Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.
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11.9.2015 | Von:
Jule Specht

Psychologie des hohen Lebensalters: Der aktuelle Forschungsstand

Der demografische Wandel ist mittlerweile ein alter Begleiter. Und dies nicht nur, weil mit ihm, zumindest in Deutschland, eine Alterung der Bevölkerung einhergeht, sondern auch, weil seine Auswirkungen bereits seit über 40 Jahren spürbar sind. Zahlreiche Konsequenzen für die Altersvorsorge, das Gesundheitswesen, die Wirtschaft im Allgemeinen und die Arbeitswelt im Besonderen wurden bereits umfangreich diskutiert. Umso erstaunlicher ist, dass den psychologischen Konsequenzen einer alternden Bevölkerung in der Wissenschaft bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zukam.

Seit 1972 wandelt es sich in Deutschland, wenn man bei dieser Stabilität überhaupt noch von einem "Wandel" sprechen kann. So lange verliert Deutschland nun schon an Bevölkerung, da die Geburtenrate mit der Sterberate nicht mehr mithalten kann und auch Migrationen diesen Verlust derzeit nicht wettmachen. Die Durchschnittsfrau bekommt weiterhin nur 1,4 Kinder und dies deutlich später, als es früher noch üblich war. Es fehlt dementsprechend an Nachwuchs, während die Lebenserwartung gleichzeitig weiterhin steigt, laut Schätzungen des Statistischen Bundesamtes immerhin um weitere sechs bis sieben Jahre bis zum Jahr 2060.

Besonders deutlich wird der demografische Wandel jedoch bei den Hochbetagten, also den über 80-Jährigen. Bis zum Jahr 2060 wird sich deren Anzahl auf etwa neun Millionen verdoppelt haben. Während sich heutzutage nur jede/r Zwanzigste zu den besonders Alten zählen kann, wird es dann bereits jede/r Achte sein. Doch was wissen wir derzeit eigentlich über die Psyche und deren Entwicklung bei Hochbetagten?

Persönlichkeit als umfassende Beschreibung der Psyche

Die Psyche einer Person versucht die Psychologie mithilfe der Untersuchung ihrer Persönlichkeit greifbar zu machen. Sie umfasst die Gesamtheit aller Persönlichkeitseigenschaften, was sie jedoch noch nicht unbedingt handhabbar macht, wenn man sich deren Fülle vor Augen hält. Um dieser Komplexität Herr zu werden, wählen Persönlichkeitspsychologen den sogenannten lexikalischen Ansatz: Danach sind alle Persönlichkeitseigenschaften, die ihrer Definition nach bedeutsame Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten von Personen beschreiben, in der Sprache repräsentiert. Eine vollständige Erfassung der Persönlichkeit gelingt dementsprechend unter Berücksichtigung aller im Wörterbuch enthaltenen Persönlichkeitseigenschaften.

Genau bei diesen Wörterbüchern fand die moderne Persönlichkeitspsychologie ihren Anfang. Die Psychologen Gordon Allport und Henry Odbert nahmen sich in den 1930er Jahren der umfangreichen Aufgabe an, das Webster’s New International Dictionary zu durchforsten und identifizierten darin etwa 4500 Persönlichkeitseigenschaften.[1] A semantic nightmare, wie sie aufgrund dieser Anzahl resigniert feststellten. Mittlerweile ließen sich diese zahlreichen Persönlichkeitseigenschaften mithilfe von faktoranalytischen Verfahren[2] hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit untersuchen und auf fünf übergeordnete Persönlichkeitsfaktoren reduzieren: Die "Big Five" waren geboren. Die emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit bilden demnach die abstrakteste Hierarchiestufe bei der Beschreibung der Persönlichkeit.

Direkt beobachtbar sind weder diese fünf übergeordneten Persönlichkeitseigenschaften noch deren untergeordnete Persönlichkeitsfacetten. Und dennoch wirken sie sich auf unser Denken, Fühlen und Verhalten in allen Lebensbereichen aus. Darauf, wie erfolgreich eine Person im Beruf ist, auf die Größe ihres Freundeskreises, ihre Zufriedenheit mit dem Partner oder der Partnerin und ihre Gesundheit. Und diese Zusammenhänge zeigen eine erhebliche Stabilität über diverse Situationen hinweg. Zumindest sofern diese Situationen Raum für individuelle Unterschiede lassen und das Verhalten nicht durch strenge Verhaltensvorgaben festgelegt ist.

