"Privat"

19.8.2015 | Von:
Anne Seibring

Editorial

Seit Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 hat Kapitalismuskritik wieder Konjunktur – verschwunden war sie indes nie. Die Liste der Anklagepunkte ist lang: Ausbeutung, soziale Ungleichheit, Umweltzerstörung, Ökonomisierung der Gesellschaft, Hunger. Zugleich hat diese Art des Wirtschaftens für einen großen Teil der Menschheit ein nie dagewesenes Wohlstandsniveau hervorgebracht und im Kontrast zu anderen praktizierten Wirtschaftssystemen in Europa – etwa Planwirtschaft oder Marktsozialismus – hohe Effizienz bewiesen. Welche Entwicklungen dem Kapitalismus inhärent sind und welche Folgen auf politischen Entscheidungen beruhen, ist umstritten.

Was aber ist unter "Kapitalismus" zu verstehen? "Marktwirtschaft", sagen die einen, im Falle Deutschlands "Soziale Marktwirtschaft", die für eine gewisse Umverteilung der Markteinkommen sorgt. Andere argumentieren, dieses System umfasse mehr, mindestens noch das Privateigentum an den Produktionsmitteln, darüber hinaus den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, die Trennung zwischen Produktion und Reproduktion und weitere charakteristische Merkmale. Wieder andere bezweifeln, dass marktwirtschaftliche Prinzipien überhaupt flächendeckend zur Geltung kommen, da Kartell- und Monopolbildung den Wettbewerb verhindern.

Diskussionen um Alternativen begleiten den Kapitalismus von Anfang an. Der folgenreichste Gegenentwurf, der Sozialismus, hat an Strahlkraft verloren. Die Genossenschaftsidee – kein alternatives Wirtschaftssystem, gleichwohl eine Art anderen Wirtschaftens – hat zwar überlebt, doch hat ihre Verbreitung stark abgenommen. Aktuelle Debatten kreisen um unterschiedliche Konzepte von "Postwachstumsgesellschaften" als Antwort auf die "Grenzen des Wachstums", um "Commons" (Gemeingüter) als Basis solidarischen Wirtschaftens oder um das Modell eines "Aktienmarktsozialismus".