Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Jule Specht

Psychologie des hohen Lebensalters: Der aktuelle Forschungsstand

Der demografische Wandel ist mittlerweile ein alter Begleiter. Und dies nicht nur, weil mit ihm, zumindest in Deutschland, eine Alterung der Bevölkerung einhergeht, sondern auch, weil seine Auswirkungen bereits seit über 40 Jahren spürbar sind. Zahlreiche Konsequenzen für die Altersvorsorge, das Gesundheitswesen, die Wirtschaft im Allgemeinen und die Arbeitswelt im Besonderen wurden bereits umfangreich diskutiert. Umso erstaunlicher ist, dass den psychologischen Konsequenzen einer alternden Bevölkerung in der Wissenschaft bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zukam.

Seit 1972 wandelt es sich in Deutschland, wenn man bei dieser Stabilität überhaupt noch von einem "Wandel" sprechen kann. So lange verliert Deutschland nun schon an Bevölkerung, da die Geburtenrate mit der Sterberate nicht mehr mithalten kann und auch Migrationen diesen Verlust derzeit nicht wettmachen. Die Durchschnittsfrau bekommt weiterhin nur 1,4 Kinder und dies deutlich später, als es früher noch üblich war. Es fehlt dementsprechend an Nachwuchs, während die Lebenserwartung gleichzeitig weiterhin steigt, laut Schätzungen des Statistischen Bundesamtes immerhin um weitere sechs bis sieben Jahre bis zum Jahr 2060.

Besonders deutlich wird der demografische Wandel jedoch bei den Hochbetagten, also den über 80-Jährigen. Bis zum Jahr 2060 wird sich deren Anzahl auf etwa neun Millionen verdoppelt haben. Während sich heutzutage nur jede/r Zwanzigste zu den besonders Alten zählen kann, wird es dann bereits jede/r Achte sein. Doch was wissen wir derzeit eigentlich über die Psyche und deren Entwicklung bei Hochbetagten?

Persönlichkeit als umfassende Beschreibung der Psyche

Die Psyche einer Person versucht die Psychologie mithilfe der Untersuchung ihrer Persönlichkeit greifbar zu machen. Sie umfasst die Gesamtheit aller Persönlichkeitseigenschaften, was sie jedoch noch nicht unbedingt handhabbar macht, wenn man sich deren Fülle vor Augen hält. Um dieser Komplexität Herr zu werden, wählen Persönlichkeitspsychologen den sogenannten lexikalischen Ansatz: Danach sind alle Persönlichkeitseigenschaften, die ihrer Definition nach bedeutsame Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten von Personen beschreiben, in der Sprache repräsentiert. Eine vollständige Erfassung der Persönlichkeit gelingt dementsprechend unter Berücksichtigung aller im Wörterbuch enthaltenen Persönlichkeitseigenschaften.

Genau bei diesen Wörterbüchern fand die moderne Persönlichkeitspsychologie ihren Anfang. Die Psychologen Gordon Allport und Henry Odbert nahmen sich in den 1930er Jahren der umfangreichen Aufgabe an, das Webster’s New International Dictionary zu durchforsten und identifizierten darin etwa 4500 Persönlichkeitseigenschaften.[1] A semantic nightmare, wie sie aufgrund dieser Anzahl resigniert feststellten. Mittlerweile ließen sich diese zahlreichen Persönlichkeitseigenschaften mithilfe von faktoranalytischen Verfahren[2] hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit untersuchen und auf fünf übergeordnete Persönlichkeitsfaktoren reduzieren: Die "Big Five" waren geboren. Die emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit bilden demnach die abstrakteste Hierarchiestufe bei der Beschreibung der Persönlichkeit.

