"Privat"

19.8.2015 | Von:
Christine Bauhardt

Feministische Kapitalismuskritik und postkapitalistische Alternativen

Feministische Perspektiven zur Überwindung des Kapitalismus

Feministisch-ökologische Positionen analysieren ausgehend von der ReProduktivität des Frauenkörpers die Gleichzeitigkeit und wechselseitige Verstärkung von kapitalistischer und patriarchaler Ordnung. Der radikalen Kritik des Ökofeminismus gelten die Kontrolle der weiblichen Sexualität und Reproduktionsfähigkeit und die Zerstörung der Natur als Basis kapitalistischer Ausbeutung und männlicher Herrschaft.[16] Diese Kritik verbindet sich mit der ökonomischen Vision der Subsistenz.[17] Damit ist eine Vorstellung vom "guten Leben" gemeint, die unter dem Stichwort "Postwachstum" in der aktuellen Debatte um Alternativen zum Kapitalismus hoch im Kurs steht: "Eine neue Definition des Begriffs von ‚gutem Leben‘ wird nicht einfach Verzicht predigen, sondern die Werte hervorheben, die in unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleiben, z.B. Kooperation anstatt Konkurrenz, (…) Selbstversorgung (self-sufficiency) anstatt Abhängigkeit von externen Märkten, Absage an Ausbeutung und Kolonisierung als Grundlage für eigene Vorteile, Gemeinschaftlichkeit statt Verfolgung privater und egoistischer Einzelinteressen, Kreativität, Souveränität und Würde statt dauerndes ‚Schielen nach oben‘, Befriedigung in der eigenen Arbeit statt imitativem und kompensatorischem Konsum und, statt eines stets steigenden quantitativen Lebensstandards, Lebensfreude und Glück, die aus der Zusammenarbeit mit anderen und einer sinnvollen Tätigkeit entspringen."[18] Unschwer sind hier die Prinzipien einer Postwachstumsgesellschaft zu erkennen, wie sie zum Beispiel von der Philosophin Barbara Muraca skizziert werden.[19]

Mit dieser Sichtweise verbindet sich auch ein bestimmtes Freiheitsverständnis. Wie eingangs betont, ist feministische Ökonomiekritik immer auch verbunden mit der Suche nach Freiheit – in Anerkennung von "gegenseitigen Beziehungen, die durchaus nicht in Abhängigkeit auszuarten brauchen", wie es bei Taylor Mill heißt. Die ökofeministische Subsistenzperspektive versteht Freiheit vor allem als Befreiung vom Konsum, die eben nicht als Verzicht, sondern als "Einforderung eines anspruchsvolleren, glücklicheren, gesünderen, heiteren Lebens" verstanden wird: "Konsumbefreiung bedeutet eine Verbesserung der Lebensqualität, nicht bloße Askese."[20] Auch diese Vision von Lebensqualität ist anschlussfähig für radikale Kritiken der kapitalistischen Produktions- und Konsumweise. Allerdings verbindet sie sich im Ökofeminismus mit einer klaren Forderung nach "Veränderungen in der geschlechtlichen Arbeitsteilung, in der Wirtschaft und in der Politik. Nur wenn Männer tatsächlich die Sorge für Kinder, Alte, Kranke und die Natur mitübernehmen, wenn sie erkennen, dass diese lebenserhaltende Subsistenzarbeit wichtiger als die Arbeit für Geld ist, werden sie in der Lage sein, ein verantwortungsbewusstes, fürsorgliches, erotisches Verhältnis zu ihren PartnerInnen zu entwickeln, egal ob Mann oder Frau."[21]

Ökofeministische Positionen sind im deutschsprachigen Raum umstritten, da ihnen ein essentialistisches Verständnis von Natur und Weiblichkeit unterstellt wird. Im englischsprachigen Kontext wurde die ökofeministische Debatte von Autorinnen wie Karen Warren, Catriona Sandilands, Noel Sturgeon oder Stacy Alaimo produktiv weiterentwickelt.[22] Vor dem Hintergrund des neu erwachten feministischen Interesses an Materialität werden diese Überlegungen unter dem konzeptionellen Dach von queer ecologies beziehungsweise queer nature-cultures fortgeführt.[23]

