Fauler Apfel

21.9.2015 | Von:
Viola Neu
Sabine Pokorny

Ist "die Mitte" (rechts)extremistisch?

Wo ist "die Mitte"?

Aus empirischer Sicht ergeben sich jedoch noch größere Probleme mit dem Begriff "Mitte". Die beiden größten liegen in der Definition und der Operationalisierung. So kritisiert auch Jesse an der Formel, der Extremismus komme aus der "Mitte der Gesellschaft", dass sie "je nach Interpretation eine Banalität oder eine unbewiesene Unterstellung" sei. Selbstverständlich gebe es Rechtsextremismus auch in den mittleren sozialen Schichten der Bevölkerung. Allerdings sei es "eine unbewiesene Unterstellung, wenn suggeriert wird, von den tragenden sozialen Gruppen der Gesellschaft gehe Rechtsextremismus aus".[21] Doch bleibt auch bei dieser Kritik offen, wie im soziologischen Sinne die "tragenden Gruppen" definiert sein sollen.

Es lässt sich sowohl eine soziale als auch eine politische Mitte definieren. Die genaue Grenzziehung zwischen der Mitte und dem Rest ist vor allem bei der sozialen Mitte schwierig. Wo beginnt zum Beispiel die soziale Mitte, und wo endet sie? Ab wann gehört jemand der Mittelschicht an und ab wann der Unter- oder Oberschicht? Je nach sozialstrukturellem Ansatz fallen die Definitionen unterschiedlich aus. Vor dem Schicht-Ansatz wurde lange Zeit von "Klasse" gesprochen. Inzwischen findet man neben der Einteilung in Schichten häufig eine Unterscheidung der Gesellschaft nach "sozialen Lagen", "Milieus" oder "Lebensstilen".[22] Wie bewertet man Selbsteinstufungen in den "Schichtmodellen"? In welchem Milieu verortet sich "die Mitte"? Und wenn man die Mitte definieren kann, wie misst man sie?

Beim Schicht-Ansatz wird die Einteilung in der Regel anhand des Berufs, des Einkommens und des formalen Bildungsniveaus vorgenommen. Die genaue Grenzziehung fällt aber auch hier schwer. Ab welchem Einkommen beginnt die Mittelschicht? Wie geht man mit arbeitslosen Akademikern um und wie mit gut verdienenden Arbeitern? Generell können Gruppen wie Arbeitslose, Studierende, Rentner und Hausfrauen über den Schicht-Begriff nicht eingeordnet werden, da die Einordnung primär auf Basis des Berufs vorgenommen wird. Noch schwieriger wird es, wenn man einem Milieu- oder Lebensstil-Ansatz folgt und versucht, hier die Mitte zu operationalisieren, um sie empirisch zu untersuchen, zumal zum Beispiel die Sinus-Milieus generell über Schichtgrenzen hinweg verlaufen und darüber hinaus fortlaufend verändert und an die gesellschaftlichen Veränderungen angepasst werden. Die Verwendung des Mitte-Begriffes ist somit mangels Lokalisierbarkeit der sozialen Mitte häufig wenig erhellend.

Eine politische Mitte zu definieren, erscheint aus ähnlichen Gründen problematisch, zumal sie sich im Rahmen des gesellschaftlichen und politischen Wandels inhaltlich kaum festmachen lässt. Wo befindet sich zum Beispiel die politische Mitte bei den Themen Homo-Ehe oder Atomkraft? Zudem sollte man Mitte nicht mit Mehrheit verwechseln. Wenn extremistische Einstellungen mehrheitsfähig wären, müssten sie weit in die Gesellschaft reichen, könnten aber auch eine Mehrheit haben, ohne von der Mitte getragen zu werden. Mehrheiten für oder gegen eine politische Frage haben somit wenig Aussagekraft bezüglich einer politischen oder soziologischen Mitte.

