Nomaden-Zelt - usbekische Jurte
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15.6.2015 | Von:
Robert Kindler

Sesshaftmachung als Unterwerfung – Die kasachischen Nomaden im Stalinismus

Die Sowjetunion sollte nicht nur der Staat der Arbeiter und Bauern sein, sie war auch die Heimat zahlreicher Nomaden. Insbesondere an den Peripherien des Vielvölkerreiches, im Norden und Osten Sibiriens, in den Steppenregionen Zentralasiens und im Kaukasus gab es in den Jahrzehnten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges eine Vielzahl nomadischer Gemeinschaften. Doch im Sowjetstaat war für sie auf Dauer kein Platz vorgesehen. Aufgrund ihrer Mobilität waren sie nur schwer kontrollierbar, und oft genug konnten sie sich den Anforderungen und Zumutungen der herrschenden Bolschewiki buchstäblich entziehen. Damit geriet das Projekt sowjetischer Staatsbildung insgesamt in Gefahr. Wo unklar war, wo sich die Untertanen überhaupt aufhielten, konnte von effizienter Herrschaftsdurchsetzung keine Rede sein. Deshalb wurden Kontrolle und Unterwerfung der Nomaden unter die Diktatur des sowjetischen Staates zu einem zentralen Ziel bolschewistischer Politik in Kasachstan; das Mittel, um es zu erreichen, war die Sesshaftmachung.[1]

Nomadismus als Herausforderung

Nirgends sahen sich die Bolschewiki durch den Nomadismus stärker herausgefordert als in Kasachstan.[2] Die zentralasiatische Sowjetrepublik gehörte zwar mit einer Fläche von rund 2,7 Millionen Quadratkilometern zu den größten administrativen Einheiten der Sowjetunion, doch war sie nur dünn besiedelt. 1926 lebte hier eine multiethnische Bevölkerung von etwas mehr als 6 Millionen Menschen. Mit rund 3,6 Millionen stellten die Kasachen die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe, an zweiter Stelle folgten mit knapp 1,3 Millionen Russen, hinzu kamen Ukrainer, Usbeken, Polen, Chinesen und Angehörige anderer nationaler Gruppen. Beinahe drei Viertel aller Kasachen waren Mitte der 1920er Jahre Nomaden oder Halbnomaden. Einige sowjetische Ethnologen beschrieben die Kasachen zu dieser Zeit als ein Volk, das mehrheitlich im Übergang zur Sesshaftigkeit begriffen sei.[3]

Dessen ungeachtet taten sich die Bolschewiki schwer damit, gegenüber den Nomaden staatliche Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Ein frustrierter Sowjetfunktionär brachte das Problem zu Beginn der 1920er Jahre auf den Punkt: "In unseren Beziehungen mit den Bauern ist es (…) möglich, viel zu nehmen und wenig zu geben, aber mit den Nomaden ist dies nicht möglich – sie ziehen einfach weg."[4] Dies lag auch daran, dass der sowjetische Staat in der Steppe weitgehend auf dem Papier existierte; seine Institutionen waren vielfach hohl und handlungsunfähig.

Mit ähnlichen Verhältnissen hatten die Funktionäre auch in vielen anderen Regionen der Sowjetunion zu kämpfen, doch in Kasachstan verschärften die (halb)nomadische Kultur und die desolate Infrastruktur die damit verbundenen Probleme erheblich. Die Bolschewiki mussten sich daher notgedrungen auf Formen punktueller und interventionistischer Herrschaft beschränken und überließen die Landbevölkerung ansonsten weitgehend sich selbst. Für die meisten Nomaden waren dies gute Nachrichten. Sie legten keinen Wert auf die Anwesenheit des Staates und seiner Vertreter, die ihnen in der Regel ohnehin nur mit Forderungen und Zumutungen gegenübertraten.

