Ebola-Viren
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Von Ebola lernen: Was gegen künftige Epidemien getan werden muss


6.5.2015
17 Monate wütet Ebola bereits in Westafrika, und ein Ende der Epidemie ist nicht abzusehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) registrierte bis Anfang April rund 25000 Erkrankte, von denen mindestens 10500 starben. Wahrscheinlich wird es noch mehrere Monate dauern, bis der größte Ebola-Ausbruch der Geschichte für beendet erklärt werden kann. Unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen werden Guinea, Liberia und Sierra Leone noch viele Jahre leiden. Die internationale Hilfe kam zu spät und war größtenteils ineffektiv, darüber sind sich Fachleute und Politiker im Nachhinein einig. Insbesondere die WHO steht einmal mehr in der Kritik, auf Seuchenausbrüche nicht angemessen zu reagieren. Die horrenden Bilder aus Westafrika und die Sorge um die eigene Sicherheit haben die Industriestaaten wachgerüttelt. Nun steht der Schutz vor Seuchen auf der Agenda des G7-Gipfels Anfang Juni 2015 auf Schloss Elmau in Bayern. Doch wie kann sich die Menschheit vor gefährlichen Krankheitserregern schützen?

Aus der Katastrophe lernen



Am 26. Dezember 2013 erkrankte in einem Dorf der Provinz Guéckédou im Süden Guineas der 18 Monate alte Émile an schwerem Fieber mit Durchfall. Heute wissen wir, dass er sich wahrscheinlich bei einem Flughund oder einer Fledermaus infizierte. Als Émile starb, hatten sich bereits seine Schwester, seine Mutter und seine Großmutter angesteckt. Als immer mehr Menschen in der Region erkrankten, vermuteten die lokalen Gesundheitsbehörden zunächst Cholera, dann das in der Gegend häufige Lassafieber als Ursache.

Am 13. März 2014 bat das guineische Gesundheitsministerium die WHO und Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières, MSF) um Unterstützung. Acht Tage später kam aus einem Speziallabor in Lyon die Nachricht: Es ist Ebola, und zwar in der tödlichsten Variante "Typ Zaire". Zu diesem Zeitpunkt hatte MSF in Guéckédou bereits begonnen, Kranke zu isolieren und deren Kontaktpersonen zu ermitteln. In den Berichten war auffallend häufig von "Schluckauf" die Rede gewesen – ein Symptom, das nicht zu Cholera oder Lassafieber passt, bei Ebola aber typisch ist. Da es bei einem Ebola-Ausbruch darauf ankommt, so früh wie möglich alle Kranken und Kontaktpersonen zu isolieren, entsandte MSF sofort ein spezialisiertes Team in das Ausbruchsgebiet.

Bei der WHO in Genf nahm man die Meldungen aus Westafrika deutlich gelassener. Der Generaldirektorin Margaret Chan war bei der Schweinegrippe 2009 Alarmismus vorgeworfen worden, weil sie trotz des relativ harmlosen Verlaufes der Erkrankung die höchste Pandemiestufe ausgerufen hatte. In den Folgejahren baute Chan die Abteilung für Ausbruchsbekämpfung und Krisenhilfe schrittweise ab. Das entsprach der strategischen Neuausrichtung, die Chan bereits seit ihrem Amtsantritt 2006 verfolgte: Die WHO sollte sich auf technische Beratung fokussieren und praktische Maßnahmen den Mitgliedsstaaten überlassen.

