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Commonsbasierte Zukunft. Wie ein altes Konzept eine bessere Welt ermöglicht


19.8.2015
Heute ist es einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus – so bringen Theoretiker wie Slavoy Žižek oder Frederic Jameson die allgemein empfundene Alternativlosigkeit zum Kapitalismus auf den Punkt.[1] Doch: "Ein neues Wirtschaftssystem – die Kollaborativen Commons – betritt die ökonomische Weltbühne." Mit diesem Satz beginnt der Ökonom Jeremy Rifkin sein 2014 erschienenes Buch "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft". [2] Und beschreibt dabei das, was sich seit Beginn dieses Jahrtausends in vielen Bereichen als neue Formen der Organisation des Lebens abzeichnet: in Ansätzen anderen Wirtschaftens, in Sozialen Bewegungen, in dem Boom des sharings. Dies zusammengenommen ergeben sich bislang ungeahnte Möglichkeiten einer sozioökonomischen Basis emanzipatorischer Visionen. Denn im Gegensatz zu dem, was viele glauben, bedeutet solidarisch zu wirtschaften nicht, dass dies nur in kleinen Gemeinschaften möglich wäre. Der Begriff "Commons", den Rifkin bereits in seinem Eingangssatz benutzt, ist dabei entscheidend. Rifkin betont zu Recht die globalen Potenziale: "Was die Commons heute relevanter denn je macht, ist der Umstand, dass wir zurzeit an einer globalen Hightech-Plattform arbeiten, deren konstituierende Eigenschaften potenziell genau die Werte und Prinzipien optimieren, die diese uralte Institution beseelen."[3]

Im folgenden Abschnitt skizziere ich, was unter Commons zu verstehen ist, und wie bereits existente Ansätze anderen Wirtschaftens als commonsbasierte beziehungsweise -schaffende Produktionsweise interpretiert werden können. Dies fasse ich als "Ecommony", um das gesamtgesellschaftliche Potenzial zu betonen. Dieses findet sich auch immer wieder in Rifkins Vision, die ich anschließend beschreibe. Abschließend stelle ich Überlegungen zu dem Prozess einer möglichen Transformation an.

Von den Commons zur Ecommony



Im Grunde nichts anderes bedeutend als das aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene Wort "Allmende", Gemeingut, das jedoch Bilder der Vergangenheit hervorruft, werden inzwischen mit dem Begriff "Commons" facettenreiche Aspekte gegenwärtigen und möglichen zukünftigen Wirtschaftens verbunden. In die Diskussion kam die Bezeichnung in den vergangenen Jahren zunächst für bestimmte Güter: "natürliche Commons" wie Klima oder Weltmeere auf der einen Seite, also Bereiche, in denen die herkömmliche Warenlogik nicht funktioniert, und "digitale Commons" wie Wikipedia oder Linux auf der anderen, die von freiwillig Beitragenden gemeinsam geschaffen wurden und bei denen keine Rivalität im Konsum besteht. Doch aus Sicht jener, die hierin die Grundlage eines anderen Gesellschaftsmodells erblicken, ist es eine grundlegende Frage, welche Güter als Commons gelten. Und dass alle Güter Commons sein könnten und sollten.

Rifkins Vision einer kollaborativen, lateral (horizontal verknüpft) organisierten Produktions- und Lebensweise entspricht dem, was der Harvardprofessor Yochai Benkler als "commonsbasierte Peer-Produktion" bezeichnet,[4] also auf Commons beruhende Produktion unter Ebenbürtigen – jenseits von Hierarchien, und ohne den Zwang zur (Lohn-)Arbeit. Die deutsche Publizistin Silke Helfrich nennt es, inhaltlich präziser, "commons-schaffend"[5] – denn Commons beziehungsweise Gemeingüter vernutzend ist auch der Kapitalismus; in den Wirtschaftswissenschaften wird von "externalisierten Kosten" gesprochen.[6]