Auch über die Zeit hinweg ist die Persönlichkeit erstaunlich stabil. So stabil, dass sie Vorhersagen über viele Jahre hinweg erlaubt. Zum Beispiel zeigten Avshalom Caspi und Phil Silva 1995, dass die Persönlichkeit schon im Alter von drei Jahren Vorhersagen über die Persönlichkeit im jungen Erwachsenenalter erlaubt. Es wurde sogar lange davon ausgegangen, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens noch weiter stabilisiert.[3] Systematische Veränderungen bis ins hohe Alter galten deshalb lange als so unwahrscheinlich, dass sich nur wenige empirische Studien mit potenziellen Entwicklungsprozessen in der Persönlichkeit in dieser Altersphase befassten.

Mittlerweile wissen wir, dass sich die Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne hinweg systematisch verändert. Wie schon länger erwartet, sind diese Veränderungen im jungen Erwachsenenalter, also bis zum Alter von etwa 30 Jahren, besonders deutlich. Anschließend schwächen sie sich im mittleren Erwachsenenalter bis zum Alter von ungefähr 60 Jahren deutlich ab. Entgegen der Annahme anhaltender Stabilisierung jedoch entpuppt sich das hohe Alter als weitere, besonders veränderungssensible Lebensphase. In diesem Alter kommt es zu Veränderungen, die in ihrem Ausmaß vergleichbar mit denen im jungen Erwachsenenalter sind.

Persönlichkeit im Sozio-oekonomischen Panel

Diese Entwicklung über die gesamte Lebensspanne zu untersuchen, erfordert eine große Längsschnittstudie, die möglichst bevölkerungsrepräsentative Aussagen erlaubt. Das Sozio-oekonomische Panel, kurz SOEP, bietet diese Vorteile.[4] Es handelt sich um eine Längsschnittstudie, die seit über 30 Jahren Informationen zum Leben in Deutschland erhebt. Die Teilnehmenden werden nach einem regional geschichteten Zufallsverfahren aus einer damit repräsentativen Auswahl privater Haushalte in Deutschland ausgesucht, sodass die Aussagen weitgehende Generalisierungen erlauben. Jährlich werden dieselben Personen befragt, mittlerweile sind es bereits rund 30.000.

2005 wurde erstmals die Persönlichkeit der Probanden erhoben, ein weiteres Mal 2009. Knapp 15.000 Teilnehmende der Studie füllten zu beiden Zeitpunkten einen Kurzfragebogen aus, der auf dem oben vorgestellten Big-Five-Modell basierte. Solche großen Stichproben sind notwendig, um aussagekräftige Schlussfolgerungen treffen zu können. Kleinere Stichproben laufen dagegen Gefahr, die meist nur subtilen Veränderungen der Persönlichkeit zu übersehen, da sie keine ausreichende statistische Power besitzen, um systematische Persönlichkeitsveränderungen von einem sogenannten Zufallsrauschen zu differenzieren.

Die Alterseffekte auf die Persönlichkeit, wie wir sie in dieser Studie fanden, zeigen, dass eine systematische Persönlichkeitsentwicklung über das gesamte Erwachsenenalter hinweg auftritt.[5] Die emotionale Stabilität, also wie selbstsicher und gelassen jemand in Stresssituationen bleibt, zeigte im Durchschnitt einen leichten Anstieg im jungen Erwachsenenalter und eine leichte durchschnittliche Minderung nach einem Alter von etwa 30 Jahren. Vergleichsweise geringe Veränderungen fanden sich auch für die Extraversion, also die Geselligkeit und Gesprächigkeit einer Person, die im Laufe des Erwachsenenalters im Mittel leicht abnahm.

Besonders starke Alterseffekte fanden sich dagegen für die Gewissenhaftigkeit, die das Ausmaß zielorientierter Impulskontrolle beschreibt. Gewissenhafte Personen sind organisiert, ordentlich, zuverlässig und verantwortungsbewusst. Junge Erwachsene weisen diese Eigenschaften im Durchschnitt nur in sehr geringem Ausmaß auf, sie sind deutlich weniger gewissenhaft als ältere Menschen. Bis zum Alter von etwa 40 Jahren ändert sich das aber rasant, sodass Personen ab diesem Alter im Durchschnitt ein stabiles, deutlich höheres Level in der Gewissenhaftigkeit erreichen.

