"Privat"

19.8.2015 | Von:
Lars P. Feld

Kapitalismus und Kapitalismuskritik aus ordoliberaler Perspektive

Es fängt bereits bei den Begrifflichkeiten an: Während im angelsächsischen Raum das Wort capitalism wertfrei verwendet wird, steckt in der deutschen Sprache in der Bezeichnung "Kapitalismus" bereits eine Wertung. Die Kapitalismuskritik setzt den schon pejorativ so bezeichneten Kapitalismus weiter herab. Es dient daher nicht nur der Sachlichkeit in deutschen Debatten, stattdessen von "Marktwirtschaft" zu sprechen. Hinzu kommt, dass deren Erweiterung zur "Sozialen Marktwirtschaft" die Hinzunahme einer ordoliberalen Perspektive erleichtert.

Doch selbst die Marktwirtschaft ist ins Gerede gekommen. Schuld daran hat die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2007 bis 2009. Angesichts des damaligen Zusammenbruchs der Finanzmärkte wird die Funktionsfähigkeit der Märkte grundsätzlich bezweifelt. Anknüpfend an die Kapitalismuskritik der Frankfurter Schule skizziert beispielsweise Wolfgang Streeck in seinen Adorno-Vorlesungen,[1] wie sich die kapitalistische Wirtschaft von Krise zu Krise hangelte und die Lösung der Verteilungsprobleme zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft vertagte. Sein Narrativ umspannt mehrere Jahrzehnte, umfasst als durchgehende Konstante jedoch den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, dessen Konstruktion dem Sozialismus so teuer ist. In den 1970er Jahren kaschierte demnach die Inflation diese Verteilungsprobleme. In den 1980er Jahren wurden diese durch eine Anti-Inflationspolitik mit einer zunehmenden Staatsverschuldung abgemildert. Seit den 1990er Jahren, so Streeck, löste die überbordende private Verschuldung des Banken- und Finanzsystems die Staatsverschuldung als Moderator von Verteilungskonflikten ab. Diese Politik des Aufschiebens und Kaschierens sei nun an ihrem Ende angelangt. Das offene Ausbrechen von Verteilungskonflikten sei nur durch einen demokratischen Sozialismus mit hoher Umverteilung vermeidbar. Streeck gibt dem sozialistischen Historizismus damit ein neues Narrativ.

Dass es so weit gekommen ist, muss Ökonomen nicht verwundern. Seit dem berühmten Aufsatz des Wirtschaftswissenschaftlers Eugene Fama[2] trug die Mehrzahl der Ökonomen das Mantra der effizienten Finanzmärkte vor sich her, die immer und in Echtzeit alle für die Bewertung von Finanzprodukten relevanten verfügbaren Informationen effizient verarbeiteten. Effiziente Finanzmärkte machen aus dieser Sicht keine Fehler. Wenn Probleme auftreten, müssen sie woanders herkommen. Manche Autoren sagen angelsächsisch geprägten Ökonomen nach, dass sie als Ursachen für solche Fehler immer nur staatliche Eingriffe ausmachen. Wenn etwas schief läuft, sei der Staat daran schuld.[3] Das ist nicht ganz fair gegenüber den Angelsachsen, denn es ist wohl eher eine bestimmte Forschungsrichtung in den Wirtschaftswissenschaften, die so argumentiert, und zudem findet dieser Ansatz seinen Widerhall in Deutschland und anderen kontinentaleuropäischen Ländern bei denjenigen, die ausschließlich auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertrauen. Angesichts der Überhöhung der Finanzmärkte und der Marktkräfte erstaunt es nicht, dass die Gegenbewegung ebenfalls extrem ausfällt und die Marktwirtschaft insgesamt in ein schlechtes Licht gerückt wird. Die Finanzkrise hat belegt, dass die Finanzmärkte einem solchen überhöhten Ideal nicht entsprechen.

Kapitalismuskritik ist zudem nicht lediglich Systemkritik, die an große gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge anknüpft. Vielmehr geht sie einher mit grundsätzlichen Zweifeln am ökonomischen Denkansatz per se, dem ökonomischen Verhaltensmodell, dem homo oeconomicus. Diese Kritik setzt an den Grundfesten der Wirtschaftswissenschaften an, denn das ökonomische Verhaltensmodell ist der Ausgangspunkt für die Ableitung der Markteffizienz. Ebenfalls beispielhaft sei Frank Schirrmacher als Kritiker angeführt. In seinem Buch "Ego. Das Spiel des Lebens" greift er das ökonomische Verhaltensmodell frontal an. Die Ökonomik, insbesondere die Spieltheorie, habe die Menschen dazu gebracht, in Erwartung opportunistischen Verhaltens ihrer Mitmenschen selbst ihre Möglichkeiten zu entsprechendem Verhalten zu nutzen.[4] Die Ökonomen indoktrinierten die Menschen und machten sie zu selbstsüchtigen, misstrauischen, hinterhältigen, kurz: zu durch und durch verdorbenen Wesen: "(…) wie kann man auf Dauer ohne seelische Beschädigungen in einer Gesellschaft bleiben, die von jedem Menschen annimmt, er sei vernünftig, wenn er aus Eigennutz handelt?"[5]

Diese Kritik antwortet ebenfalls auf eine Art von Überhöhung. Denn das ökonomische Verhaltensmodell drang im Zeitverlauf in andere Bereiche der Sozialwissenschaften ein. In der Soziologie und der Politikwissenschaft ist dieser Ansatz etwa als Rational-choice-Modell bekannt. Seine Vertreter bewarben es als überlegen, verständlicherweise angesichts ihres Ziels, damit wissenschaftlich erfolgreich zu sein. Aber nicht zuletzt übernahmen dies die Ökonomen selbst, wenn man beispielsweise an die Forschungsarbeiten von Gary Becker denkt, der Pionierarbeiten im Bereich der ökonomischen Analyse des Rechts oder der Ökonomik der Familie leistete, oder von James Buchanan, der die ökonomische Analyse der Politik begründete. Dies traf nicht immer auf Gegenliebe in den anderen Wissenschaften und wurde als ökonomischer Imperialismus beschimpft.[6]

