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Ebola-Viren

6.5.2015 | Von:
Lutz Ehlkes
Jürgen May

Seuchen – gestern, heute, morgen

Was bringt die Zukunft?

Das Gefährdungspotenzial einer Krankheit für die globale Gesundheit abzuschätzen, ist keine leichte Aufgabe. Gefahr geht nicht nur von den direkten gesundheitlichen Auswirkungen einer Krankheit aus; auch die Begleiterscheinungen – wie Panik, soziale Unruhen und wirtschaftliche Folgen – tragen zur Gefährdung bei. In der subjektiven Wahrnehmung wird die Gefährdung von stark symptomatischen, unbekannten und hochinfektiösen Krankheiten eher über- als unterschätzt. Ein Erreger, dem man unfreiwillig – wie beispielsweise durch Tröpfcheninfektion – ausgesetzt wird, wird anders eingeschätzt als eine Krankheit, dessen Risikofaktoren – wie beispielsweise das Rauchen bei Lungenkrebs – bekannt und selbst regulierbar scheinen.

Verschiedene Faktoren bestimmen, ob ein Infektionserreger eine Epidemie verursacht: Reservoir/Vektoren (Krankheitsüberträger), Übertragungsweg, Infektiösität, Erkrankungsdauer, Letalität/Erholungsrate, Anteil immuner Bevölkerung, Existenz von Therapeutika/Impfungen/Schutzmaßnahmen. Anhand dieser Faktoren wird deutlich, weshalb Masernviren vor Entwicklung der Impfung extrem "erfolgreich" waren: leichte Übertragung durch Tröpfchen; ansteckend, bevor erste Symptome sichtbar werden; hohe Infektiösität; relativ selten tödlicher Verlauf. HIV/AIDS breitet sich trotz primär sexueller Übertragung und dabei geringer Infektiösität aufgrund der lebenslangen Erkrankungsdauer, fehlender Immunität/Impfung und nichtvorhandener kausaler Behandlung auch weiterhin aus.

Die Antwort auf die Frage nach den wichtigsten Infektionskrankheiten der Zukunft bleibt hypothetisch. Eine klare Antwort setzt feste Kriterien voraus, nach denen das Gefährdungspotenzial klassifiziert wird. Eine Studie, bei der deutsche Epidemiologen, Mikrobiologen und Klinikärzte befragt wurden, welche Krankheitserreger in Zukunft besser erforscht und überwacht werden sollten, verlieh 26 Pathogenen höchste Priorität. Darunter, neben Erregern von Krankheiten mit bereits respektablem Forschungs- und Beobachtungsinteresse, wie HIV/AIDS, Methicillin-resistentem Staphylococcus aureus (MRSA), Tuberkulose, Influenza, Masern, Hepatitis und bakterieller Meningitis, auch solche, die weniger im Fokus der Forschung stehen. Hierzu gehören unter anderem Hantaviren und respiratorische Synzytialviren sowie Bakterien der Gattungen Campylobacter, Helicobacter, Clostridien, Escherichia und Legionellen.[18]

Global gesehen, besteht in vielen Bereichen Grund zur Besorgnis. Aufkommende Medikamentenresistenzen sind schon jetzt bei Malariaparasiten, Tuberkulose-Erregern und MRSA ein großes Problem. Durch den Klimawandel sowie internationale Migration, Handel und Reisen breiten sich Reservoir- und Vektortiere sowie die von ihnen übertragenen Krankheiten wie Dengue-, Chikungunya- und West-Nil-Fieber weiter aus. Massentierhaltung – insbesondere von unterschiedlichen Tierarten auf engem Raum – bietet einen Schmelztiegel für Virusübertragungen und -mutationen. Eindringen in unberührte Naturgebiete und die Rodung der Regenwälder sowie der damit verbundene Kontakt von Mensch und Tier bieten Übertragungspotenzial für bisher unbekannte Zoonosen. So sind vor allem Fledermaus- und Nagetierarten Reservoir diverser humanpathogener Viren, oder solchen, deren Gene humanpathogenen Viren ähnlich sind.[19]