Veränderungen bis ins hohe Alter finden sich für die Verträglichkeit. Sie bleibt im jungen und mittleren Erwachsenenalter im Durchschnitt auf einem gleichbleibenden Niveau und steigt ab einem Alter von ungefähr 60 Jahren deutlich an. Ältere Menschen zeichnen sich also durch eine deutlich prosozialere Orientierung aus, die damit einhergeht, dass Personen gutmütig, vertrauensvoll, wohlwollend und bescheiden sind. Dieser Befund steht im deutlichen Kontrast zu dem verbreiteten Stereotyp eines "nörgelnden Alten". Im Durchschnitt scheint in dieser Altersgruppe der Effekt der Altersmilde deutlich verbreiteter zu sein, als bislang angenommen.

Ebenso starke Veränderungen bis hinein ins hohe Alter finden sich für die Offenheit für neue Erfahrungen, die zusammenfasst, wie neugierig und unkonventionell eine Person ist und wie gern sie sich intellektuellen Herausforderungen stellt. Junge Menschen sind im Durchschnitt sehr offen für neue Erfahrungen und mit steigendem Alter nimmt diese Persönlichkeitseigenschaft immer weiter ab. Ältere Menschen halten dementsprechend deutlich stärker an bisherigen Meinungen fest und interessieren sich im Durchschnitt weniger für neue oder andere Denkweisen, als noch in jüngeren Jahren.

Drei Persönlichkeitstypen

Dass diese Persönlichkeitsveränderungen nicht nur kleine Veränderungen einzelner Eigenschaften betreffen, sondern vielmehr zu einer grundlegenden Veränderung der Persönlichkeit führen, verdeutlichen Forschungsergebnisse zu Persönlichkeitstypen.[6] Aus der Idee heraus, dass die Persönlichkeit mehr ist als die Summe ihrer Teile, werden bei diesem Ansatz Persönlichkeitsprofile statt einzelner Persönlichkeitseigenschaften betrachtet. Personen, die auf mehreren Persönlichkeitseigenschaften ähnliche Ausprägungen haben, werden dem gleichen Persönlichkeitstyp zugeordnet. Mit der Unterscheidung von nur drei Persönlichkeitstypen kann bereits ein beträchtlicher Anteil der Unterschiede zwischen Personen beschrieben werden.

Personen, die dem Persönlichkeitstyp der Resilienten zugeordneten werden, zeichnen sich dadurch aus, dass sie emotional stabil, extravertiert, offen für neue Erfahrungen, verträglich und gewissenhaft sind. Etwa 40 bis 50 Prozent der jungen Erwachsenen gehören diesem Persönlichkeitstyp an. Der Anteil Resilienter ist im fortgeschrittenen Alter noch höher: Bis zu 60 Prozent der Personen einer Altersgruppe lassen sich dann diesem Persönlichkeitstyp zuordnen. Resiliente Menschen sind in mehreren Lebensbereichen gut angepasst, sodass bei einer Zunahme des Anteils von Resilienz von einer allgemeinen Persönlichkeitsreifung gesprochen werden kann.

Personen, die sich durch eine geringe Gewissenhaftigkeit und eine geringe Verträglichkeit, aber eine durchschnittliche Ausprägung in emotionaler Stabilität, Extraversion und Offenheit für neue Erfahrungen auszeichnen, werden dem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp zugeordnet. Im jungen Erwachsenenalter gehören etwa 40 Prozent der Menschen in diese Gruppe, also ein ähnlich großer Anteil wie die Gruppe der Resilienten. Im Unterschied zu diesen nimmt der Anteil Unterkontrollierter im jungen Erwachsenenalter jedoch stark ab und liegt ab einem Alter von etwa 30 Jahren auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau von 20 Prozent einer Altersgruppe.

Der dritte Persönlichkeitstyp fasst Personen zusammen, die sich durch eine geringe Extraversion und geringe Offenheit für neue Erfahrungen auszeichnen und überkontrolliert genannt werden. Ihr Anteil steigt im Laufe des gesamten Erwachsenenalters von etwa 15 Prozent im jungen Erwachsenenalter auf bis etwa 40 Prozent im hohen Alter. Wechsel zwischen den Persönlichkeitstypen treten bis ins hohe Erwachsenenalter auf. Abhängig vom Geschlecht und ursprünglichen Persönlichkeitstyp wechseln bis zu 25 Prozent eines Persönlichkeitstyps auch nach einem Alter von 70 Jahren ihre Persönlichkeit noch so umfassend, dass sie sich nach vier Jahren einem anderen Typ zuordnen lassen.