Die 1920er Jahre stellten aus Sicht vieler Kasachen keinen fundamentalen Bruch mit der russischen Kolonialherrschaft in Zentralasien vor 1917 dar. Auch das zarische Imperium hatte nach der militärischen Eroberung der Region Mitte des 19. Jahrhunderts kaum wirksame Mittel gefunden, die Nomaden dauerhaft und effizient seinem Herrschaftsanspruch zu unterwerfen. Besonders deutlich wurde dies 1916, als in Zentralasien ein Aufstand losbrach, der sich an der Rekrutierung junger Muslime für die zarische Armee entzündete, aber eigentlich gegen die russische Kolonialherrschaft gerichtet war. Der Bürgerkrieg nach dem Ende des Zarenreiches und die damit verbundene Hungersnot hatten die Steppe noch weiter erschüttert und die Bevölkerung gelehrt, nicht an fremde Obrigkeiten zu glauben, sondern sich auf die eigenen Fähigkeiten zu verlassen.[5]

Die Bolschewiki gingen als Sieger aus dem siebenjährigen "Kontinuum der Krise" zwischen 1914 und 1921 hervor, in dem sich die Gewalterfahrungen des Ersten Weltkrieges, der Revolutionen des Jahres 1917 und des anschließenden Bürgerkrieges miteinander verbanden.[6] Doch der militärische Triumph der Roten Armee reichte nicht dazu aus, dass die Bevölkerung die Legitimität der Sowjetmacht anerkannte. Deshalb agierten die Bolschewiki in vielen Regionen wie Besatzer in einem fremden Land. Gewalt, Unterdrückung und Repressionen wurden zu zentralen Elementen ihrer Herrschaftsausübung.[7] Mit solchen Methoden gelang es nicht, die Sowjetmacht in der Steppe zu etablieren. Selbst führende kasachische Kommunisten gestanden dies Mitte der 1920er Jahre offen ein. Immer wieder machten Abgesandte des Zentrums in den abgelegenen Regionen die Erfahrung, dass die Autorität zentraler Institutionen immer nur so weit reichte, wie lokale Strukturen es gestatteten. Personale Netzwerke, die nach regionaler und verwandtschaftlicher Zugehörigkeit organisiert waren, instrumentalisierten die machtlosen Institutionen des sowjetischen Staates in der Provinz für ihre eigenen Zwecke. Dabei ging es einerseits um die Sicherung von materiellen Vorteilen, andererseits aber nutzten konkurrierende kasachische Klans Sowjetwahlen, Parteizellen und staatliche Organe in der Provinz für ihre Auseinandersetzungen untereinander.

Auch in ökonomischer Hinsicht hatten die Bolschewiki kaum Zugriff auf die Gesellschaft der Steppe, da die Schlüsselressourcen der Region – die Viehbestände – weitgehend von den Kasachen kontrolliert wurden. Damit war jedoch ein weiteres Problem verbunden: Insbesondere im Norden und Osten Kasachstans gerieten die (halb)nomadischen Viehhirten mit dort ansässigen Bauernsiedlern in Konflikt, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus dem europäischen Teil des Imperiums dorthin gezogen waren. Diese Migrationsbewegung riss auch nach 1917 nicht ab. Doch je mehr Bauern für den Ackerbau geeignete Flächen beanspruchten, desto weniger Weideland stand den Nomaden zur Verfügung.[8]

Der schwache sowjetische Staat war nicht in der Lage, die daraus resultierenden Spannungen aufzulösen und einvernehmliche Lösungen zu finden. Dies war auch deshalb schwierig, weil es zu den Prämissen der sowjetischen Nationalitätenpolitik gehörte, Angehörige der ehemals "unterdrückten" Nationen besonders zu fördern. Stalin hatte dies auf die berühmte Formel gebracht, die sowjetische Politik in den Unionsrepubliken solle "national in der Form, sozialistisch im Inhalt" sein.[9] Die Kasachen profitierten von der positiven Diskriminierung, die alle Bereiche des Lebens erfasste, von der Landverteilung bis hin zur Besetzung von Staats- und Parteiämtern. Wie in anderen Regionen der Sowjetunion auch, regte sich unter den europäischen Einwohnern Kasachstans erheblicher Widerstand gegen diese Praxis. Dabei konnten sie zumindest auf einige Fürsprecher in der Staats- und Parteiführung hoffen, die wenig mit der Bevorzugung indigener Bevölkerungsgruppen anfangen konnten.

