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Vom Anfang und Ende des Kapitalismus - Essay


19.8.2015
Der Kapitalismus ist ein Rätsel. Er hat längst alle Lebensbereiche durchdrungen, aber seine Deutung ist noch immer umstritten. Das beginnt schon beim Begriff: Das Wort "Kapitalismus" zu verwenden, gilt in Deutschland häufig als "links" oder gar "marxistisch". In den USA hingegen wird der Begriff – der im Übrigen nicht von Karl Marx stammt[1] – völlig selbstverständlich benutzt. Von "Kapitalismus" zu sprechen, hat den Vorteil, dass er präzise beschreibt, was die heutige Wirtschaftsform auszeichnet: Es geht um den Einsatz von Kapital mit dem Ziel, hinterher noch mehr Kapital zu besitzen, also einen Gewinn zu erzielen. Es handelt sich um einen Prozess, der exponentielles Wachstum erzeugt.[2]

Aber was ist dieses "Kapital"? Es ist nicht das Gleiche wie Geld, obwohl es im Alltag oft synonym verwendet wird. Geld ist mindestens 4000 Jahre alt: Die ersten Texte der Menschheit stammen aus Mesopotamien und wurden nicht etwa verfasst, um Literatur zu überliefern, sondern um Zahlungsverpflichtungen zu verzeichnen. Während das Geld uralt ist, ist das Kapital noch jung. Der moderne Kapitalismus ist um 1760 im Nordwesten Englands entstanden, als Textilfabrikanten auf die Idee kamen, Webstühle und Spinnereien zu mechanisieren. Heute wirken diese Maschinen sehr klein und zierlich, aber mit ihnen begann eine neue Epoche. Erstmals in der Geschichte wurde die menschliche Arbeitskraft systematisch durch Technik ersetzt, und damit kam der Reichtum in die Welt. Seit Jahrtausenden hatte die Wirtschaft weitgehend stagniert, aber nun wuchs sie exponentiell. Das "Kapital" im Kapitalismus ist also nicht das Geld, sondern es sind die effizienten Produktionsprozesse und der technische Fortschritt. Es war eine Revolution, kein schlichtes Mehr vom Gleichen. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hat für diesen fundamentalen Wandel ein prägnantes Bild gefunden: "Man kann beliebig viele Postkutschen aneinanderreihen – und trotzdem wird daraus niemals eine Eisenbahn."[3]

Doch warum hat die Industrialisierung ausgerechnet in England eingesetzt? Und warum ab 1760? "Obwohl Tausende von Büchern geschrieben wurden, bleibt es ein gewisses Rätsel", konstatiert die amerikanische Wirtschaftshistorikerin Joyce Appleby.[4] Technologisch waren die Briten nämlich nicht besonders avanciert und wussten anfangs auch nicht mehr als die antiken Römer. Die Dampfmaschine beruhte auf Prinzipien, die seit Archimedes bekannt waren. Die Wirtschaftshistoriker haben inzwischen weit mehr als 20 verschiedene Theorien entwickelt, warum der moderne Kapitalismus in England seinen Anfang nahm.[5] Die überzeugendste Analyse setzt bei den Produktionskosten an: Die englischen Löhne waren im 18. Jahrhundert die höchsten der Welt – sodass die britischen Waren international nicht mehr konkurrenzfähig waren. Weil die Menschen teuer waren, lohnte es sich erstmals, Maschinen einzusetzen und mit der Industrialisierung zu beginnen.[6] Die britische Erfahrung ist noch immer aktuell: Der Kapitalismus entwickelt sich nur stabil, solange die Reallöhne steigen und mit der zunehmenden Effizienz mithalten. Viele Unternehmer wollen es nicht glauben, aber hohe – nicht niedrige – Gehälter fördern das Wachstum und machen die Firmen reich.

Kapitalismus = Marktwirtschaft?