Persönlichkeitsveränderungen im hohen Alter mehrfach bestätigt

Nach einer anfänglichen Vernachlässigung des hohen Alters bei der Erforschung der Persönlichkeitsentwicklung gibt es mittlerweile eine steigende Anzahl an Studien, die eine ausgeprägte Veränderungssensibilität in dieser Altersphase bestätigen. Diese Studien sind nicht auf einzelne Datensätze, Länder oder Veränderungsmaße beschränkt. Beispielsweise zeigte sich in einer Meta-Analyse der Soziologin Monika Ardelt aus dem Jahr 2000, dass auch die Rangordnungsstabilität im hohen Alter sinkt. Das bedeutet, dass Menschen, die anfangs zu den extravertiertesten gehörten, nach einigen Jahren im Vergleich zu anderen Personen weniger extravertiert wurden, also von anfangs weniger extravertierten Altersgenossen "überholt" wurden, wodurch sich die Rangfolge der Personen dieser Altersgruppe in Bezug auf dieses Persönlichkeitsmerkmal geändert hat.[7]

Die bisher dargestellten Studien betrachten die psychische Entwicklung jeweils aus der Perspektive des chronologischen Alters, also der Zeit seit der Geburt einer Person. Besonders im hohen Alter ist die Distanz zur Geburt jedoch weniger aussagekräftig als andere Maße des Alters. Dies liegt vor allem darin begründet, dass mit zunehmender Zeit seit der Geburt Menschen einer Vielzahl unterschiedlicher Herausforderungen und Chancen gegenüberstehen, die zu einer unterschiedlichen Entwicklung führen können. Dazu können Stressoren zählen, die die Psyche oder den Körper belasten, aber auch unterschiedliche Bildungsverläufe und Zugehörigkeiten zu sozialen Schichten sowie Unterschiede in der Familienplanung.

Statt des chronologischen Alters wird aus diesem Grund teilweise auf das rückwärts-chronologische Alter zurückgegriffen. Es beschreibt die zeitliche Distanz bis zum Tod und ermöglicht gerade im sehr hohen Alter deutlich differenziertere Beschreibungen von Entwicklungsverläufen, als es die zeitliche Distanz bis zur Geburt vermag. So konnte der deutsche Psychologe Denis Gerstorf mit Kollegen 2013 zeigen, dass sich die Entwicklungsverläufe der kognitiven, sensorischen und muskulären Leistungsfähigkeit besser mit der verbleibenden Zeit bis zum Tod erklären lassen, als mit der bereits vergangenen Zeit seit der Geburt. Probanden ähneln einander also mehr in ihrer Entwicklung, wenn sie die gleiche Distanz zum Tod haben, als wenn sie das gleiche chronologische Alter haben.[8]

Um solche Entwicklungsverläufe vergleichen zu können, ist es notwendig, dass der Todestag einer Person bekannt ist, der Proband muss also bereits verstorben sein, sodass diese Entwicklungsverläufe erst nach dem Tod der Probanden verglichen werden können. Doch nicht nur die tatsächliche Distanz zum Tod, auch die wahrgenommene Distanz zum Tod kann Aufschluss über psychologische Entwicklungsprozesse geben.

Wahrgenommene Zukunftsperspektive

In ihrer sozioemotionalen Selektivitätstheorie beschreibt Laura Carstensen,[9] wie sich die wahrgenommene Zukunftsperspektive auf die Ziele von Personen auswirkt. Danach fokussieren junge Menschen mit einer typischerweise wenig begrenzten Zukunftsperspektive eher auf das Sammeln von vielseitigen Informationen und neuen Erfahrungen, um eine breite Wissensgrundlage zu etablieren. Im höheren Alter, wenn die Zukunftsperspektive deutlich begrenzter ist, überwiegt stattdessen das Ziel, emotionale Zustände auf eine Weise zu regulieren, die momentanes Wohlbefinden versprechen. Das führt beispielsweise dazu, dass junge Menschen einen breiten Freundeskreis präferieren, um vielfältige Informationen akquirieren zu können, während ältere Menschen kleine, enge Freundeskreise bevorzugen.

