Nomaden-Zelt - usbekische Jurte
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Truly Nomadic? Die Mongolei im Wandel


15.6.2015
Kaum ein Staat wird so ostentativ mit Nomadismus assoziiert – ob in Filmen, Bildbänden, bei Fotoausstellungen oder auf der Internationalen Tourismusbörse, auf der die Mongolei im März 2015 mit dem Slogan "Nomadic by Nature" als offizielles Partnerland auftrat – Mongolen gelten als Nomaden par excellence. Es mag daher überraschen, dass diejenigen, die tatsächlich von mobiler Weidewirtschaft leben, sich selbst nicht dieses Begriffes bedienen. Denn: "Nomadism is a category imagined by outsiders",[1] eine externe Zuschreibung von Differenz. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts betrieb jedoch die Mehrheit der mongolischen Bevölkerung extensive Weideviehwirtschaft. Der mobile way of life war somit der Normalfall und bedurfte als kulturelle Selbstverständlichkeit keiner kontrastiven Terminologie. Ebenfalls einzigartig verlief die Modernisierung des Landes mit ihrer dezidierten Ausrichtung auf Gleichstellung bei wechselseitiger Integration von räumlicher und sozialer Mobilität. Vor diesem Hintergrund kritisierten mongolische Wissenschaftler die ab 1990 einsetzende Konjunktur einer diskursiven "Nomadisierung" als Anbiederung an externe Sichtweisen: "If we call ourselves nomadic people it will mean that we are simply a homeless tribe or people having no permanent abode. What kind of people will we be after all?"[2] Wie das Zitat exemplarisch illustriert, erschien das Nomaden-Image vor allem wegen impliziter Assoziationen mit Rückständigkeit problematisch.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Wenn urbane Mongolen heute ihren Staat als "Land der Nomaden" präsentieren, so greifen sie mit dieser Selbstexotisierung ein im maß- und geldgebenden Ausland geläufiges Stereotyp auf, das sich gewinnbringend instrumentalisieren lässt. Ob im Tourismus, in Forschungslandschaften, der Entwicklungspolitik oder in Bezug auf postmoderne Lebensstile – Nomadismus klingt sexy. Häufig ist eine Zuschreibung dieser kollektiven Identität assoziiert mit abstrusen "myths of the nomad",[3] die auf einer starken Anziehungskraft der binären Opposition sesshaft versus nomadisch basieren. Der Historiker Dipesh Chakrabarty hat nicht grundlos konstatiert, dass europäische Kategorien unverzichtbar sind, so inadäquat sie auch sein mögen.[4] In der Mongolei verweist die Verwendungsgeschichte von Termini des "Nomadischen" auf politische Dimensionen kultureller Repräsentation; so ist die Stilisierung als exotisches "Nomadenland" heute exklusiv in kosmopolitischen Settings präsent. Dieses "mapping the Self with the categories of the Other"[5] trägt Züge eines intellektuellen Kolonialismus mit einseitiger Anpassung an hegemoniale Kategorien des Westens. Ob strategisch oder pragmatisch motiviert, eine solche Homogenisierung blendet kulturelle Besonderheiten aus. Werfen wir also einen Blick auf emische[6] Perspektiven und ihre Symbolik:

Im Mongolischen sind zur Beschreibung der traditionellen Lebens- und Wirtschaftsweise Äquivalente des Abstraktums "Nomadismus" ebenso unüblich, wie sich die Akteure selbst "Nomaden" nennen. Ihr Eigenname war und ist malčid, eine denominale Ableitung von mal – "Weidevieh". In diese Rubrik fallen Pferde, Schafe, Rinder (inklusive Yaks), Ziegen und Kamele. Diese Tierarten sind nicht nur Grundlage pastoralen Wirtschaftens (Naturweidewirtschaft), sondern auch kulturprägende Elemente und werden mit der Wortverbindung tavan chošuu mal bezeichnet. Die gängige Übersetzung als "fünf Weidetierarten" ignoriert den unvertrauten Part, der eine kulturspezifische Klassifikation impliziert: Neben der auch andernorts gebräuchlichen Einteilung in Groß- und Kleinvieh unterscheidet man in der Mongolei heiß- und kaltmäulige Tiere (chaluun/chüjten chošuut mal). Hiermit wird weniger auf Körpertemperaturen verwiesen, vielmehr gelten die als heißmäulig bezeichneten Pferde und Schafe als den Menschen besonders nahestehend und eignen sich daher als Opfertiere. Ebenfalls kulturspezifisch ist die Einteilung in Lang- und Kurzbeinvieh. Diese Klassifikation verweist direkt auf pragmatische Aspekte der jüngst als technoscape [7] eurasischer Steppen charakterisierten Graslandökonomie: Die zum Kurzbeinvieh zählenden Schafe, Ziegen und Rinder werden in der Nähe gehütet, während Pferde und Kamele als Langbeinvieh oft unbegleitet in größerer Distanz weiden. Mit diesen fünf Tierarten ist die mongolische Weidewirtschaft in hohem Maße multispezialisiert.