Direkt beobachtbar sind weder diese fünf übergeordneten Persönlichkeitseigenschaften noch deren untergeordnete Persönlichkeitsfacetten. Und dennoch wirken sie sich auf unser Denken, Fühlen und Verhalten in allen Lebensbereichen aus. Darauf, wie erfolgreich eine Person im Beruf ist, auf die Größe ihres Freundeskreises, ihre Zufriedenheit mit dem Partner oder der Partnerin und ihre Gesundheit. Und diese Zusammenhänge zeigen eine erhebliche Stabilität über diverse Situationen hinweg. Zumindest sofern diese Situationen Raum für individuelle Unterschiede lassen und das Verhalten nicht durch strenge Verhaltensvorgaben festgelegt ist.

Auch über die Zeit hinweg ist die Persönlichkeit erstaunlich stabil. So stabil, dass sie Vorhersagen über viele Jahre hinweg erlaubt. Zum Beispiel zeigten Avshalom Caspi und Phil Silva 1995, dass die Persönlichkeit schon im Alter von drei Jahren Vorhersagen über die Persönlichkeit im jungen Erwachsenenalter erlaubt. Es wurde sogar lange davon ausgegangen, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens noch weiter stabilisiert.[3] Systematische Veränderungen bis ins hohe Alter galten deshalb lange als so unwahrscheinlich, dass sich nur wenige empirische Studien mit potenziellen Entwicklungsprozessen in der Persönlichkeit in dieser Altersphase befassten.

Mittlerweile wissen wir, dass sich die Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne hinweg systematisch verändert. Wie schon länger erwartet, sind diese Veränderungen im jungen Erwachsenenalter, also bis zum Alter von etwa 30 Jahren, besonders deutlich. Anschließend schwächen sie sich im mittleren Erwachsenenalter bis zum Alter von ungefähr 60 Jahren deutlich ab. Entgegen der Annahme anhaltender Stabilisierung jedoch entpuppt sich das hohe Alter als weitere, besonders veränderungssensible Lebensphase. In diesem Alter kommt es zu Veränderungen, die in ihrem Ausmaß vergleichbar mit denen im jungen Erwachsenenalter sind.

Persönlichkeit im Sozio-oekonomischen Panel

Diese Entwicklung über die gesamte Lebensspanne zu untersuchen, erfordert eine große Längsschnittstudie, die möglichst bevölkerungsrepräsentative Aussagen erlaubt. Das Sozio-oekonomische Panel, kurz SOEP, bietet diese Vorteile.[4] Es handelt sich um eine Längsschnittstudie, die seit über 30 Jahren Informationen zum Leben in Deutschland erhebt. Die Teilnehmenden werden nach einem regional geschichteten Zufallsverfahren aus einer damit repräsentativen Auswahl privater Haushalte in Deutschland ausgesucht, sodass die Aussagen weitgehende Generalisierungen erlauben. Jährlich werden dieselben Personen befragt, mittlerweile sind es bereits rund 30.000.

2005 wurde erstmals die Persönlichkeit der Probanden erhoben, ein weiteres Mal 2009. Knapp 15.000 Teilnehmende der Studie füllten zu beiden Zeitpunkten einen Kurzfragebogen aus, der auf dem oben vorgestellten Big-Five-Modell basierte. Solche großen Stichproben sind notwendig, um aussagekräftige Schlussfolgerungen treffen zu können. Kleinere Stichproben laufen dagegen Gefahr, die meist nur subtilen Veränderungen der Persönlichkeit zu übersehen, da sie keine ausreichende statistische Power besitzen, um systematische Persönlichkeitsveränderungen von einem sogenannten Zufallsrauschen zu differenzieren.

Die Alterseffekte auf die Persönlichkeit, wie wir sie in dieser Studie fanden, zeigen, dass eine systematische Persönlichkeitsentwicklung über das gesamte Erwachsenenalter hinweg auftritt.[5] Die emotionale Stabilität, also wie selbstsicher und gelassen jemand in Stresssituationen bleibt, zeigte im Durchschnitt einen leichten Anstieg im jungen Erwachsenenalter und eine leichte durchschnittliche Minderung nach einem Alter von etwa 30 Jahren. Vergleichsweise geringe Veränderungen fanden sich auch für die Extraversion, also die Geselligkeit und Gesprächigkeit einer Person, die im Laufe des Erwachsenenalters im Mittel leicht abnahm.

