"Privat"

19.8.2015 | Von:
Lars P. Feld

Kapitalismus und Kapitalismuskritik aus ordoliberaler Perspektive

Marktwirtschaft: Der ökonomische Ansatz

Ein marktwirtschaftliches System koordiniert die Wünsche und Pläne einer Vielzahl von Menschen auf unnachahmliche Weise. Im Wirtschaftsprozess entscheiden die Menschen eigennützig und rational, indem sie eine rationale Wahl aus den ihnen vorliegenden Alternativen treffen, die ihren Präferenzen am ehesten entspricht. Dies führt dazu, dass es ohne Absicht zu einer im Wesentlichen erwünschten Zuordnung knapper Ressourcen kommt. Der Eigennutz schafft es in aller Regel, ohne moralische Handlungsmaxime das Wünschenswerte zu realisieren. Markt und Wettbewerb, Investitionen und Wachstum sorgen für einen vernünftigen Umgang mit dem Knappheitsproblem. Hier mag das Bild vom Bäcker, der nicht aus Altruismus Brot für seine Kunden backt, als Andeutung genügen.

Dabei hat nur der Marktprozess die erstaunliche Eigenschaft, auf außergewöhnlich präzise Weise die Konsum- und Investitionsentscheidungen der Menschen zusammenzubringen. Kein anderer Mechanismus schafft es, das dezentral vorhandene Wissen so wunderbar zu koordinieren. Das Geheimnis hinter diesem Koordinationserfolg ist die Signalfunktion der Preise. Sie sorgen dafür, dass Ressourcen "zum besten Wirt" wandern.

Dem ökonomischen Verhaltensmodell wird vorgeworfen, dass es annimmt, Menschen seien eigennützig und rational. Gemäß der Eigennutzannahme sind Individuen grundsätzlich und in erster Linie auf den eigenen Vorteil bedacht, sie sind egoistisch. Ökonomen gehen somit davon aus, dass sich Individuen überwiegend nicht altruistisch oder "moralisch" verhalten. Das ist schwierig, weil Egoismus unsympathisch ist und jeder für sich andere Motive seines Handelns in Anspruch nimmt. Die Geringschätzung dieser Annahme beginnt schon mit dem sprachlichen Problem, dass Egoismus und Eigennützigkeit im Deutschen engere Substitute sind als egoism und selfishness im Englischen. Unsere Sprache schiebt diese Annahme somit schon ins Negative.

Immerhin muss man anerkennen, dass es sich bei Eigennützigkeit nicht um schlechtere Charaktereigenschaften als Neid, Hass oder Schadenfreude handelt. Im Grunde geht das ökonomische Verhaltensmodell nur davon aus, dass sich Menschen nicht wie der barmherzige Samariter aus dem gleichnamigen Gleichnis verhalten. Der Philosoph John Rawls bezeichnete diese gegenseitig desinteressierte Vernünftigkeit als in vielen Fällen zutreffende Beschreibung menschlichen Verhaltens.[14] Mit Eigennützigkeit ist daher auch nicht der Opportunismus als die Verfolgung des Eigeninteresses "unter Zuhilfenahme von List" gemeint.[15] Dies würde krassere Formen, wie Lügen, Stehlen und Betrügen, einschließen.

Trotz der inneren Ablehnung, die Eigennützigkeit bei vielen auslösen mag, handelt es sich um eine in vielen Zusammenhängen vernünftige Annahme. Dies bedeutet nicht, dass Ökonomen nur eigennütziges Verhalten für vernünftig halten, wie es Schirrmacher unterstellt.[16] Die Annahme erlaubt es vielmehr, sinnvolle und robuste gesellschaftliche Institutionen zu entwickeln, die größere Belastungen als den Altruismus von Menschen aushalten und opportunistisches Verhalten einschränken. Man sollte dem Gewinn maximierenden Unternehmer oder dem Stimmen maximierenden Politiker sein Verhalten nicht vorwerfen, sondern damit rechnen; oder, wie es Friedrich II. von Preußen 1752 auf den Punkt brachte: "Wer glaubt, dass die Welt von Bösewichtern bevölkert ist, denkt wie ein Menschenfeind; sich einzubilden, dass alle Tiere auf zwei Beinen und ohne Flügel ehrliche Leute sind, heißt, sich wie ein Dummkopf zu täuschen."[17]

Scharf zu trennen von der Eigennutzannahme ist die Rationalitätsannahme. In allererster Linie ist die Annahme deskriptiv, zielt also im Sinne einer positiven Wissenschaft auf die Erklärung (typischen, aggregierten) individuellen Verhaltens ab. Demnach ist die Entscheidungssituation des Individuums gemäß dem Rationalitätsprinzip von Intentionen (Präferenzen) und Beschränkungen (Restriktionen) bestimmt. Zu den Beschränkungen zählen beispielsweise das Einkommen, die auf den Märkten geltenden Preise, die rechtlichen Rahmenbedingungen des Handelns oder die (erwarteten) Reaktionen anderer. Natürlich lässt sich eine individuelle Entscheidungssituation durch Rückgriff auf vielfältige andere Lebensbereiche illustrieren. So dürfte ein Individuum bei der Partnerwahl in der Realisierung seiner Schönheitsideale durch das eigene Aussehen und dessen Kompatibilität mit den Vorstellungen anderer beschränkt sein.