Das ökonomische Verhaltensmodell bietet bis heute so viel Reibungsfläche, dass mit der Verhaltensökonomik ein eigenständiger Ansatz entstanden ist, der die Grundannahmen des homo oeconomicus in Frage stellt, um darauf basierend neue Erkenntnisse über individuelles Handeln abzuleiten. Ursprünglich im Zusammenspiel mit der experimentellen Wirtschaftsforschung entstanden, greift die Verhaltensökonomik heute auf neuroökonomische Forschung und auf Feldexperimente zurück. Im Wesentlichen mikroökonomisch orientiert lassen sich daraus gleichwohl Rückschlüsse für die Wirtschaftspolitik ziehen.[7] Allerdings ist der Schritt von der Verhaltensökonomik zur anfangs angedeuteten Systemfrage, aber auch schon zur Makroökonomik ein großer. Bislang ist die Verhaltensökonomik jedenfalls kaum in die makroökonomische Forschung eingedrungen.[8]

Der Ordoliberalismus, oder, im Deutschen weniger wertbeladen, die Ordnungsökonomik hielt sich bei der Überhöhung der Marktkräfte im Wesentlichen zurück. Zwar fordert der Kronberger Kreis, ein Zusammenschluss gleichgesinnter Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler, als dezidiert ordnungspolitisch ausgerichtete Institution seit seiner Gründung in vielen Schriften mehr Markt ein.[9] Mit der Deregulierung der Finanzmärkte hat er sich jedoch nicht auseinandergesetzt. Man mag ihm dies bei der Diskussion notwendiger Reregulierung nach der Finanzkrise vorwerfen.[10] Doch lassen sich die Analysen dieses Kreises nicht als Überhöhung des Effizienzparadigmas der Finanzmärkte interpretieren.

Eine solche Idealisierung würde den ordnungsökonomischen Grundanliegen widersprechen. Die deutschen Ordnungsökonomen der Gründergeneration, insbesondere Walter Eucken, entwickelten ihren Denkansatz und die daraus abgeleiteten Grundsätze der Wirtschaftspolitik in Abgrenzung zum Laissez-faire-Ansatz des klassischen Liberalismus. Sie erkannten mögliches Marktversagen an und wollten durch staatliche Wirtschaftspolitik sicherstellen, dass dieses behoben wird oder gar nicht erst auftritt. Dabei sollte die Wirtschaftspolitik ordnungspolitisch ausgerichtet sein, also den Regelrahmen für die wirtschaftlichen Akteure festlegen, nicht aber in das tägliche wirtschaftliche Geschehen auf den Märkten im Sinne eines Staatsinterventionismus eingreifen.[11] Selbst der deutlich marktfreundlicher ausgerichtete Friedrich A. von Hayek erkannte die Beschränktheit individueller Entscheidungsprozesse an.[12] In seiner Vorstellung der menschlichen Psyche könnten sich manche Verfechter der Verhaltensökonomik und der Theorie der beschränkten Rationalität wiederfinden. Hayeks Schlussfolgerung ist jedoch eine andere als jene der Kapitalismuskritiker. Er plädiert für weniger Staat und liefert der Ordnungsökonomik weitere Argumente im Sinne ordnungspolitisch ausgerichteter Eingriffe.

Um den hier zu Beginn geschlagenen Bogen besser zu verstehen, ist es erforderlich, zunächst beim ökonomischen Verhaltensmodell anzusetzen und dann zu fragen, was dies für die Wirtschaftspolitik bedeutet.[13]

Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin 2013.
2.
Vgl. Eugene Fama, Efficient Capital Markets: A Review of Theory and Empirical Work, in: Journal of Finance, 25 (1970), S. 383–417.
3.
Vgl. Gebhard Kirchgässner, Homo oeconomicus, Tübingen 20134, S. 236ff.
4.
Vgl. Frank Schirrmacher, Ego. Das Spiel des Lebens, München 2013.
5.
Ebd., S. 41.
6.
Vgl. George Stigler, Economics, the Imperial Science?, in: Scandinavian Journal of Economics, 86 (1984), S. 30 –313.
7.
Vgl. Armin Falk, Homo Oeconomicus versus Homo Reciprocans: Ansätze für eine neues wirtschaftspolitisches Leitbild?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 4 (2003), S. 141–172.
8.
Dies gilt trotz vereinzelter Versuche beispielsweise von Paul de Grauwe, The Scientific Foundation of Dynamic Stochastic General Equilibrium (DSGE) Models, in: Public Choice, 144 (2010), S. 413–443.
9.
Der Autor dieses Beitrags ist Sprecher des Kronberger Kreises.
10.
So beispielsweise die Kritik von Gebhard Kirchgässner, Die Krise der Wirtschaft: Auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaften?, in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 10 (2009), S. 436–468.
11.
Vgl. Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen 1952.
12.
Vgl. Friedrich A. von Hayek, Die sensorische Ordnung, Tübingen 2006.
13.
Vgl. zum ökonomischen Verhaltensmodell wiederum G. Kirchgässner (Anm. 3). Der folgende Abschnitt basiert auf Lars P. Feld, Zum Zustand der Sozialen Marktwirtschaft, unveröffentlichtes Manuskript, Freiburg i. Br. 2015.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Lars P. Feld für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.