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Ist "die Mitte" (rechts)extremistisch?


21.9.2015
Begriffe wie "Rechtsextremismus" und "Linksextremismus" oder "Islamismus" beziehungsweise "Salafismus" sind einer breiten Öffentlichkeit wahrscheinlich einigermaßen geläufig. Die Bedeutung der Formulierung "Extremismus der Mitte" erschließt sich hingegen nicht unmittelbar. Gleichwohl finden sich Variationen der Formulierung sowohl in den Medien als auch regelmäßig in den Titeln von Studien, die sich mit der Erforschung von Rechtsextremismus befassen.[1]

Als Schöpfer dieses Begriffes gilt der US-amerikanische Soziologe Seymour Martin Lipset. 1959 schrieb er in dem Buch "Political Man"[2] ein kurzes, aber in der deutschen Rezeption wirkmächtiges Kapitel, das sich mit dem Aufstieg des Faschismus beschäftigt und dabei auch in vergleichender Perspektive Deutschland behandelt. Seine Theorie fußt auf der Annahme, dass es drei Formen des Extremismus gibt, welche jeweils eine enge Verzahnung mit einer gesellschaftlichen Schicht aufweisen. Demnach habe der linke Extremismus seine Basis in den unteren Schichten und der Arbeiterklasse, der rechte Extremismus sei in den Oberschichten zu Hause. Der Faschismus wird als die in den Mittelschichten beheimatete extremistische Haltung gekennzeichnet.

Eine genaue Definition, was er unter Faschismus versteht, oder eine Erläuterung, wo er die Grenzen zum Rechtsextremismus und Linksextremismus zieht, blieb Lipset jedoch schuldig. Für ihn war die Mitte eine sozialstrukturelle (Mittelschicht) und keine politische. Mangels besserer Daten stützte er sich auf Plausibilitätsinterpretationen von Wahlergebnissen der Reichstagswahlen 1928 bis 1933. Da auch andere zeitgenössische Beobachter, Politiker und Wissenschaftler der 1930er Jahre die Mittelschichten mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Verbindung brachten,[3] galt diese These trotz gelegentlicher Kritik auch in der Bundesrepublik lange als Konsens.

Seit der akribischen Analyse der Wahlen der Weimarer Republik durch den Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter haben die historischen Mittelschichtsthesen zur Erklärung des Aufstiegs des Nationalsozialismus eine deutliche Eingrenzung erfahren. Sie sind zwar nicht gänzlich überholt, haben aber an Erklärungskraft eingebüßt. Falter arbeitet heraus, dass kein "anderes Sozialmerkmal die nationalsozialistischen Wahlerfolge so stark beeinflusst hat wie die Konfession".[4] Praktizierende Katholiken seien gegenüber dem Nationalsozialismus im Wahlverhalten weitgehend immun gewesen. "Von ihren Wählern her gesehen war die NSDAP zwar eine evangelisch geprägte, ansonsten aber sozial recht heterogen zusammengesetzte Partei. Keine Berufsgruppe dominierte (…). Die Mittelschichtenwähler stellten zwar mit rund 40 Prozent aller Wähler das Gros der Parteianhänger, doch bildeten Arbeiter eine so bedeutsame Untergruppe, dass von einer reinen oder doch weit überwiegenden Mittelstandsbewegung nicht die Rede sein kann."[5] Somit ist zwar die Sozialstruktur der Wählerschaft der NSDAP weitestgehend geklärt, jedoch nicht die Einstellungsstrukturen der Wähler und deren Motive. Da es hierzu keine belastbaren Daten gibt, wird dieser Teil der Geschichte spekulativ bleiben.

Einstellungsforschung



Die empirische Meinungsforschung stellte die Dichotomie von Demokratie und Diktatur schon immer in den Fokus. Nicht umsonst gilt sie als Demokratieforschung. Sie geht dabei mehreren Fragestellungen nach: Welche extremistischen Einstellungen gibt es, was sind die Ursachen für die Entstehung, Entwicklung und Ausprägung, und wer sind die Träger der Einstellungen? Allerdings gibt es bei der Messung von extremistischen Einstellungen[6] eine Reihe von Problemen.