Angesichts dieser Umstände kann es kaum verwundern, dass intensiv über die Zukunft des Nomadismus und mögliche Formen der Sesshaftmachung debattiert wurde. Die Diskussion darum war keineswegs neu; bereits im russischen Imperium hatten Wissenschaftler und Politiker, aber auch eine kleine Gruppe reformorientierter Kasachen das Ende des Nomadismus propagiert. Während erstere diesen Schritt als elementaren Bestandteil ihrer kolonialen "Zivilisierungsmission" begriffen, verstanden letztere die Sesshaftwerdung als Voraussetzung für die Konstituierung einer kasachischen Nation. Im Kern ging es bei all diesen Debatten immer um dieselben Punkte: Die nomadische "Rückständigkeit" und "Unkultiviertheit" sollten überwunden, die Viehhaltung rationalisiert und damit ihre Produktivität gesteigert werden, und schließlich sollten die mobilen Nomaden in verlässlicher Weise staatlicher Kontrolle unterworfen werden. Damit verband sich aus russischer Perspektive auch der Wille, neue Territorien für Bauernsiedler zu erschließen, die nach Zentralasien zogen. Grundsätzlich änderte sich an diesen Zielen nach 1917 zunächst wenig.

Die organisierte Sesshaftmachung war bei alldem ein eher theoretisches Problem, dem abgesehen von einigen Spezialisten niemand besondere Aufmerksamkeit schenkte. Stets waren auch kritische Stimmen zu vernehmen, die vor den verheerenden Folgen einer unüberlegten Sesshaftmachung warnten. So hieß es etwa in einer Studie zur Lage der kasachischen Ökonomie: "Die Zerstörung des nomadischen Wesens in Kasachstan würde nicht nur das Ende der Viehhaltung in der Steppe und der kasachischen Wirtschaft bedeuten, sondern auch die trockenen Steppen in unbewohnte Steppen verwandeln."[10] Doch als sich die gesamte sowjetische Politik Ende der 1920er Jahre massiv radikalisierte, wurde der geplante Übergang zur Sesshaftigkeit praktisch relevant. Denn die stalinsche "Revolution von oben"[11] war auf die Unterwerfung der gesamten Sowjetgesellschaft ausgerichtet. Die kasachischen Nomaden stellten dabei keine Ausnahme dar.

Sesshaftmachung, Kollektivierung, Widerstand

Die Sesshaftmachung der Nomaden war untrennbar mit der Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft verbunden. Dieses gigantische Projekt, das gleichermaßen eine chaotische Gewalteruption, ein staatlich organisierter Raubzug bäuerlichen Vermögens und ein radikaler Angriff auf die traditionellen Lebensformen von Bauern und Nomaden war, vernichtete nicht nur die Kultur des russischen Dorfes, sondern zugleich auch die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Sesshaftmachung der Nomaden. Die Kollektivierung war als Teil der stalinschen "Kulturrevolution" nicht zuletzt darauf gerichtet, der Landbevölkerung ihre Ressourcen zu entziehen und sie von staatlichen Verteilungs- und Produktionsmechanismen abhängig zu machen. Bauern und Nomaden wurden mittellos.

Was aus Sicht der Bauern eine Tragödie war, bedeutete für die Nomaden eine Katastrophe: Der Verlust ihrer Viehherden war gleichbedeutend mit dem Verlust ihrer ökonomischen und kulturellen Existenzgrundlagen. Ohne Vieh konnten die Kasachen keine Nomaden mehr sein, sie wurden zu Bettlern. Deshalb bedeutete "Sesshaftmachung" für die meisten Nomaden zunächst nichts anderes als den Raub ihrer Tiere durch Repräsentanten des Staates. Damit war auch das Desaster der "planmäßigen" Sesshaftmachung vorgezeichnet. Was sich ursprünglich als lang andauernder und evolutionärer Prozess vollziehen sollte, musste nun innerhalb weniger Jahre umgesetzt werden. In nur vier Jahren, von 1930 bis Ende 1933, sollten mehr als 400000 Haushalte angesiedelt werden, die restlichen Nomaden wenig später folgen. Insgesamt sollten mehr als zwei Millionen Menschen von "Maßnahmen zur Sesshaftmachung" erfasst werden.

