Münzfernglas im Gebirge

24.7.2015 | Von:
Thorsten Wiechmann

Das Schrumpfen akzeptieren: Europas Städte im demografischen Wandel

Seit wenigen Jahren beherrscht der demografische Wandel nicht nur sozial- und arbeitsmarktpolitische Debatten in Europa, sondern auch die raumplanerische und stadtentwicklungspolitische Diskussion. Ein einheitliches Begriffsverständnis darf dabei nicht vorausgesetzt werden. In einem weiten Sinne wird jede Form der Veränderung der Bevölkerung eines Gebietes als demografischer Wandel tituliert. Der gegenwärtig diskutierte Wandel wird jedoch primär von zwei Triebkräften bestimmt: erstens vom dauerhaften Absinken der Geburtenrate unter das gesellschaftliche Reproduktionsniveau sowie zweitens vom anhaltenden Anstieg der Lebenserwartung. Mitunter wird aber auch die Veränderung von Haushaltsgrößen und -strukturen, die Veränderung von Lebensstilen sowie der steigende Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund unter dem Begriff des demografischen Wandels subsumiert.

Das veränderte generative Verhalten der Nachkriegsgenerationen wurde bereits in den 1980er Jahren von den Demografen Ron Lesthaeghe und Dirk van de Kaa als Europas "zweiter demografischer Übergang" beschrieben.[1] Fundamentale Veränderungen gesellschaftlicher Normen und Werte führten ab den 1960er Jahren zu einem Bedeutungswandel von Ehe und Familie, steigenden Scheidungsraten, höherem Heiratsalter und dramatisch fallenden Geburtenziffern. In Kombination mit dem sogenannten Pillenknick nach Verbreitung der Antibabypille fielen die Geburtenraten Mitte der 1970er Jahre in den meisten Ländern Europas deutlich unter das Niveau, das zur Bestandserhaltung nötig gewesen wäre.

Sowohl das dauerhafte Absinken der Fertilitätsrate als auch der anhaltende Anstieg der Lebenserwartung beschreibt der Demograf Herwig Birg als Phänomene einer "demografischen Zeitenwende".[2] Diese haben weitreichende Auswirkungen auf die Raum- und Siedlungsstruktur, insbesondere auf die Anzahl und Zusammensetzung der Bevölkerung in den Städten und Regionen. Damit stellt der demografische Wandel eine der zentralen Rahmenbedingungen für die Raumentwicklung in Deutschland dar.[3] Er führt nicht nur zu einem erhöhten Anteil der älteren Bevölkerung, sondern kann gleichzeitig auch einen Rückgang der Gesamtbevölkerungszahl mit sich bringen. Schrumpfende Städte und Regionen, als eine Folge dieser Entwicklungen, werden zum Regelfall. Die bekannte Trilogie – wir werden weniger, älter und bunter – führt zu weitgehenden Veränderungen der Stadtstrukturen und erfordert von der Politik eine grundlegende Umorientierung.[4]

Während der demografische Wandel in Deutschland immer stärker als eine zentrale Herausforderung der Stadtentwicklung in den Fokus der Debatte rückt, wächst auch auf europäischer Ebene das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Thematik. Aufgrund einer EU-weiten Zunahme der Lebenserwartung und eines Rückgangs der Geburtenzahlen steigt der Altersdurchschnitt der europäischen Bevölkerung zunehmend an. Folgt man den aktuellen Prognosen der Europäischen Union und der Vereinten Nationen, müssen sich etliche Länder und Regionen in Europa wie auch weltweit auf eine schrumpfende und alternde Bevölkerung einstellen.[5]

In Europa soll die Altersgruppe der über 60-Jährigen bis 2050 einen Anteil von 34 Prozent erreichen.[6] In Deutschland führt die Alterung der Bevölkerung zu einer massiven Verschiebung in der Verteilung der Altersgruppen, doch finden sich auch europaweit zahlreiche Regionen, die einen deutlichen Anstieg der älteren Bevölkerung aufweisen, vorrangig in West-, Ost- und Südeuropa.[7] International spielt der demografische Wandel vor allem in den hochentwickelten Industrieländern eine Rolle. Während weltweit davon ausgegangen wird, dass sich der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis 2050 auf etwa 22 Prozent verdoppelt, zeigt sich diese Entwicklung neben Europa besonders gravierend in Ländern wie Japan, Australien und den USA. Vor allem Japan erfährt eine massive Alterung seiner Bevölkerung: Hier wird für das Jahr 2050 prognostiziert, dass auf eine Person im erwerbsfähigen Alter eine Person im Rentenalter kommt.[8]