Exemplarisch für potenzielle Pandemien der Zukunft sind oft die unterschiedlichen Erreger der aviären Influenza ("Vogelgrippe"), insbesondere der Subtyp A/H5N1. Ausgehend von Hong Kong zirkuliert Influenza A/H5N1 mittlerweile in den Wildvogel- und Geflügelpopulationen Asiens, Europas und Afrikas. Das Risiko der weiteren globalen Ausbreitung ist sehr hoch. Dieser Subtyp ist bei Vögeln hochansteckend und tötete bisher mehrere zehn Millionen Tiere. Weitere hundert Millionen Vögel wurden aus Verdacht auf A/H5N1 gekeult. Bis 2013 gab es 630 dokumentierte Infektionen beim Menschen, vor allem in Ägypten. Von diesen verliefen 375 tödlich.[20] Die Übertragung auf den Menschen erfolgt in den meisten Fällen über engen Kontakt zu infizierten Vögeln, Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist dagegen noch selten. Neben der hohen Letalität besteht die größte Gefahr des Virus in seiner hohen Mutationsrate. Diese erschwert zum einen die Entwicklung von auf lange Sicht wirksamen Impfungen und Therapeutika. Zum anderen können genetische Mutationen Einfluss auf Übertragungsweg und -potenzial nehmen.

Kritisches Medieninteresse löste 2012 die Arbeit des Virologen Ron Fouchier aus, die er in der Fachzeitschrift "Science" publizierte.[21] Durch gezielte Modifikationen des A/H5N1-Virusgenoms war dies nunmehr imstande, sich bei Frettchen – deren respiratorischer Trakt (Atemwege) dem menschlichen sehr ähnlich ist – über Tröpfcheninfektion durch die Atemluft zu verbreiten. Zwei der fünf benötigten Mutationen seien schon außerhalb des Labors beobachtet worden. Es sei demnach nur eine Frage der Zeit, bis die anderen drei Mutationen auch in freier Wildbahn auftreten und so ein neuer Stamm von für Menschen hochinfektiösen A/H5N1-Viren entsteht. Allerdings bemerkte Fouchier ebenso, dass das modifizierte Virus sowohl durch ein antivirales Medikament (Tamiflu) behandelbar sei, als auch gut mit den aus gängigen Impfungen hervorgerufenen Antiseren reagiere. Da keines der Frettchen an der Erkrankung gestorben ist, scheint die erhöhte Infektiösität einen Einfluss auf die Pathogenität zu haben.

Die Publikation führte zu einer Diskussion über Wissenschaftsethik. Kritiker warfen Fouchier vor, die von seiner Forschung ausgehende Gefahr – insbesondere in Bezug auf Bioterrorismus – zu verharmlosen. Unterstützer argumentierten, dass die Forschung Fouchiers wichtig sei, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. Die Intensität der Diskussion zeigt die Brisanz, mit der in der wissenschaftlichen Welt über solche Fragen diskutiert wird. Wie weit darf der Mensch gehen, um möglicherweise (nie) eintreffende Ereignisse zu verhindern? Eine Frage, die für jeden – auch fernab des vermeintlichen Elfenbeinturms der Wissenschaft – relevant sein dürfte. Nicht nur in Bezug auf Infektionskrankheiten.

Fußnoten

18.
Vgl. Yanina Balabanova et al., Communicable Diseases Prioritized for Surveillance and Epidemiological Research: Results of a Standardized Prioritization Procedure in Germany, 2011, in: PLOS One, (2011), S. 6.
19.
Vgl. Jan Felix Drexler et al., Bats Host Major Mammalian Paramyxoviruses, in: Nature Communications, (2012) 3, S. 796.
20.
Vgl. WHO, Cumulative Number of Confirmed Human Cases for Avian Influenza A(H5N1) Reported to WHO, 2000–2013, 4.6.2013, http://www.who.int/influenza/human_animal_interface/EN_GIP_20130604CumulativeNumberH5N1cases.pdf« (7.4.2015).
21.
Vgl. Ron Fouchier et al., Airborne Transmission of Influenza A/H5N1 Virus Between Ferrets, in: Science, 336 (2012), S. 1534–1541.
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Autoren: Lutz Ehlkes, Jürgen May für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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