Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Anna Lipphardt

Der Nomade als Theoriefigur, empirische Anrufung und Lifestyle-Emblem. Auf Spurensuche im Globalen Norden

Während sich in den vergangenen Jahrzehnten die Lebensbedingungen für Hirtennomaden infolge offener politischer Diskriminierung und struktureller Benachteiligung, von Landkonflikten, sich wandelnden ökonomischen Rahmenbedingungen und des Klimawandels weltweit verschlechtert haben, entwickelte sich der Nomadismus im Globalen Norden – und insbesondere in (West-)Europa – im selben Zeitraum zu einem wichtigen Referenzpunkt. In zahlreichen Diskurs- und Praxiskontexten (post)industrieller Gesellschaften, in denen Mobilität eine herausgehobene Rolle spielt, wird heute emphatisch Bezug auf "das Nomadische", "den Nomaden" oder "Nomadismus" genommen.[1]

Eingeführt von den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari in den 1980er Jahren,[2] hat sich der Nomade seither als zentrale Theoriefigur etabliert, die für ein hohes Maß an Mobilität sowie für Freiheit, Grenzüberschreitung und Nonkonformismus steht. Großen Nachhall fand der Nomade auch im Kunstbereich, wo er längst zu einer Standardreferenz geworden ist. Darüber hinaus beziehen sich heute Vertreter aus zahlreichen, ganz unterschiedlichen professionellen Milieus in ihrer Selbstbezeichnung auf den Nomaden – von der sogenannten creative class über den Medien- und IT-Bereich bis hin zu Management und Unternehmensberatung. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich nomadische Selbstreferenzierungen außerdem unter Backpackern, Lifestyle-Migranten und den sogenannten Superreichen. Inzwischen taucht der Nomade zudem regelmäßig als theoretische Referenz in empirischen Studien zur Mobilität dieser Gruppen auf.[3] Und last but not least ist er zum populären Label in Architektur und Design geworden, was sich in einer wachsenden Zahl an entsprechenden Produktnamen von rollbaren Schlafsofas über Kopfhörer bis hin zu iPad-Hüllen und aufwendigen Bildbänden mit Titeln wie "New Hotels for Global Nomads" oder "The New Nomads. Temporary Spaces and a Life on the Move" widerspiegelt.[4]

In all diesen Fällen ist ohne Zweifel ein hohes Maß an Mobilität im Spiel. Doch welche Praktiken und Absichten, konzeptionellen Vorstellungen und politischen Bewertungen verbergen sich hinter den jeweiligen Anrufungen des Nomadischen? Ich greife in diesem Beitrag "Nomadismus" im Sinne der Kulturwissenschaftlerin Mieke Bal als "wandernden Begriff" (travelling concept) auf und spüre ihm in ausgewählten Diskurs- und Praxiskontexten nach. Für Bal sind Begriffe "niemals bloß deskriptiv (…), niemals unschuldig", sondern "programmatisch und normativ".[5] Vor allem aber sieht sie in ihnen "nichts ein für allemal Feststehendes. Sie wandern: zwischen den Fächern, zwischen einzelnen Wissenschaftlern sowie zwischen historischen Perioden und geographisch verstreuten akademischen Gemeinschaften. (…) (I)hre Reichweite und ihr operationaler Wert müssen nach jedem Ausflug von neuem bewertet werden."[6]

Ausgehend von konzeptionellen Überlegungen, die aus der empirischen Erforschung nomadischer Lebensweisen entwickelt wurden, wende ich mich zwei eng miteinander verknüpften Diskurs- und Praxisbereichen zu, die einen zentralen Beitrag zur Popularisierung des Nomadischen im Globalen Norden geleistet haben: Kulturtheorie und Kunst. Der darauffolgende Abschnitt wirft einen Blick darauf, wie sich Mobilität für Künstlerinnen und Künstler im Alltag gestaltet. Im Anschluss an diese Suchbewegungen wird schließlich die analytische und politische Tragfähigkeit des Begriffs in Bezug auf Mobilität in Europa hinterfragt: Inwieweit lassen sich Mobilitätsmodi, -ursachen und -erfahrungen der Milieus, die sich als "neonomadisch" apostrophieren, mit denen nomadisch lebender Gruppen vergleichen? Welche Aspekte werden ausgeblendet, wenn wir im Zuge der Globalisierung aufgekommene hochmobile Lebens- und Arbeitsarrangements durch die nomadische Brille betrachten?

