"Privat"

19.8.2015 | Von:
Jürgen Kocka

Arbeit im Kapitalismus. Lange Linien der historischen Entwicklung bis heute

Es ist nicht selbstverständlich, vom "Kapitalismus" zu sprechen. Viele misstrauen seiner analytischen Kraft, weil er häufig kritisch, polemisch oder abwertend benutzt worden ist – ideologisch geladen, in öffentlichen Kontroversen, im politischen Kampf. Oder man misstraut ihm, weil er zu Vieles umfasst, schwer abgrenzbar ist und oft gar nicht definiert wird. Ist es nicht besser, von "Marktwirtschaft" zu sprechen? Andererseits ist der Begriff "Kapitalismus" nach dem Ende des Kalten Krieges, der auch ein Krieg um Schlüsselbegriffe war, verstärkt in den wissenschaftlichen und den allgemeinen Sprachgebrauch zurückgekehrt. Auch die internationale Finanz- und Schuldenkrise seit 2008 hat dazu beigetragen. Der Begriff ist weiterhin in vielen Ländern im Kontext von Kapitalismuskritik in Gebrauch, also mit kritischer oder polemischer Einfärbung. Grundsätzliche Debatten werden über das spannungsreiche Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie wie über den Kapitalismus als Verursacher exorbitanter Ungleichheit und als Ursache der drohenden Klimakatastrophe geführt, so zuletzt durch Papst Franziskus. Aber häufig wird vom Kapitalismus wertneutral, deskriptiv-analytisch gesprochen, oder sogar mit einer emphatisch-positiven Wertung, dies jedenfalls auf Englisch. "Conscious capitalism. Liberating the heroic spirit of business" ist der Titel des Buches von John Mackey, einem erfolgreichen Finanzmanager, das vor Kurzem in der Harvard Business Review Press erschien.

Zur Begriffsgeschichte

Der Begriff ist ein Produkt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Begriffe "Kapital" und "Kapitalist" sind älter, das Substantiv "Kapitalismus" setzte sich aber erst seit 1850 allmählich durch, als Begriff der Kritik, seit den 1860er Jahren auch als sozialwissenschaftlicher Analysebegriff, jedenfalls im Französischen, Deutschen und Englischen. Louis Blanc, der französische Sozialist, schrieb 1850 vom Kapitalismus als "Aneignung des Kapitals durch die einen, unter Ausschluss der anderen". Wilhelm Liebknecht, der deutsche Sozialist, sprach 1872 vom "Moloch des Kapitalismus", der auf den "Schlachtfeldern der Industrie" sein Unwesen treibe. Doch schon 1870 veröffentlichte Albert Schäffle, ein liberal-konservativer Professor der Nationalökonomie, sein Buch "Kapitalismus und Socialismus", in dem er kühl und distanziert den Kapitalismus als einen "einzigen nationalen und internationalen Productionsorganismus, unter Oberleitung ‚unternehmender‘, um den höchsten Unternehmungsgewinn concurrirender Kapitalisten" definierte. Marx und Engels benutzten das Substantiv "Kapitalismus" anfangs kaum und auch später nur ganz nebenbei, aber sie schrieben ausgiebig über die kapitalistische Produktionsweise und prägten damit die Bedeutung auch des Substantivs mit. Bald verwendeten bedeutende Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler den Begriff: vor allem Werner Sombart und Max Weber im Deutschen, Thorstein Veblen, John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter auf Englisch. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte er sich, vielgestaltig und kontrovers, etabliert, als Begriff der Kritik und Begriff der Analyse zugleich.

Individualisierte Eigentumsrechte, Märkte und Kommodifizierung, Investition, Kredit, Profit und Akkumulation, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, Ungleichheit, Fabrikindustrie und Industrialisierung – das waren die wichtigsten Merkmale, die in unterschiedlichen Kombinationen den Begriff definierten. In Polemik und Analyse war der Kapitalismus-Begriff ein Begriff der Differenz. Er wurde genutzt, um bestimmte Elemente der damaligen Gegenwart zu betonen und meist kritisch zu beleuchten, im Kontrast zu früheren, vorkapitalistischen Verhältnissen, die oft nostalgisch stilisiert wurden, aber auch im Kontrast zu einer vorgestellten besseren Zukunft, damals vor allem der Zukunft des Sozialismus. Bis heute lebt der Begriff von der Vorstellung, dass es auch Alternativen zum Kapitalismus geben können muss, so schwierig es gegenwärtig ist, sie sich realistisch auszumalen. Bis heute dient er sowohl zur Analyse wie auch zur Kritik, was die einen stört und die andern fasziniert, aber der Einsicht nicht schaden muss.[1]

