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Dementia Care Management: Menschen zu Hause optimal versorgen


11.9.2015
Weltweit stellt der demografische Wandel vielschichtige Herausforderungen für Politik und Gesellschaft dar. Wie auch in anderen Industriestaaten erhöht sich in Deutschland mit steigender Lebenserwartung nicht nur die Anzahl der Älteren, sondern auch der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung.

Generell steigt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken mit zunehmenden Alter an. Hinzu kommen Erkrankungen, die erst im Alter auftreten, darunter vor allem demenzielle. Man geht davon aus, dass die entsprechende Wahrscheinlichkeit bei den 70-bis 74-Jährigen bei etwa 3,5 Prozent liegt, dann ansteigt und bei den über 95-Jährigen bereits bei 41 Prozent liegt. In Deutschland leben aktuellen Zahlen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge rund 1,5 Millionen Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind. Diese Zahl wird in naher Zukunft deutlich ansteigen. In Prognosen wird von einer Zunahme beispielsweise in Mecklenburg -Vorpommern um 91 Prozent bis 2020 ausgegangen.[1] Diese Veränderung unterstreicht die Notwendigkeit, die aktuelle Versorgung kritisch zu evaluieren und für die nahe Zukunft neue, optimierte Versorgungsmodelle zu entwickeln.

Die Herausforderungen an die Versorgung von von Demenz betroffenen Menschen sind im Allgemeinen nur künstlich trennbar von den Anforderungen an die adäquate Versorgung älterer Menschen.[2] Mit dem Alter nimmt die (Multi-)Morbidität zu, insbesondere chronische Erkrankungen treten auf. In der Folge kommt es zu einem Anstieg der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und Unterstützungsangebote. Multimorbide Menschen nehmen häufig eine Vielzahl verschiedener Medikamente ein, sodass die damit einhergehenden Neben- und Wechselwirkungen problematisch sein können. Ein adäquates Medikationsmanagement zur Reduktion arzneimittelbezogener Probleme ist daher von zentraler Bedeutung.

Die Veränderungen von Familienstrukturen haben einen immer höheren Anteil Alleinlebender im fortgeschrittenen Lebensalter zur Folge, vor allem Frauen sind davon betroffen. Fehlende soziale Unterstützung und häufig auch eingeschränkte Mobilität führen bei vielen Älteren zu drohendem Verlust der Selbstständigkeit – und so steigt das Risiko der Hilfs- oder Pflegebedürftigkeit. Nicht außer Acht lassen darf man dabei die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen. Der Großteil der älteren Menschen – auch der an Demenz erkrankten – möchte möglichst lange selbstständig im gewohnten sozialen Umfeld leben. Die Rahmenbedingungen hierfür müssen gesetzt werden. Dazu zählt die Gestaltung des Unterstützungs- und Versorgungssystems.[3] Im Bereich der Demenz erfährt dies besondere Bedeutung.

Die Demenz ist ein Syndrom, das eine Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit zur Folge hat. Die beiden häufigsten Formen sind die Alzheimer-Demenz mit dem Hauptsymptom der Verschlechterung des Gedächtnisses und die frontotemporale Demenz, bei der es zu Beginn der Erkrankung zu Veränderungen der Persönlichkeit und des zwischenmenschlichen Verhaltens kommt. Diese Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit, aber auch Persönlichkeitsveränderungen wie Aggressivität, Taktlosigkeit, Teilnahmslosigkeit oder Störungen der Sprache, die sich in Wortfindungsstörungen, Benennungsstörungen und Sprachverständnisstörungen äußern, sind bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt und nehmen im Verlauf der Erkrankung zu. Sie gehen über "normale" Alterserscheinungen wie Vergesslichkeit oder Stimmungsschwankungen hinaus, machen die Bewältigung des Alltagslebens immer schwieriger. Im weiteren Verlauf führen sie dazu, dass Patienten zunehmend betreuungs- beziehungsweise pflegebedürftig werden.