So grandios die Absichten sich auch ausnahmen, so bescheiden waren die dafür zur Verfügung stehenden Mittel. Und noch schlechter war es um die Expertise derjenigen Funktionäre bestellt, die die Sesshaftmachung in der Steppe realisieren sollten. Die meisten unter ihnen wussten weder, was sie sich unter dem Begriff vorzustellen hatten, noch waren sie in der Lage, die abstrakten Planvorgaben zu erfüllen. Viele unter den chronisch überforderten Kadern in den Regionen ignorierten die von oben gekommenen Beschlüsse zunächst sogar gänzlich – eine im sowjetischen Apparat angesichts knapper Ressourcen und häufig widersprüchlicher Direktiven durchaus übliche Praxis. Abgesehen von einigen wenigen Modellprojekten, erschöpfte sich die Ansiedlung der nomadischen Bevölkerung meist in der Errichtung einiger unfertiger Lehmhütten, die von den Kasachen entweder niemals angenommen oder eilig wieder verlassen wurden. Schließlich fehlte es an den sogenannten Ansiedlungspunkten an allem: Zum Mangel an Baumaterialien, landwirtschaftlichem Gerät und Saatgut kam das dramatische Missmanagement bei der Auswahl der zur Sesshaftmachung vorgesehenen Orte. Häufig gab es hier kein Wasser, keine fruchtbaren Böden oder Weiden, die für eine erfolgreiche Sesshaftmachung unabdingbar gewesen wären.[12]

Dass die zuständigen Funktionäre den Nomaden solche Ansiedlungsplätze zuwiesen, hatte verschiedene Gründe: Es mangelte ihnen oft an Expertise und Ortskenntnissen, professionelle Landvermesser, Ingenieure und Agronomen waren rar, und insbesondere europäische Kader zeigten wenig Interesse an dem Schicksal der indigenen Bevölkerung. Viele Genossen wollten die wenigen gut für eine landwirtschaftliche Produktion geeigneten Flächen nicht für Experimente mit unklarem Ausgang verschwenden. Denn: Ungeachtet aller Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der Sesshaftmachung standen die Funktionsträger in den Regionen stets unter dem erbarmungslosen Diktat der Planerfüllung. Von ihnen wurde verlangt, die ebenso strikten wie immer wieder erhöhten Ablieferungsquoten für Agrarprodukte zu erfüllen. Mit Menschen, die nur über wenig Erfahrung im Landbau verfügten, war dies jedoch nicht realistisch. Auch deshalb interessierten sich viele Funktionäre auf der lokalen Ebene kaum für die Sesshaftmachung. Diese Mischung aus Desinteresse und fehlenden Ressourcen erwies sich für die Kasachen als fatal, denn so schnitt die Sesshaftmachung sie sowohl von ihren kulturellen Wurzeln als auch von ihren ökonomischen Existenzgrundlagen ab, ohne ihnen adäquaten Ersatz zu bieten.

Die Geschichte der Sesshaftmachungspolitik in Kasachstan war typisch für die Art und Weise, wie im Stalinismus Großprojekte angegangen und Kampagnen geführt wurden. Deshalb weist sie auch über den kasachischen Kontext hinaus und eröffnet grundlegende Einsichten in die Funktionsweise sowjetischer Herrschaftspraktiken: Den führenden Funktionären ging es zunächst vor allem darum, möglichst weitreichende und revolutionäre Ziele zu proklamieren, die in möglichst kurzer Zeit realisiert werden sollten. Auf welchem Wege die epochalen Absichten Realität wurden und welche Schwierigkeiten es dabei zu überwinden galt, spielte eine höchst untergeordnete Rolle.[13] Wer Einwände und Bedenken äußerte, wurde bestenfalls mit Schweigen übergangen, ansonsten heftig kritisiert oder mundtot gemacht. Gesellschaftliche Veränderungen wurden im Stile von Stoßkampagnen unter Aufbietung aller Kräfte und gegen jeglichen Widerstand durchgepeitscht. Auf diese Weise ließen sich Tatkraft und Entschlossenheit demonstrieren. Dies galt insbesondere dann, wenn Pläne scheiterten und Schuldige gefunden werden mussten, die für das Misslingen verantwortlich gemacht werden konnten. Für die Bolschewiki war die Durchsetzung ihrer Pläne deshalb stets gleichbedeutend mit Kampf und Auseinandersetzung. Denn neben dem Erreichen der offiziell verkündeten Ziele ging es ihnen immer auch darum, Feinde zu identifizieren und zu vernichten.

