Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Shingo Shimada

Das vierte Lebensalter in Japan: Kulturelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Das Alter(n) ist heute ein breit diskutiertes Thema. Die gestiegene Lebenserwartung, die Zunahme des Bevölkerungsanteils der über 65-Jährigen und die immer geringer werdende Geburtenrate werden in Deutschland häufig als krisenhaft für die Struktur des Sozial- beziehungsweise Wohlfahrtsstaates interpretiert. Und es ist mittlerweile allgemein bekannt, dass die japanische Gesellschaft mit demselben Problem konfrontiert ist, ja, dass ihr Problem angesichts der rasanten Entwicklung sogar wesentlich verschärft ist. Japan wird als "Testfeld für eine neue, bislang völlig unbekannte Gesellschaft" bezeichnet.[1] Und es stellt sich die pragmatische Frage, was man von den Versuchen auf diesem experimentellen Feld lernen kann. Die Autoren Rainer Klingholz und Gabriele Vogt beantworten sie negativ, was mir etwas leichtfertig und einfach erscheint.[2] Zwar mag diese Einschätzung auf den ersten Blick nachvollziehbar sein, weil die japanische Gesellschaft, wie später gezeigt wird, auf der sozialpolitisch-institutionellen Ebene auf diese tief greifende Veränderung nicht gut vorbereitet ist. Doch wenn man den Blick auf die grundsätzlichen theoretischen Probleme der gesellschaftlichen Fürsorge allgemein richtet, gibt es eine Fülle von Anregungen, die man den japanischen Erfahrungen entnehmen kann. Zumal Deutschland und Japan mit derselben Herausforderung konfrontiert sind: Wie kann man die steigende Zahl pflegebedürftiger alter Menschen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben lassen, und wie kann man ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen? Diese Fragen erfordern aber auch eine kritische Reflexion des gesellschaftlichen Wertesystems. Was bedeutet in diesem Zusammenhang ein menschenwürdiges Leben? Wie ist Menschenwürde im Zustand der Demenz zu verstehen? Was bedeutet Selbstbestimmung im Alter?

Diese Fragen zeigen, dass die bisher als selbstverständlich erachteten Werte neu verhandelt werden müssen. In diesem Sinne bedeutet der demografische Wandel nicht nur eine strukturelle Veränderung, sondern eine ebenso weitreichende Verschiebung der Wissensformationen und der Wertesysteme. Für diesen Prozess bietet eine kulturvergleichende Perspektive neue Anregungen, weil sie die Selbstverständlichkeiten der eigenen Kultur in Frage stellen kann.

Doch mit "Kultur" ist hier keine statische Tradition gemeint. Sicherlich wurden in Japan alte Menschen, vor allem die Hochbetagten im vierten Lebensalter, traditionell mit großem Respekt behandelt. Zum einen gab es nur wenige, die überhaupt dieses Alter erreichten (bis 1945 betrug die Lebenserwartung weniger als 50 Jahre), zum anderen forderte das teils konfuzianisch, teils alltagsreligiös begründete Weltbild dieses Verhalten. Und das 60. Lebensjahr mit der Bezeichnung kanreki markierte einen besonderen Lebensabschnitt, weil man nach der chinesischen Lebenskreislehre (12 Tierkreiszeichen mal fünf) eine Lebensrunde vollendet, womit dieser Geburtstag die positive Konnotation einer zweiten Geburt besaß. Auch das Sterben in hohem Alter wurde in der Regel als dai-ôjô (großes Sterben) positiv bewertet. Dieses Sterbekonzept ist mit der Vorstellung verbunden, dass man bis ins hohe Alter seine Gesundheit erhält und durch Altersschwäche allmählich im Kreis seiner Familie "natürlich" stirbt.[3] Doch die Modernisierung Japans ist durch ständige Auseinandersetzungen mit eigenen kulturellen Überlieferungen und von außen hereinbrechenden zivilisatorischen Artefakten gekennzeichnet, in denen dieses traditionelle Altersbild immer wieder in Frage gestellt wurde. Als Folge dessen hat man in der heutigen Gesellschaft vielfältige Altersbilder, die sich teils widersprechen. Die drastische Zunahme der hochaltrigen Menschen lenkt den Blick heute jedenfalls eher auf die problematischen Seiten des Alterns, nämlich Pflegebedürftigkeit und Demenz.

Der demografische Wandel und seine Konsequenzen

Wie eingangs erwähnt steht die japanische Gesellschaft wie die deutsche angesichts von Bevölkerungsschwund und Überalterung vor einer großen Herausforderung. Dabei ist die derzeitige Lage wesentlich dramatischer als in Deutschland. Es existieren Prognosen, nach denen im Jahre 3300 keine Nachfahren der heutigen japanischen Bevölkerung mehr auf dem japanischen Archipel leben werden.[4]