Der Großteil der Pflege wird in Deutschland durch Angehörige geleistet. Dies entspricht dem Wunsch vieler Betroffener und auch Angehöriger. Nichtsdestotrotz stellt die häusliche Pflege eine wachsende Belastung für die Angehörigen dar, Überlastung führt dann häufig zur (möglicherweise vermeidbaren) Heimeinweisung des Menschen mit Demenz. Daher muss gewährleistet sein, dass Angehörige die bestmögliche Unterstützung erhalten. Ziel ist die Stabilisierung und Stärkung der häuslichen Situation, um einen Übertritt in die stationäre Heimversorgung zu verhindern, aufzuschieben beziehungsweise zum richtigen Zeitpunkt zu planen. Dies kommt den Wünschen der Betroffenen nach, bedeutet aber auch einen ökonomischen Vorteil, da dies zu Einsparungen im Gesundheitssystem führen kann.

Das Gesundheitssystem muss auf den demografischen Wandel reagieren, ist aber selber auch von diesem betroffen. So sinkt beispielsweise die Anzahl niedergelassener Hausärzte und eine Wiederbesetzung der entsprechenden Praxen gestaltet sich schwierig. Dies trifft insbesondere auf den ländlichen Raum zu und ist umso schwerwiegender, da die Versorgung an Demenz erkrankter Menschen von dieser Berufsgruppe umfänglich wahrgenommen wird.[4] Eine detaillierte Betrachtung der Auswirkungen auf den Bereich der Pflege und der daraus resultierenden Forderung nach einer Neuverteilung der Aufgaben im stationären und ambulanten Versorgungsalltag wurde bereits vorgenommen.[5]

Anforderungen im ambulanten Bereich



Die Versorgung von Menschen mit Demenz umfasst aber auch spezifische Herausforderungen. Im Vordergrund stehen dabei folgende Aspekte: eine möglichst frühzeitige Identifikation kognitiv beeinträchtigter und an Demenz erkrankter Menschen; eine leitliniengerechte Diagnostik der Betroffenen; eine adäquate medizinische, pflegerische, psychosoziale, medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlung der Demenz; die adäquate Behandlung der Multimorbidität mit besonderem Augenmerk auf Behandlungen, die durch das Vorliegen einer Demenz erschwert werden, aber auch auf diejenigen, die den Verlauf einer Demenz negativ beeinflussen können; die Integration in eine multiprofessionelle Versorgung, um die in den Leitlinien geforderte ganzheitliche und umfassende Versorgung des Kranken zu gewährleisten, und die konsequente Einbeziehung der Angehörigen, die den Großteil der Versorgung übernehmen.

Im internationalen Bereich gibt es wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit von Konzepten im ambulanten Bereich, die sich auf die individuellen Bedarfe der Betroffenen konzentrieren und dabei auf die Integration mehrerer Professionen über verschiedene Institutionen/Anbieter hinweg setzen.[6] Sie werden oft als Modelle der collaborative care bezeichnet, wobei aber auch Bezeichnungen wie integrated care, integrated primary care oder shared care synonym verwendet werden. Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit dieses Ansatzes in einem methodisch anspruchsvollen Design sind in Deutschland jedoch noch nicht durchgeführt worden. Selbst bei augenscheinlich sinnvollen und positiv evaluierten Konzepten ist dies jedoch unverzichtbar, da aufgrund unterschiedlicher Versorgungssysteme eine Übertragung und Implementierung nicht in vollem Umfang möglich ist. Es ist daher notwendig, die Konzepte anderer Gesundheitssysteme auf übertragbare Aspekte zu untersuchen und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.[7]

Basierend auf den aktuellen Leitlinien zur Versorgung von Menschen mit Demenz[8] und unter Berücksichtigung der internationalen Evidenz wird daher seit 2011 das Konzept des Dementia Care Managements (DCM) im Rahmen der vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) Rostock/Greifswald und dem Institut für Community Medicine der Medizinischen Fakultät der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald durchgeführten Studie "Demenz: lebensweltorientierte- und personenzentrierte Hilfen in Mecklenburg-Vorpommern" (DelpHi-MV) definiert, operationalisiert und evaluiert.