Die Wahrnehmung, permanent von Feinden umgeben zu sein, wurde durch den zunehmenden Widerstand vieler Kasachen gegen Kollektivierung, Dekulakisierung und Sesshaftmachung noch verstärkt. Zunächst bedienten sich die Nomaden der typischen "Waffen der Schwachen",[14] um sich gegen staatliche Übergriffe zur Wehr zu setzen: Sie leisteten passiven Widerstand, boykottierten insgeheim die Planvorgaben oder verliehen ihren Befürchtungen in Form von Bittgesuchen und Demonstrationen Ausdruck. Vor allem aber machten sie sich ihre Mobilität zu Nutze und versuchten, sich den Bevollmächtigten des Staates zu entziehen. Hunderttausende flohen innerhalb Kasachstans, in andere Sowjetrepubliken oder über die Grenze nach China. Damit aber markierten sie sich in den Augen der Bolschewiki als Feinde und Gegner, die es erbarmungslos zu bekämpfen galt.[15]

Gleichzeitig griffen immer mehr Kasachen zu den Waffen, um sich und ihren Besitz zu verteidigen; vielfach ging es ihnen auch nur darum, die Fluchten ihrer Familien zu sichern. Eine signifikante Minderheit leistete zudem offenen Widerstand gegen die Sowjetmacht. Solche bewaffneten Aufstände blieben nicht auf Kasachstan beschränkt, sondern brachen in vielen Regionen Zentralasiens aus. Anfang der 1930er Jahre gelang es Rebellengruppen, ganze Landstriche zu erobern und für einige Zeit zu halten. Das stalinsche Regime beantwortete die Herausforderung mit einer bis dahin unbekannten Gewalteskalation, die sich nicht nur gegen bewaffnete Gegner, sondern auch gegen Flüchtlingstrecks richtete. Insbesondere in den Grenzregionen gingen die roten Einheiten mit aller Härte gegen jene Kasachen vor, die versuchten, die Sowjetunion zu verlassen. Was als Attacke auf Kultur und Lebensweise der Nomaden begonnen hatte, endete in einem brutalen Bürgerkrieg, den die Bolschewiki schließlich aufgrund ihrer überlegenen Kräfte und der sich immer weiter ausbreitenden Hungersnot für sich entschieden.[16]

Hunger

Kollektivierung und Sesshaftmachung zerrütteten die multiethnische Gesellschaft Kasachstans. Die unablässigen Beschaffungskampagnen und Enteignungen ließen sie verarmen. Bereits 1930 gab es erste Hinweise auf lokal begrenzte Versorgungskrisen, die sich in den folgenden Jahren ausweiteten; auch weil die Erfüllung von Ablieferungsplänen dann noch kategorisch eingefordert wurde, als sich die Dimensionen der Katastrophe bereits deutlich abzeichneten.

1932/33 kam es schließlich in weiten Teilen der Sowjetunion zu Hungersnöten, deren Epizentren sich in der Ukraine, im Wolgagebiet, dem Nordkaukasus und Kasachstan befanden. Nach den plausibelsten Berechnungen fielen dem Hunger dieser Jahre in der gesamten Sowjetunion zwischen 5,5 bis 6,5 Millionen Menschen zum Opfer. Davon kamen die meisten Menschen (etwa 3,5 Millionen) in der Ukraine ums Leben.[17] Doch keine Region traf der Hunger härter als Kasachstan: Die zuvor bereits stark in Mitleidenschaft gezogenen Viehbestände wurden endgültig dezimiert, sodass die ökonomische Basis der Republik Mitte 1933 praktisch vollständig vernichtet war. Durch Hunger und die damit verbundenen Krankheiten starben mehr als 1,5 Millionen Menschen: rund ein Drittel der Kasachen beziehungsweise ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Damit war Kasachstan die in Relation zur Gesamtbevölkerung am stärksten vom Hunger betroffene Sowjetrepublik.

Die Hungerkatastrophe bedrohte nicht nur das Leben von Millionen von Menschen, sondern sie zerstörte auch den inneren Zusammenhalt der ohnehin bereits schwer erschütterten Gesellschaft.[18] Solidarität mit Hungernden und Schwachen wurde nun zu einem Luxus, den sich kaum noch jemand erlauben konnte. Auf dem Höhepunkt der Hungersnot herrschten in weiten Teilen Kasachstans grauenhafte Zustände. Von Entbehrungen und Mangel gezeichnete Menschen schleppten sich auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft durch die Steppe. Entlang der Verbindungsstraßen und in den Ortschaften lagen unzählige Leichen. Die Kriminalität nahm nie zuvor gesehene Ausmaße an. Neben dem grassierenden Diebstahl sorgten Berichte über den zunehmenden Kannibalismus für Entsetzen. Die überforderten Behörden registrierten Tausende Fälle, in denen Menschenfleisch verzehrt worden war. Vor allem Kinder in den Epizentren der Katastrophe waren besonders gefährdet.