Nach der klassischen normativen (Minimal-)Definition wird Extremismus als Ablehnung von Demokratie verstanden.[7] Demnach wird er als Sammelbezeichnung für "unterschiedliche politische Gesinnungen und Bestrebungen (…), die sich der Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und seiner fundamentalen Werte und Spielregeln einig wissen", verstanden.[8]

So einfach sich die Definition liest, so ambitioniert ist die Umsetzung in ein sozialwissenschaftliches Projekt. Welche Dimensionen und Inhalte dem jeweiligen Extremismus zugeschrieben werden, konnte noch nicht zufriedenstellend und verbindlich erarbeitet werden. Dies gilt gleichermaßen für die schon breiter aufgestellte Rechtsextremismusforschung[9] wie für die noch größere Defizite aufweisende Linksextremismusforschung und die in den Kinderschuhen steckende religiöse Fundamentalismusforschung (etwa zum Islamismus). Es gibt somit in der Extremismusforschung bislang keine allgemein akzeptierte Skala beziehungsweise Fragebatterie. Es gibt noch nicht einmal Einigkeit über die inhaltlichen Dimensionen, welche für die jeweilige Extremismusform konstituierend sind.

Hinzu kommen methodische Schwierigkeiten: Die Ergebnisse können je nach Auswahl und Formulierung der Fragen variieren, was ebenso eine Rolle spielt wie die uneinheitlichen Messverfahren (etwa unterschiedliche Skalenlängen sowie Antwortvorgaben mit und ohne mittlere/neutrale Antwortkategorie). Auch in der Auswertung der Daten bestehen erhebliche Spielräume. In einer Studie lag das Rechtsextremismuspotenzial zum Beispiel entweder bei 2 oder bei 13 Prozent, je nachdem, ob man die ersten zwei oder die ersten drei Skalenpunkte auf einer von eins bis sieben reichenden Skala einbezog.[10]

Die Mitte-Studien



Innerhalb der Extremismusforschung haben es die sogenannten Mitte-Studien[11] zu größerer Popularität gebracht. Die meisten Studien wurden von den Psychologen Elmar Brähler und Oliver Decker erstellt; die aktuelle Studie, die auch das Konzept der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" integriert, stammt vom Sozialpsychologen Andreas Zick und der Erziehungswissenschaftlerin Anna Klein. Als Fazit dieser Studien lässt sich grob festhalten, dass rechtsextremistische Einstellungen besonders stark in der "Mitte der Gesellschaft" zu verorten seien.[12] Aufgrund der Vielfalt der Studien soll hier nur auf eine Auswahl eingegangen werden.

Schon auf die Mitte-Studie von 2006 "Vom Rand zur Mitte" regte sich ausführliche Kritik, die zu einer Diskussion über die Wissenschaftlichkeit der Untersuchung führte.[13] Seitdem sind im Zweijahresrhythmus Nachfolgestudien erschienen, die ebenfalls viel und kontrovers besprochen wurden.[14] Statt den fachwissenschaftlichen Diskurs um Methoden, einzelne Items und Interpretationen ausführlich wiederzugeben, soll hier lediglich überprüft werden, ob die Befunde der Studien die zentrale These des "Extremismus der Mitte" tatsächlich stützen.