Design und Methode der DelpHi-MV-Studie



DelpHi-MV ist eine epidemiologische, hausarztbasierte, cluster-randomisierte und kontrollierte Interventionsstudie mit zwei "Armen", das heißt einer Interventions- und einer Kontrollgruppe.[9] Probanden der Interventionsgruppe erhalten Unterstützung durch einen Dementia Care Manager (DCM), Probanden der Kontrollgruppe erhalten die bisher übliche Versorgung (care as usual). Primäre Outcomes der Studie nach einem Jahr sind Lebensqualität des Menschen mit Demenz, Angehörigenbelastung, Verhaltens- und psychiatrische Auffälligkeiten der Kranken, Pharmakotherapie mit Antidementiva und potenziell inadäquate Medikation der Komorbiditäten.

Dementia Care Management wurde konzipiert für Menschen, die im Rahmen der Routineversorgung durch einen niedergelassenen Hausarzt positiv auf eine Demenz getestet wurden. Somit sind zumeist Patienten ohne gesicherte, formale Diagnose mit einem Schweregrad der Demenz von leicht bis mittel die Zielgruppe. Die Patienten müssen zu Hause wohnen beziehungsweise eine selbstständige Haushaltsführung im betreuten Wohnen aufweisen. Weiterhin wird angestrebt, einen Angehörigen (im Idealfall den Versorgenden) in die Behandlungsplanung einzubeziehen.

Qualifizierung der Dementia Care Manager



Die erste, notwendige Voraussetzung für die qualitätsgesicherte Durchführung ist eine spezifische Qualifizierung von examinierten Pflegepersonen zu Dementia Care Managern. Eine Analyse der bestehenden Fort- und Weiterbildungsoptionen zeigt, dass vielfältige Qualifizierungsmöglichkeiten zur Thematik Demenz existieren.[10] Bislang zielt jedoch keine davon darauf ab, Pflegefachpersonen für das Handlungsfeld der ambulanten, netzwerkbezogenen Demenzversorgung zu befähigen. Daher wurde eine umfassende Identifikation des Aufgaben- und Tätigkeitsfeldes von Pflegefachpersonen als Dementia Care Manager vorgenommen und ein darauf basierendes Curriculum entwickelt[11]. Dies erfolgte unter Berücksichtigung der Primärausbildungen Gesundheits- und Krankenpflege beziehungsweise Altenpflege. Es wurde ein Schulungsbedarf von insgesamt 872 Stunden Theorie und 320 Stunden Praxis identifiziert.[12] Ein Teil der theoretischen und praktischen Inhalte lassen sich in anderen Zusatzqualifikationen wie beispielsweise der Pflegeberatung nach dem Sozialgesetzbuch und dem Case Management der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC) wiederfinden oder aber durch entsprechende Berufserfahrung und berufliche Weiterbildungen abdecken. Nichtsdestotrotz ist eine Qualifikation bezüglich demenzspezifischer Inhalte notwendig, darunter Krankheitsbild Demenz; Diagnostik und medikamentöse Behandlungsansätze; ethische Aspekte der Versorgung; Prävention und Gesundheitsförderung; demenzspezifische pflegerische Probleme; nichtmedikamentöse Interventionen; belastungsassoziierte Erkrankungen und Entlastungsangebote für (pflegende) Angehörige; Verhalten in Notfall- und Krisensituationen, Kommunikation mit den Patienten und deren (pflegenden) Angehörigen; palliativpflegerische Versorgung von Demenzkranken und Zusammenarbeit mit weiteren Akteuren.

Auswahl der Probanden und Datenerhebung



Mit Hilfe eines persönlichen Anschreibens wurden zunächst alle als niedergelassene Hausärzte tätigen Mediziner in Mecklenburg-Vorpommern über die Studie informiert. Waren diese bereit, als "Studienarzt" aktiv teilzunehmen, bestand deren Aufgabe darin, ihre Patienten ab dem 70. Lebensjahr um eine informierte Einverständniserklärung (informed consent) zur Studienteilnahme zu ersuchen und dann einen kognitiven Test mit ihnen durchzuführen. Dann schickte der Arzt die Testergebnisse an das Studienzentrum am DZNE in Greifswald. Von hier aus erfolgten Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung mit dem Probanden und seinem Angehörigen. Auch dieser wurde um informiertes Einverständnis gebeten. Die Definition eines "Angehörigen" wurde weiter gefasst als üblich. Denn für die Optimierung der Versorgung ist es essenziell, die Personen einzubeziehen, die die demenziell Betroffenen versorgen und unterstützen. Dies können auch Nachbarn oder Freunde sein. So ist die Konstellation nicht selten, dass Familienangehörige die gesetzlichen Vollmachten besitzen, die Versorgung vor Ort jedoch durch gute Freunde der Familie geschieht. Ein Angehöriger ist wünschenswert, jedoch keine Voraussetzung für Dementia Care Management. Gerade allein lebende Betroffene können von der professionellen Unterstützung profitieren.