Viele Vertreter der Staatsmacht reagierten angesichts solcher Verhältnisse kopf- und hilflos. Andere versuchten, sich der Hungernden zu entledigen, um nicht selbst für diese schrecklichen Verhältnisse verantwortlich gemacht zu werden. Dazu war ihnen praktisch jedes Mittel recht: Hungernde wurden auf Lastwagen in entlegene Regionen transportiert und ausgesetzt, Flüchtlinge in Baracken eingesperrt und sich selbst überlassen, Minderjährige pferchten die Behörden in Kinderheime, in denen es an allem fehlte, und die Kinder starben schnell und zahlreich. Solche Methoden erwiesen sich als vollkommen untauglich, die Hungersnot einzudämmen. Im Gegenteil: Die Katastrophe nahm immer dramatischere Ausmaße an, weil sich kaum jemand für die bedürftigen Menschen zuständig fühlte. Aus der Sicht lokaler Funktionäre war es jedoch durchaus rational, die Hungernden aus ihren individuellen Verantwortungsbereichen zu vertreiben. Sie wussten genau, dass sie nicht an der Versorgung bedürftiger Menschen gemessen wurden, sondern daran, ob es ihnen gelang, Planvorgaben zu erfüllen und den öffentlichen Raum zu befrieden.

Die Staats- und Parteiführung verharrte angesichts der Hungersnot keineswegs tatenlos. Doch die Hilfslieferungen, die vom Politbüro ab Sommer 1932 nach langem Zögern bewilligt wurden, reichten nicht aus, um alle Bedürftigen zu versorgen. Wie in anderen sowjetischen Krisengebieten überstieg auch in Kasachstan der Bedarf an Brotgetreide und Saatgut die bewilligten Mengen um ein Vielfaches, und was die Hungernden schließlich erreichte, war auch davon nur noch ein Bruchteil. "Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen": Getreu dieser Maxime sollte Lebensmittelhilfe seit dem Frühjahr 1933 vor allem in Kolchosen, Industriebetrieben und auf Baustellen ausgegeben werden. Damit wuchs die Macht lokaler Funktionäre, die die knappen Bestände kontrollierten. Es war nun für jeden Einzelnen überlebenswichtig, Teil lokal organisierter Distributionsnetzwerke zu sein, innerhalb derer Lebensmittel verteilt wurden. Verwandte, Freunde und Bekannte erhielten dabei häufig den Vorzug vor Fremden und Neuankömmlingen. Deshalb gingen insbesondere die Hungerflüchtlinge, die der Hilfe am dringendsten bedurften, häufig leer aus. Oft galten sie in den Kolchosen als überflüssige Esser, die Vorräte banden, aber aufgrund ihres entkräfteten Zustands kaum Nutzen brachten. Vielfach waren sich daher Funktionsträger und Kolchosmitglieder in ihrer Ablehnung der Neuankömmlinge einig. Aus der Perspektive der einen stellten sie eine Bedrohung für die Planerfüllung dar, aus Sicht der anderen handelte es sich bei ihnen um gefährliche Konkurrenten.

Erst als sich die Gesellschaft der Steppe am Rande des Untergangs befand, konnten sich die Bolschewiki endgültig durchsetzen. Die Hungersnot markierte nicht nur die weitgehende Vernichtung der nomadischen Kultur Kasachstans, sondern auch die Sowjetisierung seiner Bevölkerung. Individuelles Überleben war nun untrennbar mit der Unterwerfung unter die Handlungs- und Herrschaftslogik sowjetischer Institutionen verbunden, denn abseits davon existierten keine nennenswerten Ressourcen mehr. Die Kasachen waren abhängig geworden von jenem Staat, der sie ins Verderben gestürzt hatte.

