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Ebola-Viren

6.5.2015 | Von:
Lutz Ehlkes
Jürgen May

Seuchen – gestern, heute, morgen

Infektionskrankheiten: Geschichte und Gegenwart

Wie DNA-Analysen ergaben, war schon Ötzi (ca. 5400 v. Chr.) mit dem Erreger der Lyme-Borreliose infiziert.[7] Der mumifizierte Kopf des 1145 v. Chr. verstorbenen Pharaos Ramses V. weist Narben auf, die auf eine Pockeninfektion hinweisen. Hippokrates beschrieb die Krankheitsbilder, die durch die unterschiedlichen Malariaparasiten hervorgerufen werden.[8] Solch historische Überlieferungen sind ein Indiz dafür, dass der Mensch seit jeher von Infektionskrankheiten geplagt wurde. Viele der Erreger, die in der Geschichte zu verheerenden Epidemien geführt haben, haben dank besserer Lebensumstände und moderner Medizin ihren Schrecken verloren. Im Folgenden werden Geschichte und Gegenwart einiger ausgewählter Krankheitserreger besprochen.

Pest. Kaum eine andere Krankheit prägte die europäische Geschichte so sehr wie die Pest, wobei bei der Interpretation der historischen Texte Vorsicht geboten ist. Grundsätzlich wurden damals fast alle fiebrigen und zu Hautausschlag führenden Erkrankungen als "Pest" bezeichnet; ob nun Masern, Pocken, Fleckfieber oder die eigentliche Pest. Man vermutet, dass die Pest tatsächlich mehrfach epidemisch in Vorderasien und dem Mittelmeerraum auftrat.
Abbildung 2: Arzt mit Schnabelmaske und Peststab
Gesichert ist anhand von DNA-Analysen der Opfer, dass der Seuchenzug des "Schwarzen Todes" durch Europa ab 1347 auf den Pesterreger Yersinia pestis zurückzuführen ist. Ausgehend von der Krim kamen infizierte Ratten mit den Schiffen nach Konstantinopel und dann weiter nach Venedig, Genua und Messina. Von dort breitete sich die Krankheit innerhalb weniger Jahre entlang der Handelswege über fast ganz Europa aus. Das Bakterium Y. pestis wird von Flöhen übertragen. Diese befallen vorwiegend Ratten und andere Nagetiere. Da die Tiere selbst erkranken und an der Krankheit verenden, springen die infizierten Flöhe auf andere Wirte, wie den Menschen, über. Begünstigt wurde die Pandemie durch miserable Lebensumstände und Hygienebedingungen. Die Miasmenlehre konnte Auslöser und Übertragungsweg der Krankheit bis zum Abklingen des Seuchenzugs im frühen 18. Jahrhundert nicht erklären. Menschen versuchten sich durch Schnabelmasken mit Rauchwerk (Abbildung 2) zu schützen, die Behandlung erfolgte durch diverse Tinkturen, Aderlässe und dem Aufschneiden der Pestbeulen.

Insgesamt forderte der "Schwarze Tod" etwa 25 Millionen Menschenleben allein in Europa, was in etwa einem Drittel der Bevölkerung entsprach. Kaum jemandem ist bewusst, dass die Krankheit zwar selten, aber nach wie vor in den USA sowie in Ländern Südamerikas, Asiens und insbesondere Afrikas grassiert. Am häufigsten kommt die Pest in Madagaskar vor, wo regelmäßig Epidemien berichtet werden. In den betroffenen Ländern zirkuliert das Bakterium bei diversen Nagetierarten, aber auch Haustiere werden befallen. Dank Antibiotika ist die Krankheit gut behandelbar, eine frühe Diagnose und schnelle Therapie vorausgesetzt. Vor allem in den USA werden Erkrankungen an Beulenpest – immerhin durchschnittlich sieben pro Jahr[9] – aufgrund mangelnder Aufklärung häufig erst spät erkannt. In ärmeren Ländern fehlt den Betroffenen oft schlichtweg der Zugang zu adäquater medizinischer Versorgung.