Nach telefonischer Terminabsprache finden dann Termine bei den Probanden zu Hause statt und es erfolgt die Erhebung der notwendigen Daten. So erfordern beispielsweise die kognitive und neuropsychiatrische Testung, die Analyse der Wohnsituation, der Angehörigenbelastung oder die Erhebung aller eingenommenen Medikamente und deren Lagerung viel Zeit. Nach der vollständigen Baseline-Erhebung folgt eine computerunterstützte Analyse der Bedarfe, die in einem vorläufigen Hausarztinformationsbrief in Form von konkreten Interventionsempfehlungen dokumentiert werden. Dieser wird im Studienzentrum von DelpHi in einer wöchentlichen Fallkonferenz besprochen und finalisiert. An dieser Konferenz nehmen regelmäßig mehrere Dementia Care Manager, ein Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, eine Pflegewissenschaftlerin, eine Pharmazeutin und eine Psychologin teil. Der fertige Hausarztinformationsbrief wird an den behandelnden Hausarzt übermittelt und von ihm gemeinsam mit dem zuständigen DCM besprochen, um den weiteren Behandlungsplan festzulegen. Hier entscheidet der Hausarzt darüber, welche Maßnahmen für den Probanden sinnvoll erscheinen und welche vom Hausarzt selbst oder von dem DCM umgesetzt werden sollen. Ein wichtiger Bestandteil des Informationsbriefes sind die Ergebnisse des Medikationsreviews.

Im Rahmen der Studie besucht der DCM den Probanden nun grundsätzlich sechs Monate lang zu Hause, um die Interventionsaufgaben umzusetzen und damit die Bedarfe der Probanden zu adressieren. Diese Kontakte dienen auch dem Beziehungsaufbau und sind Voraussetzung für eine realistische Analyse der häuslichen Situation, so zum Beispiel bei der Einschätzung des Sturzrisikos. Ebenso ist bei der Erhebung der von den Probanden eingenommenen Medikamente ein Blick in den Medikamentenschrank aussagekräftiger als ein Studium des Medikamentenplans. Lösungen für Veränderungen in der Situation des Patienten können also vor Ort gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden.

Prinzipiell sind die DCM angehalten, die Kontakte auf die Zeit innerhalb der Studienphase zu beschränken, fallweise sind aber auch Kontakte nach Ablauf dieser Zeitspanne möglich, um längerfristigen Prozessen adäquat begegnen zu können, beispielsweise der Beantragung von Pflegestufen.

Ein Jahr nach Beginn der Besuche erfolgt eine erneute, umfangreiche Datenerhebung. Hier werden alle Bereiche noch einmal erhoben, um Veränderungen zu erfassen und somit die Wirksamkeit und Effizienz des Dementia Care Managements zu analysieren. Dieses Assessment erfolgt bei allen Probanden in jährlichen Abständen, um auch langfristige Entwicklungen beschreiben zu können. Die Studie begann am 1. Januar 2012, mit endgültigen Ergebnissen zur Wirksamkeit bei allen Probanden ist 2016 zu rechnen.