Als dominierende Lebensform hatte der Nomadismus aufgehört zu existieren. Gleichwohl ließ der Staat seit Mitte der 1930er Jahre wieder vermehrt kasachische Hirten mit Viehherden durch die Steppe ziehen, weil eingesehen wurde, dass sich das ökonomische Potenzial Kasachstans auf diese Art und Weise am besten nutzen ließ.[19]

Erinnerung

Die Hungersnot von 1932/33 war sowohl in der sowjetischen Geschichtsschreibung als auch in der Öffentlichkeit eines der am stärksten tabuisierten Themen. Erst im Zuge von Perestrojka und Glasnost konnte ausgesprochen werden, worüber Jahrzehnte geschwiegen worden war. Dabei gab es jedoch massive regionale Unterschiede. Während etwa die Erinnerung an den "Holodomor" in Teilen der Ukraine als ein Kernelement der ukrainischen nationalen Identität beschworen wurde und wird, existiert in Kasachstan keine auch nur annähernd vergleichbare Gedenkkultur.[20] Die Hungersnot ist hier vor allem Gegenstand akademischer Debatten.

Doch am 31. Mai jeden Jahres wird die Katastrophe in einer breiten Öffentlichkeit thematisiert, wenn der offizielle Gedenktag für die Opfer politischer Repression und des Hungers begangen wird. Zudem wurden in den vergangenen Jahren auch einige Denkmäler errichtet, um der Hungertoten zu gedenken. Damit versucht die kasachische Führung unter dem autokratisch regierenden kasachischen Präsidenten Nursultan Nazarbaev erkennbar, die Balance zwischen unterschiedlichen Ansprüchen zu wahren: So ist es wichtig, den mächtigen Nachbarn Russland nicht zu provozieren, denn die Auseinandersetzungen über den Hunger in der Ukraine sind den Kasachen stets eine Warnung gewesen. Auch innerhalb Kasachstans ist der Hunger ein erinnerungspolitisches Minenfeld. Einerseits muss zumindest ansatzweise dem Bedürfnis vieler Menschen nach kollektiver Anerkennung des Leidens ihrer Vorfahren Rechnung getragen werden, andererseits geht es darum, Erinnerungsdiskurse zu steuern.[21] So soll der Frieden innerhalb der multiethnischen Gesellschaft Kasachstans gewahrt bleiben, der in Gefahr geriete, würde eine Debatte über den Hunger die Fragen von Verantwortung und Schuld aufwerfen.

Hinzu kommt ein dritter Grund, der eine offene Auseinandersetzung auch unter den Kasachen selbst erschwert: Es würde dann nicht mehr genügen, auf Stalin und einige wenige führende Kommunisten als Verantwortliche für die Katastrophe zu verweisen; vielmehr müsste dann auch die Frage nach den Verstrickungen indigener Funktionäre gestellt werden. Schließlich wurde die Hungersnot zwar durch die Kampagnen zur Kollektivierung, Sesshaftmachung und Dekulakisierung "von oben" ausgelöst, ihre Dynamiken wurden jedoch vielfach auf lokaler Ebene bestimmt. Eine Diskussion darüber wird in Kasachstan indessen kaum geführt. Und deshalb ist die Hungersnot in den dominierenden kasachischen Debatten vor allem eine abstrakte "Tragödie", deren Mechanismen aber letztlich unverstanden bleiben – und bis zu einem gewissen Grade auch unverstanden bleiben sollen.

Ähnlich ambivalent ist es um die Erinnerung an die nomadische Vergangenheit Kasachstans bestellt. So wird die offizielle Geschichtspolitik nicht müde, die grandiose nomadische Kultur der Kasachen zu betonen, auf ihr Erbe zu verweisen, es zu inszenieren und zu mythologisieren. Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um einen "von oben" oktroyierten Diskurs, sondern auch um vielfältige und breit rezipierte Inszenierungen der vorkolonialen und vorsowjetischen Vergangenheit, etwa in populären Filmen und Büchern.[22] Zugleich wird die jüngere Geschichte Kasachstans als eine erfolgreiche Industrialisierungs- und Modernisierungsgeschichte erzählt, an der alle in Kasachstan lebenden Nationalitäten ihren Anteil hatten. Der Spagat zwischen diesen unterschiedlichen Narrativen ist nicht immer einfach. Besonders problematisch ist dabei der Umgang mit dem Stalinismus, der die nomadische Kultur zerstörte und mit gewaltsamen Mitteln die Grundlagen für gigantische Industrie- und Infrastrukturprojekte schuf. Die offizielle Geschichtspolitik vermag es nicht, den Terror jener Jahre mit der Erzählung von Aufbau und Fortschritt zu verbinden. In dieser Perspektive kam ersterer als fremde Gewalt über die Gesellschaft, während letztere vor allem als das Werk der multiethnischen Bevölkerung Kasachstans erscheinen.[23]