Während Japan 1970 im internationalen Vergleich noch eine sehr junge Gesellschaft gewesen war, schloss man Anfang der 1990er Jahre in Bezug auf die demografische Verteilung schon zu den anderen Industrienationen auf. Der Zeitabstand zwischen zwei von der UNO als typisch für die Entwicklung zur Industriegesellschaft angesetzten Schwellen des Anteils der über 65-Jährigen – 7 Prozent für den Eintritt in einen demografischen Wandel und 14 Prozent für eine alternde Gesellschaft –, war nirgendwo so kurz wie in Japan. Während Frankreich 115 Jahre dafür benötigte, vollzog Japan diesen Wandel in einer Rekordzeit von 24 Jahren zwischen 1970 und 1994. Mittlerweile ist Japan einer der Staaten mit dem weltweit höchsten Altenanteil. Dies ist mit der Lebenserwartung von 87 Jahren für Frauen und 80 Jahren für Männer 2013 – und der niedrigen Geburtenrate von etwa 1,4 Kindern pro Frau auch nachvollziehbar.[5]

Doch die daraus resultierende Krise beruht nicht allein auf dieser dynamischen Bevölkerungsentwicklung, sondern auch auf allzu spät ergriffenen sozialpolitischen Maßnahmen. Zwar erkannte der damalige Ministerpräsident, Kakuei Tanaka, 1973 die Notwendigkeit wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen und erklärte das Jahr zum "Ersten Jahr der Wohlfahrtsära" (fukushi gan-nen), sodass zumindest die Mindestrente von 20.000 auf 50.000 Yen angehoben wurde. Allerdings folgten darauf die Ölkrisen, und die Nachfolgeregierung kehrte 1979 mit dem Konzept der "Japanese style welfare society" (nihon gata fukushi shakai) zu dem Prinzip zurück, die Pflege der älter werdenden Bevölkerung den Familienangehörigen zu überlassen. Dementsprechend wurden zwischen 1978 und 1985 Programme zur Förderung von Dreigenerationenhaushalten aufgelegt.[6] Doch jede Maßnahme zur Rettung der "japanischen" Tradition war angesichts der demografischen Entwicklung so gut wie wirkungslos. 1989 verabschiedete das Kabinett den "Golden Plan", eine "Zehnjahresstrategie zu Gesundheit und Wohlfahrt der Alten". Dieses Programm verriet im Grunde, wie unvorbereitet die Politik zu diesem Zeitpunkt war. Denn der Plan sah den Ausbau von Pflegeeinrichtungen von damals 200.000 auf 500.000 Betten in Pflegeheimen und von 1.000 auf 10.000 Plätzen in der Tagespflege vor. Fünf Jahre später erkannte man, dass diese angestrebten Zahlen unzureichend waren und verabschiedete den "New Gold Plan" und einige Zeit später den "Gold Plan 21". Diese Programme zeigten die grundlegende Notwendigkeit, die Pflege der immer älter werdenden Bevölkerung von der Familie in die Gesellschaft zu verlagern.

Bereits in der Planungsphase war den Verantwortlichen klar, dass sie den Anforderungen des demografischen Wandels nicht genügen würden und eine grundsätzliche institutionelle Veränderung folgen müsse. Ab Mitte der 1980er Jahre begann man daher, eine Pflegeversicherung in Erwägung zu ziehen, deren Konkretisierung in Deutschland damals bereits diskutiert wurde. Doch die Bedeutung dieser Versicherung in beiden Ländern ist sehr unterschiedlich.[7]

Bei einer vergleichenden Betrachtung der strukturellen Voraussetzungen fällt auf, dass in Japan Organisationen wie beispielsweise die Wohlfahrtsverbände gänzlich fehlen. Dies erklärt sich aus den unterschiedlichen Modernisierungspfaden der beiden Gesellschaften. Während die soziale Fürsorge in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowohl vom Staat als auch von zivilgesellschaftlichen Akteuren als wichtige Aufgabe erkannt wurde, blieb die Fürsorge für den Einzelnen in Japan weitestgehend Aufgabe der privaten Haushalte. So wurde die Vorstellung des familiären Zusammenlebens unter der Bezeichnung ie (Haus) als bindend für alle Staatsbürger propagiert. Dieser Idee entsprechend übernahm der Hausvorstand nach dem 1896 entstandenen bürgerlichen Gesetzbuch die Verantwortung für alle Hausmitglieder. Dadurch war die Errichtung eines modernen Staates möglich, ohne dass dieser Wohlfahrtsfunktionen übernehmen musste. Zwar wurde diese restriktive familienpolitische Vorgabe nach 1945 abgeschafft, doch die Vorstellung, dass die privaten Haushalte wohlfahrtsbezogene Fürsorgefunktionen gegenüber Kindern und Alten übernehmen sollten, blieb und wurde während des starken Wirtschaftswachstums zwischen 1955 und 1975 gar zementiert.