Der Einfluss der wahrgenommenen Zukunftsperspektive wird dann besonders deutlich, wenn Menschen eine für ihr Alter ungewöhnlich (un)begrenzte Zukunftsperspektive haben. Erleben junge Menschen aufgrund einer experimentellen Manipulation im Labor beispielsweise eine stark begrenzte Zukunftsperspektive, dann hat dies ähnliche Konsequenzen für ihre Ziele und Präferenzen, wie die tatsächlich begrenzte Zukunftsperspektive bei älteren Menschen. Diese unterschiedlichen Ziele aufgrund unterschiedlicher Zukunftsperspektiven können ein Erklärungsansatz dafür sein, dass die Offenheit für neue Erfahrungen im hohen Alter sinkt (denn das Bedürfnis nach neuen Informationen sinkt), aber die Verträglichkeit ansteigt (denn das Bedürfnis nach positiven Emotionen im sozialen Kontext steigt).

Neben der subjektiv wahrgenommenen Zukunftsperspektive gibt es auch Unterschiede im selbst wahrgenommenen Alter, und diese Unterschiede bestehen über das chronologische Alter hinaus. Zum Beispiel fanden Virpi Uotinen, Taina Rantanen und Timo Suutama in einer finnischen Stichprobe von über 1.000 älteren Personen, dass das Risiko, in den folgenden 13 Jahren zu sterben, deutlich erhöht war, wenn sich die Personen älter wahrnahmen, als sie chronologisch waren.[10] In diesem Zusammenhang bezog sich das sowohl auf ihr wahrgenommenes körperliches Alter als auch auf ihr wahrgenommenes mentales Alter und zeigte sich sowohl bei Männern wie auch bei Frauen.

Ebenso liefert das subjektive Alter aus der Wahrnehmung anderer Personen einen wichtigen Beitrag zur Vorhersage von Entwicklungsprozessen im höheren Alter. In einigen Ländern wird bei ärztlichen Untersuchungen deshalb standardmäßig das Alter von Patientinnen und Patienten durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte eingeschätzt. Und dies durchaus berechtigt, wie Kaare Christensen mit Kollegen im Jahr 2009 zeigen konnte.[11] In ihrer dänischen Längsschnittstudie starb im Beobachtungszeitraum ungefähr ein Drittel der etwa 1.800 Probanden, die alle bereits über 70 Jahre alt waren. Das Sterberisiko der Probanden war dann umso höher, je älter sie aussahen und zwar unabhängig davon, wie alt sie tatsächlich waren.

Auch das biologische Alter ist längst nicht so eindeutig an das chronologische Alter geknüpft, wie man intuitiv annehmen könnte. Besonders eindrücklich wird dies durch eine aktuelle Studie von Daniel Belsky und Kollegen.[12] Sie untersuchten ungefähr 1.000 Personen, die in den Jahren 1972 bis 1973 in der neuseeländischen Stadt Dunedin geboren wurden, wiederholt über mehrere Jahre hinweg. Obwohl diese Personen sich in ihrem chronologischen Alter nicht voneinander unterschieden, variierte ihr biologisches Alter, das mithilfe mehrerer Biomarker erfasst wurde, deutlich und annähernd normalverteilt zwischen 28 und 61 Jahren.

Das stark variierende biologische Alter entsteht nicht plötzlich, sondern ist das Resultat unterschiedlich schnell ablaufender Entwicklungsprozesse. Während einige Probanden in dem Untersuchungszeitraum so gut wie gar nicht alterten und damit auch noch mit Ende 30 als "Twen" gelten konnten, alterten andere Probanden drei biologische Jahre pro Kalenderjahr und erreichten damit Ende 30 schon fast das biologische Alter eines typischen Rentners. Es gab sogar drei Fälle, in denen die Probanden über die Zeit nicht älter, sondern sogar jünger wurden und damit dem natürlichen Alterungsprozess besonders eindrucksvoll ein Schnippchen schlugen. Das biologische Alter hatte einen deutlichen Einfluss auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Personen, was aufgrund des gleichen chronologischen Alters der Probanden nicht auf die Zeit seit deren Geburt zurückgeführt werden kann.