Besonders starke Alterseffekte fanden sich dagegen für die Gewissenhaftigkeit, die das Ausmaß zielorientierter Impulskontrolle beschreibt. Gewissenhafte Personen sind organisiert, ordentlich, zuverlässig und verantwortungsbewusst. Junge Erwachsene weisen diese Eigenschaften im Durchschnitt nur in sehr geringem Ausmaß auf, sie sind deutlich weniger gewissenhaft als ältere Menschen. Bis zum Alter von etwa 40 Jahren ändert sich das aber rasant, sodass Personen ab diesem Alter im Durchschnitt ein stabiles, deutlich höheres Level in der Gewissenhaftigkeit erreichen.

Veränderungen bis ins hohe Alter finden sich für die Verträglichkeit. Sie bleibt im jungen und mittleren Erwachsenenalter im Durchschnitt auf einem gleichbleibenden Niveau und steigt ab einem Alter von ungefähr 60 Jahren deutlich an. Ältere Menschen zeichnen sich also durch eine deutlich prosozialere Orientierung aus, die damit einhergeht, dass Personen gutmütig, vertrauensvoll, wohlwollend und bescheiden sind. Dieser Befund steht im deutlichen Kontrast zu dem verbreiteten Stereotyp eines "nörgelnden Alten". Im Durchschnitt scheint in dieser Altersgruppe der Effekt der Altersmilde deutlich verbreiteter zu sein, als bislang angenommen.

Ebenso starke Veränderungen bis hinein ins hohe Alter finden sich für die Offenheit für neue Erfahrungen, die zusammenfasst, wie neugierig und unkonventionell eine Person ist und wie gern sie sich intellektuellen Herausforderungen stellt. Junge Menschen sind im Durchschnitt sehr offen für neue Erfahrungen und mit steigendem Alter nimmt diese Persönlichkeitseigenschaft immer weiter ab. Ältere Menschen halten dementsprechend deutlich stärker an bisherigen Meinungen fest und interessieren sich im Durchschnitt weniger für neue oder andere Denkweisen, als noch in jüngeren Jahren.

Fußnoten

1.
Vgl. Gordon Allport/Henry Odbert, Trait-Names: A Psycho-Lexical Study, in: Psychological Monographs, 47 (1936) 1, S. 1–171.
2.
Die Faktorenanalyse ist ein Verfahren der multivariaten Statistik. Sie untersucht Merkmale auf Basis empirischer Daten (zum Beispiel den Fragebogenantworten einer großen Anzahl von Personen) hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit. Treten Merkmale häufig gemeinsam auf, dann werden sie zu einem latenten Faktor zusammengefasst. So lässt sich eine Vielzahl von Merkmalen auf eine übersichtliche Anzahl an latenten Faktoren reduzieren, ohne dabei viel relevante Information zu verlieren.
3.
Vgl. Avshalom Caspi/Phil Silva, Temperamental Qualities at Age Three Predict Personality Traits in Young Adulthood: Longitudinal Evidence from a Birth Cohort, in: Child Development, 66 (1995) 2, S. 486–498.
4.
Für weitere Informationen zum SOEP siehe Gert G. Wagner/Joachim R. Frick/Jürgen Schupp, The German Socio-Economic Panel Study (SOEP): Scope, Evolution and Enhancements, in: Journal of Applied Social Science Studies, 127 (2007) 1, S. 139–169.
5.
Vgl. Jule Specht/Boris Egloff/Stefan C. Schmukle, Stability and Change of Personality across the Life Course: The Impact of Age and Major Life Events on Mean-Level and Rank-Order Stability of the Big Five, in: Journal of Personality and Social Psychology, 101 (2011), S. 862–882.
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Autor: Jule Specht für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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