2013 formulierten die Autoren der Mitte-Studien eine These, die bereits in der ersten Studie maßgeblich war, nämlich dass "das gesellschaftliche Zentrum (…) zur Bedrohung der bestehenden Gesellschaftsordnung werden" könne.[15] Dabei kritisieren sie auch die Extremismustheorie,[16] der sie vorwerfen, sie würde die "Mitte" idealisieren und nur Bedrohungen sehen, die von den "Rändern" kämen: "Die Bedrohung der Demokratie kommt in diesem Sinne also von den ‚Rändern‘ der Gesellschaft her, eben von den ‚Extremisten‘. Die ‚Mitte-Studien‘ aber weisen regelmäßig darauf hin, dass dies ein Trugschluss ist: Gefahr droht aus der ‚Mitte‘ selbst, in der rechtsextreme Einstellung, autoritäre Phantasien und mangelndes demokratisches Bewusstsein weit verbreitet sind."[17]

Dies ist eine Hypothese, die man überprüfen sollte, zumal für die Grundannahme, die Extremismusforschung würde nur die "Ränder" ins Visier nehmen, jeder Beleg fehlt. Das Gegenteil ist richtig: Die soziologischen Fragen sind selbstverständlicher Bestandteil der Extremismusforschung. Nicht von ungefähr kritisiert der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse an der theoretischen Konzeption der Mitte-Studien, dass ihnen "eine Fundamentalkritik am Extremismuskonzept" zugrunde liege.[18] Nichtsdestotrotz wird in den Mitte-Studien ein "Extremismus der Mitte" konstatiert und somit nolens volens zumindest der Teil der Extremismusforschung akzeptiert, der den Rechtsextremismus zum Gegenstand nimmt.

Auf den ersten Blick widersprechen die Hypothesen der Mitte-Studien den Befunden aus der Wahlforschung. Denn Wähler rechtsextremistischer Parteien haben eher die Merkmale: jung, männlich, mittleres bis niedriges Bildungsniveau und entsprechende Berufe.[19] Allerdings teilen Wähler nicht zwangsläufig das Weltbild der gewählten Partei, sodass zwischen Einstellungen und Wahlverhalten durchaus eine Lücke klaffen kann.

Problematisch ist auch der theoretische Bezugsrahmen, der sich zwar auch auf die "autoritäre Persönlichkeit" nach Theodor W. Adorno bezieht, die Legitimität des Ansatzes jedoch von Lipset herleitet. Lipset bezieht sich hingegen auf die Mittelschicht und nicht auf ein gesellschaftliches Zentrum, wie immer man dieses definieren mag. Des Weiteren irritiert der explizite Bezug auf Lipset, da es nach dessen Verständnis zwar einen eigenen Extremismus der Mitte, nicht aber einen Rechtsextremismus der Mitte geben kann. Lipset bezieht den Begriff "Rechtsextremismus" auf den totalitären Autoritarismus der Oberklasse, der nicht identisch ist (und auch nicht sein kann) mit dem Extremismus der Mittelklasse, für den Lipset den Faschismus und nicht den Rechtsextremismus identifiziert. Entsprechend merkt Jesse an, dass der Begriff "Extremismus der Mitte" missverständlich sei.[20]


