Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin
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Alltag Einheit: Ein Fall fürs Museum!


7.8.2015
25 Jahre nachdem die deutsche Einheit am 3. Oktober 1990 politisch vollzogen wurde, rückt sie erneut in den Blickpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Auch die zeithistorische Forschung wagt sich neuerdings immer weiter in die Geschichte der Gegenwart vor. Mit dem Vereinigungsprozess und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen entdeckt sie ein neues Forschungsfeld, das sie nicht mehr allein den Politikwissenschaftlern, Soziologen und Wirtschaftsexperten überlässt.[1]

Ist das Zusammenwachsen der beiden über 40 Jahre getrennten Gesellschaften seit 1990 aber auch schon ein Fall fürs Museum? Ein Blick in die Ausstellungsräume der großen Geschichtsmuseen in Deutschland zeigt, dass die Musealisierung der deutschen Vereinigung als Teil der deutschen Geschichte des ausklingenden 20. Jahrhunderts bestenfalls begonnen hat. Selbstverständlich haben die friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989, der Freudentaumel des Mauerfalls am 9. November 1989 und die dadurch möglich gewordene deutsche Einheit einen festen Platz in den Dauerausstellungen des Hauses der Geschichte in Bonn und des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Als markante historische Ereignisse bilden sie dort einen vorläufigen Höhepunkt der deutschen Geschichte. Daneben liefert auch die seit 1999 gezeigte Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig erste, notgedrungen fragmentarische Einblicke in die ab 1990 einsetzenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen. Nach Schlaglichtern auf unter anderem die Stasiakten, den Umzug von Bonn nach Berlin, die Parteienlandschaft, die Begegnung der Ostdeutschen mit Arbeitslosigkeit und die Fußballweltmeisterschaft 1990 schließt das der Zeit nach 1990 gewidmete Kapitel mit einem optimistischen Ausblick: Die Bekämpfung der Hochwasserkatastrophe an der Oder 1997 wird zur Metapher für eine nationale Solidarität mit den betroffenen Regionen und damit zum Sinnbild des erfolgreichen Zusammenwachsens.

Auch die Geschichtserzählung der Dauerausstellung des DHM ist konsequent und fast teleologisch auf den 3. Oktober 1990 als glücklichem Höhepunkt der deutschen Geschichte ausgerichtet. Beide Ausstellungen sollen in den nächsten Jahren neu konzipiert werden. Es ist davon auszugehen, dass in diesem Zusammenhang der Entwicklung nach 1990 mehr Raum gegeben wird als bisher. Die 2011 erneuerte Bonner Ausstellung "Unsere Geschichte. Deutschland nach 1945" im Haus der Geschichte geht zeitlich über die deutsche Einheit hinaus und schließt mit einem Blick auf die deutsche Gesellschaft nach dem Ende des Kalten Krieges im Kontext von europäischer Einigung und mit Blick auf die Herausforderungen von Globalisierung, Migration, Sicherheitspolitik, Umweltschutz und Finanzpolitik.

Von der Politik- zur Erfahrungsgeschichte



Insgesamt fällt auf, dass der Blick auf diese Zeit des Umbruchs in der öffentlichen Wahrnehmung stark politik- und ereignisgeschichtlich geprägt ist und sich in erster Linie an der historischen Chronologie wichtiger Ereignisse und Zäsuren orientiert. Hier werden dann vor allem die wichtigen politischen und diplomatischen Schritte dokumentiert, die zum 3. Oktober 1990 geführt haben. Das hat auch den Blick der Museen und Ausstellungen auf diese Zeit geprägt. Nun wird niemand behaupten wollen, dass die Geschichte der innen- und außenpolitischen Entscheidungsprozesse von den Verhandlungen zwischen der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière und dem Kabinett von Helmut Kohl über den Einigungsvertrag, die Zwei-plus-Vier-Gespräche bis zu Gorbatschows "Ja" zur deutschen Einheit nicht spannend und ausstellungswürdig wären. Aber sie sind inzwischen gut dokumentiert, wovon auch eine umfangreiche Erinnerungsliteratur und die vielen Fernsehdokumentationen zeugen, die den Weg vom Zusammenbruch der DDR über den Fall der Mauer bis hin zu den Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 1990 rekonstruieren.

Der Prozess der Vereinigung mit seinen weitreichenden Folgen für das Leben der Menschen zunächst vor allem im Osten Deutschlands und die daraus resultierenden Konflikte und Probleme werden hinter dieser politischen Kulisse jedoch kaum sichtbar. Die Folge ist ein eher statisches, auf den politischen Vollzug der deutschen Einheit ausgerichtetes Bild. Dies trifft weitgehend auch für die ersten historischen Publikationen zur Geschichte der deutschen Einheit zu.[2] Die erfahrungsgeschichtliche Dimension dieser Entwicklung wird bestenfalls im Zusammenhang mit der Darstellung des Mauerfalls thematisiert. Die Zeitzeugen beglaubigen hier das für alle überraschende und überwältigende Jahrhundertereignis. Dabei kann ein euphorischer deutsch-deutscher und internationaler Erlebniskonsens beschworen und gefeiert werden. Dies erklärt die enorme Wirkung und Faszination, die der Mauerfall bis heute ausübt.[3] Das Ereignis ist wie kaum ein anderes in dieser Zeit geeignet, positive Emotionen zu stiften. Dieser gemeinsame Erfahrungshorizont eines glücklichen Moments wirkte auch noch in das Jahr 1990 mit seiner Fußballeuphorie und den schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren des "Einheitstaumels" hinein. Schon kurze Zeit später löste er sich allerdings angesichts der sprichwörtlichen "Mühen der Ebene" bei der deutschen Vereinigung relativ schnell auf.