Befunde und Interpretationen

Dennoch gibt es empirische Ergebnisse, die man trotz der skizzierten Schwierigkeiten heranziehen kann, um rechtsextreme Einstellungen in der sozialen sowie der politischen Mitte – gemessen anhand der Links-Rechts-Selbsteinstufung – zu untersuchen. Dabei zeigt sich, dass Rechtsextremismus eben kein besonders ausgeprägtes Phänomen der sozialen Mitte ist. Der Politikwissenschaftler Richard Stöss misst ein rechtsextremistisches Einstellungspotenzial von 21 Prozent in der Unterschicht, 8 Prozent in der Mittelschicht und 4 Prozent in der Oberschicht. Daraus schließt er, dass "sich Rechtsextremismus weithin (aber nicht durchgängig) als ein Unterschichtphänomen" erweise.[23]

Auch in der aktuellen Mitte-Studie von Zick und Klein heißt es: "Die Zustimmung zum Rechtsextremismus ist in dieser Mitte am geringsten", und gemeint ist damit die sozioökonomische Mitte.[24] Demnach findet Chauvinismus in der Mittelschicht bei 10,4 Prozent der Befragten Zustimmung, in der Oberschicht bei 17,8 Prozent und in der Unterschicht bei 25,7 Prozent. Ausländerfeindlichkeit findet sich in der Mittelschicht bei 5,7 Prozent, in der Oberschicht bei 8,8 Prozent und in der Unterschicht bei 24,7 Prozent. Antisemitismus findet sich nur bei 2,8 Prozent der Mittelschicht, 2,2 Prozent der Oberschicht und 8,9 Prozent der Unterschicht. Bei den anderen gemessenen Dimensionen des Rechtsextremismus – Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus – liegen die Prozentsatzdifferenzen zwischen den sozialen Schichten bei weniger als fünf Prozentpunkten und sollten daher nicht inhaltlich interpretiert werden.[25] Auch in den früheren Mitte-Studien haben die unteren Schichten eine stärkere Zustimmungstendenz zu rechtsextremistischen Items.[26]

Bei der Verbreitung Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit "zeigt sich – ähnlich wie bei rechtsextremen Einstellungen – dass Personen, die sich in der mittleren Schicht verorten, am wenigsten feindselig sind".[27] Das gilt vor allem für Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung wohnungsloser Menschen, Etabliertenvorrechte, Sexismus, Abwertung asylsuchender Menschen, Abwertung von Sinti und Roma sowie Islamfeindlichkeit, die in der Unterschicht deutlich weiter verbreitet sind als in der Mittelschicht.[28]

Die empirischen Befunde können demnach nicht nachweisen, dass Rechtsextremismus ein Phänomen der sozialen Mitte ist. Das Gegenteil ist der Fall: Die soziale Mitte weist sowohl beim Rechtsextremismus als auch bei Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit die geringste Anfälligkeit auf.

Wenn die soziale Mitte kein Hort des Rechtsextremismus ist, vielleicht ist es dann die politische Mitte? Doch auch hier weisen die Ergebnisse in eine andere Richtung: "Mit Blick auf die politische Mitte wird zunächst deutlich, dass diese Mitte geringere Zustimmungswerte im Vergleich zu jenen Befragten aufweist, die sich ‚rechts‘ verorten." Die Autoren schließen an diese Feststellung an: "Auch bei Befragten, die sich in der politischen Mitte verorten, ist jedoch ein erhebliches Ausmaß an Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen zu verzeichnen."[29] In den dazu veröffentlichten Daten weist jedoch lediglich der Chauvinismus mit 12 Prozent in der politischen Mitte eine Zustimmung im zweistelligen Bereich auf (gegenüber 29,5 Prozent Zustimmung der Befragten, die sich politisch rechts verorten). Alle anderen Dimensionen des Rechtsextremismus kommen in der politischen Mitte auf Zustimmungswerte zwischen 1,3 (Verharmlosung des Nationalsozialismus) und 6,2 Prozent (Ausländerfeindlichkeit).[30]

Ähnlich verhält es sich bei Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die "unter politisch rechts stehenden Befragten am weitesten verbreitet" ist.[31] Zum Teil stimmen Befragte, die sich politisch rechts verorten, einzelnen Dimensionen der Menschenfeindlichkeit um bis zu zwanzig Prozentpunkte häufiger zu, als Befragte, die sich in der politischen Mitte verorten.[32] Auch die politische Mitte ist nach diesen Daten empirisch nicht im besonderen Maße von Rechtsextremismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffen.