Darüber hinaus existiert in der Taiga der mongolischen Provinz Chövsgöl mit der südlichsten Rentierhaltung der Welt auch eine monospezialisierte Form des Pastoralismus. Die Rentierhalter sind keine Mongolen, sondern Angehörige der ursprünglich turksprachigen Tuwiner (auch Tagna- beziehungsweise Sojon-Urianchaj), die sich selbst als duchalar (Taigaleute) bezeichnen und auf Mongolisch caatan (Rentierleute) genannt werden. Sie sind mit nur knapp 300 Personen[8] die kleinste nationale Minderheit der Mongolei und nutzen, anders als ihre mobilen mongolischen Nachbarn, als Unterkünfte keine Jurten, sondern Zelte in Tipi-Form.

Jurten (mongolisch ger) gelten, gleich den fünf Weidetierarten, als identitätsstiftendes kulturelles Symbol: Die aus dem 13. Jahrhundert überlieferte "Geheime Geschichte der Mongolen" gibt Auskunft über die damalige Selbstbezeichnung als "Leute in Filzwandzelten", gleichsam als frühe Version eines über die mobile Behausung definierten ethnoscape.[9] In der heutigen Mongolei leben etwa 45 Prozent aller Haushalte in Jurten.[10]

Bemerkenswerterweise sucht man in mongolischen Statistiken eine Unterteilung der Bevölkerung in "sesshaft" und "nomadisch" vergeblich. Dergleichen ergäbe aus emischer Perspektive keinen Sinn, denn erstens sind diese Kategorien für Insider irrelevant, und zweitens sind allenthalben flexible Praxen üblich. So vollzieht sich die extensive Weideviehhaltung in einem Spektrum räumlicher Mobilität, das von Pastoralismus über Transhumanz (Vorhandensein immobiler Basislager) bis zu Agropastoralismus (Kombination mit Ackerbau) reicht. Viele Haushalte haben diverse Einkommensquellen, und auf der Mikroebene zeigt sich, dass temporäre Sesshaftigkeit oft mit sozialen Mobilitätsambitionen einhergeht. Bevor wir uns diesen zuwenden, werden politische Rahmenbedingungen räumlicher Mobilität aus vergleichender Perspektive skizziert.


Fußnoten

1.
Caroline Humphrey/David Sneath, The End of Nomadism? Society, State and Environment in Inner Asia, Durham 1999, S. 1.
2.
N. Doržgotov, Zarim ügijn tuchaj, in: Nüüdlijn nijgmijg olon ulsyn tüvšind sudlach n’. Nomadism – International Study, Ulaanbaatar 2002, S. 109.
3.
Anatoly M. Khazanov, Nomads and the Outside World, Madison 1984/94², S. 1.
4.
Im Original: "both indispensable and inadequate". Dipesh Chakrabarty, Provincializing Europe. Postcolonial Thought and Historical Difference, Princeton–New Jersey 2000, S. 6.
5.
John Clammer, Europe in Asia’s Imaginary. Disciplinary Knowledges and the (Mis)Representation of Cultures, in: Stephanie Lawson (Hrsg.), Europe and the Asia-Pacific. Culture, Identity and Representations of Region, London–New York 2003, S. 17–32, hier: S. 21.
6.
Der "emische" Zugang stellt kulturspezifische Zusammenhänge aus der Binnenperspektive dae.
7.
Vgl. Thomas Barfield, Nomadic Pastoralism in Mongolia and Beyond, in: Paula Sabloff (Hrsg.), Mapping Mongolia. Situating Mongolia in the World from Geologic Time to the Present, Philadelphia 2011, S. 104–124, hier: S. 104. Dies ist einer von fünf Analyserahmen (neben ethno-, media-, finance- und ideoscape), mit denen der Anthropologe Arjun Appadurai Beziehungen globaler Strömungen beschreibt. Vgl. Arjun Appadurai, Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalization, Minneapolis 1996.
8.
Vgl. Tetsuya Inamura, The Transformation of the Community of Tsaatan Reindeer Herders in Mongolia and Their Relationship with the Outside World, in: Senri Ethnological Studies, 69 (2005), S. 123–152. Laut letztem Zensus waren es 282 Personen, siehe http://www.toollogo2010.mn« (14.4.2015).
9.
Vgl. A. Appadurai (Anm. 7).
10.
Vgl. National Statistical Office of Mongolia, Chün am, oron suucny 2010 ony ulsyn toollogyn ür dün.
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Autor: Ines Stolpe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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