Der DelpHi-Standard



Die Analyse aktueller Leitlinien zur evidenzbasierten Diagnostik und Behandlung von Demenz,[13] der Review aktueller Literatur, Treffen und Symposien mit Demenzexperten sowie die Aktivitäten des eigens eingerichteten wissenschaftlichen Beirats führten zur Entwicklung des DelpHi-Standards. Dieser beschreibt drei Säulen einer Intervention, denen Handlungsfelder zugeordnet sind, die wiederum in Schwerpunkte untergliedert sind. Diesen Schwerpunkten sind dann Interventionsmodule zugeordnet. Diese beinhalten eine Operationalisierung der Voraussetzung zur Durchführung einer konkreten Intervention sowie eine Operationalisierung der erfolgreichen Umsetzung dieser Intervention. Abbildung 1 zeigt einen Überblick über die optimale Versorgung nach dem DelpHi-Standard.
Abbildung 1: Der DelpHi-StandardAbbildung 1: Der DelpHi-Standard

Die Interventionsmodule lassen sich einteilen in Module, die eine vertiefte oder spezifischere Überprüfung nach sich ziehen, eine Besprechung mit Fachkollegen (beispielsweise in einer Fallkonferenz) initiieren, bei komplexen Situationen eine individuelle Einschätzung des Durchführenden verlangen, eine Empfehlung an den behandelnden Hausarzt nahe legen, eine spezifische Aufgabe an den DCM stellen oder Notfallmaßnahmen nahelegen. Die Struktur der Intervention als modulares System ermöglicht eine flexible Gestaltung, das heißt, dass neuen Entwicklungen der Behandlung und Versorgung durch Veränderung existierender Module wie auch durch die Generierung neuer Module Rechnung getragen werden kann (beispielsweise die Veränderungen, die durch das Versorgungsstärkungsgesetz angestoßen werden bezüglich der Pflegebedürftigkeit und die Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade). Die differenzierte inhaltliche Ausgestaltung unterstützt durch ihre Messbarkeit die wissenschaftliche Auswertung der Interventionen, sie gewährleistet jedoch auch, dass die Tätigkeit der DCM transparent wird. Für eine Implementation in der Routineversorgung sind dies unschätzbare Vorteile.

Dokumentation durch ein Interventions-Management-System



Voraussetzung für die qualitätsgesicherte Durchführung eines Dementia Care Managements ist eine computerunterstützte Dokumentation, Analyse und Prozessbegleitung. Die Computerunterstützung gewährleistet, dass die individuelle Situation des Patienten systematisch, reliabel und valide erhoben und transparent dokumentiert wird. Weiterhin ist die Durchführung unabhängig von dem zuständigen DCM standardisiert und er wird in Routineprozessen unterstützt und entlastet. Im Rahmen der DelpHi-Studie wurde ein computerunterstütztes Interventions-Management-System (IMS) entwickelt und angewendet, das diese Voraussetzungen erfüllt.

Durch die Verknüpfung mit Datenbanken und Informationen über Hilfs- und Unterstützungsangebote vor Ort dient das IMS darüber hinaus auch als Informationsquelle für die individualisierte Beratung. Im Gegensatz zur Lektüre von Broschüren und Listen können hier direkt nur die für den Patienten relevanten Informationen herausgefiltert werden.

Das IMS unterstützt die systematische und gründliche Analyse und Dokumentation der individuellen Situation des Patienten. Die daraus resultierenden Informationen stehen den Beteiligten jederzeit zur Verfügung und können bei Bedarf jeder neuen Situation angepasst werden. Diese Daten sind zwingende Voraussetzung für die Erstellung eines individuellen Versorgungs- und Behandlungsplanes, der durch das IMS automatisiert, basierend auf vorab definierten Algorithmen, erstellt wird. Dieser Plan wird durch den interdisziplinären und professionellen Austausch weiter individualisiert und in einem Informationsbrief dokumentiert, der dem behandelnden Hausarzt übermittelt wird. Der Hausarzt entscheidet, welche der vorgeschlagenen Interventionen realisiert werden sollen und von wem. Auch die Absprachen zwischen ihm und dem DCM werden im IMS dokumentiert und von dem DCM regelmäßig auf ihre Umsetzung hin überprüft. Wird zum Beispiel eine Empfehlung ausgesprochen, dass die Abklärung des Verdachts auf eine schwere Depression durch einen Facharzt erfolgen soll, so wird dokumentiert, ob die Empfehlung vom Hausarzt geteilt wird (wenn nein, warum nicht), ob der Patient zum Facharzt überwiesen wurde, und ob er den Facharzt tatsächlich aufgesucht hat. Ebenso kann vermerkt werden, warum die entsprechende Aufgabe "nicht erledigt" wurde. Das etwaige Ergebnis, hier zum Beispiel die Abklärung einer Depressionsdiagnose sowie gegebenenfalls die Behandlung der Depression, wird unter den allgemeinen Daten der Person abgespeichert.