Bis Mitte Mai 2014 ging die Zahl der Neuinfektionen dann deutlich zurück. In Guinea waren nur noch neun Patienten in Behandlung. Liberia war durch den Ausbruch im Nachbarland gewarnt gewesen und hatte seit Mitte März etwa ein Dutzend Ebolafälle isoliert. Danach wurden wochenlang keine neuen Erkrankungen mehr gemeldet.
Abbildung 1: Karte des Ausbruchsgebiets (Stand: 15. 4. 2015)
Sierra Leone hatte bereits zu Anfang der Epidemie die US-Firma Metabiota engagiert, um im Grenzgebiet zu Guinea nach Ebola zu fahnden. Die kommerziellen Virenjäger fanden jedoch in über 160 Proben kein Ebolavirus. Darauf gestützt, deklarierte Präsident Ernest Koroma sein Land noch bis zum 24. Mai 2014 als "ebolafrei". Die WHO übernahm die Angaben ungeprüft in ihre Berichte. Dies sollte sich als der folgenschwerste Fehler in der Anfangsphase der Epidemie erweisen. Heute steht fest, dass sich Ebola von Anfang an auch in Sierra Leone verbreitet hatte. MSF erfuhr bei den Nachforschungen in Guinea schon im März 2014 von vermuteten Ebolafällen jenseits der Grenze. Die Hilfsorganisation warnte umgehend das WHO-Büro und das Gesundheitsministerium in Freetown. Doch dort zog man es vor, den beruhigenden Informationen der amerikanischen Beraterfirma zu glauben. Noch am 24. Mai 2014 bezeichnete die WHO die Lage in Liberia und Sierra Leone als "stabil".

Dann, nach drei Wochen trügerischer Ruhe, brach der virale Sturm los. Am 25. Mai bestätigte Freetown den ersten Ebolafall, innerhalb weniger Wochen folgten Hunderte weitere. Der verdeckte Ausbruch in Sierra Leone entfachte in Guinea und Liberia einen Flächenbrand. Durch die hohe Zahl unerkannter Fälle war die kritische Masse erreicht, die das Virus für eine explosionsartige Ausbreitung braucht. Alleine von Juni bis Oktober 2014 starben 4600 Menschen.

In dieser Lage ließ sich die WHO-Generaldirektorin zwei weitere Monate Zeit, bevor sie den Ebola-Ausbruch zu einem internationalen Gesundheitsnotfall (Public Health Emergency of International Concern, PHEIC) erklärte. Die formalen Voraussetzungen dafür waren allerdings bereits seit März 2014 gegeben: Bei einem außergewöhnlichen Seuchengeschehen muss ein Risiko der Ausbreitung in andere Staaten bestehen und möglicherweise eine internationale Reaktion erforderlich sein.
Abbildung 2: Neuerkrankungen (bestätigte Fälle) in den am meisten betroffenen Ländern
Die Aufgaben der WHO und ihrer 194 Mitgliedsstaaten bei der Seuchenbekämpfung sind in den Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) von 2005 festgelegt. Mit der Erklärung eines PHEIC beruft die Generaldirektorin ein spezialisiertes Beratergremium (Emergency Committee) ein und erlässt Empfehlungen (Temporary Recommendations), wie die Epidemie bekämpft werden soll. Falls nötig, ist die WHO berechtigt, Angaben der betroffenen Staaten zu Art und Verbreitung des Infektionserregers durch eigene Nachforschungen vor Ort zu überprüfen. Obwohl die Empfehlungen nicht rechtlich bindend sind, entsteht durch die Erklärung eines PHEIC ein erheblicher politischer Druck zur Kooperation und für die Bereitstellung finanzieller Hilfen durch nichtbetroffene Staaten. Damit übernimmt, nach dem ursprünglichen Gedanken der IGV, die WHO de facto die Koordination der Ausbruchsbekämpfung.

Dass die WHO so spät reagierte, beruhte auf einer fatalen Fehleinschätzung der Epidemie in Westafrika. Ebola ist, nach der Tollwut, die Infektionskrankheit mit der zweithöchsten Sterblichkeit. Der gefürchtete "Typ Zaire" des Erregers, der neuerdings als "Ebolavirus" im engeren Sinne bezeichnet wird, tötet 70 bis 90 Prozent der Erkrankten. Allerdings wird Ebola nur durch enge Kontakte übertragen, und die Schwerkranken können sich kaum fortbewegen. In den entlegenen Dörfern Zentralafrikas und Südsudans, wo Ebola bislang aufgetreten war, brannten Epidemien deshalb nach zwei bis drei Monaten von selbst aus.