Ebenfalls inspirierend für alternative ökonomische Praxen jenseits der kapitalistischen Verwertungs- und Akkumulationslogik, allerdings mit einem völlig anderen Theoriebezug, ist der Ansatz der community economy von Katherine Gibson und Julie Graham.[24] Während der Ökofeminismus politökonomisch inspiriert ist, schließen Gibson-Graham an einen mit Theoremen des Diskurstheoretikers Michel Foucault unterlegten Poststrukturalismus an und verstehen ihre Konstruktion einer diverse economy als gegenhegemoniales Projekt zum dominanten Diskurs eines alternativlosen globalen Kapitalismus.[25] Die Dominanz dieser Denkform nennen sie "Kapitalozentrismus" und beschreiben sie als "dominant economic discourse that distributes positive value to those activities associated with capitalist economic activity however defined, and assigns lesser value to all other processes of producing and distributing goods and services by identifying them in relation to capitalism as the same as, the opposite of, a complement to, or contained within".[26]

Ihre Vision einer postkapitalistischen Politik beruht auf der Analyse bereits praktizierter Formen ökonomischer Diversität jenseits kapitalistischer Ausbeutung von Mensch und Natur, wobei sie sich explizit auf die Darstellung der "Eisberg-Ökonomie" der ökofeministischen Analyse beziehen.[27] Mit der "Eisberg-Ökonomie" ist gemeint, dass im Kapitalismus nur ein Zehntel der tatsächlichen ökonomischen Leistungen sichtbar, da monetarisiert, neun Zehntel der Ökonomie jedoch unter der Oberfläche schwimmen und entsprechend unsichtbar sind. Dazu gehören alle ökonomischen Aktivitäten, bei denen entweder kein Geld fließt oder kein Kapital akkumuliert wird, also zum Beispiel Freundschaftsdienste, Geschenke und Tausch, Freiwilligenarbeit, Konsumentenkooperativen und eben auch unbezahlte Hausarbeit. In dieser Sichtweise wird die kapitalistische Ökonomie zu einer von vielen möglichen ökonomischen Formen in einem Meer der unterschiedlichsten Arten und Weisen, social provisioning sicherzustellen.

Gibson-Grahams postkapitalistisches Verständnis von Ökonomie wird inspiriert von identitätskritischen Positionen von Chantal Mouffe/Ernesto Laclau über Judith Butler und die Psychoanalyse bis hin zu buddhistischen Praxen: "What Buddhist practice offers, then, is not unlike the fruits of psychoanalysis: less investment in the self of ego and identity, greater openness to change (in the self and world), and enlarged capacities for joy and connection".[28] Auch hier werden Visionen erkennbar, die die Debatten um Perspektiven jenseits des kapitalistischen Wachstumsimperativs vorantreiben können. Affekt und Emotionen sind ebenso behindernde wie befördernde Quellen einer postkapitalistischen Subjektivität. Für die Konstitution von geschlechtlichen Subjektivitäten stellt die Auseinandersetzung mit der symbolischen Ordnung von Männlichkeit und Weiblichkeit eine nach wie vor bestehende zentrale Herausforderung dar.

Die Perspektive einer Dezentrierung des Kapitalismus und der von ihm geforderten (Selbst-)Zurichtung der Subjekte ermöglicht es, den kapitalistischen Hegemonieanspruch zu überwinden und den Blick zu öffnen für Praxen, die schon heute existieren und die von Gibson-Graham als community economy bezeichnet werden. Diese sind charakterisiert durch ihren lokalen, kleinräumlichen Bezug, durch gemeinschaftlichen Besitz, gemeinsame Kontrolle und Entscheidungsfindung, sie sind umweltgerecht, ethisch, kulturell divers, sozial eingebettet und lebensorientiert.[29]

Ähnliche Vorstellungen verbinden sich mit dem Konzept der sustainable livelihoods, eine Formulierung, die von feministischen Umweltbewegungen als Gegenbild zum dominanten Diskurs der Nachhaltigkeit geprägt wurde. Das Leitbild von sustainable livelihoods umfasst eine Abkehr vom dominanten westlichen Konzept von Entwicklung und ökologischer Modernisierung, ein Modell, das als Grundlage der globalen Umweltzerstörung abgelehnt wird.[30] Es wurde 1991 auf dem World Women’s Congress for a Healthy Planet formuliert und gilt seither als Bezugsrahmen feministischer Wachstums- und Kapitalismuskritik. Während nach gängigem Verständnis nachhaltige Entwicklung eng mit dem Wachstumspostulat verbunden ist – Wachstum gilt diesem Ansatz als Voraussetzung für mehr Umwelt- und Verteilungsgerechtigkeit – sehen die Vertreterinnen und Vertreter des Sustainable-livelihood-Ansatzes im ökonomischen Wachstum nicht die Lösung, sondern die Ursache für die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die globale Ungleichverteilung von Reichtum und Ressourcen.[31] Entsprechend umstritten sind unter Feministinnen aktuelle Forderungen nach "grünem Wachstum" oder einem "Green New Deal".[32] Es wird dabei argumentiert, dass ein grüner Kapitalismus die Wachstumslogik nur fortschreibt, ohne an den Grundlagen der kapitalistischen Produktions- und Konsumweise zu rütteln.

