Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin
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Was denkt und meint das Volk? Deutschland im dritten Jahrzehnt der Einheit


7.8.2015
Die Realität der Lebens- und Arbeitsbedingungen in der DDR wird mit den Begriffen "ökonomische Rückständigkeit" und "diktaturförmige Versteinerung" zutreffend beschrieben. Solange die DDR existierte, hat darüber auch das Gros der ostdeutschen Bevölkerung nicht anders gedacht. Wie jüngst wiederentdeckte Umfragedaten bestätigen,[1] schnitt die DDR, wenn Ostdeutsche beide Systeme miteinander verglichen, hinsichtlich des Konsumangebots sowie der persönlichen Freiräume und künftigen Lebensaussichten gegenüber der Bundesrepublik stets eindeutig schlechter ab. Überzeugte Anhänger des SED-Regimes blieben immer eine Minderheit, zwischen 1973 und 1988 zum Beispiel lag ihre Zahl fast durchgängig unter 25 Prozent. Etwa ebenso viele lehnten das System entschieden ab. Die große Mehrheit verhielt sich all die Jahre hindurch politisch angepasst beziehungsweise desinteressiert.[2] Seit den 1960er Jahren blieb die Wiedervereinigung als ein Wunschbild präsent, dem der größte Teil der DDR-Bürger beharrlich anhing.

Nicht überraschend wünschte sich daher in der Umbruchsphase von 1989/90 die überwältigende Mehrheit der Ostdeutschen einen Systemwechsel hin zu einer demokratischen, rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlich basierten Ordnung, die in ihren Grundzügen dem Modell der Bundesrepublik entsprach. Die deutsche Einheit ist diesen Weg gegangen, ohne dass es zu einer von manchen Auguren prophezeiten "Kolonisierung" ostdeutscher Lebenswelten gekommen wäre. Der vielbeschriebene "Transfer" westdeutscher Institutionen, Normen und Personen von West nach Ost in Vorbereitung und Vollzug der Einheit hatte nicht zur Folge, dass der "Modernisierungsvorsprung", welcher der DDR seitens westdeutscher Sozialwissenschaftler vor allem bezüglich der Gleichstellung der Frauen in Familie und Arbeit attestiert wurde,[3] gänzlich dahin schmolz. Im nachholenden Ausbau gesetzlich garantierter Angebote einer öffentlichen Kinderbetreuung in Westdeutschland und in der nach wie vor hohen (Voll-)Erwerbstätigkeit ostdeutscher Frauen und Mütter, aber auch in der fortschreitenden Annäherung westdeutscher Mütter an den ostdeutschen Modus der Erwerbsbeteiligung[4] wird beispielhaft deutlich, dass der Osten innerhalb des geeinten Deutschlands in manchem gesellschaftspolitisch ein Vorreiter war und ist. Diese gesamtdeutsche Vorreiterrolle Ostdeutschlands ist ebenso Teil der Erfolgsgeschichte der Einheit.

Dass ein Vorsprung gehalten wird, verweist auf Unterschiede, die trotz kontinuierlich voranschreitender Annäherung nicht völlig eingeebnet werden. Dieses dynamische Nebeneinander von – keineswegs linear verlaufener, sondern auch Auf und Ab abbildender – Angleichung und fortdauernder Differenz, das den Entwicklungsprozess im geeinten Deutschland generell kennzeichnet, wird auch auf der Einstellungsebene erkennbar. Im Folgenden stellen wir die Gleichzeitigkeit von Konvergenz und Differenz als typische Ausprägung des bisherigen Entwicklungsgangs und aktuellen Entwicklungsstands der gesamtdeutschen politischen und sozialen Kultur anhand von vier Indikatoren exemplarisch dar: Systemidentifikation und generalisiertes Vertrauen, politische Partizipation, Frauen- und Familienbild sowie subjektive Bewertung der Erträge der Einigung. Hierfür greifen wir auf ausgewählte Ergebnisse des Forschungsprojekts "Deutschland 2014" zurück, das für die Zeitspanne von 1990 bis 2012 eine Längsschnittanalyse gebündelter empirischer Einstellungsdaten erstellt hat und außerdem mit einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage vom Herbst 2014 den zeitlichen Bogen an die Gegenwart heranführt.[5]