Ein Individuum entscheidet sich unter bestimmten Handlungsmöglichkeiten für diejenige, die seinen Präferenzen am ehesten entspricht, ist also in der Lage, systematisch die relativ beste Alternative zu wählen. Die Rationalität der Entscheidung als rationale Wahl zwischen Alternativen gemäß den eigenen Präferenzen stellt relativ geringe Informationsanforderungen. Keineswegs ist für das ökonomische Verhaltensmodell vollständige Information oder vollständige Voraussicht notwendig. Dies sind zusätzliche Hilfsannahmen zur Komplexitätsreduktion in einfachen Lehrbüchern (paleo-homo oeconomicus). Eine Verallgemeinerung dieses Zerrbilds ist unzulässig. Sie entspricht nicht moderner ökonomischer Auffassung. Die Analyse unvollständiger, asymmetrischer Information ist vielmehr Kernstück ökonomischer Analyse.

Hinsichtlich zukünftiger Ereignisse sollten Menschen (bedingte) Erwartungen bilden können. Dies lässt viel Spielraum für eingeschränkt rationales Verhalten insofern, dass ein Individuum so lange Alternativen prüft, bis hinreichend akzeptable gefunden sind. Es vermag auf diese Weise, rationale Suchverfahren und Daumenregeln zu entwickeln, und handelt gemäß kontingenter Regeln für Klassen von Situationen. In diesem Sinne können Individuen gemäß dem ökonomischen Verhaltensmodell rationale Erwartungen bilden. Die strenge Form rationaler Erwartung ist wie jede strenge Rationalitätsannahme längst empirisch verworfen. Aber nicht so, dass es möglich erscheint, Individuen konsistent und/oder langfristig auf die gleiche Weise hinters Licht zu führen; hier gelten rationale Erwartungen sehr wohl. Geldillusion, also die Orientierung am nominalen, nicht realen Wert, ist somit keine langfristig mögliche Strategie für die Wirtschaftspolitik. Oder, um mit LeAnn Rimes ("Life goes on", 2002) zu sprechen: "Shame on you if you fool me once, shame on me if you fool me twice."

Auf Basis dieser Überlegungen kommen Ökonomen zu der Vorstellung, dass der marktwirtschaftliche Prozess zu einer optimalen Verteilung von Ressourcen führt. Sie gehen sogar soweit, daraus das gehaltvollste Modell der Sozialwissenschaften zu entwickeln, nämlich ein elegantes, mathematisches allgemeines Gleichgewichtsmodell. Es ist empirisch gehaltvoll – nicht weil es die Realität so gut erfasst. Das können Modelle nie, denn sie sollen von der Realität abstrahieren. Vielmehr hat dieses Modell empirischen Gehalt, weil man sich daran so gut reiben kann.

Dies bedeutet nun nicht, dass eine Marktwirtschaft nach diesem ökonomischen Ansatz immer störungsfrei funktioniert. Er erlaubt vielmehr, anknüpfend an den für die modelltheoretischen Analysen wesentlichen Annahmen, herauszuarbeiten, unter welchen Bedingungen der Markt nicht oder nicht so gut funktioniert. Es lassen sich Tatbestände des Marktversagens aufdecken, die grundsätzlich staatliches Handeln ermöglichen. Marktversagen tritt demnach immer wieder auf. Dazu gehören nicht nur Externalitäten, etwa die Umweltproblematik, Probleme aufgrund asymmetrischer Information, etwa beim Konsumentenschutz, oder makroökonomische Instabilitäten, die in der ganzen Breite zu geld- oder fiskalpolitischen Eingriffen aufrufen. Verteilungsfragen spielen zudem eine wichtige Rolle, weniger im Sinne des Marktversagens, vielmehr als gesellschaftspolitische Rahmenbedingung. Nicht zuletzt wird Marktversagen durch die Verabsolutierung der Vertragsfreiheit ermöglicht, wenn Marktteilnehmer sich zusammentun und wettbewerbsbeschränkende Eingriffe vornehmen. Einen funktionierenden Wettbewerb sicherzustellen, ist zentral für ein gutes Funktionieren der Marktwirtschaft. Dieser ist es vor allem, der die Marktwirtschaft sozial macht, ohne dass man dieses Attribut überhaupt anfügen müsste. Wettbewerb stellt bestehende Einkommens- und Vermögenspositionen immer wieder in Frage, verlangt, dass sich diese erneut im Wirtschaftsprozess bewähren.

Fußnoten

14.
Vgl. John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1975, S. 168.
15.
Vgl. Oliver Williamson, The Economic Institutions of Capitalism: Firms, Markets, Relational Contracting, New York 1985, S. 54.
16.
Vgl. F. Schirrmacher (Anm. 4), S. 41.
17.
Zit. nach: G. Kirchgässner (Anm. 3), S. 48.
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