Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Jörg Gertel

Nomaden – Aufbrüche und Umbrüche in Zeiten neoliberaler Globalisierung

Die Welt ist erneut in Bewegung geraten: Durch Kriege und bewaffnete Konflikte, Armut und Umweltzerstörung sind Millionen von Menschen gegenwärtig auf der Flucht. Für andere ist die tägliche Mobilität, das Pendeln zum Arbeitsplatz oder auch die saisonale Arbeitsmigration Teil ihres Alltags. Eingebunden in diese Dynamiken der Moderne leben auch Nomaden. "Nomaden" – ein Wort, das heute bei vielen Europäern romantische Vorstellungen weckt. Doch nur wenige von uns sind ihnen jemals begegnet. Die Vorstellungen und Zuschreibungen sind umso abenteuerlicher. Nomaden gelten häufig als wild, freiheitsliebend, kriegerisch und geheimnisumwoben. Mobilität wird verklärt. In vielen Ländern, nicht nur Afrikas und Asiens, sind Nicht-Sesshafte den Behörden ein Dorn im Auge. Mit Herden und Zelten dem Regen und der Weide zu folgen, wird regelmäßig als Paradebeispiel für Rückständigkeit und Unzivilisiertheit verurteilt. Eine ganz andere Seite am Nomadentum hat in jüngerer Zeit die Tourismusbranche entdeckt: Nomadische Gruppen werden in Werbeprospekten häufig als vom Aussterben bedrohte, seltene Kulturen inszeniert, die es möglichst bald vor ihrem Verschwinden zu erleben gilt. Wieder andere denken bei Nomaden vor allem an die großen Dürren und Hungerkrisen der 1970er und 1980er Jahre, die viele afrikanische Tierhalter der Verarmung ausgesetzt und in die Slums von großen Ballungszentren getrieben haben.

Doch wie steht es gegenwärtig um die Nomaden? Ist ihr Überleben im Zeitalter der Globalisierung angesichts veränderter politischer, kultureller und sozioökonomischer Rahmenbedingungen tatsächlich bedroht? Und wenn ja, wie reagieren Nomaden in unterschiedlichen Teilen der Welt auf neue Risiken, denen sie und ihre Tiere ausgesetzt sind? Welche Vorteile bietet nomadische Viehhaltung angesichts steigender Nahrungsmittel- und Energiepreise? Können nomadische Produktionssysteme in Zeiten globaler Hunger- und Finanzkrisen gar ein Zukunftsmodell sein?

Bevor diese Fragen aufgegriffen werden, sind zunächst einige Merkmale herauszustellen:[1] Offensichtlich ist Mobilität für nomadische Gruppen von zentraler Bedeutung. Viele Nomaden erschließen sich durch Weidewanderungen unterschiedlichster Radien und Frequenzen den Zugang zu natürlichen und sozialen Ressourcen. Entsprechend sind Nomaden Menschen, deren Alltag durch permanente oder zyklische Mobilität gekennzeichnet ist. Jedoch existieren auch andere Formen der Mobilität, wie etwa die saisonale Wanderarbeit durch sogenannte Dienstleistungsnomaden. Allerdings haben auch Nomaden ein Territorium, bedeutsame Orte und eine Heimat, in der sie sich bewegen. Weiterhin ist festzuhalten, dass Nomaden und Sesshafte in ihrer langen Geschichte durch wirtschaftliche, politische und kulturelle Austauschprozesse eng miteinander verbunden sind. Nomadismus ist kein separates gesellschaftliches Phänomen, kein Sonderweg menschlicher Lebensformen, sondern Teil des ineinandergreifenden gesellschaftlichen Gefüges. Nomadische Vorstellungen von sozialer Ordnung, Moral, Recht und Werten stehen dabei in permanenter Wechselwirkung mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. Eine weitere grundlegende Position hängt mit den vielfältigen Ausprägungen nomadischer Lebensweisen sowie mit verschiedenartigen Organisationen extensiver Weidewirtschaft zusammen. Letztere ist durch die Nutzung großer bis sehr großer Flächen gekennzeichnet und reicht von der nomadischen Nutzung in den Trockengebieten bis zur industriellen Schafzucht in Neuseeland, dem Ranching in den semiariden (überwiegend trockenen) Gegenden der westlichen USA oder der Rinderhaltung in der südamerikanischen Pampa. Angesichts der Vielfalt nomadischer Lebenswelten ist daher nicht von einem eindeutigen Kern des "Nomadischen" zu sprechen. Viel eher sind Flexibilität und die ständige Anpassung an sich wandelnde ökologische und sozioökonomische Bedingungen typische Kennzeichen des Nomadismus. Der nomadische Alltag ist vor allem durch zwei Aspekte geprägt, die im Folgenden genauer betrachtet werden: dem mobilen Zugang und der flexiblen Nutzung von Land – besonders Weideland – und von den Möglichkeiten der Vermarktung ihrer Produkte in einer globalisierten Welt.