Masern und Pocken. Der Erfolg britischer Truppen und spanischer Konquistadoren bei der Eroberung Nord- und Südamerikas wurde zumeist durch die militärische und taktische Überlegenheit der Besatzerarmeen erklärt. Mittlerweile ist bekannt, dass es vor allem die eingeschleppten Infektionskrankheiten waren, die große Teile der indigenen Bevölkerung dahinrafften, lange bevor die ersten Schüsse fielen. Die Europäer waren gegen diese Gefahr gefeit: In dieser Zeit zirkulierten diverse hochinfektiöse Krankheiten endemisch in Europa, die in Südamerika unbekannt waren – neben Influenza vor allem Pocken und Masern. Überlebende Europäer erwarben durch die ausgestandene Infektion eine lebenslange Immunität und konnten nicht wieder erkranken. Zusätzlich hatte die über Jahrhunderte dauernde Exposition der europäischen Bevölkerung – aufgrund des Evolutionsdrucks – die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Erregern erhöht und so die Letalität bei einer Erkrankung gesenkt. So liegt in endemischen Populationen die Überlebenswahrscheinlichkeit bei einer Pockeninfektion bei etwa 70 Prozent[10] und bei Masern über 99 Prozent.[11] So verliefen die Krankheiten in Europa zwar zuweilen tödlich, stellten aber selten eine Bedrohung für die Bevölkerung als Ganzes dar. Die amerikanischen Ureinwohner wurden von diesen Krankheiten aber unvorbereitet getroffen – mit einer hohen Letalität. Mehrere solche virgin soil epidemics trafen die indigenen Bevölkerungsgruppen Nord- und Südamerikas mit der Ankunft der europäischen Siedler. Es wird geschätzt, dass an den importierten Krankheiten etwa 90 Prozent der amerikanischen Ureinwohner starben.[12] Dies lässt die europäischen Eroberungszüge in der Neuen Welt in einem anderen Licht erscheinen.

Während sowohl Masern als auch Pocken bis Mitte des 20. Jahrhunderts fast allgegenwärtig waren und großen Einfluss auf die Krankheitslast der Bevölkerung hatten, wandelte sich diese Situation mit der Entwicklung entsprechender Impfungen. Da der Mensch das einzige Reservoir dieser Krankheiten ist – Tiere also nicht von diesen Krankheiten befallen werden –, wären die Viren ausgerottet, sobald kein Mensch mehr infiziert ist. So führte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1967 eine weltweite Impfpflicht für Pocken ein – mit durchschlagendem Erfolg: 1977 trat der – von wenigen Laborinfektionen abgesehen – letzte Pockenfall in Somalia auf, 1980 deklarierte die WHO die Welt als pockenfrei.

Obwohl es mittels einer effektiven Impfung theoretisch möglich wäre, die Masern auszurotten, ist dies bisher nicht gelungen. Laut WHO konnten in den Jahren 2000 bis 2013 durch Impfungen 15,6 Millionen masernbedingte Todesfälle verhindert werden. Allerdings wurden 2014 immer noch 360000 Masernfälle gemeldet[13] und 2013 kam es zu 145700 Todesfällen.[14] Am schwersten betroffen ist Subsahara-Afrika, eine Region, in der die Impfquoten teilweise unter 50 Prozent liegen. Nord- und Südamerika sowie Australien waren bis vor Kurzem bis auf einige wenige importierte Fälle de facto masernfrei. Auch in Deutschland waren Ausbrüche dank guter Impfabdeckung sehr selten. Aufgrund der seit einigen Jahren steigenden Impfmüdigkeit kam es in den vergangenen Jahren vermehrt zu Masernausbrüchen in den USA, Deutschland und anderen Industrieländern.

Ebolafieber. Kaum eine Krankheit erhielt in der letzten Zeit so viel Medieninteresse und erzeugte so viel Besorgnis wie das Ebolafieber. Allerdings liegen die Fallzahlen von Ebola (24927 Verdachtsfälle im aktuellen Ausbruch, davon 10338 Tote, Stand 26.3.2015)[15] niedrig im Vergleich zu denen von Masern und vielen anderen Infektionskrankheiten. Was macht das Ebolafieber so angsteinflößend?

Das Ebolavirus gehört zur Gruppe der viralen hämorrhagischen Fieber, einer heterogenen Gruppe fieberhafter Systemerkrankungen, bei denen teilweise Hämorrhagien – das heißt innere Blutungen – auftreten. Innerhalb der Gattung der Ebolaviren existieren fünf Spezies, vier davon sind humanpathogen. Deren hohe Letalität (zwischen 25 und 90 Prozent[16]) und das Fehlen spezifischer Impfungen und Therapeutika machen das Virus so bedrohlich. Natürliches Reservoir des Virus sind wahrscheinlich Flughunde, aber auch andere Wildtiere stehen im Verdacht. Bei der Jagd, dem Schlachten oder dem Verzehr der Tiere kann das Virus auf den Menschen übertreten. Die infektiöse Phase beginnt mit dem Auftreten der Symptome: Fieber, Hautausschlag, Erbrechen und/oder Durchfall. Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgt über Körperflüssigkeiten. Bis 2014 waren Ausbrüche des Ebolafiebers zumeist auf isolierte Regionen Zentralafrikas beschränkt, insbesondere in der Demokratischen Republik Kongo, in Gabun, Uganda und im Südsudan. Aufgrund der Verbreitung der Reservoirtiere, der hohen Letalität und der Tatsache, dass infektiöse Patienten aufgrund der Schwere der Symptome kaum reisefähig sind, war man bis dato davon ausgegangen, dass Ebolafieberausbrüche keine globalen Ausmaße erreichen können. Als die Krankheit Ende 2013 in Guinea auftrat[17] und sich im April 2014 zur Epidemie entwickelte, traf es die westafrikanischen Länder völlig unvorbereitet.