Obwohl der Kapitalismus nun rund 250 Jahre alt ist, halten sich immer noch hartnäckige Missverständnisse. Dazu zählt der Glaube, dass der Kapitalismus das Gleiche wie eine "Marktwirtschaft" sei. Doch die Marktwirtschaft gibt es nicht, oder nur in kleinen Nischen. Bereits ein Blick in die Geschichte zeigt, dass der moderne Kapitalismus mehr sein muss als nur eine Ansammlung von Märkten. Denn Märkte existierten bereits in der griechischen Antike vor 2500 Jahren. Die Araber hatten ihre Souks, Türken und Perser ihre Basare. Inder und Chinesen tauschten ihre Waren ebenfalls auf Märkten aus, aber ein moderner Kapitalismus ist daraus nirgends entstanden.

Allerdings meint die Theorie von der Marktwirtschaft mehr, als dass nur Märkte vorhanden seien. Sie will vor allem beschreiben, wie faire Preise entstehen – nämlich durch umfassenden Wettbewerb. Viele Anbieter sollen auf viele Nachfrager treffen, sodass Konkurrenz sicherstellt, dass weder Firmen noch Kunden übervorteilt werden. Diese attraktive Theorie hat jedoch einen Nachteil: Den unterstellten Wettbewerb gibt es höchstens eingeschränkt. Stattdessen wird unsere Wirtschaft von Großkonzernen geprägt, die von den Rohstoffen bis zum Absatz die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren. Bereits eine trockene Zahl des Statistischen Bundesamts sagt alles: "Weniger als ein Prozent der größten Unternehmen erwirtschafteten 2011 gut 66 Prozent aller Umsätze."[7] Diese extreme Konzentration wirtschaftlicher Macht ist auch in allen anderen westlichen Ländern festzustellen.

Echte Marktwirtschaft gibt es zwar, aber es sind nicht die großen Unternehmen, sondern die kleinen Selbstständigen, die sich im gnadenlosen Wettbewerb behaupten müssen. Ob Handwerker, Friseure, Gastwirte, Architekten, kleine Ladenbesitzer oder die Betreiber einer Reinigung – sie alle müssen sich der Konkurrenz stellen. Wenn das Essen nicht schmeckt, gehen die Kunden beim nächsten Mal in ein anderes Restaurant. Dieser Sektor der kleinen Firmen ist zahlenmäßig sogar sehr groß, aber dort findet nur ein Bruchteil der eigentlichen Wertschöpfung statt. Dominiert wird die Wirtschaft von wenigen Großkonzernen.

Diese Entwicklung ist keineswegs neu, sondern war schon im 19. Jahrhundert zu beobachten. Allein zwischen 1879 und 1886 dürften rund 90 Kartelle in Deutschland entstanden sein, die meisten davon waren Preiskartelle.[8] Aus Sicht der Firmen war dies rational und sogar zwingend: Mit dem steigenden Einsatz von Technik nahmen die Investitionskosten ständig zu, und daher wollten die Unternehmen sicherstellen, dass Absatz und Preise stimmten und nicht durch schrankenlosen Wettbewerb ruiniert wurden. Damals zeigte sich erstmals ein Paradox, das den Kapitalismus bis heute prägt: Nur wenn das Risiko weitgehend ausgeschlossen ist, werden hohe Investitionen riskiert.

Exemplarisch ist die Geschichte der deutschen Elektroindustrie: 1882 begann der internationale Siegeszug der Glühbirne, die der US-Amerikaner Thomas Alva Edison erfunden hatte. In Deutschland gründete Emil Rathenau schon 1883 die Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität. Um jeden Ärger zu vermeiden, einigte er sich bereits vorab mit dem einzig denkbaren Konkurrenten – mit der Firma Siemens & Halske, die seit den 1860er Jahren Dynamomaschinen baute. Als Arrangement schlug Rathenau vor, dass Siemens auf eigene Elektrifizierungsbemühungen verzichten sollte, dafür würde er wiederum sämtliche Vorprodukte von Siemens beziehen. Nur die Glühbirnen wollte Rathenau selbst herstellen.[9] Der Markt wurde also schon verteilt, noch bevor er existierte.

Technische Entwicklungen machten diesen Glühbirnen-Vertrag zwar bald überflüssig, die gedeihliche Zusammenarbeit aber blieb. Als Emil Rathenau 1887 seine Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) gründete, stiegen Siemens und auch die Deutsche Bank als Kapitalgeber ein, sodass sie 1910 zusammen 75 Prozent der elektrotechnischen Produktion in Deutschland kontrollierten.[10] Statt einer wettbewerbsorientierten "Marktwirtschaft" setzte sich eine Variante des Kapitalismus durch, die später gern "Deutschland AG" genannt wurde: Jeder war mit jedem verflochten, um lästige Konkurrenz gar nicht erst aufkommen zu lassen. Auch in anderen Leitbranchen wie der Chemie ging es ähnlich zu.