Weideland: Niemandsland oder Jemandsland?

Für Nomaden und andere Viehhalter ist Weideland von besonderer Bedeutung. Es erstreckt sich über etwa 40 Prozent der Landoberfläche der Erde. Allein seine extensive nomadische und pastorale Nutzung[2] liefert zehn Prozent der globalen Fleischproduktion und ermöglicht die Existenzsicherung von 100 bis 200 Millionen Haushalten. Im Vergleich zur intensiven industriellen Bewirtschaftung ist die extensive Weidenutzung nachhaltiger und wird sogar als produktiver beurteilt.[3] Weideland wird zudem als Ökosystem geschätzt. Es trägt dazu bei, Biodiversität aufrechtzuerhalten, die Auswirkungen des Klimawandels abzufedern und Desertifikation (Wüstenbildung) Widerstand zu leisten.[4] Nomadische Landnutzung und extensive Weidewirtschaft konkurrieren allerdings immer stärker mit anderen Formen der Landnutzung. Ausgreifende Urbanisierung, landwirtschaftliche Erschließungen und staatliche Interventionen entfalten territoriale Wirkungen und manifestieren sich häufig in neuen Eigentums- und Landrechten. Mehr denn je leisten wirtschaftliche Globalisierung und der risikobehaftete Finanzkapitalismus diesen Entwicklungen Vorschub; sie verändern unsere Lebensbedingungen nicht nur an der Oberfläche. Der globale Neoliberalismus – die Zurückdrängung staatlicher Regulationsmacht und die Privatisierung wirtschaftlicher Organisation – hinterlässt gesellschaftliche Tiefenwirkungen. Weiderechte sind massiven Veränderungen ausgesetzt, mit teilweise gravierenden Folgen. Gemeinschaftliche Nutzungen von Land und insbesondere von Weiden, die rechtlich nur schwach geschützt sind, verschwinden und unterliegen der Durchsetzung von Privateigentum. Zudem greifen jenseits von Nomaden und Farmern neue Akteure wie Investoren, Spekulanten und Banken auf das verbleibende Weideland zu. Wie wirken sich diese Dynamiken auf die Perspektiven von Nomaden aus?

Zur Beantwortung dieser Frage sind zunächst die grundlegenden Eigenschaften von Land zu nennen: Land ist vor allen Dingen unbeweglich, es ist immobil, hat eine territoriale Dimension und einen unverrückbaren Standort. Land ist zudem fast immer aufgeladen mit persönlichen Geschichten und Identität, es stellt vielfach eine kognitive Referenz von "Heimat" dar. Darüber hinaus ist Land produktiv. Es kann Erträge hervorbringen und Tiere sowie Menschen ernähren. Schließlich bietet Land Sicherheiten, ökonomische und soziale. Es kann symbolisch und materiell "beliehen" werden. Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte der privaten Aneignung und der staatlichen Regulation von Land- und Weiderechten zu lesen. Vier Phasen bilden das Grundgerüst nomadischer Positionen im globalen Gefüge ambivalenter Landrechte; diese überlagern sich und entfalten je nach regionalem Kontext unterschiedliche Auswirkungen.

An erster Stelle ist gerade für Europa die Auflösung der Allmende zu nennen, also des gemeinschaftlich genutzten und öffentlich zugänglichen Landes. Gemeinschaftseigentum wurde im Laufe der Geschichte – besonders drastisch im England des 16. Jahrhunderts – zunehmend durch Hecken oder Zäune begrenzt und privat angeeignet.[5] Zweitens ist die europäische Kolonialherrschaft anzuführen, die vielfach mit Einsatz direkter Gewalt, insbesondere in Afrika und Asien, völlig neue Grenzen zog. Dadurch trennte sie lokale Gesellschaften – besonders nomadische Gruppen – territorial, brachte neue politische (nationale) Gebilde hervor und veränderte traditionelle Landrechte grundlegend. Allein das British Empire besetzte und prägte im Laufe der Zeit mehr als ein Viertel der globalen Landfläche nach seinen Vorstellungen – die größte Landschaftstransformation unter kolonialen Bedingungen.[6] Traditionelle Landrechte und ihre Relikte existieren seither nur noch parallel zu nationalen, staatlichen Ansprüchen. Dies befördert gegenwärtige Konfliktkonstellationen bei der Nutzung von Weideland. Drittens entstanden mit der internationalen Blockbildung nach dem Zweiten Weltkrieg parallel zu kapitalistischen auch sozialistische Eigentumsregime, wodurch sowohl Land als auch andere Produktionsmittel wie Tiere kollektiviert wurden. Dies betraf nicht nur Osteuropa und Asien, sondern strahlte als arabischer beziehungsweise afrikanischer Sozialismus auch bis Syrien, Ägypten und Tansania aus. Bestehende Eigentumsverhältnisse, traditionelle sowie koloniale Landrechte, etwa britischer oder französischer Provenienz, wurden außer Kraft gesetzt oder nochmals überlagert.