Die Sesshaftmachung der Nomaden spielt in diesen Narrativen keine wesentliche Rolle. Sie gilt weithin als notwendiger und erfolgreicher Akt des Übergangs und der Überwindung archaischer Lebensweisen. Im kollektiven Gedächtnis werden die mit dieser Politik verbundenen Schrecken durch die traumatischen Erinnerungen an Kollektivierung und Hungerkatastrophe überlagert. Auch deshalb gibt es in der offiziellen kasachischen Erinnerungs- und Geschichtspolitik für die Sesshaftmachung der Nomaden keinen festen Ort.
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Fußnoten

1.
Ausführlich dazu Robert Kindler, Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan, Hamburg 2014.
2.
In diesem Beitrag wird mit "Kasachstan" die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Kasachstan (KASSR) bezeichnet, die ab 1936 zu einer eigenständigen Sowjetrepublik (KSSR) wurde.
3.
Vgl. Isabelle Ohayon, La sédentarisation des Kazakhs dans l’URSS de Staline. Collectivisation et changement social, 1928–1945, Paris 2006.
4.
Zit. nach: Šamšija Muchamedina, Ėkonomi českaja politika sovetskoj vlasti v kazachstanskom regione 1917–1926, in: Voprosy Istorii, (1997) 6, S. 125–132, hier: S. 128.
5.
Detailliert dazu Jörn Happel, Nomadische Lebenswelten und zarische Politik. Der Aufstand in Zentralasien 1916, Stuttgart 2010.
6.
Vgl. Peter Holquist, Making War, Forging Revolution. Russia’s Continuum of Crisis, Cambridge MA 2002.
7.
Vgl. Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012.
8.
Zu den daraus resultierenden Konflikten vgl. Terry Martin, The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Ithaca 2001, S. 59–67.
9.
Vgl. ebd., S. 1–28.
10.
Sergej Švecov, Kazakskoe chozjajstvo v ego estestvenno-istoričeskich i bytovych uslovijach, Leningrad 1926, S. 105.
11.
Vgl. Robert Tucker, Stalin in Power. The Revolution from Above, 1928–1941, New York 1990.
12.
Vgl. R. Kindler (Anm. 1), S. 160–178.
13.
Vgl. exemplarisch für die Industrialisierung während des ersten Fünfjahrplans Stephen Kotkin, Magnetic Mountain. Stalinism as a Civilization, Berkeley 1995.
14.
Vgl. James Scott, The Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance, New Haven 1985.
15.
Vgl. Sarah Cameron, The Sino-Kazakh Border and the Kazakh Famine, in: Timothy Snyder/Ray Brandon (Hrsg.), Stalin and Europe. Imitation and Domination, 1928–1953, New York 2014, S. 44–72.
16.
Vgl. Turganbek Allanijazov, Pozlednij rubež zaščitnikov nomadizma. Istorija vooružennych vystuplenii i posvstančeskich dviženij v Kazachstane (1929–1931gg.), Almaty 2009.
17.
Die Zahlenangaben sind umstritten, und in vielen Arbeiten werden weitaus höhere Opferzahlen genannt. Zur Debatte vgl. Robert W. Davies/Stephen Wheatcroft, The Years of Hunger. Soviet Agriculture, 1931–1933, Houndmills 2004, S. 401.
18.
Zum Folgenden vgl. R. Kindler (Anm. 1), S. 239–274.
19.
Vgl. ebd., S. 312–337.
20.
Vgl. Robert Kindler, Opfer ohne Täter. Kasachische und ukrainische Erinnerung an den Hunger 1932/33, in: Osteuropa, 62 (2012) 3, S. 105–120.
21.
Vgl. etwa die Memoiren von Mukhamet Shayakhmetov, The Silent Steppe. The Story of a Kazakh Nomad under Stalin, London 2006.
22.
Vgl. Rico Isaacs, Nomads, Warriors and Bureaucrats. Nation-Building and Film in Post-Soviet Kazakhstan, in: Nationalities Papers, 43 (2015) 3, S. 399–416.
23.
Vgl. Vystuplenie Prezidenta Respubliki Kazachstan N.A. Nazarbaeva na otkrytii Monumenta pamjati žertv goloda 1932–1933 gg., in: Sbornik materialov meždunarodnoj konferencii "Golod v Kazachstane. Tragedija naroda i uroki istorii", Astana 2012, S. 7–9.
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