Den Großkonzernen ist es zudem gelungen, den Markt seit mehr als 100 Jahren zu zementieren. Erhellend ist ein Blick auf den Börsenindex DAX, der die dreißig größten deutschen Aktiengesellschaften versammelt. Die Mehrzahl dieser Unternehmen wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegründet, und sie konnten sich bis heute behaupten, weil gegen ihre schiere Größe niemand mehr ankommt. Ob Stahl, Autos, Chemie oder Pharma: Diese Märkte sind weitgehend geschlossen und für Neulinge nicht mehr zu knacken. Der Trend zur Konzentration erfasst auch neue Märkte, die durch technische Innovationen entstehen. Ein gutes Beispiel ist das Internet: Es dauerte jeweils weniger als zehn Jahre, bis Neugründungen wie Google, Facebook oder Amazon eine marktbeherrschende Stellung erreichten. Von echtem Wettbewerb ist auch im Internet nicht mehr viel zu sehen, das einst als eine Zone der Freiheit gepriesen wurde.

Die Herrschaft der Großkonzerne ist selbst dem "Vater der Sozialen Marktwirtschaft", Ludwig Erhard, nicht gänzlich entgangen. In seinem berühmten Buch "Wohlstand für alle" beklagte er: "Die Entwicklung der modernen Technik förderte ihrerseits noch einmal gewisse Monopolisierungstendenzen, so dass ohne Zweifel die Gleichheit der Wettbewerbsbedingungen allenthalben störend beeinträchtigt wurde."[11] Allerdings war Erhard nicht bereit, sich zu fragen, was von seiner "Marktwirtschaft" noch übrig bleibt, wenn die wichtigen Branchen allesamt "Monopolisierungstendenzen" aufweisen.

Der moderne Kapitalismus ist eine Art Planwirtschaft – auch wenn sie der sozialistischen Planwirtschaft überhaupt nicht ähnelt. Natürlich ist es ein diametraler Unterschied, ob die Kalkulationen zentral in einem Ministerium oder dezentral bei privatwirtschaftlichen Firmen erfolgen. Aber geplant wird immer, weil geplant werden muss. Wenn das Risiko – und damit der Gewinn – nicht kalkulierbar wäre, würde überhaupt niemand investieren.


Fußnoten

1.
Der Begriff "Kapitalismus" wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts gebräuchlich und setzte sich in Deutschland spätestens mit Werner Sombarts Hauptwerk "Der moderne Kapitalismus" (1902) durch.
2.
Diese grobe Definition lässt sich natürlich beliebig verfeinern. Schon 1918 wurden in der damaligen Wirtschaftsliteratur 111 verschiedene Definitionen von Kapitalismus gefunden.
3.
Joseph A. Schumpeter, The Theory of Economic Development. An Inquiry into Profits, Capital, Credit, Interest and the Business Cycle, Piscataway 1983, S. 64.
4.
Joyce Appleby, The Relentless Revolution. A History of Capitalism, New York 2010, S. 10.
5.
Vgl. Peer Vries, Escaping Poverty. The Origins of Modern Economic Growth, Wien 2013.
6.
Für eine umfassende Darstellung siehe Robert C. Allen, Global Economic History. A Very Short Introduction, New York u.a. 2011.
7.
Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2014, Wiesbaden 2015, S. 501.
8.
Vgl. Dieter Ziegler, Die industrielle Revolution, Darmstadt 2009, S. 108ff.
9.
Vgl. ebd., S. 124; Lothar Gall, Die Deutsche Bank von ihrer Gründung bis zum Ersten Weltkrieg 1870–1914, in: ders. et al., Die Deutsche Bank 1870–1955: 125 Jahre Deutsche Wirtschafts- und Finanzgeschichte, München 1995, S. 1–135, hier: S. 35.
10.
Vgl. ebd., S. 34ff.
11.
Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, Köln 2009 (1957), S. 200.
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Autor: Ulrike Herrmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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