Konzeptionelle Ausgangspunkte der empirisch orientierten Nomadismusforschung

Für die empirische Forschung zum Nomadismus, die vorwiegend von Anthropologen und Geografinnen im Rahmen ethnografischer Landzeitstudien verfasst wurde, stellt dessen Konzeptualisierung eine der zentralen Grundsatzfragen dar. Der vom griechischen nomás ("weidend umherziehend") abgeleitete Begriff "Nomade" ist keine Eigenbezeichnung, sondern wurde als Sammelbegriff von Außenstehenden wie Staatsvertretern, Missionaren und Forschenden geprägt. Die betreffenden Gruppen selbst bezeichnen sich meist nach ihrem Familienverband, ihrem Herkunftsgebiet oder ihrer Tätigkeit.[7] Seit der Jahrtausendwende greifen zudem mehr und mehr dieser Gruppen im Kontext von internationalen Menschenrechtsinitiativen und der Entwicklungszusammenarbeit auf die Bezeichnungen mobile peoples oder mobile indigenous peoples zurück.[8] Während Nomadismus generell als Konzept verstanden wird, das sich auf mobile Raumnutzung und damit verbundene Subsistenzmodi bezieht, gehen die Meinungen auseinander, welche Gruppen als Nomaden angesehen werden können. Der traditionellen Auffassung zufolge ist der Begriff ausschließlich für Hirtennomaden zu verwenden und bezeichnet "a specific way of life practiced in the dry belt of the Old World, a socio-ecological mode of culture ".[9]

Forscher und Expertinnen aus relevanten Praxisfeldern beziehen heute neben Hirtennomaden indes auch mobile Sammler und Jäger sowie die sogenannten Dienstleistungsnomaden oder peripatetische Minderheiten mit ein. Mit letzteren Begriffen werden seit den späten 1970er Jahren mobile Gruppen bezeichnet, die ihren Lebensunterhalt mit hochspezialisierten Dienstleistungen wie Unterhaltung, handwerklichen oder rituellen Tätigkeiten oder dem Handel mit besonderen Gütern verdienen.[10] Eine breit gefasste Definition, die diese Gruppen berücksichtigt, bieten der Sozialgeograf Jörg Gertel und die Anthropologin Sandra Calkins an. Sie verstehen Nomadismus als "eine Lebensform, die durch permanente oder zyklische Mobilität gekennzeichnet ist und die meist von Gruppen vollzogen wird, die sich durch exklusive Heiratsregeln auszeichnen. Zweitens verstehen wir als Nomaden, wer sich seine Lebensweise durch extensive Weidewirtschaft verdient, oder durch andere Formen der Mobilität wie saisonale Wanderarbeit durch sogenannte Dienstleistungsnomaden. Drittens kommen Nomaden durch ihre Verflechtungen und Bewegungen stets in unterschiedlichen Zusammenhängen mit Sesshaften in Berührung."[11]

Ausgehend von dieser Definition möchte ich hier vier ineinandergreifende analytische Parameter vorschlagen, die sowohl eine differenzierende Perspektivierung für die empirische Untersuchung mobiler Arbeits- und Lebensarrangements erlauben als auch geeignet sind für eine kritische Ausleuchtung der Theoriefigur des Nomaden und dessen begrifflicher Metamorphosen im Kontext postindustrieller Gesellschaften: erstens Mobilitätsmuster und -modi; zweitens Wirtschafts- und Subsistenzweisen; drittens gruppeninterne Sozialität und viertens Beziehungen zur Umgebungsgesellschaft, sowohl unmittelbar auf lokaler Ebene, als auch im Hinsicht auf staatliche Akteure und Institutionen.

