Wiener Kongress

18.5.2015 | Von:
Reiner Marcowitz

Wiener Kongress 1814/15 und Pariser Friedenskonferenz 1919/20 – Zwei Friedenskulturen im Vergleich

Zweierlei Kriege – Zweierlei Friedenskulturen

Wer sich die Unterschiede zwischen diesen beiden Friedenskulturen erklären will, muss bei allen zuvor aufgeführten Parallelen zunächst einmal die Unterschiede zwischen den beiden vorangegangenen Kriegen in den Blick nehmen. Derjenige, der zur französischen Niederlage von 1814 führte, wurde in letzter Konsequenz nicht gegen Frankreich insgesamt, sondern gegen Napoleon I. geführt.[17] Die Verbündeten kämpften gegen den permanenten Eroberungstrieb des französischen Kaisers, der nicht bereit schien, eine internationale Ordnung zu akzeptieren, die ebenso den legitimen Interessen der übrigen Mächte Rechnung trug. Das erleichterte in der Nachkriegszeit die rasche Integration des Frankreichs der Restauration. Im Gegensatz dazu war der Erste Weltkrieg wirklich ein Krieg der Völker.[18] Hieraus resultierte 1919 wiederum die Überzeugung der Sieger, nicht nur die Eliten, sondern die gesamte Bevölkerung der Besiegten bestrafen zu müssen. Wilsons Vision eines Verständigungsfriedens konnte sich dagegen nicht durchsetzen.[19]

Zudem gab es in diesem Zusammenhang noch einen anderen wichtigen Unterschied: Obwohl der Kampf gegen Napoleon I. in Spanien, Tirol und schließlich auch in Deutschland zeitweise durchaus Züge eines Volkskampfes annahm, blieb er jedoch am Ende ein traditioneller Krieg, der von den hergebrachten aristokratischen Eliten des Ancien Régime geführt wurde, die sich wiederum ihre Kriegsziele keineswegs von populären Stimmungen vorschreiben ließen. Insofern markiert diese militärische Auseinandersetzung eine Scheidelinie – einerseits zwischen den Kabinettskriegen des frühneuzeitlichen Mächtesystems und den großen Volkskriegen des anbrechenden Zeitalters der Nationalstaaten; andererseits zwischen der Vorherrschaft der aus der Zeit des Absolutismus stammenden leichter steuerbaren Autokratien und den sich bald zunehmend Bahn brechenden, im Hinblick auf ihren Gefühlshaushalt schwerer kalkulierbaren Demokratien. Der Erste Weltkrieg war hingegen weitgehend durch den neuen Kriegs- und Gesellschaftstypus geprägt und erfasste die Bevölkerungen aller kriegführenden Staaten, sodass sich zunehmend ein absoluter Hass auf den Gegner entwickelte – ein Hass, der Züge einer veritablen Feindideologie annahm, zumal er auf allen Seiten von der Kriegspropaganda weiter angestachelt wurde.

Schließlich waren auch die jeweiligen Friedenskonferenzen völlig verschieden: Der Wiener Kongress war "ein europäischer Friedensvollzugskongress";[20] der eigentliche Friedensschluss mit Frankreich war bereits im Mai 1814 erfolgt und zudem in relativ milder Form, sodass er zumindest von der neuen französischen Führung akzeptiert wurde.[21] Den Unterhändlern in Paris wiederum oblag hundert Jahre später tatsächlich die schwierige Aufgabe, überhaupt erst einen Frieden auszuhandeln. Auch versammelten sich in Wien noch einmal die Repräsentanten des Ancien Régime.[22] Ungeachtet einzelner Querelen herrschte in dieser sozialen Schicht eine grenzüberschreitende Solidarität, die durch die vorangegangene gemeinsam bestandene Herausforderung noch verstärkt wurde und die in der pompösen Festkultur während des Wiener Kongresses ihre sinnliche Bekräftigung, ja Wiederauferstehung erfuhr. Ein Jahrhundert später war in Paris von einer solchen ideellen und sozialen Homogenität nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Hier dominierten oft egoistische Nationalinteressen und krude Ressentiments.