Dabei möchte ich an dieser Stelle etwas unterscheiden, was in der Diskussion immer wieder durcheinander geht: Geht es darum, wie Gemeingüter – um einen normalerweise als Synonym verwendeten Ausdruck zu verwenden – vom Kapitalismus ausgebeutet werden, oder um Commons im Sinne von nicht nur offen zugänglich, sondern auch gemeinschaftlich verwaltet? Nur in diesem zweiten Fall macht es Sinn, mit dem Historiker Peter Linebaugh davon zu sprechen: "There is no commons without commoning".[7] Er führt das Verb ein, um es von der Vernutzung eines gemeinsamen Gutes zu unterscheiden, doch im Deutschen lässt sich dies nicht übersetzen. Um also eine ähnliche sprachliche Unterscheidung treffen zu können zwischen dem, was kritisiert wird, und dem, was vertreten wird, schlage ich die Unterscheidung in "Gemeingüter" (im Falle einer Vernutzung) und in "Commons" (im Falle gemeinschaftlicher Organisierung) vor.

Statt von commonsbasierter oder auch commonsschaffender Peer-Produktion spreche ich allerdings von "Ecommony", um mithilfe dieses Sprachspiels die darin liegende Möglichkeit eines gesamtgesellschaftlichen nicht-kapitalistischen Wirtschaftens zu betonen. Im Nachgang meines Buches "Halbinseln gegen den Strom"[8] über Ansätze alternativen Wirtschaftens im deutschsprachigen Raum wurde mir bewust, dass jüngere Initiativen, das heißt ungefähr seit der Jahrtausendwende, wesentlich den Prinzipien der "commons-based peer production" entsprechen. Diese werden im Folgenden dargestellt.


Fußnoten

1.
Vgl. Slavoy Žižeks Rede bei Occupy Wall Street, 11.10.2011, http://www.imposemagazine.com/bytes/slavoj-zizek-at-occupy-wall-street-transcript« (24.7.2015); Jameson, dem das Zitat oft als Urheber zugeschrieben wird, attribuiert es zu "someone": Frederic Jameson, Future City, in: New Left Review, 21 (2003), http://newleftreview.org/II/21/fredric-jameson-future-city« (24.7.2015).
2.
Jeremy Rifkin, Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus, Frankfurt/M. 2014.
3.
Ebd., S. 35.
4.
Vgl. Yochai Benkler, Coase’s Penguin, or, Linux and the Nature of the Firm, in: Rishab A. Ghosh (Hrsg.), CODE. Collaborative Ownership and the Digital Economy, Cambridge, MA 2005, S. 169–206.
5.
Silke Helfrich, Commons fallen nicht vom Himmel, in: OYA, 20 (2013), http://www.oya-online.de/article/read/972-commons_fallen_nicht_vom_himmel.html« (24.7.2015).
6.
Der Welternährungsspezialist Raj Patel zitiert eine Studie, nach der ein Hamburger statt vier US-Dollar 200 US-Dollar kosten müsste, wenn alle damit verbundenen externalisierten Kosten im Preis berücksichtigt würden. Vgl. Nancy Dunne, Why a Hamburger Should cost 200 Dollars – The Call for Prices to Reflect Ecological Factors, in: Financial Times vom 12.1.1994; Ray Patel, The Value of Nothing – Was kostet die Welt?, München 2010, S. 44.
7.
Mit dem Begriff "commoning" grenzt Linebaugh emanzipatorische Diskussionen hierzu von solchen der Weltbank ab; das ihm zugeschriebene Zitat lässt sich jedoch nicht belegen, anders als häufig angegeben enthält sein Werk The Magna Carta Manifesto: Liberties and Commons for All, Berkeley 2008, nur den Gedanken (S. 278), nicht jedoch das wörtliche Zitat.
8.
Friederike Habermann, Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag, Sulzbach 2009.
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Autor: Friederike Habermann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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