Fußnoten

1.
Der vorliegende Beitrag greift auf meine Überlegungen zur Figur des Nomaden im Kunstbereich und in der Tourismusforschung zurück. Vgl. Anna Lipphardt, Auf den Spuren des Neuen Nomaden. Zur Karriere einer Figur in Kulturtheorie, Tourismusforschung und Backpacker-Szene, in: Voyage. Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung 2014, S. 202–217; dies., The Nomadic Artist. Three Reasons to Say Good-bye to a Fantasy, in: Solitude Yearbook, 12 (2014), S. 134f.
2.
Gilles Deleuze/Felix Guattari, Traité de nomadologie. La machine de guerre, in: dies., Mille Plateaux. Capitalism et schizophrénie II, Paris 1980, S. 434–527 (dt. Ausgabe: Abhandlung über Nomadologie. Die Kriegsmaschine, in: dies, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin 2003, S. 481–584).
3.
Vgl. etwa die Aufsätze im Themenheft "Work Practices, Nomadicity and the Mediational Role of Technology", Computer Supported Cooperative Work (CSCW), 23 (2014) 2; Anthony D’Andrea, Global Nomads. Techno and New Age as Transnational Countercultures in Ibiza and Goa, London–New York 2007; Pola Bousiou, The Nomads of Mykonos. Performing Liminalities in a ‚Queer‘ Space, New York 2008.
4.
Vgl. Donald Albrecht/Elizabeth Johnson, New Hotels for Global Nomads, London–New York 2002; Robert Klanten et al., The New Nomads. Temporary Spaces and a Life on the Move, Berlin 2015; bereits in den 1970er Jahren erschien James Hennessey/Victor Papanek, Nomadic Furniture 1, New York 1973, sowie dies., Nomadic Furniture 2, New York 1974, die bald als Designklassiker galten.
5.
Mieke Bal, Kulturanalyse, Frankfurt/M. 2002, S. 13.
6.
Ebd., S. 11; vgl. auch dies., Travelling Concepts in the Humanities. A Rough Guide, Toronto 2002.
7.
Vgl. Annegret Nippa, Nomaden, in: dies. (Hrsg.), Kleines Abc des Nomadismus, Hamburg 2011, S. 138f.
8.
Vgl. Standing Committee for the Dana Declaration, Dana Declaration Publicity Booklet, Wadi Dana 2002.
9.
Fred Scholz, Nomads/Nomadism in History, in: Neil J. Smelser/Paul B. Baltes (Hrsg.), International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences, Amsterdam 2004, S. 10650–10655, hier: S. 10650. Vgl. auch ders., Nomadismus. Theorie und Wandel einer sozioökologischen Kulturweise, Stuttgart 1995.
10.
Vgl. Robert Hayden, The Cultural Ecology of Service Nomads, in: The Eastern Anthropologist, 32 (1979) 4, S. 297–309; Matt T. Salo, Peripatetic Adaptation in Historical Perspective, in: Nomadic Peoples, (1986) 21–22, S. 7–35; Aparna Rao (Hrsg.), The Other Nomads. Peripatetic Minorities in Cross-Cultural Perspective, Köln–Wien 1997; Joseph Berland/dies. (Hrsg.), Customary Strangers. New Perspectives on Peripatetic Peoples in the Middle East, Africa, and Asia, Westport 2004.
11.
Sandra Calkins/Jörg Gertel, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Nomaden in unserer Welt, Bielefeld 2011, S. 13; eine gute phänomenologische Einführung bietet auch Anatoly Khazanov, Nomads and the Outside World, Madison 19942.
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Autor: Anna Lipphardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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