Fauler Apfel
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21.9.2015 | Von:
Viola Neu
Sabine Pokorny

Ist "die Mitte" (rechts)extremistisch?

Begriffe wie "Rechtsextremismus" und "Linksextremismus" oder "Islamismus" beziehungsweise "Salafismus" sind einer breiten Öffentlichkeit wahrscheinlich einigermaßen geläufig. Die Bedeutung der Formulierung "Extremismus der Mitte" erschließt sich hingegen nicht unmittelbar. Gleichwohl finden sich Variationen der Formulierung sowohl in den Medien als auch regelmäßig in den Titeln von Studien, die sich mit der Erforschung von Rechtsextremismus befassen.[1]

Als Schöpfer dieses Begriffes gilt der US-amerikanische Soziologe Seymour Martin Lipset. 1959 schrieb er in dem Buch "Political Man"[2] ein kurzes, aber in der deutschen Rezeption wirkmächtiges Kapitel, das sich mit dem Aufstieg des Faschismus beschäftigt und dabei auch in vergleichender Perspektive Deutschland behandelt. Seine Theorie fußt auf der Annahme, dass es drei Formen des Extremismus gibt, welche jeweils eine enge Verzahnung mit einer gesellschaftlichen Schicht aufweisen. Demnach habe der linke Extremismus seine Basis in den unteren Schichten und der Arbeiterklasse, der rechte Extremismus sei in den Oberschichten zu Hause. Der Faschismus wird als die in den Mittelschichten beheimatete extremistische Haltung gekennzeichnet.

Eine genaue Definition, was er unter Faschismus versteht, oder eine Erläuterung, wo er die Grenzen zum Rechtsextremismus und Linksextremismus zieht, blieb Lipset jedoch schuldig. Für ihn war die Mitte eine sozialstrukturelle (Mittelschicht) und keine politische. Mangels besserer Daten stützte er sich auf Plausibilitätsinterpretationen von Wahlergebnissen der Reichstagswahlen 1928 bis 1933. Da auch andere zeitgenössische Beobachter, Politiker und Wissenschaftler der 1930er Jahre die Mittelschichten mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Verbindung brachten,[3] galt diese These trotz gelegentlicher Kritik auch in der Bundesrepublik lange als Konsens.

Seit der akribischen Analyse der Wahlen der Weimarer Republik durch den Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter haben die historischen Mittelschichtsthesen zur Erklärung des Aufstiegs des Nationalsozialismus eine deutliche Eingrenzung erfahren. Sie sind zwar nicht gänzlich überholt, haben aber an Erklärungskraft eingebüßt. Falter arbeitet heraus, dass kein "anderes Sozialmerkmal die nationalsozialistischen Wahlerfolge so stark beeinflusst hat wie die Konfession".[4] Praktizierende Katholiken seien gegenüber dem Nationalsozialismus im Wahlverhalten weitgehend immun gewesen. "Von ihren Wählern her gesehen war die NSDAP zwar eine evangelisch geprägte, ansonsten aber sozial recht heterogen zusammengesetzte Partei. Keine Berufsgruppe dominierte (…). Die Mittelschichtenwähler stellten zwar mit rund 40 Prozent aller Wähler das Gros der Parteianhänger, doch bildeten Arbeiter eine so bedeutsame Untergruppe, dass von einer reinen oder doch weit überwiegenden Mittelstandsbewegung nicht die Rede sein kann."[5] Somit ist zwar die Sozialstruktur der Wählerschaft der NSDAP weitestgehend geklärt, jedoch nicht die Einstellungsstrukturen der Wähler und deren Motive. Da es hierzu keine belastbaren Daten gibt, wird dieser Teil der Geschichte spekulativ bleiben.

Einstellungsforschung

Die empirische Meinungsforschung stellte die Dichotomie von Demokratie und Diktatur schon immer in den Fokus. Nicht umsonst gilt sie als Demokratieforschung. Sie geht dabei mehreren Fragestellungen nach: Welche extremistischen Einstellungen gibt es, was sind die Ursachen für die Entstehung, Entwicklung und Ausprägung, und wer sind die Träger der Einstellungen? Allerdings gibt es bei der Messung von extremistischen Einstellungen[6] eine Reihe von Problemen.