Autoren wie Sombart, Weber und Schumpeter wussten natürlich, dass die Realität des Kapitalismus viel älter war als sein Begriff. Sie schrieben über den Kaufmannskapitalismus im Fern- und Großhandel, der in Europa seit dem Hochmittelalter florierte und in Arabien oder China noch älter war. Der Finanzkapitalismus war ihnen wohlbekannt, durch den die großen Bankhäuser des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit nicht nur weitverzweigte Handelsgeschäfte, sondern auch den Finanzbedarf der zeitgenössischen Machthaber finanzierten. Damit setzten sie die weltlichen und geistlichen Herrscher in die Lage, ihre Repräsentationsbedürfnisse zu befriedigen, ihre Kriege zu führen und bisweilen auch ihre Länder zu modernisieren. Die europäische Staatenbildung wäre ohne den Kapitalismus der Medici, Fugger oder Barings nicht möglich gewesen. Der Plantagenkapitalismus war nicht unbekannt. Er war im Zuge der europäischen Kolonialisierung der Welt seit dem 16. Jahrhundert in Amerika, Asien und Afrika etabliert worden und hatte zu einer immensen Ausweitung des Handels mit Sklaven und ihres Einsatzes für kapitalistische Zwecke geführt. Zum großen Forschungsthema ist dieses wohl grausamste Kapitel der globalen Kapitalismusgeschichte allerdings erst in den letzten Jahren geworden. Der Agrarkapitalismus blieb nicht unbeachtet, der in England seit dem 16. Jahrhundert zur Zusammenfassung großer Ländereien in den Händen adliger und bürgerlicher Eigentümer geführt hatte, während die Gutsherren Ostmittel- und Osteuropas ihr Getreide auf internationalen Märkten nach kapitalistischen Grundsätzen verkauften, aber ihre Arbeitskräfte noch als Leibeigene, in Knechtschaft oder als Gesinde ausnutzten. Schließlich wurde auch die Geschichte des Verlagswesen erforscht, in dem Verleger-Kaufleute seit dem Mittelalter in immer größeren Teilen Europas meist ländliche Heimarbeiter, die mit ihren Familien auf herkömmliche Weise spannen, webten und andere Gewerbe betrieben, in überlokale und überregionale Märkte einbanden. Es war und ist klar: Kapitalismus gab und gibt es nicht erst seit der Industrialisierung.[2]

Trotzdem: Die meisten Zeitgenossen, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert analytisch oder polemisch über Kapitalismus diskutierten, stützten sich primär auf das Anschauungsmaterial des Industriekapitalismus, der sich seit dem späten 18. Jahrhundert in England, im 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika, schließlich auch in Japan ausbreitete, bevor er im 20. Jahrhundert auch in anderen Teilen der Welt Fuß fasste. Mit Maschinenwesen und Fabriken, mit neuen Energien und neuen Rohstoffen, mit Dampfschiffen und Eisenbahnen, mit Telegraf und Telefon veränderte die Industrialisierung schon im 19. Jahrhundert die Welt. Nicht nur führte sie zu einer präzedenzlosen Zunahme der Produktivität, zu allmählich beschleunigtem Wirtschaftswachstum und, in Deutschland seit den 1860er Jahren, zu einer langsamen Anhebung des Lebensstandards auch der breiten Bevölkerung. In ihr veränderte sich vielmehr auch der Kapitalismus.

Lohnarbeit auf vertraglicher Grundlage wurde nun zum Massenphänomen. Die Arbeitsbeziehungen wurden kapitalistisch, das heißt abhängig von schwankenden Arbeitsmärkten, strikterer Kalkulation unterworfen und Gegenstand direkter Aufsicht durch Arbeitgeber und Manager. Der dem Kapitalismus eigene Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit wurde damit offenkundig, als Herrschafts- und Verteilungskampf erfahrbar und kritisierbar. Mit den Fabriken, Bergwerken und neuen Verkehrssystemen erreichte die Akkumulation des fixen Kapitals ein Ausmaß wie nie zuvor. Großunternehmen entstanden, Unternehmenszusammenschlüsse fanden statt. Damit wuchs der Bedarf an genauer Rentabilitätskontrolle, das moderne Unternehmen wurde zum zentralen Ort. Technische und organisatorische Innovation wurde zur Regel. Schumpeter beschrieb "schöpferische Zerstörung" als Kern der kapitalistischen Wirtschaftsweise: die stetige Innovation, die auch zur Entwertung und Zerstörung von Altem führt und dem System nicht nur Freunde gewinnt. Und Marx beobachtete: "Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung der gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeois-Epoche vor allen anderen aus." Es gab Gewinner und Verlierer, die Erträge wurden sehr ungleich verteilt, Fortschritts- und Abstiegserfahrungen mischten sich. All dies trug bei vielen zur Unpopularität des neuen Wirtschaftssystems bei, besonders in den großen, immer wiederkehrenden Krisen wie etwa 1873 (und erst recht später, beispielweise 1929 und 2008). Mit der Industrialisierung wurde der Kapitalismus zum Industriekapitalismus und damit zur massenhaft wirkenden Macht.[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Kocka, Geschichte des Kapitalismus, München 20142, S. 6–17; zur hier benutzten Definition von "Kapitalismus" ebd., S. 20f. Das Folgende fußt auf Ergebnissen dieses Buches, insb. Kap. IV, S. 99–113. Zum Gebrauch des Begriffs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vgl. Richard Passow, "Kapitalismus", Jena 19272; materialreich: Larry Neal/Jeffrey G. Williamson (Hrsg.), The Cambridge History of Capitalism, 2 Bde., Cambridge 2014.
2.
Vgl. Joyce Appleby, The Relentless Revolution. A History of Capitalism, New York–London 2010, Kap. 2–5 (dt. Ausgabe: Die unbarmherzige Revolution. Eine Geschichte des Kapitalismus, Hamburg 2011); Peter Kriedte et al., Industrialisierung vor der Industrialisierung: Gewerbliche Warenproduktion auf dem Lande in der Formationsperiode des Kapitalismus, Göttingen 1977; Sven Beckert, Empire of Cotton: A Global History, New York 2014 (dt. Ausgabe: King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus, München 2014).
3.
Vgl. Christoph Buchheim, Industrielle Revolutionen. Langfristige Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien, Europa und in Übersee, München 1994; Eric J. Hobsbawm, Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1875, München 1975.
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Autor: Jürgen Kocka für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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