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"Privat"

19.8.2015 | Von:
Ulrike Herrmann

Vom Anfang und Ende des Kapitalismus - Essay

Kapitalismus versus Staat?

Unternehmen und Staat sind sich also viel ähnlicher, als gemeinhin gedacht wird. Dies räumt mit einem zweiten häufigen Missverständnis auf: Oft wird geglaubt, privates Unternehmertum und Staatsaktivitäten würden sich ausschließen. Doch Kapitalismus und Staat sind kein Gegensatz – sondern gemeinsam gewachsen.

Der Kapitalismus wäre ohne den Staat nicht weit gekommen, denn damit sich die Wirtschaft entfalten konnte, war es notwendig, die Bevölkerung besser auszubilden, Universitäten zu gründen und Forschung zu finanzieren. Die explodierenden Städte mussten geplant und verwaltet, Straßen und Eisenbahnen gebaut werden. Potenziell gefährliche Medikamente mussten überwacht, die Sicherheit der Fabriken kontrolliert und Umweltschäden vermieden werden. Auch mussten Rentner abgesichert und Arbeitslose versorgt werden. Der Staat war plötzlich überall gefragt. Zumal zentrale technische Entwicklungen gar nicht hätten stattfinden können, wenn der Staat nicht mitgezogen hätte. Um noch einmal auf die Geschichte der AEG zurückzukommen: Für Emil Rathenau lohnte es sich nur, ins Elektrizitätsgeschäft einzusteigen, weil die Stadt Berlin als sicherer Kunde zur Verfügung stand und 1884 einen Konzessionsvertrag mit seiner Firma abschloss.

Die wachsende Bedeutung des Staates spiegelt sich in der sogenannten Staatsquote wieder, die den Anteil öffentlicher Ausgaben an der jährlichen Wirtschaftsleistung misst, und diese Staatsquote ist rasch gestiegen. Lag sie im Kaiserreich noch bei 5 bis 7 Prozent, hatte sie in der Weimarer Republik schon 15 bis 20 Prozent erreicht – und 2013 betrug sie in Deutschland 44,3 Prozent. Auf den ersten Blick könnte dies nahelegen, dass die Staatsausgaben ständig steil nach oben klettern würden. Tatsächlich jedoch verharren sie seit 40 Jahren auf einem fast unveränderten Niveau. In Deutschland belief sich die Staatsquote 1975 auch schon auf 48,8 Prozent – und seither musste sogar noch eine Wiedervereinigung finanziert werden. Die Sorge ist also gänzlich unbegründet, dass ein Moloch namens Staat das angeblich zarte Pflänzchen namens Kapitalismus restlos zermalmen könnte.

Die hohe Staatsquote ist zudem keine Belastung für die Wirtschaft – sondern ihr Sicherheitsnetz. Es sind genau diese öffentlichen Ausgaben, die den Kapitalismus in Krisenzeiten stabilisieren. Renten laufen weiter, Arbeitslose werden unterstützt, und auch die Krankenkassen schränken ihre Leistungen nicht ein, wenn es zu einer Rezession kommt. Diese "automatischen Stabilisatoren" garantieren einen Basissockel an Einkommen, was wiederum für Konsum, Umsatz und Arbeitsplätze sorgt, während die Firmen ihre Investitionen und Kapazitäten nach unten fahren. Würde die deutsche Wirtschaft nur aus privaten Unternehmen bestehen – sie würde in jeder Krise weitgehend kollabieren. Das 19. Jahrhundert, als es noch keine Sozialversicherungen gab und der Staat nicht intervenierte, ist dafür ein abschreckendes Beispiel: Nach dem Gründerkrach 1873 wurden in der deutschen Eisenindustrie 40 Prozent aller Arbeiter entlassen. Die Löhne halbierten sich, die Preise fielen um 38 Prozent.[12] Dies wäre heute undenkbar.

Kapitalismus = Ausbeutung?