Aber auch die Postwachstumsdebatte ist noch weitgehend geschlechtsblind.[33] Dabei sind zentrale Forderungen für eine Postwachstumsgesellschaft gar nicht zu realisieren, ohne die feministische Kritik und daraus abgeleitete Visionen zu berücksichtigen – oder vielmehr: Sollten diese Forderungen ohne Betrachtung ihrer geschlechtlichen Implikationen verfolgt werden, dann verstärken sie die hierarchische Geschlechterordnung. Eine wichtige Bedeutung kommt beispielsweise der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung zu, um einerseits Erwerbsarbeit gerechter zu verteilen und andererseits den Zugriff der Kapitalseite auf das Leben der Menschen zu begrenzen. "Verkürzung der Arbeitszeit" setzt aber implizit voraus, dass wir über die Erwerbsarbeitszeit sprechen, denn die Arbeitszeit in der Sozialen Reproduktion lässt sich nicht verkürzen. Entsprechend muss die Forderung aus einer feministischen Perspektive lauten: Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit und Ausweitung der Arbeitszeit von Männern in der Sphäre unbezahlter Arbeit, damit die Verantwortungs- und Sorgearbeit für das Wohlergehen anderer Menschen nicht länger eine quasi exklusive Anforderung an Frauen ist.

Allerdings scheinen manche Postwachstumstheoretiker keine konkrete Vorstellung davon zu haben, was sie in dieser Sphäre erwartet. An prominenter Stelle, in der Einleitung zum Schwerpunktheft "Degrowth" der wissenschaftlichen Zeitschrift "Ecological Economics", findet sich dazu die Formulierung, Tätigkeiten von geringer Produktivität – Care wird hier explizit genannt – repräsentierten einen "sector of pleasant and non-stressful occupations".[34] Mit einer solchen Einschätzung von Sozialer Reproduktionsarbeit schließt diese Postwachstumsvision nahtlos an die Minderbewertung von Frauenarbeit im Kapitalismus an und setzt ihre Ausbeutung als quasi-natürliche, unendlich zur Verfügung stehende Ressource fort.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Praxen des Postwachstums generell keinen kritischen Umgang mit der Geschlechterhierarchie pflegen, die Beispiele bei Gibson-Graham geben dazu Hinweise. In der Wissenschaft allerdings bleibt noch viel Raum für Diskussionen. Die Richtung dieser Debatten weist das Konzept "(Re)Produktivität" von Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister: "(Re)Produktivität ist eine Kategorie, die das Ganze der Produktivität umfasst".[35] Gemeint sind damit die Produktivität der Natur und die "soziale Reproduktion menschlichen Lebens durch sozial Frauen zugewiesene Sorgearbeit (Care)".[36]

Ökonomische und symbolische Ordnung zusammen denken

Die Sicht auf das Ganze der Ökonomie muss verknüpft werden durch die Analyse und Kritik der zweigeschlechtlichen symbolischen Ordnung, die Bewertungen und Hierarchien entlang der Achse Männlichkeit/Weiblichkeit zuweist. Es ist kein Zufall, dass Arbeiten in der Sozialen Reproduktion als Arbeiten von Frauen gelten und mit symbolischer Weiblichkeit identifiziert werden: Sie werden aufgrund der potenziellen Gebärfähigkeit des weiblichen Körpers und der Bindung dieser Produktivität an die Natur abgewertet. Freiheit entsteht für das bürgerliche männliche Subjekt durch die Befreiung von Abhängigkeit von der Natur und natürlichen Prozessen. Die Spaltung in Kultur und Natur, Produktion und Reproduktion, Männlichkeit und Weiblichkeit durchzieht die Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus. Dass diese Spaltungen nach wie vor höchst relevant sind, zeigt sich deutlich in der Tatsache, dass trotz verbreiteter Emanzipationsrhetorik die Haus- und Sorgearbeit nicht zwischen den Geschlechtern neu verteilt, sondern auf migrierte Frauen mit niedrigerem sozialen Status verlagert wird. Hier setzt sich die symbolische Identifikation von Sozialer Reproduktion mit Weiblichkeit fort und trägt nicht dazu bei, die Geschlechterhierarchie aufzubrechen. Alternativen zum Kapitalismus müssen sich daran messen lassen, inwiefern sie die Minderbewertung von natürlicher und weiblicher ReProduktivität materiell und symbolisch beenden. Erst dann werden Ideen von Autonomie und Freiheit und wechselseitiger Bindung und Verantwortung jenseits geschlechtshierarchischer Zuweisungen denk- und lebbar.

