Münzfernglas im Gebirge
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Klimapolitik am Scheideweg


24.7.2015
Der Klimawandel wird in den kommenden Jahrzehnten zum ständigen Begleiter werden – in Politik und öffentlicher Verwaltung, im Wirtschaftsleben, im privaten Alltag. Er ist der "Megatrend" unserer Zeit. Aufgrund der langen Wirkungsdauer der Treibhausgase gilt dies selbst dann, wenn der UN-Klimagipfel im Dezember 2015 in Paris (COP 21)[1] wider Erwarten drastische Emissionsminderungen verabschieden würde und die beteiligten Staaten anschließend auch rasch Maßnahmen zur Umsetzung dieser Beschlüsse ergreifen würden. Allein die weltweit bislang schon emittierten Treibhausgase dürften einen Temperaturanstieg um etwa 1,5 Grad Celsius (im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter) zur Folge haben. Nach dem Pariser Klimagipfel wird sich wahrscheinlich die Erkenntnis durchsetzen, dass selbst das Einhalten der vereinbarten Zwei-Grad-Obergrenze mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr realistisch ist.

Offen ist allerdings, wie die Staatenwelt damit umgehen wird, dass die Auswirkungen des Klimawandels immer stärker spürbar werden und ein Überschreiten der bislang gesetzten Grenze zum gefährlichen Klimawandel droht. Wird die internationale Klimapolitik am Versuch einer umfassenden "Lösung" des Klimaproblems festhalten, selbst wenn dazu Geoengineering-Technologien eingesetzt werden müssten, mit denen man gezielt in das Klimasystem interveniert? Oder wird die Politik einen pragmatischen Weg einschlagen, der sich auf eine "Bearbeitung" des Klimaproblems konzentriert, etwa auf Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, verbunden mit einer bestmöglichen Begrenzung des Temperaturanstiegs?

Klimawandel



Eine wichtige Grundlage für die UN-Klimaverhandlungen bilden die Berichte des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC).[2] Eine seiner wesentlichen Errungenschaften besteht im Nachweis, dass der Klimawandel bereits im Gange ist und dass sich dies maßgeblich auf menschliches Handeln zurückführen lässt. Seit seiner Gründung 1988 hat der Rat fünf umfassende Berichte veröffentlicht, in denen sich der klimawissenschaftliche Konsens abbildet. Laut dem jüngsten Sachstandsbericht, der in mehreren Teilen 2013 und 2014 veröffentlicht wurde, hat der Klimawandel bereits heute Auswirkungen auf allen Kontinenten und in allen Ozeanen. Nahezu alle Gletscher der Welt schmelzen. Es sei sehr wahrscheinlich, dass Hitzewellen künftig häufiger auftreten und länger anhalten. In vielen Regionen sei zudem mit häufigeren und heftigeren Extremniederschlägen zu rechnen.[3]

Und auch wenn die Folgewirkungen in gemäßigten Klimazonen nicht so stark ausfallen werden wie in vielen Entwicklungsländern, so wird der Klimawandel doch auch in Deutschland immer deutlicher spürbar werden. Der jüngste Monitoringbericht zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel nennt unter anderem stärkere Ertragsschwankungen in der Landwirtschaft oder die Ausbreitung von Tier- und Pflanzenarten aus wärmeren Klimazonen. Dazu zählt etwa die Asiatische Tigermücke, die Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber übertragen kann.[4]

Eine der wichtigsten Innovationen im fünften IPCC-Sachstandsbericht ist das Konzept des globalen Emissionsbudgets, das in der Klimadebatte inzwischen einen zentralen Platz einnimmt. Das Budgetkonzept ermöglicht es, zu bestimmen, wie viele Treibhausgase insgesamt weltweit überhaupt noch ausgestoßen werden dürfen, um zum Beispiel das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Damit ist es sehr viel exakter und rigoroser als die zuvor dominierenden Minderungsvorgaben. Mit einem Ziel wie "globale Emissionsminderung um 50 Prozent bis 2050" konnte die Politik sehr viel flexibler auf die Frage reagieren, bis wann die notwendige Trendwende erreicht sein müsste, um das Ziel noch zu schaffen. Der Gedanke hinter dem Treibhausgasbudget ist nun: Wird jetzt die noch mögliche Gesamtmenge der Emissionen klar definiert, schränkt das die Handlungsfreiheit von Politik und Wirtschaft deutlich ein. Je später die weltweiten Emissionen ihren Höhepunkt erreichen und je höher dieser sein wird, desto rascher muss der Treibhausgasausstoß nachfolgend sinken, um noch im Rahmen des Budgets zu bleiben.