Fußnoten

1.
Vgl. Andreas Zick/Anna Klein, Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Bonn 2014; Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler, Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Leipzig 2014; dies., Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose, Gießen 2013; dies., Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012, Bonn 2012; dies./Marliese Weißmann, Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010, Bonn 2010; O. Decker/E. Brähler, Bewegung in der Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008, Berlin 2008; dies./Norman Geißler, Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland, Berlin 2006. Siehe auch den Beitrag von Andreas Zick/Beate Küpper in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Der Auszug aus dem Buch ist ins Deutsche übersetzt und mehrfach publiziert. Hier wird aus folgender Veröffentlichung zitiert: Seymour Martin Lipset, Der "Faschismus", die Linke, die Rechte und die Mitte, in: Ernst Nolte (Hrsg.), Theorien über den Faschismus, Köln 1967, S. 449–491.
3.
Zum Beispiel Rudolf Heberle, Theodor Geiger und Carlo Mierendorff.
4.
Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler, München 1991, S. 177.
5.
Ebd., S. 287f.
6.
Vgl. Viola Neu, Das Janusgesicht der PDS. Wähler und Partei zwischen Demokratie und Extremismus, Baden-Baden 2004, S. 151–167.
7.
Mittlerweile ist die Extremismusforschung auch von der Terminologie etabliert. Vgl. zur Kritik an der Extremismusforschung: Streitgespräch zum Thema Linksextremismus zwischen Richard Stöss und Uwe Backes, Moderation: Hans-Gerd Jaschke, in: Ulrich Dovermann (Hrsg.), Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2011, S. 291–318; Mathias Brodkorb, Kritik der Kritik – Über die missverstandene Extremismustheorie, 23.7.2010, http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2010/07/23/kritik-der-kritik-%E2%80%93-uber-die-missverstandene-extremismustheorie« (18.9.2015).
8.
Uwe Backes/Eckhard Jesse, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 19964, S. 45.
9.
Einige Kontroversen bei der Entwicklung von validen und reliablen Messinstrumenten sind dokumentiert in: Joachim Kreis, Zur Messung von rechtsextremer Einstellung: Probleme und Kontroversen zweier Studien, Arbeitsheft aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Berlin 2007. Die Einigung auf eine Rechtsextremismusskala erfolgte jedoch auch hier "mit Bauchschmerzen" (Vorbemerkung, S. 5).
10.
Vgl. Bundesverband deutscher Banken (Hrsg.), Rechtsextremismus in Deutschland. Wirtschaft und Politik in Daten und Zusammenhängen, in: INTER/ESSE, 8 (1998), S. 1. Für ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Potenziale je nach Grenzwert vgl. Jürgen W. Falter, Wer wählt rechts? Die Wähler und Anhänger rechtsextremistischer Parteien im vereinigten Deutschland, München 1994.
11.
Siehe Anm. 1. Von 2006 bis 2012 gab die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) die Studien heraus. 2014 erschienen zwei Studien, wobei die Studie von Zick/Klein ebenfalls von der FES herausgegeben wurde.
12.
Vgl. zum Beispiel O. Decker/J. Kiess/E. Brähler 2012 (Anm. 1).
13.
Vgl. Klaus Schroeder, Expertise zu "Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland", in: Extremismus in Deutschland – Schwerpunkte, Perspektiven, Vergleich, in: Politische Studien, (2007) 1, S. 83–119; Joachim Kreis, Einige Anmerkungen zur "Expertise von Prof. Dr. Klaus Schroeder zur Studie ‚Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland‘", in: J. Kreis (Anm. 9), S. 87–103.
14.
Vgl. Eckhard Jesse, Mitte und Extremismus, in: Uwe Backes/Alexander Gallus/ders. (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus und Demokratie, Baden-Baden 2013, S. 13–35; Uwe Backes, Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft? Paradoxie und triste Banalität eines Gemeinplatzes alarmistischer Zeitdiagnostik, in: Ministerium des Innern Brandenburg/Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen (Hrsg.), Rechtsextremismus zwischen "Mitte der Gesellschaft" und Gegenkultur, Tagungsband zur Fachtagung am 28.1.2013 in Dresden, Dresden 2013, S. 33–50.
15.
O. Decker/J. Kiess/E. Brähler 2013 (Anm. 1), S. 16.
16.
Bereits in der ersten Studie von 2006 wurde diese vermeintliche Distanz zur Extremismustheorie formuliert: "Zudem wird mit dem Begriff (gemeint ist Extremismus, Anm. d.A.) vermittelt, dass eine "Mitte" der Gesellschaft existiert, die sich von diesen Extremen klar abgrenzen lässt." O. Decker/E. Brähler/N. Geißler (Anm. 1), S. 12.
17.
O. Decker/J. Kiess/E. Brähler 2012 (Anm. 1), S. 16.
18.
E. Jesse (Anm. 14), S. 25.
19.
Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Elmar Brähler und Johannes Kruse 2011 in einer Studie über "Die Parteien und ihre Anhänger", http://www.uni-leipzig.de/pdf/pm2011-343_ergebnisse.pdf« (18.9.2015). Vgl. Kai Arzheimer, Die Wahl extremistischer Parteien, in: Jürgen W. Falter/Harald Schoen (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005, S. 389–423.
20.
Vgl. E. Jesse (Anm. 14), S. 15.
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