Ursachen für anhaltende Persönlichkeitsentwicklung

Entwicklungsprozesse des hohen Alters zu verstehen benötigt dementsprechend nicht nur die Perspektive des chronologischen Alters, die derzeit vor allem genutzt wird, sondern auch die Betrachtung alternativer Altersmaße wie der tatsächlichen oder wahrgenommen verbleibenden Lebenszeit, dem selbst oder von anderen wahrgenommenen Alter und dem auf dem Zusammenspiel unterschiedlicher Biomarker beruhenden, biologischen Alter. Aus dieser Heterogenität heraus lässt sich auch die Feststellung der Entwicklungspsychologin Bernice Neugarten verstehen, die Alter an sich als eine leere Variable ansah. Ihrer Aussage nach ist die Zeit seit der Geburt wenig relevant, sondern es sind vielmehr die gesammelten Erfahrungen, die eine Person und ihre Entwicklung beeinflussen.[13]

Damit schließt sich direkt die Frage an, wie die beobachteten Entwicklungsprozesse erklärt werden können. In Bezug auf die persönlichkeitspsychologische Entwicklung gibt es unterschiedliche Theorien, die sich mit der Stabilität und der Veränderung der Persönlichkeit sowie deren Ursachen beschäftigen.[14] Zwei Perspektiven werden hier herausgegriffen: zum einen die Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit von Robert McCrae und Paul Costa,[15] zum anderen die Neo-Sozioanalytische Theorie von Brent Roberts und Kollegen.[16]

Die Fünf-Faktoren-Theorie der Persönlichkeit baut auf dem Big-Five-Modell auf, nimmt also auch fünf grundlegende Persönlichkeitseigenschaften an, ist aber damit nicht gleichzusetzen, denn sie geht noch deutlich darüber hinaus. So wird im Rahmen dieser Theorie angenommen, dass die Persönlichkeit biologisch determiniert und vor allem durch genetische Faktoren beeinflusst ist. Tatsächlich haben die Autoren der Theorie in sehr unterschiedlichen Kulturen eine erstaunliche Ähnlichkeit in der Persönlichkeitsstruktur und in Altersunterschieden der Persönlichkeit gefunden. Dies spricht dafür, dass die Persönlichkeitsentwicklung universell abläuft, also wenig durch die unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen beeinflusst wird.

Für diese Annahme sprechen auch Befunde von Zwillingsstudien. In diesen Studien wird verglichen, wie ähnlich sich eineiige Zwillinge, die genetisch deckungsgleich sind, im Vergleich zu zweieiigen Zwillingen, die durchschnittlich die Hälfte ihrer Gene miteinander teilen, sind. Sind sich eineiige Zwillinge deutlich ähnlicher als zweieiige Zwillinge, dann spricht dies für einen starken genetischen Einfluss, da die erhöhte Ähnlichkeit auf die höhere genetische Ähnlichkeit zurückgeführt wird. Ergebnisse solcher Zwillingsstudien zeigen, dass etwa die Hälfte der Persönlichkeitsunterschiede auf genetische Unterschiede zurückgeführt werden kann.

Aufbauend auf den Annahmen einer starken biologischen Grundlage bei der Persönlichkeit entwickelten Robert McCrae und Paul Costa die Idee der intrinsischen Reifung. Danach verändert sich die Persönlichkeit vor allem aufgrund von inneren, biologischen Prozessen, nicht aber in Reaktion auf die Umwelt, in der sich ein Mensch befindet. Im Zusammenhang damit wird auch angenommen, dass sich die Persönlichkeit nur bis zu einem Alter von 30 Jahren verändert, eine Annahme, die, wie oben dargestellt, mittlerweile als widerlegt angesehen werden kann.

Im Kontrast dazu nimmt die Neo-Sozioanalytische Theorie von Brent Roberts und Kollegen an, dass die Persönlichkeit vor allem durch soziale Rollen geprägt wird. Je nachdem, welche Erwartungen die Umwelt also an eine Person stellt, mit welchen Entwicklungsaufgaben sie konfrontiert wird und welche Erfahrungen sie sammelt, ändert sich die Persönlichkeit dieser Theorie nach auf unterschiedliche Art und Weise. Interkulturelle Ähnlichkeiten können mit dieser Theorie so erklärt werden, dass Menschen auch in sehr unterschiedlichen Kulturen ähnlichen Entwicklungsaufgaben gegenüberstehen. Auch zeigen die oben genannten Zwillingsstudien, dass ein ebenso großer Anteil von Persönlichkeitsunterschieden auf umweltbedingte Einflussfaktoren zurückzuführen ist.