Urteil der Historiker

Die heutige Geschichtsschreibung erkennt sowohl die relative Weisheit jener an, die sich 1814/15 in Wien versammelten, als auch die Zwänge, denen die Unterhändler in Paris 1919/20 unterlagen.[23] Das war zunächst mitnichten der Fall: Zeitgenössisch wurden die Ergebnisse des Wiener Kongresses zumindest von liberalen Kritikern als ein rückwärtsgewandtes Geschacher um Einfluss und Territorien diskreditiert. Im Zeichen der aufkommenden Nationalstaaten wurde auch die Wiener Absage an den Gedanken des Selbstbestimmungsrechts der Völker kritisiert. Erst nach den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts brach sich zunehmend die Erkenntnis Bahn, dass der Wiener Kongress immerhin eine lang andauernde Friedensphase eingeleitet hatte. Folgerichtig wurden nun die Akteure der Pariser Friedenskonferenz und die von ihnen geschaffene Nachkriegsordnung kritisiert, weil sie offenbar nur den Boden für einen neuen "Großen Krieg" bereitet hatten. Zwischenzeitlich ist auch dieses Urteil milder geworden, weil anerkannt wird, dass die Politiker in Paris nicht wie jene in Wien der öffentlichen Meinung in ihren Ländern mit Gleichgültigkeit begegnen und sich in der neu angebrochenen "Zeit der Ideologien"[24] auch nicht frei von dem verbreiteten politischen Freund-Feind-Denken machen konnten.

Gleichzeitig ist die Wiener Nachkriegsordnung mittlerweile geradezu zum "kollektiven Sicherheitssystem" und damit zum Vorreiter multi- und supranationaler Strukturen unserer Tage überhöht worden.[25] Das ist einerseits nachvollziehbar: Wie der spätere Völkerbund und die heutigen Vereinten Nationen versuchte das Europäische Konzert nach 1815, die anarchischen und zentrifugalen Tendenzen der internationalen Politik durch verbindliche (Rechts-)Normen und Zwangsmechanismen auszugleichen.

Andererseits ist diese Analogie aber gleich in mehrfacher Hinsicht überspitzt: Erstens fehlten dem Europäischen Konzert wesentliche Attribute der kollektiven Sicherheitssysteme des 20. und 21. Jahrhunderts – die breite Basis in der Völkergemeinschaft, die Institutionalisierung und Permanenz der Beratungen, das differenzierte Sanktionsinstrumentarium.

Zweitens verkennt die heute verbreitete Idealisierung des Europäischen Konzerts dessen Realität: Eine alle Großmächte einbeziehende Abstimmung im engeren Sinne wurde lediglich über wenige Jahre praktiziert – in Form der Treffen von Aachen (1818), Troppau (1820), Laibach (1821) und Verona (1822). Danach wurde sie durch den zunehmenden ideologischen Gegensatz zwischen Ost- und Westmächten in der Frage eines etwaigen Interventionsrechts im Falle neuer Revolutionen konfliktuell aufgeladen: hier die aktionsbereiten Autokratien Russland, Österreich und Preußen, dort die zurückhaltenderen Verfassungsstaaten Großbritannien und Frankreich. Dadurch zerfiel der regelmäßige Konzertierungsmechanismus erneut zum reinen Ad-hoc-Krisenmanagement, wobei statt Einstimmigkeit wechselnde Zweckbündnisse dominierten. So löste sich Großbritannien nicht nur aus Protest gegen dessen zunehmend reaktionäre Praxis aus den Verbindlichkeiten des Kongresssystems, sondern auch, um sich neue Märkte in den ehemaligen spanischen Kolonien in Südamerika zu erschließen sowie mit den neuen europäischen Verfassungsstaaten potenzielle Verbündete zu gewinnen. Und in der zweiten Hälfte der 1820er Jahre intervenierte Russland Seite an Seite mit den Westmächten zugunsten der griechischen Unabhängigkeitsbewegung und damit gegen den politischen und territorialen Status quo in Europa.

