Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Heinrich Grebe

"Ein gewisser Zustand des Glücks": Wie Hochbetagte um sich selbst Sorge tragen

Zusammen mit der gesellschaftlichen Langlebigkeitsentwicklung wächst das Interesse am hohen Alter: Was bedeutet die steigende Zahl von Hochbetagten? Wie ist das Leben jenseits der 80 – beziehungsweise: Wie gut kann es sein?[1] Antworten auf diese Fragen finden sich vor allem in zahlreichen medialen Berichten, denn der "Megatrend" des Alter(n)s ist ein ebensolches Megathema.[2] Aufschlussreich könnte jedoch auch die direkte Begegnung mit Menschen im hohen Alter sein.

Der vorliegende Beitrag setzt hier an und stellt Außen- und Innensichten vor. Erstens werden Muster der medialen Thematisierung des hohen Alters aufgezeigt. Zweitens geht es um die Ergebnisse einer Reihe von Interviews, in denen Hochbetagte ihre persönlichen Perspektiven ausgeführt haben. Im Fokus stehen dabei solche Praktiken, mit denen Menschen im hohen Alter um sich selbst Sorge tragen und mit denen sie ein möglichst gutes Leben zu verwirklichen suchen. Darauf aufbauend widme ich mich drittens der Frage, inwiefern es für "alternde Gesellschaften" besonders darauf ankommen könnte, eine soziale Umwelt herzustellen, in der Hochbetagte als Vertreter ihrer Selbst Anerkennung finden.

Die folgenden Ausführungen basieren zum einen auf der von der Volkswagen Stiftung geförderten und 2012 abgeschlossenen Studie "Gutes Leben im hohen Alter".[3] Hierbei haben die beteiligten Kolleg(inn)en und ich unter anderem Hochaltrigkeitsbilder in Pressetexten sowie Altersratgebern als auch Gespräche mit Hochbetagten analysiert. Zum anderen greife ich auf meine Auswertung einiger aktueller Medienberichte zurück.

Pflegenotstand in der Demenz-Republik

Wenn das hohe Alter in den Medien zum Thema wird, dann oftmals im Rahmen von Berichten zum sogenannten Pflegenotstand. Für die entsprechenden Texte sind Problembeschreibungen der folgenden Art charakteristisch: "Wie (…) kann es (…) sein, dass Zehntausende alte Menschen in bundesdeutschen Heimen vor sich hin vegetieren – mit Psychopharmaka vollgedröhnt, bis auf die Knochen wund gelegen, halb verhungert, ihrer Würde beraubt?"[4] Hingewiesen wird also auf schwerwiegende Missstände, unter denen besonders Pflegeheimbewohner(innen), aber ebenso Pflegefachkräfte zu leiden haben. Hingewiesen wird weiter auf die demografischen, pflege- und volkswirtschaftlichen sowie sozialstaatlichen Ursachen dieser Missstände wie auch auf mögliche Lösungsansätze. Die Lektüre vermittelt zumeist den Eindruck, dass das hohe Alter gegenwärtig kaum lebenswert sei.

Negativfolgen des hohen Alters werden besonders auch in Artikeln zum Thema Demenz beschrieben. Demenz, allen voran die am häufigsten diagnostizierte Form der Alzheimer-Demenz, gilt etwa als "Preis des langen Lebens" – ein Preis, der in seiner Schrecklichkeit nicht zu überbieten sei.[5] Diese geläufige Überzeugung bringt auch der Kolumnist Franz Josef Wagner im nachfolgenden Zitat zum Ausdruck. Wagner kommentiert darin ein Interview, dass Inge Jens zur Demenzerkrankung ihres Mannes, dem Rhetorikprofessor Walter Jens, gegeben hat: "Wer dieses Interview liest, hat keine Angst mehr vor Krebs oder Flugzeugabstürzen – er hat Angst vor Demenz – vor dem Leben, kein Mensch mehr zu sein."[6]

Angesichts der hohen Verbreitung demenzieller Beeinträchtigungen sowie der besonderen Hilfs- und Pflegebedürftigkeit der Betroffenen wird Demenz jedoch nicht nur als individuelle, sondern ebenso als kollektive Katastrophe charakterisiert. Die neue "Volkskrankheit", so die Einschätzung, droht Deutschland in eine "Demenz-Republik" zu verwandeln.[7] In dieser gibt es neben den Demenzkranken selbst eine wachsende Zahl "Mitleidender", nämlich die pflegenden Angehörigen, zumeist repräsentiert als ganz und gar deprimierte, physisch wie psychisch ausgebrannte Personengruppe ("Alzheimer zerstört die Familie").[8] Von einer schweren finanziellen Mitleidenschaft ist zudem in Hinblick auf das Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssystem der "Demenz-Republik" die Rede: "Demenzerkrankungen – Der teure Fluch des Alters".[9] Eine solche Wahrnehmung ist jedoch nicht nur auf das Phänomen Demenz beschränkt. Auch Hochbetagte mit stärkeren körperlichen Beeinträchtigungen finden sich häufig als familiäre Bürden und solidargemeinschaftliche "Kostenfaktoren" beschrieben.