Durch die Vernetzung der westafrikanischen Länder miteinander und dem Rest der Welt wurde eine weitere Ausbreitung befürchtet. Überforderte Gesundheitssysteme und mangelnde Informationen über die Infektionsübertragung sowie ein durch Mangelernährung und andere Infektionskrankheiten geschwächtes Immunsystem der Patienten haben den Ausbruch begünstigt. Nicht nur die Gesundheitseinrichtungen der westafrikanischen Länder – insbesondere in den Epidemiegebieten Guinea, Liberia und Sierra Leone – waren von der Anzahl der Patienten mit Verdacht auf Ebolafieber überfordert. Angst und Unwissen vermengten sich mit Misstrauen und Aberglauben zu Panik. Krankenhäuser wurden gestürmt und die Patienten "befreit". Familien versteckten aus Angst vor den Ärzten ihre erkrankten Familienangehörigen und sorgten so für die Aufrechterhaltung der Infektionskette. Da auch die Leichen der an Ebolafieber Verstorbenen hochinfektiös sind, führten rituelle Waschungen und traditionelle Bestattungsriten zu immer mehr Infizierten. Durch die internationale Anbindung an den Flugverkehr reisten vereinzelt Infizierte in andere Länder Westafrikas, Europas und in die USA. So kam es außerhalb Afrikas zu lokaler Ebolavirusübertragung in den USA (vier Fälle, einer tödlich), dem Vereinigten Königreich und Spanien (je ein Fall). Dem Eingreifen diverser internationaler Bündnispartner, konsequenter Isolations- und Quarantänemaßnahmen sowie der Aufklärungs- und Präventionsarbeit in den betroffenen Ländern ist es zu verdanken, dass die Epidemie sich nicht in die Nachbarländer verbreitete. Zwar schwelt die Epidemie zurzeit (April 2015) noch in Sierra Leone und Guinea, es gibt aber keine direkten Anzeichen dafür, dass sie wieder aufflammt oder sich weiter ausbreitet. Ein Übergreifen des Ebolavirus nach Deutschland erscheint aufgrund der Übertragungswege, der fehlenden Reservoirtiere, der medizinischen Versorgung und Hygienebedingungen sowie der kulturellen Gegebenheiten (Bestattungsriten) als äußerst unwahrscheinlich.

Fußnoten

7.
Vgl. Cornelia Werner, Schon Ötzi wurde von einer Zecke gestochen, o.D., http://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article115222167/Schon-Oetzi-wurde-von-einer-Zecke-gestochen.html« (7.4.2015).
8.
Vgl. Cheston B. Cunha/Burke A. Cunha, Brief History of the Clinical Diagnosis of Malaria: From Hippocrates to Osler, in: Vector-borne and Zoonotic Diseases, 8 (2008), S. 194–199.
9.
Vgl. Centers for Disease Control and Prevention (CDC), Plague, 23.4.2013, http://www.cdc.gov/plague/maps/« (7.4.2015).
10.
Vgl. CDC, Smallpox Disease Overview, 30.12.2004, emergency.cdc.gov/agent/smallpox/overview/disease-facts.asp (7.4.2015).
11.
Vgl. CDC, Complications of Measles, 17.2.2015, http://www.cdc.gov/measles/about/complications.html« (7.4.2015).
12.
Vgl. Plutarco Naranjo, Epidemic Hecatomb in the New World, in: Allergy and Asthma Proceedings, 13 (1992), S. 237–241.
13.
Vgl. WHO, Measles Surveillance Data, 17.3.2015, http://www.who.int/immunization/monitoring_surveillance/burden/vpd/surveillance_type/active/measles_monthlydata/en/« (7.4.2015).
14.
Vgl. WHO, Measles, Februar 2015, http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs286/en/« (7.4.2015).
15.
Vgl. WHO, Ebola Data and Statistics, 26.3.2015, http://apps.who.int/gho/data/node.ebola-sitrep.ebola-summary?lang=en« (26.3.2015).
16.
Vgl. WHO, Ebola Virus Disease, September 2014, http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs103/en/« (7.4.2015).
17.
Vgl. Sylvain Baize et al., Emergence of Zaire Ebola Virus Disease in Guinea, in: The New England Journal of Medicine, 371 (2014) 15, S. 1418–1425.
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