Der IPCC-Bericht zeigt deutlich, dass der Menschheit nicht mehr viel Zeit zum Umsteuern bleibt, wenn sie das von der UN schon 2010 vereinbarte Zwei-Grad-Limit einhalten will, und dass dazu über Jahrzehnte hinweg massive Emissionsreduktionen erforderlich sein werden. Denn auf heutigem Niveau wäre das gesamte verbleibende Budget schon in rund dreißig Jahren ausgeschöpft. Bislang ist jedoch noch nicht einmal der Gipfelpunkt der globalen Treibhausgasemissionen in Sicht. Durch das enorme Wachstum der Schwellenländer haben sich die Emissionen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts so stark erhöht wie nie zuvor, die Pro-Kopf-Emissionen Chinas liegen inzwischen schon über denen der EU.[5] Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht zwar zügig voran, gleichzeitig wächst aber auch der globale Energieverbrauch. Der Anteil der Erneuerbaren liegt deshalb weltweit nach wie vor unter zehn Prozent,[6] von der im Juni 2015 beim G7-Gipfel in Elmau beschworenen "Dekarbonisierung"[7] sind wir noch sehr weit entfernt.

Angesichts des absehbaren "Überziehens" des Emissionsbudgets kann es nicht verwundern, dass die Forschung zum Geoengineering in den vergangenen Jahren einen großen Aufschwung erfahren hat. Dafür spricht der rapide Anstieg an entsprechenden Fachpublikationen, Gutachten und Kommentaren. Innerhalb der internationalen Forschung hat sich auch eine kleine Koalition von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern herausgebildet, die nicht nur die Erforschung der Maßnahmen unter Modell- und Laborbedingungen, sondern auch die Entwicklung und Tests im Feld befürworten. Neben diesen Feldexperimenten dürften durch die Patentierung einzelner Technologien bereits Standards gesetzt werden. Dass das Thema jüngst in der "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" eines IPCC-Teilberichts explizit aufgegriffen wurde,[8] verdeutlicht aber auch das wachsende Interesse zahlreicher Regierungen.[9] Selbst hierzulande existiert inzwischen ein entsprechendes Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), auch wenn sich dieses sehr stark auf Risiken und Herausforderungen konzentriert.[10]


Fußnoten

1.
COP 21 steht kurz für 21st Conference of the Parties, womit die Vertragsparteien der Klimarahmenkonvention gemeint sind.
2.
Vgl. Silke Beck, Das Klimaexperiment und der IPCC: Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Politik in den internationalen Beziehungen, Marburg 2009.
3.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability, Part B: Regional Aspects, Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the IPCC, Cambridge–New York 2014.
4.
Vgl. Umweltbundesamt, Monitoringbericht 2015 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel, Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe Anpassungsstrategie der Bundesregierung, Dessau–Berlin 2015.
5.
Vgl. IPCC, Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change, Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the IPCC, Cambridge–New York 2014.
6.
Vgl. BP Statistical Review of World Energy 2015, »http://www.bp.com/en/global/corporate/about-bp/energy-economics/statistical-review-of-world-energy.html« (9.7.2015).
7.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Weert Canzler in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. IPCC, Summary for Policymakers, in: Climate Change 2013: The Physical Science Basis, Contribution of Working Group I to the Fifth Assessment Report of the IPCC, Cambridge–New York 2013.
9.
Vgl. Arthur C. Petersen, The Emergence of the Geoengineering Debate Within The IPCC, Geoengineering Our Climate? Working Paper and Opinion Article Series, 9.9.2014, »http://wp.me/p2zsRk-bp« (9.7.2015).
10.
Vgl. die Website des DFG-Schwerpunktprogramms "Climate Engineering", »http://www.spp-climate-engineering.de« (9.7.2015).
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Oliver Geden, Silke Beck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

 
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