Durch den Übergang in die Ära der konflikt-, ja kriegsträchtigen, weil rein machtgestützten Realpolitik Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Krimkrig von 1853 bis 1856 als erstem Höhepunkt, sowie schließlich in jene des Nationalismus verlor das in Wien beschworene gemeinsame ius publicum europaeum (europäisches öffentliches Recht) dann weiter an Bedeutung, sodass schließlich 1914 noch nicht einmal mehr die letzte verbliebene Leitidee dieser internationalen Friedenskultur, die Verhinderung eines neuen "Großen Krieges", Konsens war. Nicht zuletzt ist drittens zu bedenken, dass der Preis für die relative Stabilität der Wiener Nachkriegsordnung die jahrzehntelange scharfe Repression der liberalen und nationalen Bewegungen in Europa war.

Lehren für die Gegenwart

Ist damit der positive Gehalt des Wiener Kongresses gänzlich relativiert? Keinesfalls: Die dortige Verständigungsbereitschaft und die rasche Reintegration des besiegten Frankreichs bleiben ebenso anerkennenswert wie die Einsicht in die Notwendigkeit multilateraler Abstimmung. Eine anachronistische Überhöhung ist gleichwohl fehl am Platze: Der Wiener Kongress und das Europäische Konzert gaben realiter weder im 20. Jahrhundert ein Vorbild ab – nicht 1919 in Paris, als Websters Auftragsstudie faktisch unbeachtet blieb, und erst recht nicht 1945 –, noch können sie es heute sein. Verbindendes Element zwischen dieser Vergangenheit und unserer Gegenwart bleibt allerdings die Erkenntnis, dass eine gleichermaßen mental-kulturelle und nationale Grenzen überschreitende Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit, wie sie nach dem Wiener Kongress längere Zeit bestand, eine unabdingbare Voraussetzung für ein stabiles multipolares internationales System ist. Dies ist umso bedenkenswerter, als angesichts der aktuellen Dämonisierungs- und Ideologisierungstendenzen in der internationalen Politik "eine Meinungsdiplomatie"[26] droht, die den Dialog, ganz zu schweigen vom Ausgleich divergierender Interessen, erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht. Insofern lohnt es tatsächlich, des zweihundertsten Jahrestages des Wiener Kongresses zu gedenken.

Fußnoten

17.
Vgl. P.W. Schroeder (Anm. 8), S. 393ff.; R. Marcowitz (Anm. 9), S. 24ff.
18.
Vgl. N. Beaupré (Anm. 7), S. 19–37.
19.
Vgl. Klaus Schwabe, Weltmacht und Weltordnung. Amerikanische Außenpolitik von 1898 bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, S. 43–77; M. Mazower (Anm. 10), S. 128–152.
20.
Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 1: Reform und Restauration 1789–1830, Stuttgart 1990, S. 543f.
21.
Vgl. Guillaume de Bertier de Sauvigny, La Restauration, Paris 1974, S. 67ff.; R. Marcowitz (Anm. 9), S. 44f.
22.
Vgl. Johannes Paulmann, Pomp und Politik. Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg, Paderborn 2000, S. 108–130; H. Duchhardt (Anm. 7), S. 62–70; R. Stauber (Anm. 7), S. 205–237.
23.
Vgl. H. Duchhardt (Anm. 11), S. 161–196; A. Doering-Manteuffel (Anm. 7), S. 74–80, S. 124–128; H. Möller (Anm. 15), S. 164–175; W. D. Gruner (Anm. 7), S. 213–240. Siehe auch Eva Maria Werners Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
24.
Karl Dietrich Bracher, Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982.
25.
Vgl. bspw. Wolfram Pyta, Konzert der Mächte und kollektives Sicherheitssystem. Neue Wege zwischenstaatlicher Friedenswahrung in Europa nach dem Wiener Kongress, in: Jahrbuch des Historischen Kollegs 1996, München 1997, S. 133–173; Matthias Schulz, Normen und Praxis. Das Europäische Konzert der Großmächte als Sicherheitsrat 1815–1860, München 2009.
26.
"Diplomatie als Geschäft handhaben". Thierry Lentz im Gespräch mit Christoph Heinemann, 26.9.2014, http://www.deutschlandfunk.de/200-jahre-wiener-kongress-diplomatie-als-geschaeft-handhaben.694.de.html?dram:article_id=298615« (14.4.2015).
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Autor: Reiner Marcowitz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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