Die Daten der aktuellen Mitte-Studie können somit die These nicht bestätigen, dass Rechtsextremismus vor allem ein Phänomen der gesellschaftlichen und politischen Mitte sei. Personen, die sich selbst im politischen Spektrum rechts verorten, sind wesentlich anfälliger für Rechtsextremismus als Personen, die sich der politischen Mitte zugehörig fühlen. Doch wer verortet sich politisch rechts?

Wir sind dieser Frage mithilfe der Politbarometer-Daten von 2012 nachgegangen.[33] Das Ergebnis ist relativ eindeutig: Im rechten Spektrum der Links-Rechts-Skala verorten sich vor allem ältere Menschen mit niedriger Bildung, die konfessionell gebunden sind.[34] Zusätzlich zeigen unsere Analysen, dass die Selbsteinstufung der verschiedenen Parteianhänger auf der Links-Rechts-Skala dem klassischen Muster entspricht. Menschen mit einer Parteineigung zu SPD, Grünen oder Linken verorten sich weiter links, während sich Menschen mit einer Bindung an CDU/CSU, FDP oder Parteien der extremen Rechten weiter rechts positionieren. Allerdings gibt es seit den 1970er Jahren eine starke Verschiebung innerhalb der ideologischen Verortung. In der Wahrnehmung der Parteien ist eine eindeutige "Mitte-Tendenz" sichtbar, und auch die Befragten ordnen sich immer stärker in der Mitte ein. Die Pole wandern seit den 1970er Jahren in die Mitte.

Fazit

Auch wenn nach der aktuellen Datenlage für "die Mitte" eher Entwarnung gegeben werden kann, heißt das nicht, dass dies ein Persilschein ist. Jeder kann Träger extremistischer Einstellungen sein, jeder kann für Extremismen anfällig werden. Und die Extremismusforschung in ihrer Breite hat dies auch nie infrage gestellt oder Extremismus quasi automatisch an den "Rändern" verortet.

Und hier liegt die Aufgabe der Sozialwissenschaften: immer wieder danach zu suchen, welche Extremismen in der Gesellschaft existieren und wo sie beheimatet sind. Gerade das Aufkommen des Salafismus beziehungsweise Islamismus verdeutlicht, wie wichtig auch eine präventive sozialwissenschaftliche Forschung ist, die sensibel bereits frühzeitig mit etablierten wie experimentellen Methoden extremistischen Einstellungen nachgeht.

Fußnoten

21.
Ebd., S. 34.
22.
Zudem wurde auch der Schicht-Begriff schon unterschiedlich verwendet. Zum Folgenden und für eine ausführlichere Darstellung der Unterschiede zwischen Klasse, Schicht, sozialer Lage, Milieu und Lebensstil vgl. Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit, Wiesbaden 20058, S. 38–42, S. 363, S. 427–431.
23.
Richard Stöss, Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 20103, S. 66.
24.
A. Zick/A. Klein (Anm. 1), S. 41. In der Studie wird die "sozioökonomische Mitte" durch Selbsteinstufung auf einer zehnstufigen Skala bestimmt. Die Werte von vier bis sieben werden als Mitte definiert. Vgl. ebd. S. 76.
25.
Vgl. ebd. S. 42.
26.
Vgl. O. Decker/M. Weißmann/J. Kiess/E. Brähler (Anm. 1), S. 112f.
27.
A. Zick/A. Klein (Anm. 1), S. 76.
28.
Vgl. ebd., S. 77.
29.
Ebd. S. 42f.
30.
Vgl. ebd. S. 43.
31.
Ebd., S. 76.
32.
Vgl. ebd., S. 77.
33.
Vgl. Matthias Jung/Yvonne Schroth/Andrea Wolf, Politbarometer 2012 (Kumulierter Datensatz inkl. Kurzbarometer), GESIS-Datenarchiv, Köln 2014.
34.
Die detaillierten Ergebnisse der linearen Regression können bei den Autorinnen angefordert werden.
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