Systemidentifikation I: Einstellungen zur Demokratie



Eine wesentliche Voraussetzung für die stabile Verankerung einer politischen Ordnung in der Bevölkerung ist, dass sich die Bürgerinnen und Bürger mit der Idee dieser Ordnung identifizieren und ihr eine hinreichende Leistungsfähigkeit zusprechen. In der Systemtheorie wird demgemäß zwischen genereller Unterstützung für das System als solches sowie spezieller Unterstützung für die konkreten Leistungen des Systems unterschieden. Übertragen auf die hier aufgenommene Frage nach dem Grad der Identifikation der Deutschen mit der Demokratie lassen sich drei Dimensionen von Demokratiezustimmung ausloten: einmal die Unterstützung für das demokratische Ordnungsmodell an sich, zweitens die Unterstützung für die in der Bundesrepublik verfassungsförmig institutionalisierte Form der Demokratie und drittens die leistungsbezogene Zufriedenheit mit dem konkreten Funktionieren dieser Demokratie.

In Westdeutschland war die Akzeptanz der Demokratie seit den 1970er Jahren stetig gewachsen. Sie blieb im westlichen Landesteil auch seit der deutschen Einheit, trotz eines gewissen Abschwungs zwischen 2000 und 2005, auf einem durchgehend hohen Niveau und sie unterschritt, wie der für die Studie "Deutschland 2014" von Oscar Gabriel vorgenommene Vergleich unserer Bevölkerungsumfrage von 2014 mit früheren Erhebungen zeigt, während der letzten fast zweieinhalb Jahrzehnte niemals die Zustimmungsschwelle von 80 Prozent (Abbildung 1). Anders in Ostdeutschland: Zwar hielt auch hier stets eine Mehrheit die Demokratie für die wünschenswerte Form politischer Ordnung. Doch lag die Zustimmung im Jahr 1991 mit 70 Prozent deutlich unter dem westdeutschen Vergleichswert und sank bis 2007 vorübergehend auf 56 Prozent ab.
Abbildung 1: Unterstützung der Demokratie im Allgemeinen und der in Deutschland existierenden Form der Demokratie in West- und Ostdeutschland 1991–2014

Prekärer entwickelte sich im Osten Deutschlands nach 1990 zunächst die Grundeinstellung zu der Demokratie, wie sie in Deutschland real existiert (Abbildung 1). Auch in Westdeutschland fiel dieser Zustimmungswert geringer aus als die Akzeptanz der Demokratie generell, und der Wert unterlag dort zudem vergleichsweise größeren Schwankungen. Hingegen fand das bundesdeutsche Demokratiemodell bei Ostdeutschen überhaupt erst gegen Ende der 2000er Jahre eine stabile Mehrheit, und dies, nachdem das Systemeinverständnis zwischenzeitlich auf nur mehr gut ein Drittel (2007) abgesackt war.

Die Längsschnittanalyse der Einstellungsdaten macht für beide Demokratie-Dimensionen die Parallelität von Konvergenz und Differenz als das kennzeichnende Merkmal eines Ost-West-Trendverlaufs deutlich, das auch bei anderen Indikatoren der gesamtdeutschen politischen Kultur zutage tritt: Zum einen folgen das ostdeutsche und das westdeutsche Meinungsbild in seinen Pendelausschlägen demselben wellenförmigen Bewegungsmuster. Zum anderen bleibt dabei zwischen beiden Landesteilen stets ein Abstand im Grad der Zustimmung, der jedoch – schließlich ist auch das typisch –, im Jahr 2014 überwiegend erheblich kleiner ausfällt als im ersten Nacheinheitsjahr 1991.