Seit den 1980er Jahren greift im Nachgang der internationalen Schuldenkrise als viertes Prozessbündel die neoliberale Globalisierung, die mit großem Druck weltweit auf die Privatisierung von Land und anderen Eigentumsrechten setzt.[7] Nach der Devise "mehr Markt, weniger Staat" mussten postkoloniale Regierungen ihre Wirtschaften öffnen, restriktive Sparmaßnahmen umsetzen, Zollschranken abbauen und ausländische Direktinvestitionen zulassen. Auch in den postsozialistischen Ländern fanden seither massive Privatisierungsschübe statt. Produktionsgenossenschaften und Volkskommunen wurden aufgelöst, die Herden wie etwa in der Mongolei oder in China/Tibet an die lokale Bevölkerung verteilt und neue private Rechte durch die Vergabe von Lizenzen zur Pacht von Weiden vergeben.[8]

Land wird damit immer mehr zum Spekulationsobjekt; eine Entwicklung, die beschleunigt wird durch die internationale Finanzkrise seit 2008, da die Anleger auf der Suche nach neuen Sicherheiten nun wieder in Land investieren. Jüngster Ausdruck ist der Kauf oder die langjährige Pacht von Agrarflächen durch ausländische Investoren.[9] Im Gegensatz zum europäischen Kolonialismus erfolgt diese Landnahme kaum noch mit direkter Gewalt, auch wenn sie im Einzelnen Vertreibungen zur Folge hat. Sie wird vielmehr über Verträge abgewickelt, greift häufig zeitversetzt und wenig sichtbar in lokale Zusammenhänge ein.[10] Diese Aneignung von Land erfolgt daher zwar selektiv und fragmentiert, dennoch wird Weide- und Agrarland der lokalen Bevölkerung systematisch für Jahrzehnte oder gar für immer entzogen. Bei solchen "kalten Enteignungen" wird vor allem indirekte Gewalt wirksam; eine Gewalt, die ins Sozialsystem eingeschrieben ist und den Abstand zwischen dem Potenziellen (dem was hätte sein können) und dem Aktuellen (dem was ist) vergrößert.[11]

Neben der ökonomischen stehen zwei weitere Perspektiven im Fokus: die von Nomaden und die von Staaten. Aus nomadischer Sicht ist zu bedenken, dass Weideland kein homogenes Territorium darstellt, sondern sich sehr komplex gliedert, etwa in sonnen- oder windexponierte, schattige, trockene, wasserreiche oder salzhaltige Böden und Orte, die komplementäre Eigenschaften für eine pastorale Nutzung hervorbringen. Natürliche Ressourcen sind weit und spärlich über ein Territorium verteilt und nur saisonal und unter bestimmten Umständen nutzbar. Große Erfahrung ist notwendig, um mit der Variabilität von Niederschlägen, der spezifischen Herdenkomposition, dem lageabhängigen Bewuchs und den schwer vorauszusehenden Nutzungsansprüchen von Dritten umzugehen. Dies alles muss zusammenhängend bewertet werden, um die Ansprüche an Weiden saisonal und institutionell zu justieren. Nomadische Weidenutzung ist daher gleichzeitig mobil, hochgradig flexibel und jedenfalls sensibel. Fällt nur eine Weide aus, kann dies das gesamte Nutzungsgefüge bedrohen.

