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Anders Wirtschaften – genossenschaftliche Selbsthilfe


19.8.2015
Die genossenschaftliche Organisationsform dient als Zusammenschluss von Menschen, die sich in gleichen oder ähnlichen Problemlagen befinden und gemeinsam wirtschaftliche Lösungen suchen. Als im 19. Jahrhundert das kapitalistische Wirtschaftssystem mit der Industriellen Revolution seinen Siegeszug antrat, begann zugleich die Suche nach alternativen Formen des Wirtschaftens. Die Idee der Selbsthilfe war nicht neu. Schon im Mittelalter gab es genossenschaftsähnliche Organisationen. Im schottischen New Lanark setzte sich der Sozialreformer Robert Owen ab 1799 in seinen Textilfabriken für menschenwürdige Arbeitsbedingungen ein. Er beeinflusste die Gründung englischer Konsumgenossenschaften. Durch gemeinsamen Einkauf suchten die Arbeiter, die Kosten des täglichen Bedarfs zu senken und sich mit Produkten von einwandfreier Qualität zu versorgen. Die Gründung der Rochdale Society of Equitable Pioneers am 24. Oktober 1844 in der englischen Textilstadt Rochdale nahe Manchester gilt heute als Geburtsstunde der weltweiten Genossenschaftsbewegung.[1] Nicht die Gründung als solche war das entscheidende – Konsumvereine gab es schon vorher –, sondern die Prinzipien, nach denen gewirtschaftet wurde. Sie bilden heute die sieben Grundsätze der International Co-operative Alliance (Infokasten).

Infokasten

Die sieben Grundsätze der International Co-operative Alliance

  1. freiwillige und offene Mitgliedschaft
  2. demokratische Kontrolle (eine Person, eine Stimme)
  3. gleichwertige ökonomische Partizipation der Mitglieder
  4. Autonomie und Unabhängigkeit
  5. Bildung, Fortbildung und Information
  6. Kooperation innerhalb der Genossenschaftsbewegung
  7. Gemeinwohlorientierung
Quelle: International Co-operative Alliance, What is a co-operative, o. D., http://ica.coop/en/what-co-operative (28. 7. 2015).

Unterschieden wird zwischen Fördergenossenschaften und Produktivgenossenschaften. Bei den Fördergenossenschaften dient das Gemeinschaftsunternehmen der Erfüllung bestimmter Funktionen. Bei privaten Haushalten kann das der gemeinschaftliche Einkauf über die Konsumgenossenschaft sein, die Bereitstellung von Wohnraum durch die Baugenossenschaften oder von Finanzdienstleistungen durch die Kreditgenossenschaft. Im gewerblichen Bereich schließen sich Unternehmen zu Einkaufsgenossenschaften zusammen, um günstige Konditionen zu erzielen. Bekannte Beispiele sind die Genossenschaften der EDEKA-Einzelhändler sowie die Zusammenschlüsse im Maler-, Bäcker- und Dachdeckerhandwerk.

In den Produktivgenossenschaften sind die Mitglieder als Arbeitende organisiert, um Produkte und Dienstleistungen am Markt anzubieten. In Deutschland dominiert die Fördergenossenschaft, anders als in anderen europäischen Ländern hat die Produktivgenossenschaft nur wenig Verbreitung gefunden.

Die wirtschaftlichen Synergieeffekte ergeben sich aus der organisatorischen Bündelung, aus der Möglichkeit des Großeinkaufs und aus der Senkung von Verwaltungskosten. Die Genossenschaftsidee bietet mit ihrem Selbsthilfepotenzial gerade für innovative und alternative Bereiche sowie in krisenhaften Situationen Lösungen. Der Einzelne ist oft überfordert. Schließen sich aber Menschen, die die gleichen Werte und Ziele verfolgen, zusammen, können gemeinschaftliche Anstrengungen zum Erfolg führen.

Das Kapital der Genossenschaft besteht aus den eingezahlten Beiträgen und aus Rücklagen. Die Gewinnverteilung erfolgt über die Dividende auf die Geschäftsguthaben und über die Rückvergütung. Die steuerfreie Rückvergütung muss allerdings im Mitgliedergeschäft erwirtschaftet werden, das heißt, Gewinne aus dem Nichtmitgliedergeschäft dürfen nicht als Rückvergütung ausgezahlt werden. Im Gegensatz zur Aktiengesellschaft kann ein Genossenschaftsmitglied seine Mitgliedschaft kündigen und damit sein eingezahltes Geschäftsguthaben zurückverlangen. Ein Massenaustritt kann einen Kapitalabfluss verursachen, der die Genossenschaft in ihrer Existenz bedroht.

Genossenschaften werden typischerweise dort gegründet, wo der Markt nicht funktioniert oder gar nicht besteht. So kommt es zur Gründung von "Dorfläden", um die örtliche Versorgung sicherzustellen, oder Menschen schließen sich zusammen, um eine bestimmte Wohnform zu verwirklichen. Genossenschaften können unter Marktbedingungen auch dort noch arbeiten, wo das kapitalistische System versagt, weil sie in der Lage sind, vorübergehend oder dauerhaft ehrenamtliche Arbeitskraft zu mobilisieren. Insbesondere in Krisenzeiten gewinnt die genossenschaftliche Selbsthilfe damit Gestaltungsspielraum, die andere Rechtsformen nicht bieten.



Fußnoten

1.
Vgl. Helmut Faust, Geschichte der Genossenschaftsbewegung, Frankfurt/M. 19773, S. 103–114.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Holger Martens für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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