Persönlichkeitsveränderungen können aus der Perspektive dieser Theorie über die gesamte Lebensspanne hinweg auftreten. Allerdings geht auch Brent Roberts davon aus, dass sich die Persönlichkeit mit steigendem Alter immer weiter stabilisiert, was sich, wie oben dargestellt, zumindest für die Hochbetagten empirisch nicht bestätigt hat. Ursachen für Persönlichkeitsveränderungen werden vor allem auf die Investition in soziale Rollen, beispielsweise die Rolle des Rentners oder des Großelternteils, zurückgeführt. Es wird erwartet, dass diese sozialen Investitionen zu einem Anstieg der emotionalen Stabilität, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit führen. Diese Entwicklungstrends werden mit Persönlichkeitsreifung umschrieben, da sie die erfolgreiche Bewältigung von diversen sozialen Rollen erleichtern.

Einfluss einschneidender Lebensereignisse auf die Persönlichkeitsentwicklung

In einer umfangreichen Studie untersuchten wir den Einfluss von zwölf unterschiedlichen, einschneidenden Lebensereignissen auf die Persönlichkeitsentwicklung.[17] Es ging um berufliche und soziale, positive und negative Ereignisse, die sich auch darin unterschieden, in welchem Alter sie typischerweise auftreten. Personen, die ein einschneidendes Lebensereignis erlebten, beispielsweise den Berufseintritt, das Eingehen einer festen Beziehung und die Geburt eines Kindes, unterschieden sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung systematisch von Personen, die diese Ereignisse nicht erlebten. Dies spricht gegen die Idee der intrinsischen Reifung von Robert McCrae und Paul Costa.

Auch im höheren Alter veränderte sich die Persönlichkeit in Reaktion auf Umweltveränderungen. Zum Beispiel führte der Renteneintritt zu einer Verminderung der Gewissenhaftigkeit, die während des Berufslebens im Durchschnitt noch sehr hoch ausgeprägt war. Dieser Befund wird passenderweise auch mit "La dolce vita"-Effekt umschrieben. Auch der Tod des Partners hat einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung, allerdings ist dieser geschlechtsspezifisch. Während Witwer in Reaktion darauf deutlich gewissenhafter werden, werden Witwen daraufhin deutlich weniger gewissenhaft. Dieser Effekt lässt sich möglicherweise mit einer klassischen Rollenverteilung in den Partnerschaften erklären.

Die dargestellten Ergebnisse stimmen generell mit den Annahmen der Neo-Sozioanalytischen Theorie von Brent Roberts überein. Dies ist jedoch vor allem auf den Einfluss beruflicher Ereignisse beschränkt. Entgegen der theoretischen (und intuitiven) Erwartung führen einschneidende familiäre Ereignisse selten zu einer unmittelbaren Persönlichkeitsreifung. Die Ursachen dieser fehlenden Reifung sind bisher noch nicht bekannt. Ein möglicher Erklärungsansatz ist, dass es vor allem die Bewältigung einer neuen sozialen Rolle ist, die eine Persönlichkeitsreifung vorhersagt, und weniger die neue soziale Rolle an sich. Erste empirische Bestätigung findet diese Idee für die Geburt eines Kindes und die Eheschließung.

Persönlichkeitsveränderungen im hohen Alter werden häufig auf gesundheitliche Veränderungen zurückgeführt. Aktuelle empirische Befunde deuten jedoch darauf hin, dass gesundheitliche Einschränkungen nur einen geringen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung im hohen Alter haben. Neben der Betrachtung von Entwicklungstrends aus der Perspektive unterschiedlicher Altersindikatoren ist deshalb die Untersuchung unterschiedlicher Ursachen von Persönlichkeitsveränderungen im hohen Alter eine der drängenden Fragen der derzeitigen Forschung. Eine besondere Bedeutung wird dabei voraussichtlich die Untersuchung selbst-initiierter, zielgerichteter Entwicklungsprozesse darstellen, wie sie beispielsweise in kognitiven Trainings oder Trainings zur Persönlichkeitsentwicklung bereits Anwendung finden.