Probleme der Musealisierung



Denkt man über die Frage nach, ob die deutsche Vereinigung bereits museumsreif geworden ist, gerät eine weitere Schwierigkeit in den Blick. Es handelt sich keineswegs um einen abgeschlossenen Prozess. Er ist noch nicht reif für eine abgerundete und durch historische Bewertungen abgesicherte Gesamtdarstellung. Hinzu kommt, dass die Entwicklung der deutschen Vereinigungsgesellschaft erst allmählich in den Blick der Sammlungsbemühungen der historischen Museen gerät. Die Frage, welche Objekte und Zeugnisse für diese Zeit des Zusammenwachsens beider deutscher Teilgesellschaften bedeutsam und sammlungswürdig sind, ist häufig erst noch zu klären. Bezogen auf die friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989 oder den Mauerfall sind solche Fragen bereits weitgehend beantwortet und man findet entsprechend viele Objekte und Zeugnisse in den Museumsdepots.

Dies alles beschreibt die Ausgangssituation, mit der sich ein gemeinsames Team von Historikern und Historikerinnen sowie Ausstellungsmachern und Ausstellungsmacherinnen aus dem Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und dem DHM bei der Vorbereitung einer Ausstellung zur Geschichte der deutschen Vereinigung auseinanderzusetzen hatte. Mit der Kooperation beider Einrichtungen wurde Neuland betreten, insofern die Beteiligten aus dem ZZF nicht, nur wie sonst üblich, fachlich beratend tätig waren, sondern gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom Museum die Ausstellung konzipiert und erarbeitet haben.
Kinder mit Deutschlandfahne im Eichsfeld, Januar 1990

Die Antwort auf die Frage, mit welcher Wechselausstellung sich das DHM zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit präsentieren werde, zielte zunächst auf eine Neuauflage der beschriebenen und fachlich wie museal gut gesicherten Chronologie der politischen Ereignisse. Dafür verfügt das Museum – angefangen bei den Transparenten der großen Demonstration am 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz als dem Schlüsselereignis der friedlichen Revolution – über ausreichend interessante Objekte in seinen Sammlungen. Diese naheliegende und mit Blick auf die zur Verfügung stehende Vorbereitungszeit pragmatische Lösung wurde in der Diskussion mit dem ZZF jedoch schnell verworfen. Vielmehr entstand die Idee, mit der gemeinsamen Ausstellung eine auch aus der Forschungstradition des Potsdamer Instituts erwachsene alltags- und erfahrungsgeschichtliche Perspektive auf die deutsche Vereinigungsgesellschaft und ihre Konflikt- und Problemlagen zu entwickeln. Allen Beteiligten war klar, dass es sich dabei um ein Experiment handeln würde, schon allein deshalb, weil es zu diesem Themenfeld kaum einen Forschungsvorlauf im Bereich der Zeitgeschichte gab. Zusätzliche Argumente für diese Richtungsentscheidung lieferte ein Blick auf weitere im Kontext des 25. Jahrestages der deutschen Einheit geplante Ausstellungsprojekte.

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt zum Jahrestag eine Plakatausstellung mit dem Titel "Der Weg zur deutschen Einheit" zusammengestellt, die in einer Auflage von 3000 Exemplaren produziert und von Einrichtungen der politischen Bildung, Schulen, Bibliotheken und Behörden bei der Stiftung bestellt werden kann. Die Ausstellung zeichnet auf 20 Tafeln den Weg von der friedlichen Revolution in der DDR zur deutschen Einheit nach und beleuchtet dabei sowohl die innenpolitischen wie auch die diplomatischen Wegmarken.[4] Dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges in Europa widmet die im November 2014 eröffnete neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer gebührende Aufmerksamkeit. Die von 2009 bis 2010 auf dem Berliner Alexanderplatz mit beachtlicher Publikumsresonanz gezeigte Open-Air-Ausstellung "Friedliche Revolution 1989/90" der Robert-Havemann-Gesellschaft[5] befindet sich in der Überarbeitung und soll künftig dauerhaft auf dem Gelände des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in der Berliner Normannenstraße gezeigt werden. Mit ihr liegt dann eine umfassende Dokumentation der Geschichte der ostdeutschen Bürgerbewegung vor, die zugleich die politischen Umbrüche in den anderen Ländern des Ostblocks einbezieht. In dieser sich weiter ausdifferenzierenden Ausstellungslandschaft zur Geschichte der deutschen Vereinigung und ihrer unmittelbaren Vorgeschichte schien es erst recht geboten, sich der bislang kaum dokumentierten Gesellschaftsgeschichte des Vereinigungsprozesses zu widmen.


Fußnoten

1.
Vgl. Frank Bösch (Hrsg.), Geteilte Geschichte. Ost- und Westdeutschland 1970–2000, Göttingen 2015.
2.
Vgl. Gerhard A. Ritter, Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! Geschichte der deutschen Einigung, München 2009; Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, Berlin 2013. Siehe dazu auch Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Bd. 4, Die Zeit der Gegenwart, München 2015.
3.
Siehe hierzu den Beitrag von Costanza Calabretta in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.)
4.
Vgl. »http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/deutscheeinheit-4787.html« (9.7.2015).
5.
Vgl. »http://www.revolution89.de« (9.7.2015).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Jürgen Danyel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de