Heute ist die Demokratie eine bei Ost- wie Westdeutschen grundsätzlich sehr breit unterstützte Form politischer Ordnung. Dass die Demokratie "die beste Staatsform" sei, bejahten im Herbst 2014 insgesamt 82 Prozent im Osten und 90 Prozent im Westen der Republik. Und "die Demokratie, wie wir sie in der Bundesrepublik haben", fand nun bei 72 Prozent der Ostdeutschen und bei 90 Prozent ihrer westdeutschen Landsleute Zustimmung. Lediglich 17 Prozent (Ost) und 13 Prozent (West) sagten, es gebe "eine andere Staatsform, die besser ist".

Nun zur Entwicklung der Demokratiezufriedenheit im geeinten Deutschland: Diese lag zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung mit gut 60 Prozent in den ostdeutschen Ländern um mehr als 20 Prozentpunkte niedriger als der westdeutsche Vergleichswert (gut 85 Prozent). Dieses Gefälle in der Zufriedenheit mit dem Funktionieren der hiesigen Demokratie nimmt in Ost wie West danach denselben wellenförmigen Verlauf und bleibt bis 2012 dauerhaft deutlich ausgeprägt (Abbildung 2). 2014 fiel die Differenz indes so gering aus wie niemals zuvor: Nur 13 Prozent der Westdeutschen und 15 Prozent der Ostdeutschen zeigten sich mit der Leistungsfähigkeit der Demokratie erklärtermaßen unzufrieden. Die seit etwa 2008 in beiden Landesteilen deutlich gestiegene allgemeine Lebenszufriedenheit, die ihrerseits mit einer verbreitet optimistischen Einschätzung der wirtschaftlichen Lage korrespondiert, liefert einen erklärenden Hintergrundfaktor für die deutschlandweit gute Benotung des Funktionierens der Demokratie.[6]
Abbildung 2: Demokratiezufriedenheit – Metatrendlinien Ost und West



Fußnoten

1.
Vgl. Everhard Holtmann/Anne Köhler, Wiedervereinigung vor dem Mauerfall. Einstellungen der Bevölkerung der DDR im Spiegel geheimer westlicher Meinungsumfragen, Frankfurt/M.–New York 2015 (i.E.).
2.
Vgl. hierzu ausführlich Everhard Holtmann et al., Deutschland 2014. 25 Jahre friedliche Revolution und Deutsche Einheit, Forschungsprojekt im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Endbericht, 1.2.2015, http://www.beauftragte-neue-laender.de/BNL/Redaktion/DE/Downloads/Publikationen/studie-deutschland-2014-25-jahre-revolution.html« (6.7.2015). Im Weiteren "Projekt Deutschland 2014, Endbericht" genannt.
3.
Vgl. Rainer Geißler, Soziale Ungleichheit zwischen Frauen und Männern im geteilten und im vereinten Deutschland, in: APuZ, (1991) 14–15, S. 13–24.
4.
Vgl. Alexander Kubis et al., Ostdeutsche Transformationsgesellschaft: Zum Fortbestand von Strukturen und Verhaltensweisen, in: Astrid Lorenz (Hrsg.), Ostdeutschland und die Sozialwissenschaften. Bilanz und Perspektiven 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, Opladen u.a. 2011, S. 197–201.
5.
Vgl. E. Holtmann et al. (Anm. 2). Methodisch wurde hierfür das Instrument einer Meta-Analyse entwickelt, bei dem die Datensätze der herangezogenen repräsentativen Bevölkerungsumfragen auf eine einheitliche Skala von plus 2 bis minus 2 umkodiert wurden.
6.
Vgl. ebd., S. 145, 151ff.
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Autoren: Everhard Holtmann, Tobias Jaeck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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