Der Kapitalismus benötigt einen starken Staat – aber wer regiert diesen Staat? Seit Beginn der Industrialisierung hält sich hartnäckig der Verdacht, dass die Massen ausgebeutet werden und nur eine kleine Oberschicht vom Wachstum profitiert. Kapitalismus und Kapitalismuskritik sind gemeinsam entstanden. Die klassische Kapitalismuskritik unterteilt sich in drei Hauptvarianten: Der Kapitalismus hätte im 18. Jahrhundert ohne die Sklaverei in Nord- und Südamerika gar nicht entstehen können; der Kapitalismus funktioniert nur, weil die Arbeitnehmer zu niedrige Löhne erhalten; die reichen Industriestaaten leben auf Kosten der ärmeren Entwicklungs- und Schwellenländer.

Bei all diesen Einwänden ist ein grundsätzliches Missverständnis zu vermeiden: Man darf von der Realität nicht umstandslos auf einen systemischen Zwang schließen. Empirisch ist nicht zu bezweifeln, dass es Ausbeutung gab und gibt. Aber die eigentliche Frage ist: Ist ökonomische Unterdrückung notwendig für den Kapitalismus – oder ist sie Folge von politischen Entscheidungen, die auch anders hätten ausfallen können? Bereits im 18. Jahrhundert haben sich die Zeitgenossen gefragt, ob Sklaverei zwingend zum Kapitalismus gehört. Für den Gründungsvater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, war eindeutig, dass Zwangsarbeit überflüssig und ein sehr kostenintensives Modell ist. Er forderte 1776, die Sklaverei abzuschaffen, weil sie sich nicht rentiere. In seinem Klassiker "Der Wohlstand der Nationen" schrieb er: "Die Erfahrung aller Zeiten und Generationen zeigt, so glaube ich, dass die Arbeit von Sklaven, obwohl diese scheinbar nur ihren Unterhalt kosten, am Ende die teuerste von allen ist. Eine Person, die kein Eigentum erwerben kann, kann kein anderes Interesse haben, also so viel zu essen und so wenig zu arbeiten wie nur möglich." Smith leugnete nicht, dass die Plantagen profitabel waren, die mit Sklaven betrieben wurden. Aber er drehte dieses Argument um: Nur weil mit Baumwolle oder Tabak sowieso viel Geld zu verdienen sei, könnten sich die amerikanischen Südstaaten die Sklavenarbeit leisten. In den amerikanischen Nordstaaten hingegen hätte es von Anfang an fast nur freie Bürger gegeben, weil "der Anbau von Mais, so scheint es, die Kosten von Sklaven nicht tragen kann".[13]

Die Rolle der Sklaverei beschäftigt die Geschichtsforschung bis heute – und die Ergebnisse sind bis heute kontrovers. So hat der Historiker Sven Beckert jüngst versucht zu zeigen, dass die Sklaverei kein teurer Irrtum der Plantagenbesitzer war, wie Smith meinte. Stattdessen geht Beckert so weit zu behaupten, dass der Kapitalismus ohne die Sklaverei gar nicht hätte entstehen können.[14] Doch wie immer man die Sklaverei beurteilt: Selbst Beckert betont, dass sie nur für die Baumwollproduktion im Frühkapitalismus wichtig war.

Der entwickelte Kapitalismus setzt gänzlich auf Lohnarbeit. Doch ist die Abwesenheit von Sklaverei wirklich besser? Auch diese Frage stellte sich von Anfang an. Denn im England des 19. Jahrhunderts war nicht zu übersehen, dass das Proletariat verelendete. Hohe Löhne hatten die Industrialisierung in Großbritannien zwar ausgelöst, aber anschließend sank der Lebensstandard der Massen wieder, weil Menschen durch Maschinen ersetzt wurden. Die Volkswirtschaft als Ganzes wurde reicher, aber die Mehrheit der Bürger ärmer. Dieses Phänomen ist als early growth paradox in die Geschichtswissenschaft eingegangen.