Erste Ergebnisse



Die Rekrutierung für die Studie ist mittlerweile abgeschlossen und es konnten erste Ergebnisse veröffentlicht werden, die bereits jetzt eine positive Bewertung der DelpHi-Studie und des Dementia Care Managements zulassen.

Es fanden sich 136 Hausarztpraxen bereit, an der Studie teilzunehmen. In 125 Praxen wurden über die Laufzeit der Studie hinweg 6838 Patienten "gescreent", das heißt untersucht. Dabei wurden 1166 Patienten (17,1 Prozent) mit dem Verdacht auf eine Demenz identifiziert. Diese Rate entspricht internationalen Zahlen, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die Studie ein stimmiges Bild der Realität zeigt. Von diesen Patienten willigten 634 (54,4 Prozent) ein, an der Studie teilzunehmen. Auch diese Rate ist für eine bevölkerungsbasierte Studie mit einem nicht unerheblichen Aufwand auf Seiten der Probanden sehr hoch. Die DelpHi-Studie ist somit die umfangreichste randomisierte Interventionsstudie mit Kontrollgruppe im hausärztlichen Bereich in Deutschland und zählt auch im internationalen Bereich zu den großen Interventionsstudien. Die Ergebnisse sind somit relevant für die Versorgungssituation in Deutschland, aber auch wissenschaftlich interessant für die internationale Gemeinschaft.

Ein erstes Ergebnis betrifft die systematische, frühzeitige Identifikation von Menschen mit Demenz in der Hausarztpraxis. So war lediglich bei 40 Prozent der positiv auf Demenz getesteten Probanden vor dem Screening eine Demenzdiagnose in der Patientenakte dokumentiert. Das systematische Screening kann damit erheblich zur Früherkennung beitragen. Eine Nachbefragung der teilnehmenden Hausärzte unterstreicht dieses Ergebnis, da sie in der Mehrheit angaben, das Screening zu befürworten und aufgrund des Screeningtests auch erstmals auf eine kognitive Einschränkung bei ihren Patienten aufmerksam geworden sind. Die Ergebnisse zeigen, dass Demenz in der primärärztlichen Versorgung in Deutschland häufig nicht diagnostiziert wird. Die deutschen Diagnoseraten liegen aber im Bereich internationaler Vergleichsdaten. So stimmen die Ergebnisse optimistisch, dass eine Verbesserung der Situation möglich ist, denn weitere Analysen der Diagnosedaten zeigten, dass die Diagnoserate nach dem Screening auf 70 Prozent anstieg.[14]

Eine weitere Analyse zeigte, dass durch die computerunterstützte Anwendung des IMS objektiv mehr Bedarfe identifiziert und auch bearbeitet werden, als dies ohne Computerunterstützung geschieht.[15] In etwa 75 Prozent der Fälle stimmten die computergenerierten Empfehlungen zudem mit der Expertenmeinung überein, der verbleibende Teil war der individuellen Situation des Menschen mit Demenz nicht angepasst. Außerdem wurden zusätzliche Interventionen vorgenommen, die von dem System nicht abgebildet wurden. Eine Überarbeitung der Interventionsmodule wird diese Übereinstimmung weiter optimieren, dabei muss eine Aufwand-Nutzen-Analyse gemacht werden, da eine 90- bis 100-prozentige Abbildung der Versorgungsrealität in Algorithmen auch aufgrund der Dynamik in der Versorgung nicht realistisch erscheint. Ebenso zeigt dieses Ergebnis, dass die bereits erwähnte Qualifikation der DCM von besonderer Bedeutung ist, um der individuellen Situation des Patienten gerecht zu werden. Eine Befragung der Anwender ergab, dass das IMS als entlastende Unterstützung bei der Erhebung und Dokumentation der komplexen, individuellen Behandlungs- und Versorgungsbedingungen wahrgenommen wurde.