Phänomen "Schrumpfende Städte"

Die Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel haben bereits 1985 in der "Zeit" einen heute noch erstaunlich aktuellen Artikel über die "Chancen des Schrumpfens" veröffentlicht und darin vor dem Hintergrund der strukturellen Schrumpfungsprozesse in altindustrialisierten Städten an der Ruhr, der Saar und der norddeutschen Küste für eine andere Großstadtpolitik plädiert.[9] Ihre zentrale These, die sie in ihrem Buch "Neue Urbanität" weiter ausarbeiteten, war, dass der weitverbreitete Versuch, "Schrumpfen in Wachstum umkehren zu wollen, die negativen Folgen nicht nur verstärkt, sondern auch Möglichkeiten neuer urbaner Lebensformen verbaut".[10] Die Autoren waren jedoch ihrer Zeit weit voraus und spätestens mit dem Wiedervereinigungsboom wollte niemand mehr über Schrumpfung diskutieren – auch nicht, als in den 1990er Jahren die reale Entwicklung in Ostdeutschland offensichtlich wurde. Schrumpfung galt in dem an Wachstumszielen orientierten politischen System lange Zeit als nicht politikfähig.[11]

In den zurückliegenden 15 Jahren hat die Diskussion um schrumpfende Städte in Deutschland jedoch beachtlich an Dynamik gewonnen. Ausgehend von der spezifischen Situation in den ostdeutschen Bundesländern, in denen Geburtendefizit und Abwanderung zu teilweise drastischen Einwohnerverlusten und erheblichen Angebotsüberhängen auf dem Wohnungsmarkt führten, setzte Ende der 1990er Jahre eine Schrumpfungsdebatte ein. Seither hat sich die planerische Beschäftigung mit schrumpfenden Städten, insbesondere in den Bereichen der Daseinsvorsorge, des Stadtumbaus und der Leerstandsentwicklung, massiv verstärkt und ausdifferenziert. Dem 2001 begonnenen Bund-Länder-Programm "Stadtumbau Ost" folgte bereits 2004 der "Stadtumbau West". Bund und Länder erkannten damals an, dass die Bewältigung der Folgen des demografischen und ökonomischen Wandels keine ostdeutsche, sondern eine landesweite Herausforderung darstellt.

Es wäre jedoch verfehlt, die Problematik schrumpfender Städte als ein vorrangig deutsches Phänomen zu betrachten. Erst langsam dringt die internationale Dimension des demografischen Wandels in den Städten und Regionen in das Bewusstsein lokaler Politik und Planung. Alterung und Schrumpfung in Form von kommunalen Bevölkerungsverlusten sind schon heute und erst recht in den kommenden Jahrzehnten ein dominanter Trend in nahezu allen Ländern Europas.

Von den rund 8000 Städten in 37 europäischen Staaten (ohne Russland, Belarus/Weißrussland und die Ukraine) hat nach einer Untersuchung der TU Dortmund die Hälfte im Zeitraum zwischen 1990 und 2010 temporär, episodisch oder kontinuierlich Einwohner verloren.[12] Schon heute lassen sich in praktisch allen europäischen Ländern schrumpfende Städte finden. Hervorgerufen durch den demografischen Wandel und durch Abwanderungen in Kombination mit lokalen ökonomischen Umbrüchen, Deindustrialisierung sowie Suburbanisierungstendenzen[13] stellt diese Entwicklung die betroffenen Städte und Regionen oftmals vor massive Probleme. Sowohl die Ausprägung der Schrumpfung als auch die Reaktion darauf kann sich allerdings lokal sehr unterschiedlich gestalten. In den massiv schrumpfenden Regionen Osteuropas überlagern sich meist zeitlich sehr stark konzentrierte postsozialistische und postindustrielle Transformationsprozesse, während in anderen Teilen Europas oftmals eine Überlagerung von Suburbanisierungs- und Deindustrialisierungstendenzen zu einem Bevölkerungsverlust führt.[14]