Festzuhalten bleibt auf Basis des aktuellen Forschungsstandes der Psychologie des hohen Lebensalters, dass sich insbesondere ältere Menschen in Bezug auf ihre Persönlichkeit noch einmal in einer besonders veränderungssensiblen Phase befinden. Diese Persönlichkeitsveränderungen sind möglicherweise das Resultat von Anpassungsprozessen an neue Entwicklungsaufgaben, mit denen Personen in dieser Lebensphase konfrontiert sind. Eine Empfehlung, die sich darauf aufbauend für den Alltag älterer Menschen, ihre Familien und die Gesellschaft im Allgemeinen ableitet, ist, dass diese Veränderungssensibilität genutzt werden sollte, um ältere Menschen in den Anpassungsprozessen an neue Herausforderungen des hohen Alters zu unterstützen. Ziel davon sollte es sein, das Entwicklungspotenzial zu nutzen, um Menschen bis ins hohe Alter hinein Wohlbefinden, Selbstbestimmtheit und Partizipation zu ermöglichen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Gordon Allport/Henry Odbert, Trait-Names: A Psycho-Lexical Study, in: Psychological Monographs, 47 (1936) 1, S. 1–171.
2.
Die Faktorenanalyse ist ein Verfahren der multivariaten Statistik. Sie untersucht Merkmale auf Basis empirischer Daten (zum Beispiel den Fragebogenantworten einer großen Anzahl von Personen) hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit. Treten Merkmale häufig gemeinsam auf, dann werden sie zu einem latenten Faktor zusammengefasst. So lässt sich eine Vielzahl von Merkmalen auf eine übersichtliche Anzahl an latenten Faktoren reduzieren, ohne dabei viel relevante Information zu verlieren.
3.
Vgl. Avshalom Caspi/Phil Silva, Temperamental Qualities at Age Three Predict Personality Traits in Young Adulthood: Longitudinal Evidence from a Birth Cohort, in: Child Development, 66 (1995) 2, S. 486–498.
4.
Für weitere Informationen zum SOEP siehe Gert G. Wagner/Joachim R. Frick/Jürgen Schupp, The German Socio-Economic Panel Study (SOEP): Scope, Evolution and Enhancements, in: Journal of Applied Social Science Studies, 127 (2007) 1, S. 139–169.
5.
Vgl. Jule Specht/Boris Egloff/Stefan C. Schmukle, Stability and Change of Personality across the Life Course: The Impact of Age and Major Life Events on Mean-Level and Rank-Order Stability of the Big Five, in: Journal of Personality and Social Psychology, 101 (2011), S. 862–882.
6.
Vgl. Jule Specht/Maike Luhmann/Christian Geiser, On the Consistency of Personality Types across Adulthood: Latent Profile Analyses in Two Large-Scale Panel Studies, in: Journal of Personality and Social Psychology, 107 (2014), S. 540–556.
7.
Vgl. Monika Ardelt, Still Stable after all These Years? Personality Stability Theory Revisited, in: Social Psychology Quarterly, 63 (2002), S. 392–405.
8.
Vgl. Denis Gerstorf et al., Age and Time-to-Death-Trajectories of Change in Indicators of Cognitive, Sensory, Physical, Health, Social, and Self-Related Functions, in: Developmental Psychology, 49 (2013) 10, S. 1805–1821.
9.
Vgl. Laura L. Carstensen, The Influence of a Sense of Time on Human Development, in: Science, 312 (2006), S. 1913–1915.
10.
Vgl. Virpi Uotinen/Taina Rantanen/Timo Suutama, Perceived Age as a Predictor of Old Age Mortality: A 13-Year Prospective Study, in: Age and Ageing, 34 (2005) 4, S. 368–372.
11.
Vgl. Kaare Christensen et al., Perceived Age as Clinically Useful Biomarker of Ageing: Cohort Study, in: BMJ, (2009) 339, b5262.
12.
Vgl. Daniel W. Belsky et al., Quantification of Biological Aging in Young Adults, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (i.E.).
13.
Vgl. Bernice Neugarten, Personality and Aging, in: James. E. Birren/K. Warner Schaie (Hrsg.), Handbook of the Psychology of Aging, New York 1977, S. 626–649.
14.
Für einen Überblick vgl. Jule Specht et al., What Drives Adult Personality Development? A Comparison of Theoretical Perspectives and Empirical Evidence; in: European Journal of Personality, 28 (2014) 3, S. 216–230.
15.
Vgl. Robert McCrae/Paul Costa, The Five-Factor Theory of Personality, in: Oliver P. John/Richard W. Robins/Lawrence A. Pervin (Hrsg.), Handbook of Personality: Theory and Research, New York 2008³, S. 159–181.
16.
Vgl. Brent W. Roberts/Dustin Wood/Avshalom Caspi, The Development of Personality Traits in Adulthood, in: O.P. John et al. (Anm. 15), S. 375–398.
17.
Vgl. J. Specht et al. (Anm. 5).
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Autor: Jule Specht für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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