Eine systematische Befragung von teilnehmenden und nicht-teilnehmenden Hausärzten bezüglich der Einstellung zur Versorgung an Demenz erkrankter Menschen unterstreicht, dass die an der Studie teilnehmenden Hausärzte sich in ihren Einstellungen nicht signifikant von den nicht-teilnehmenden Hausärzten unterscheiden. Hausärzte, die Erfahrung mit dem systematischen Screening und der Unterstützung durch Dementia Care Management gemacht haben, stehen diesem positiv gegenüber. Dementia Care Management wird mehrheitlich als sinnvolle Ergänzung angesehen, wobei sowohl die strukturierte Vorgehensweise, als auch die Qualifikation von und die Zusammenarbeit mit den Dementia Care Managern hervorgehoben wird.

Im Rahmen der Studie konnten sechs Dementia Care Managerinnen geschult und angestellt werden, das Curriculum wurde von fünf weiteren examinierten Fachkräften für Gesundheits- und Krankenpflege durchlaufen, die die Inhalte als "sehr wichtig" beziehungsweise "wichtig" für die Arbeit bewerteten. Die praktische Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den Hausärzten wird grundsätzlich als zunehmend kooperativ beschrieben. Die DCM sehen sich als Partner der Betroffenen, bauen zügig eine professionelle und vertrauensvolle Beziehung mit dem Patienten und seinem Umfeld auf. Dies ermöglicht ihnen in der Zusammenarbeit mit dem Hausarzt, als Hilfe wahrgenommen zu werden. Im Verlauf wurden alle vom Hausarzt delegierbaren Leistungen an die DCM übertragen. Ebenso berichten Angehörige von Betroffenen über die Entlastung, die sie durch die Beratung der DCM erhalten haben. Die wissenschaftlich abgesicherte Beschreibung der Arbeit der Dementia Care Manager auf die Lebensqualität und gesundheitliche Versorgung der Betroffenen als auch die Entlastung der Angehörigen erfolgt 2016 nach Abschluss der Interventionsphase.

Perspektiven



Aus wissenschaftlicher Sicht sind viele Fragen noch unbeantwortet und verlangen nach detaillierteren Analysen. Trotzdem stellt Dementia Care Management bereits jetzt ein Konzept dar, das in der Routineversorgung dazu beitragen könnte, die Versorgung von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen zu optimieren. Mit der wissenschaftlichen Evaluation im Rahmen der DelpHi-Studie ist hierfür der Grundstein gelegt. Sowohl die Qualifikation der DCMs als auch die Interventionen und das Dokumentationssystem wurden zwar routinenah, jedoch speziell für die Beantwortung wissenschaftlicher Fragen konzipiert. Diese müssen für die Anwendung in der Versorgung also adaptiert und angepasst werden. Hier ist die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Leistungsträgern von essenzieller Bedeutung, sodass im Rahmen von groß angelegten, gemeinsamen Modellprojekten überprüft und getestet werden sollte, wie eine Implementation effektiv und effizient gelingen kann.