Urbane Schrumpfungsprozesse beschränken sich jedoch nicht nur auf den europäischen Raum. Auch international lässt sich das Phänomen an vielen Orten beobachten. Neben zeitlich befristeten Schrumpfungserscheinungen infolge von Naturkatastrophen und kriegerischen Auseinandersetzungen weisen insbesondere hoch entwickelte Staaten wie die USA oder Japan zum Teil gravierende Schrumpfungsphänomene auf. Diese sind in den meisten Fällen das Resultat globaler ökonomischer, sozialer und politischer Entwicklungen, die zu einem verstärkten Wettbewerb zwischen Städten und Regionen führen. Während im rust belt im Nordosten der USA eine Mischung aus Deindustrialisierung und Suburbanisierung zu einer drastischen Reduzierung der Einwohnerzahlen in Städten wie Detroit, Cleveland und Youngstown führte, ist Schrumpfung längst nicht auf diese altindustrialisierte Region beschränkt, sondern auch im ländlichen Mittleren Westen und in Teilen des sun belt im Süden anzutreffen.[15] In den USA spielen dabei ökonomische Aspekte eine wesentliche Rolle. Dagegen hat beispielsweise Japan neben ökonomischen Aspekten vor allem mit dem Geburtendefizit als Ursache des anhaltenden Einwohnerverlustes zu kämpfen.[16]

Fußnoten

1.
Vgl. Dirk van de Kaa, Europe’s Second Demographic Transition, in: Population Bulletin, 42 (1987) 1, S. 1–59.
2.
Vgl. Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, München 20054; Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Bevölkerungsentwicklung, Informationen zur politischen Bildung 282/2011, http://www.bpb.de/55877« (9.7.2015).
3.
Vgl. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Raumordnungsbericht 2011, Bonn 2012.
4.
Vgl. Beirat für Raumordnung, Raumordnung und demographischer Wandel, Berlin 2004.
5.
Vgl. Thorsten Wiechmann/Anne Volkmann, Schrumpfende Städte in Europa. Erfahrungen und Perspektiven, in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Stadt – Land – Umland. Handlungsansätze für Kommunen im demographischen Wandel, Gütersloh 2013, S. 106–113.
6.
Vgl. United Nations (UN), Population Ageing and Development, 2012, http://www.un.org/esa/
population/publications/2012PopAgeingDev_Chart/2012PopAgeingandDev_WallChart.pdf
(9.7.2015).
7.
Vgl. Europäische Kommission, Eurostat Regional Yearbook 2012, Luxemburg 2012, S. 44.
8.
Vgl. UN (Anm. 6).
9.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Die Chancen des Schrumpfens. Plädoyer für eine andere Großstadtpolitik, in: Die Zeit vom 22.3.1985, S. 33–37.
10.
Dies., Neue Urbanität, Frankfurt/M. 1987, S. 120.
11.
Vgl. Thorsten Wiechmann, Zwischen spektakulärer Inszenierung und pragmatischem Rückbau. Umbau von schrumpfenden Stadtregionen in Europa, in: Irene Iwanov et al. (Hrsg.), Demographischer Wandel und Strategien der Bestandsentwicklung in Städten und Regionen, Dresden 2003, S. 103–126.
12.
Vgl. ders./Manuel Wolff, Urban Shrinkage in a Spatial Perspective. Operationalization of Shrinking Cities in Europe 1990–2010, AESOP Congress 2013, Dublin.
13.
Suburbanisierung bezeichnet die intraregionale Dekonzentration von Bevölkerung, Arbeitsplätzen und Infrastruktur in städtischen Gebieten.
14.
Vgl. Thorsten Wiechmann, Errors Expected. Aligning Urban Strategy with Demographic Uncertainty in Shrinking Cities, in: International Planning Studies, 13 (2008) 4, S. 431–446.
15.
Vgl. ders./Karina Pallagst, Urban Shrinkage in Germany and the USA. A Comparison of Transformation Patterns and Local Strategies, in: International Journal of Urban and Regional Research, 36 (2012) 2, S. 261–280; Justin B. Hollander, Sunburnt Cities. The Great Recession, Depopulation and Urban Planning in the American Sunbelt, London–New York 2011; Alan Mallach, Rebuilding America’s Legacy Cities: New Directions for the Industrial Heartland, New York 2012.
16.
Vgl. Peter Matanle/Yasuyuki Sato, Coming Soon to a City Near You! Learning to Live "Beyond Growth" in Japan’s Shrinking Regions, in: Social Science Japan Journal, 13 (2010) 2, S. 187–210.
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Autor: Thorsten Wiechmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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