Fußnoten

16.
Vgl. Maria Mies/Vandana Shiva, Ökofeminismus. Beiträge zu Praxis und Theorie, Zürich 1995; A. Salleh (Anm. 14).
17.
Vgl. Claudia von Werlhof/Veronika Bennholdt-Thomsen/Nicholas Faraclas (Hrsg.), Subsistenz und Widerstand. Alternativen zur Globalisierung, Wien 2003.
18.
M. Mies/V. Shiva (Anm. 16), S. 335.
19.
Vgl. Barbara Muraca, Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums, Berlin 2014. Siehe zum Thema "Wohlstand ohne Wachstum?" auch die gleichnamige APuZ, (2012) 27–28 (Anm. d. Red.).
20.
M. Mies/V. Shiva (Anm. 16), S. 335. Herv. im Orig.
21.
Ebd., S. 386.
22.
Vgl. Karen Warren, Ecofeminist Philosophy. A Western Perspective on What It Is and Why It Matters, Lanham u.a. 2000; Catriona Sandilands, The Good-Natured Feminist. Ecofeminism and the Quest for Democracy, Minneapolis–London 1999; Noel Sturgeon, Ecofeminist Natures. Race, Gender, Feminist Theory and Political Action, New York–London 1997; Stacy Alaimo, Undomesticated Ground. Recasting Nature as Feminist Space, Ithaca–London 2000.
23.
Ausführlich dazu Christine Bauhardt, Rethinking Gender and Nature from a Material(ist) Perspective. Feminist Economics, Queer Ecologies, and Resource Politics, in: European Journal of Women’s Studies, 20 (4) 2013, S. 361–375; dies., Queer Naturecultures – Gesellschaftliche Naturverhältnisse feministisch denken und politisch gestalten, in: Elvira Scheich/Karen Wagels (Hrsg.), Körper Raum Transformation – gender-Dimensionen von Natur und Materie, Münster 2011, S. 198–216.
24.
J.K. Gibson-Graham, A Postcapitalist Politics, Minneapolis–London 2006.
25.
Vgl. ebd., S. 53ff.
26.
Ebd., S. 56.
27.
Vgl. ebd., S. 70.
28.
Ebd., S. 130.
29.
Vgl. ebd., S. 87.
30.
Vgl. Rosi Braidotti et al., Women, the Environment and Sustainable Development. Towards a Theoretical Synthesis, London 1994; Wendy Harcourt (Hrsg.), Women Reclaiming Sustainable Livelihoods. Spaces Lost, Spaces Gained, Basingstoke 2012; Christa Wichterich, Die Zukunft, die wir wollen. Eine feministische Perspektive, Berlin 2012.
31.
Vgl. Christine Bauhardt, Feministische Ökonomie, Ökofeminismus und Queer Ecologies – feministisch-materialistische Perspektiven auf gesellschaftliche Naturverhältnisse, in: Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft, Bd. 25: Gender und ökonomischer Wandel, Marburg 2013, S. 11–46.
32.
Christa Wichterich, Contesting Green Growth, Connecting Care, Commons and Enough, in: Wendy Harcourt/Ingrid L. Nelson (Hrsg.), Practising Feminist Political Ecologies, London 2015, S. 67–100; Wendy Harcourt, The Future of Capitalism. A Consideration of Alternatives, in: Cambridge Journal of Economics, 38 (6) 2014, S. 1307–1328.
33.
Vgl. Christine Bauhardt, Postwachstum: Die große Geschlechterblindheit, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2013) 11, S. 31–36; dies., Solutions to the Crisis? The Green New Deal, Degrowth, and the Solidarity Economy. Alternatives to the Capitalist Growth Economy from an Ecofeminist Economics Perspective, in: Ecological Economics, 102 (2014), S. 60–68.
34.
Giorgos Kallis/Christian Kerschner/Joan Martinez-Alier, The Economics of Degrowth, in: Ecological Economics, 84 (2012), S. 172–180, hier: S. 174.
35.
A. Biesecker/S. Hofmeister (Anm. 15), S. 69.
36.
Ebd.
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