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Fußnoten

1.
Vgl. Ulrike Siewert/Konstanze Fendrich/Gabriele Doblhammer-Reiter et al., Versorgungsepidemiologische Auswirkungen des demografischen Wandels in Mecklenburg-Vorpommern, in: Deutsches Ärzteblatt, 107 (2010) 18, S. 328–334.
2.
Vgl. Jochen René Thyrian/Markus Wübbeler/Wolfgang Hoffmann, Interventions into the Care System for Dementia, in: Geriatric Mental Health Care, 1 (2013) 3, S. 67–71.
3.
Vgl. Jochen René Thyrian/Adina Dreier/Konstanze Fendrich et al., Demenzerkrankungen – Wirksame Konzepte gesucht, in: Deutsches Ärzteblatt, 108 (2011) 38, S. A1954-A1956; Jochen René Thyrian/Wolfgang Hoffmann (Hrsg.), Dementia Care Research – Scientific Evidence, Current Issues and Future Perspectives, Lengerich u.a. 2012.
4.
Vgl. Jochen René Thyrian/Wolfgang Hoffmann, Dementia Care and General Physicians – A Survey on Prevalence, Means, Attitudes and Recommendations, in: Central European Journal of Public Health, 20 (2012) 4, S. 270–275.
5.
Vgl. Adina Dreier/Hagen Rogalski/Sabine Homeyer et al., Aufgabenneuverteilung von Pflege und Medizin: aktueller Stand, Akzeptanz und erforderliche Qualifizierungsveränderungen für die pflegerische Profession, in: Peter Zängl (Hrsg.), Zukunft der Pflege, Wiesbaden 2015, S. 95–115.
6.
Vgl. Malaz A. Boustani/Greg A. Sachs/Catherine A. Alder et al., Implementing Innovative Models of Dementia Care: The Healthy Aging Brain Center, in: Aging and Mental Health, 15 (2011) 1, S. 13–22; Christopher M. Callahan/Malaz A. Boustani/Frederick W. Unverzagt et al., Effectiveness of Collaborative Care for Older Adults with Alzheimer Disease in Primary Care: A Randomized Controlled Trial, in: The Journal of the American Medical Association (JAMA), 295 (2006) 18, S. 2148–2157.
7.
Vgl. H.C. Vollmar/Jochen René Thyrian/Michael LaMantia et al., "Aging Brain Care Program" aus Indianapolis, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 27.5.2015 (online).
8.
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), S-3 Leitlinie "Demenzen", 2009, http://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/kurzversion-leitlinien/s3-leitlinie-demenz-lf.pdf« (24.8.2015).
9.
Vgl. Jochen René Thyrian/Thomas Fiss/Adina Dreier et al., Life- and Person-Centred Help in Mecklenburg-Western Pomerania, Germany (DelpHi): Study Protocol for a Randomised Controlled Trial, in: Trials, 13 (2012) 56; Thomas Fiss/Jochen René Thyrian/Diana Wucherer et al., Medication Management for People with Dementia in Primary Care: Description of Implementation in the DelpHi Study. In: BMC Geriatrics (2013); Tilly Eichler/Jochen René Thyrian/Alina Dreier et al., Dementia Care Management: Going New Ways in Ambulant Dementia Care within a GP-Based Randomized Controlled Intervention Trial, in: International Psychogeriatrics, (2013), S. 1–10.
10.
Vgl. Adina Dreier/Jochen René Thyrian/Wolfgang Hoffmann, Dementia Care Manager in der ambulanten Demenzversorgung: Entwicklung einer innovativen Qualifizierung für Pflegefachkräfte, in: Pflege & Gesellschaft, (2011) 16, S. 53–64.
11.
Vgl. Alina Dreier/Wolfgang Hoffmann, Translating Taske and Demands in Routine Care into a Qualification for a Dementia Care Manager, in: J.R. Thyrian/W. Hoffmann (Anm. 3), S. 90–104.
12.
Vgl. Alina Dreier/Jochen René Thyrian/Tilly Eichler et al., Dementia Care Management Curriculum: an Evaluation of the Pilot Qualification for Nurses To Care for Patients with Dementia and Support their Care Givers in Primary Care, in: Nurse Education Today, (35) 2015.
13.
Das heißt die der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).
14.
Vgl. Tilly Eichler/Jochen René Thyrian/Johannes Hertel et al., Rates of Formal Diagnosis in People Screened Positive for Dementia in Primary Care, Results of the DelpHi-Trial, in: Journal of Alzheimer’s Disease, 42 (2014) 2, S. 451–458; Tilly Eichler/Jochen René Thyrian/Johannes Hertel et al., Rates of Formal Diagnosis of Dementia in Primary Care: The Effect of Screening, in: Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment and Disease Management, (2015) 1, S. 87–93.
15.
Vgl. Tilly Eichler/Jochen René Thyrian/D. Fredrich et al., The Benefits of Implementing a Computerized Intervention-Management-System (IMS) on Delivering Integrated Dementia Care in the Primary Care Setting, in: International Psychogeriatrics, 26 (2014) 8, S. 1377–1385.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Jochen René Thyrian, Tilly Eichler, Adina Dreier, Wolfgang Hoffmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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