Gemeinsam ist den erwähnten Darstellungen somit, dass sie vor allem defizitäre Zusammenhänge aufzeigen, die tendenziell verallgemeinert und pauschal bewertet werden. Dabei ist dieses Bild des verletzlichen hohen Alters durchaus nicht alternativlos, was zum Beispiel neuere Entwicklungen in der Demenzdebatte belegen. Betroffene, Angehörige, Interessensgruppen, wissenschaftliche Studien und nicht zuletzt mediale Reportagen weisen zunehmend darauf hin, dass Menschen mit Demenz neben Defiziten auch Potenziale haben, dass sie sowie auch pflegende Angehörige positive Erfahrungen machen können und dass Demenz die Solidargemeinschaft mitnichten zerstören muss, sondern vielmehr zur Verstärkung solidarischer Lebensformen zwingt.[10] Der anthropologische Rahmen dieser Diskussion ist ein Menschenbild, in dem – anders als in defizitorientierten Demenzdeutungen üblich – Menschlichkeit nicht auf das Vorhandensein unbeeinträchtigter kognitiver Potenziale reduziert wird.

Derartige kollektive Altersbilder geben grundlegende Orientierungen für den Umgang mit (hoch)betagten Menschen sowie für den Umgang mit dem eigenen Alter(n). Infolgedessen können sie manifeste praktische Folgen haben. Einerseits zum Positiven: Wenn etwa die Berichterstattung über Missstände zu deren Beseitigung führt. Anderseits zum Negativen: Wer hochbetagte Menschen als unselbständige und hilflose "Pflegefälle" wahrnimmt, die vor allem einer fürsorglichen Unterstützung bedürfen, wird ihnen möglicherweise kontrollierend und bevormundend begegnen. Und wer unter Einfluss der Vorstellung gerät, dass das verletzliche hohe Alter mehr oder minder unlebenswert sei und noch dazu eine kaum tragbare Last für die soziale Umwelt darstelle, dem mag unter Umständen die Möglichkeit eines "präventiven Suizids" attraktiv erscheinen: Lieber tot als ein Pflegefall.[11]

Fußnoten

1.
Als Untergrenze der Hochaltrigkeit wird hier ein Alter von 80 Jahren gesetzt. Vgl. Deutsches Zentrum für Altersfragen (Hrsg.), Expertisen zum Vierten Altenbericht der Bundesregierung. Das hohe Alter – Konzepte, Forschungsfelder, Lebensqualität, Bd. 1, Hannover 2004.
2.
Vgl. Johannes Piepenbrink, Editorial, in: APuZ, (2015) 31–32, S. 2.
3.
Vgl. Thomas Rentsch/Harm-Peer Zimmermann/Andreas Kruse (Hrsg.), Altern in unserer Zeit: Späte Lebensphasen zwischen Vitalität und Endlichkeit, Frankfurt/M.–New York 2013.
4.
Marie-Luise Hauch-Fleck, Der wahre Pflege-Notstand. Für alte Leute, 1.10.2007, http://www.zeit.de/2007/40/Argument-Pflege« (20.7.2015). Vgl. auch Juliane Schäuble, Alte Menschen. Der Skandal am Lebensende, 9.10.2014, http://www.tagesspiegel.de/meinung/alte-menschen-der-skandal-am-lebensende/10771536.html« (18.8.2015).
5.
Vgl. Herbert Kremp, Er hat die Welt verändert: Ronald Reagan zum 92., 6.2.2003, http://www.welt.de/print-welt/article365947/Er-hat-die-Welt-veraendert-Ronald-Reagan-zum-92.html« (18.8.2015).
6.
Franz Josef Wagner, Post von Wagner. Liebe Inge Jens, 2.4.2008, http://www.bild.de/news/standards/post-von-wagner-03-04-4168126.bild.html« (18.8.2015).
7.
Vergesslich, aggressiv, verwirrt. Experten warnen vor Demenz-Republik Deutschland, 3.9.2014, http://www.focus.de/gesundheit/experten-warnen-demenz-droht-volkskrankheit-nummer-eins-zu-werden_id_4106683.html« (18.8.2015).
8.
Shannon Brownlee, Der Alzheimer-Krankheit auf der Spur, in: Reader’s Digest, (1992) 2, S. 63ff.
9.
Jahel Mielke, Demenzerkrankungen. Der teure Fluch des Alters, 13.12.2011, http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/demenzerkrankungen-der-teure-fluch-des-alters/5956350.html« (18.8.2015).
10.
Vgl. Heinrich Grebe, Die Wiederbelebung der "leeren Hülle". Zur metaphorischen Ko-Konstruktion von Demenz in potenzialorientierten Kontexten, in: Zeitschrift für Volkskunde. Beiträge zur Kulturforschung, 111 (2015) 2 (i.E.).
11.
Vgl. Angi Baldauf, Aus Angst ein Pflegefall zu werden. 50 Prozent der Deutschen würden den Freitod wählen, 12.12.2012, http://www.bild.de/politik/inland/umfrage/50-prozent-der-deutschen-wuerden-den-freitod-waehlen-aus-angst-ein-pflegefall-zu-werden-27621902.bild.html« (18.8.2015).
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