Staatliches Handeln spielt für den Status und die Nutzung von Land ebenfalls eine besondere Rolle: Der Staat kann Grenzen um und durch Standorte errichten; Enteignungen, Deportationen und Vertreibungen veranlassen oder dulden, also Heimat entziehen; er kann Produktionsmöglichkeiten einschränken und Rechtsansprüche, aus denen Sicherheiten abzuleiten wären, verwehren. Moderne Staaten haben die territorialen Hoheitsrechte und das Gewaltmonopol inne. Nomadisches Weideland versperrt sich allerdings bis heute oft staatlicher Kontrolle: Es liegt in der Regel entfernt von sesshaften, städtischen Zentren, erstreckt sich häufig über Grenzgebiete und umfasst Wüsten oder Gebirge. Aus Sicht der Sesshaften, also aus der Perspektive von Planern, Bürokraten und Investoren, wird es als weitgehend unbewohnt wahrgenommen und offen für die Landnahme und die Aneignung von außen angesehen. In diesem Sinne scheint Weideland einem ungeregelten Niemandsland nahezukommen. Analog steht das Nomadische wie kaum ein anderer Begriff nicht nur gegenwärtig für das Fremde, das nicht Eigene. Immer wieder wurden und werden mit Nomaden von staatlicher Seite auch Bedrohung und Unsicherheit assoziiert. Die lange Geschichte der Interaktionen zwischen Nomaden und Sesshaften spiegelt dieses Spannungsfeld von räumlich mobiler, zeitlich flexibler, individuell nicht festgeschriebener Ressourcennutzung gegenüber standortfester, invariabler und fixierter Ressourcennutzung wider, die sich in der gesellschaftlichen Differenzkonstruktion von Sesshaften/Nomaden und Eigen/Fremd festschreibt.[12] Unbestimmtheiten scheinen bedrohlich, nomadisches Weideland muss vermessen, eingeteilt, reguliert und "von Jemandsgrammatik überlagert und vereinnahmt werden".[13]

Weideland ist allerdings weder ein "unbesetzter Raum", noch ein "Raum ohne Ansprüche" und aus Sicht der Nomaden auch kein unbestimmter "Zwischenraum". Im Gegensatz zu einem utopischen Niemandsland war und ist sowohl der Zugang als auch die Nutzung von Weideland geregelt; zwar nicht (immer) durch den Staat und kaum durch private Rechte an Land, sondern vielmehr durch lokale Nutzergruppen und ihre Gewohnheitsrechte. Allerdings ändert sich dies dramatisch: Sowohl der Staat als auch globale Marktmechanismen lösen traditionelle Weiderechte und nachhaltige Nutzungsformen auf.

Fußnoten

1.
Vgl. Jörg Gertel/Sandra Calkins (Hrsg.), Nomaden in unserer Welt, Bielefeld 2011.
2.
Pastoral bedeutet eine Landnutzung mit extensiver Weidewirtschaft, die im Gegensatz zur nomadischen stationär betrieben wird.
3.
Vgl. Ian Scoones, Living with Uncertainty: New Directions in Pastoral Development in Africa, London 1995.
4.
Vgl. Henning Steinfeld et al., Livestocks Long Shadow, Rom 2006.
5.
Vg. Nicholas Blomley, Law, Property, and the Geography of Violence: The Frontier, the Survey, and the Grid, in: Annals of the Association of American Geographers, 93 (2003) 1, S. 121–141.
6.
Vgl. A.J. Christopher, The British Empire at Its Zenith, London–New York 1988.
7.
Vgl. Bertram Turner/Melanie G. Wiber, Paradoxical Conjunctions: Rural Property and Access to Rural Resources in a Transnational Environment, in: Anthropologica, 51 (2009), S. 3–14.
8.
Vgl. Carol Kerven, Prospects of Pastorialism in Kazakstan and Turkmenistan. From State Farms to Private Flocks, London–New York 2003; Herrmann Kreutzmann (Hrsg.), Pastoral Practices in High Asia, Dordrecht u.a. 2012.
9.
Vg. Marc Edelman/Carlos Oya/Saturnino M. Borras, Global Land Grabs: Historical Processes, Theoretical and Methodological Implications and Current Trajectories, in: Third World Quarterly, 34 (2013) 9, S. 1517–1531.
10.
Vgl. Jörg Gertel/Richard Rottenburg/Sandra Calkins (Hrsg.), Disrupting Territories: Land, Commodification and Conflict in Sudan, Woodbridge 2014.
11.
Vgl. Johan Galtung, Gewalt, Frieden und Friedensforschung, in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kritische Friedensforschung, Frankfurt/M. 1971, S. 55–104.
12.
Vgl. dazu die Ergebnisse des Sonderforschungsbereichs "Differenz und Integration" unter http://www.nomadsed.de«.
13.
Jens Badura, Niemandsland – Sondierungen zur Ethik im Kontext der Mondialisierung, in: Susanne Kollmann/Kathrin Schödel (Hrsg.), PostModerne De/Konstruktionen, Münster 2004, S. 61–75, hier: S. 61.
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Autor: Jörg Gertel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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