Chan und die WHO-Vertreter der drei betroffenen Länder hofften deshalb, dass auch die westafrikanische Epidemie schnell vorübergehen würde. Die Regierungen in Conakry, Monrovia und Freetown hatten ihrerseits kein Interesse daran, durch Reise- und Handelsbeschränkungen belastet zu werden. So lieferten sie monatelang zu niedrige Fallzahlen nach Genf und signalisierten, die Lage sei unter Kontrolle. Doch dann, am 25. Juli 2014, meldete Nigeria den ersten Ebolafall. Eine Woche später wurden zwei amerikanische Helfer in die USA ausgeflogen, die sich in Monrovia mit Ebola infiziert hatten. Am 8. August 2014 erklärte Chan schließlich die Ebola-Epidemie zum internationalen Gesundheitsnotfall.

Dass die WHO nach Monaten der Verzögerungen und Fehleinschätzungen den internationalen Noteinsatz für Westafrika anführen könnte, traute ihr jetzt niemand mehr zu. Noch im August ließ UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die WHO-Chefin wissen, dass er eine eigene UN-Mission für die Bekämpfung von Ebola einsetzen werde. Am 19. September 2014 wurde die UN Mission for Ebola Emergency Response (UNMEER) gegründet – die erste Gesundheitsmission außerhalb der WHO in der Geschichte der Vereinten Nationen.

Anfang September wandte sich Ellen Johnson Sirleaf, Präsidentin Liberias und angesehene Friedensnobelpreisträgerin, in persönlichen Schreiben an die Staats- und Regierungschefs von Australien, Brasilien, China, Deutschland, Indien, Japan, Kuba, Russland, Südafrika und den USA. Kurz darauf kündigte US-Präsident Barack Obama das größte humanitäre Hilfsprogramm der Geschichte an: 3000 Soldaten sollten in Liberia Behandlungszentren für insgesamt 1700 Ebolapatienten errichten. China sagte ein weiteres Behandlungszentrum für Monrovia zu. Auch Deutschland kündigte an, ein Behandlungszentrum in Monrovia aufzubauen.

Doch die internationale Hilfe kam nur schleppend in Gang. Während seit August die wenigen vorhandenen Behandlungszentren in Westafrika von Kranken überrollt wurden, diskutierte man in Washington, Paris und Berlin über Anforderungen für Schutzanzüge und Desinfektionsmittel, Statik von Zeltbauten, Vorschriften zur Infektionssicherheit, Haftungsfragen und Rückholgarantien für infizierte Helfer.

In Berlin befasste sich eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe unter Leitung des Kanzleramtes mit den vielfältigen technischen, logistischen und rechtlichen Fragen.[1] Mangels eigener Ressourcen beauftragte die Bundesregierung schließlich das Deutsche Rote Kreuz (DRK), mit technischer und logistischer Unterstützung der Bundeswehr ein Ebola-Behandlungszentrum in Monrovia zu errichten und zu betreiben. Im Gegensatz zu den improvisierten Zeltlagern von MSF bekam das Behandlungszentrum "Made in Germany" ordentlich verlegte Strom- und Wasserleitungen, solide Wände, sturmfeste Dächer und ein Fundament aus Beton. Am 23. Dezember 2014 wurde die Anlage endlich fertiggestellt, bis Mitte Januar sollte das in einem eigens in Würzburg eingerichteten Ausbildungszentrum trainierte Personal folgen. Da stand die im August errichtete 250-Betten-Einheit von MSF in Monrovia bereits halb leer, weil die Epidemie hier seit Oktober abgeebbt war. Zudem hatten die USA und China in der Stadt (leer stehende) Kapazitäten für mehrere hundert Patienten geschaffen. In der deutschen Einrichtung wurde bis heute kein einziger Ebolapatient behandelt.


Fußnoten

1.
Mein damaliger Vorschlag (Alexander S. Kekulé, Gutachten für das Auswärtige Amt, 17.9.2014), sofort deutsche Helfer bei MSF in Brüssel und Westafrika ausbilden zu lassen und ein Behandlungszentrum in Zelten nach dem erprobten MSF-Konzept zu errichten, wurde als nicht praktikabel verworfen.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Alexander S. Kekulé für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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