Indem sich die strikte geschlechtliche Arbeitsteilung durchsetzte, der entsprechend der Mann einer abhängigen Arbeit nachging und die Frau als Hausfrau den Haushalt führte, entstand eine Gesellschaftsstruktur, in der die betriebliche Arbeit den Mittelpunkt bildete. Diese von der florierenden Wirtschaft unterstützte Struktur reizte das bürgerliche Familienideal derartig aus, dass zwei geschlechtlich völlig getrennte Lebensbereiche entstanden: die Arbeit der Männer und der Bereich der Familie für die Frauen. Diese Arbeitsteilung ermöglichte es dem Staat, die Sozialausgaben so niedrig wie in keiner anderen Nation zu halten.[8] Das System funktionierte nur auf Grund der unbezahlten Haus- und Pflegearbeit der Frauen. Im Hintergrund wirkte eine Familienideologie, in der die traditionalistische Vorstellung des genealogischen Hauses und das moderne, westlich geprägte, bürgerliche Familienideal verschmolzen. Es wurde als selbstverständlich erachtet, dass die Ehefrau des ältesten Sohnes die Pflege seiner Eltern im Dreigenerationenhaushalt übernahm. Diese Norm, die noch Mitte der 1970er Jahre eine unverrückbare Grundlage des Selbstverständnisses der Bevölkerung dargestellt hatte, löste sich in den darauffolgenden 20 Jahren langsam auf. Doch ist die Vorstellung, dass man das eigene Pflegeproblem nicht in die Öffentlichkeit hinaustragen darf, nach wie vor vorhanden, wie die beiden Fallbeispiele im dritten Teil des Beitrags veranschaulichen.

Die familiäre Belastung wurde jedoch mit der Zeit immer stärker, und so kam in den 1980er Jahren die Bezeichnung "Pflegehölle" (kaigo jigoku) auf. Pflege von Angehörigen führte für Töchter und Schwiegertöchter, die ohnehin durch Haushalt, Kindererziehung und Teilzeitjobs häufig mehrfach belastet waren, in eine Situation, die sie als Überforderung empfinden mussten. Ein Ausweg aus der schwierigen Situation war die Heimunterbringung der Pflegebedürftigen oder ihre Einweisung in ein Krankenhaus. Doch für die Heimunterbringung fehlte es an Plätzen (wie der Goldplan verdeutlicht), sodass man sich als Ausweichmöglichkeit an zu dieser Zeit zahlreich entstandene, auf alte Menschen spezialisierte Privatkrankenhäuser wandte. Während diese Praxis für die Familien finanziell relativ günstig war, weil ab 1973 alle nicht von den Krankenkassen übernommenen Medizinkosten der über 70-Jährigen von den Kommunen getragen wurden, belastete sie die Krankenkassen sehr stark. Vor diesem Hintergrund stieg die Zahl der hospitalisierten alten Menschen in den 1990er Jahren auf rund 9 Prozent aller über 80-Jährigen.[9] Denn die Pflege in diesen Kliniken war trotz der hohen Kosten keineswegs befriedigend. Viele spezialisierten sich aus Gründen der Gewinnmaximierung auf das einträgliche Geschäft mit den Alten, ohne qualifizierte Pflege anzubieten.[10] Gleichzeitig wuchs die Zahl der bettlägerigen alten Menschen stetig an, was schließlich Mitte der 1990er Jahre als schwerwiegendes soziales Problem erkannt wurde.

Eine strukturelle Neuordnung war notwendig, in der die Vergesellschaftung der Pflege vorangetrieben werden konnte. Mit dieser Intention wurde 2000 die gesetzliche Pflegeversicherung nach deutschem Vorbild eingeführt. Sie sollte nicht nur eine bessere Absicherung der Alten ermöglichen, sondern auch zu einer verstärkten Übernahme der sozialpolitischen Verantwortung durch die Kommunen führen. Darüber hinaus hoffte man, dass zahlreiche nicht profitorientierte Organisationen entstehen und Dienstleistungen der Altenpflege übernehmen würden.[11]

Fußnoten

1.
Reiner Klingholz/Gabriele Vogt, Demografisches Neuland. Schneller noch als Deutschland muss Japan Antworten auf eine schrumpfende und alternde Gesellschaft finden, Berlin-Institut Discussion Paper 11/2013, S. 4.
2.
Ebd., S. 30.
3.
Vgl. Masako Amano, Oi no kindai (Die Alterung und die Moderne), Tokio 1999, S. 18f.
4.
Vgl. R. Klingholz/G. Vogt (Anm. 1), S. 4.
5.
Vgl. WHO, World Health Statistics 2015, http://www.who.int/gho/publications/world_health_statistics/2015/en/« (3.8.2015).
6.
Vgl. John Creighton Campell, How Policies Change. The Japanese Government and the Aging Society, Princeton 1992, S. 220.
7.
Ausführlich dazu Shingo Shimada/Christian Tagsold, Alternde Gesellschaften im Vergleich. Solidarität und Pflege in Deutschland und Japan, Bielefeld 2006.
8.
Vgl. Franz-Xaver Kaufmann, Herausforderung des Sozialstaates, Frankfurt/M.1997, S. 50.
9.
Vgl. Kôseishô, Kôsei hakusho (Weißbuch des Gesundheitsministeriums), Tokio 2000, S. 60.
10.
Vgl. Yûzô Okamoto, Kôreisha iryô to fukushi (Medizin und Wohlfahrt für Alte), Tokio 2003, S. 71f.
11.
Vgl. dazu S. Shimada/C. Tagsold (Anm. 7).
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Autor: Shingo Shimada für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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