Kriege. Gespräche (mit Walter Dirks, Walter Fabian, Willy Strzelewicz, Hans Bolewski, Josef Rommerskirchen, Paul Röhrig u.a.), Bonn 1992, S. 18–39.
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Autor: H.-Georg Lützenkirchen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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