Marx versuchte als Erster, theoretisch zu erklären, wie es bei wachsendem Wohlstand zu grassierender Armut kommen kann. In seinem "Kapital" von 1867 entwickelte er die Mehrwerttheorie, die darauf basierte, den Tauschwert eines Gutes durch die in ihm repräsentierte Arbeitszeit zu definieren. Da ein Mensch länger arbeiten kann, als er an Gütern für sein Überleben (Reproduktion) benötigt, würde dieser Mehrwert vom Kapitalisten abgeschöpft. Marx wurde sowohl empirisch wie theoretisch widerlegt. Schon zu seinen Lebzeiten begannen die Reallöhne zu steigen, weil sich die Arbeiter zu schlagkräftigen Gewerkschaften zusammenschlossen. Aber auch theoretisch zeigte sich, dass die Arbeitswertlehre nicht mit der faktischen Preisbildung in Einklang zu bringen war.[15] Allerdings hatte sich damit nicht nur Marx geirrt: Er hatte die Arbeitswertlehre direkt von Adam Smith und seinem Nachfolger David Ricardo übernommen.

Doch obwohl sich Marx’ Theorie als falsch erwies, hat er auf ein zentrales Phänomen des Kapitalismus aufmerksam gemacht: Bis heute sind Einkommen und Vermögen extrem ungleich verteilt. Vor Kurzem hat daher der französische Ökonom Thomas Piketty an Marx angeknüpft und einen mittlerweile internationalen Bestseller mit dem Titel "Das Kapital im 21. Jahrhundert" veröffentlicht. Anhand von internationalen und historischen Steuerstatistiken konnte er zeigen, wie stabil die Ungleichheit in den vergangenen drei Jahrhunderten war: In allen westlichen Ländern konzentriert sich der Reichtum bei wenigen Familien. Nur die beiden Weltkriege und die Wirtschaftskrise ab 1929 haben diesen Trend für kurze Zeit umgekehrt. Doch seit 1980 ist erneut zu beobachten, dass sich das Volksvermögen bei einer kleinen privilegierten Schicht sammelt.[16]

Piketty hat einen einzigartigen Datensatz zusammengetragen. Wie aber sind diese Statistiken zu deuten? Er selbst formuliert als "Gesetz des Kapitalismus", dass die Rendite des Vermögens stets über dem Wachstum liege (r > g). Reiche werden also reicher, während die Arbeitnehmer verlieren. Dieses "Gesetz" wurde vielfach kritisiert. So macht Piketty den methodischen Fehler, dass er nur die Nettovermögen betrachtet – von denen die Schulden also schon abgezogen sind. Damit aber entgeht ihm, dass Staaten, private Haushalte und Unternehmen ihre Verschuldung seit 1980 mehr als verdoppelt haben, wenn man die Kredite in Bezug zur Wirtschaftsleistung setzt. Ohne diese Schuldenblase wäre aber gar nicht denkbar gewesen, dass die Vermögen so schnell wachsen. Denn Kredite haben einen Hebeleffekt und vergrößern den Reichtum scheinbar, weil sie die Preise von Aktien und Immobilien nach oben treiben.[17] Seltsam ist bei Piketty ebenfalls, dass er zwar ein "Gesetz des Kapitalismus" formulieren will, diesen aber nicht definiert und vom Feudalismus nicht unterscheiden kann. Denn er schreibt zwar über Wachstum, kann jedoch nicht erklären, wie Wachstum entsteht. Auch die Rolle von Eigentum oder Löhnen kommt nicht vor, sodass Piketty die Ungleichheit zwar statistisch erfasst – aber letztlich begründungslos voraussetzt.

Fußnoten

12.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1849–1914, München 1995, S. 552ff.
13.
Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Oxford 2008 (1776), S. 238f.
14.
Vgl. Sven Beckert, King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, München 2014.
15.
Ein erster Einwand gegen die Arbeitswertlehre war die Grenznutzentheorie, die schon 1854 von Hermann Gossen vorgestellt, damals aber nicht rezipiert wurde. Nach 1870 wurde sie dann noch einmal parallel von Léon Walras, Carl Menger und William S. Jevons entwickelt.
16.
Vgl. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.
17.
Vgl. Daniel Stelter, Die Schulden im 21. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2014.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ulrike Herrmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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