Nach der klassischen normativen (Minimal-)Definition wird Extremismus als Ablehnung von Demokratie verstanden.[7] Demnach wird er als Sammelbezeichnung für "unterschiedliche politische Gesinnungen und Bestrebungen (…), die sich der Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und seiner fundamentalen Werte und Spielregeln einig wissen", verstanden.[8]

So einfach sich die Definition liest, so ambitioniert ist die Umsetzung in ein sozialwissenschaftliches Projekt. Welche Dimensionen und Inhalte dem jeweiligen Extremismus zugeschrieben werden, konnte noch nicht zufriedenstellend und verbindlich erarbeitet werden. Dies gilt gleichermaßen für die schon breiter aufgestellte Rechtsextremismusforschung[9] wie für die noch größere Defizite aufweisende Linksextremismusforschung und die in den Kinderschuhen steckende religiöse Fundamentalismusforschung (etwa zum Islamismus). Es gibt somit in der Extremismusforschung bislang keine allgemein akzeptierte Skala beziehungsweise Fragebatterie. Es gibt noch nicht einmal Einigkeit über die inhaltlichen Dimensionen, welche für die jeweilige Extremismusform konstituierend sind.

Hinzu kommen methodische Schwierigkeiten: Die Ergebnisse können je nach Auswahl und Formulierung der Fragen variieren, was ebenso eine Rolle spielt wie die uneinheitlichen Messverfahren (etwa unterschiedliche Skalenlängen sowie Antwortvorgaben mit und ohne mittlere/neutrale Antwortkategorie). Auch in der Auswertung der Daten bestehen erhebliche Spielräume. In einer Studie lag das Rechtsextremismuspotenzial zum Beispiel entweder bei 2 oder bei 13 Prozent, je nachdem, ob man die ersten zwei oder die ersten drei Skalenpunkte auf einer von eins bis sieben reichenden Skala einbezog.[10]

Die Mitte-Studien

Innerhalb der Extremismusforschung haben es die sogenannten Mitte-Studien[11] zu größerer Popularität gebracht. Die meisten Studien wurden von den Psychologen Elmar Brähler und Oliver Decker erstellt; die aktuelle Studie, die auch das Konzept der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" integriert, stammt vom Sozialpsychologen Andreas Zick und der Erziehungswissenschaftlerin Anna Klein. Als Fazit dieser Studien lässt sich grob festhalten, dass rechtsextremistische Einstellungen besonders stark in der "Mitte der Gesellschaft" zu verorten seien.[12] Aufgrund der Vielfalt der Studien soll hier nur auf eine Auswahl eingegangen werden.

Schon auf die Mitte-Studie von 2006 "Vom Rand zur Mitte" regte sich ausführliche Kritik, die zu einer Diskussion über die Wissenschaftlichkeit der Untersuchung führte.[13] Seitdem sind im Zweijahresrhythmus Nachfolgestudien erschienen, die ebenfalls viel und kontrovers besprochen wurden.[14] Statt den fachwissenschaftlichen Diskurs um Methoden, einzelne Items und Interpretationen ausführlich wiederzugeben, soll hier lediglich überprüft werden, ob die Befunde der Studien die zentrale These des "Extremismus der Mitte" tatsächlich stützen.

2013 formulierten die Autoren der Mitte-Studien eine These, die bereits in der ersten Studie maßgeblich war, nämlich dass "das gesellschaftliche Zentrum (…) zur Bedrohung der bestehenden Gesellschaftsordnung werden" könne.[15] Dabei kritisieren sie auch die Extremismustheorie,[16] der sie vorwerfen, sie würde die "Mitte" idealisieren und nur Bedrohungen sehen, die von den "Rändern" kämen: "Die Bedrohung der Demokratie kommt in diesem Sinne also von den ‚Rändern‘ der Gesellschaft her, eben von den ‚Extremisten‘. Die ‚Mitte-Studien‘ aber weisen regelmäßig darauf hin, dass dies ein Trugschluss ist: Gefahr droht aus der ‚Mitte‘ selbst, in der rechtsextreme Einstellung, autoritäre Phantasien und mangelndes demokratisches Bewusstsein weit verbreitet sind."[17]

Dies ist eine Hypothese, die man überprüfen sollte, zumal für die Grundannahme, die Extremismusforschung würde nur die "Ränder" ins Visier nehmen, jeder Beleg fehlt. Das Gegenteil ist richtig: Die soziologischen Fragen sind selbstverständlicher Bestandteil der Extremismusforschung. Nicht von ungefähr kritisiert der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse an der theoretischen Konzeption der Mitte-Studien, dass ihnen "eine Fundamentalkritik am Extremismuskonzept" zugrunde liege.[18] Nichtsdestotrotz wird in den Mitte-Studien ein "Extremismus der Mitte" konstatiert und somit nolens volens zumindest der Teil der Extremismusforschung akzeptiert, der den Rechtsextremismus zum Gegenstand nimmt.

Auf den ersten Blick widersprechen die Hypothesen der Mitte-Studien den Befunden aus der Wahlforschung. Denn Wähler rechtsextremistischer Parteien haben eher die Merkmale: jung, männlich, mittleres bis niedriges Bildungsniveau und entsprechende Berufe.[19] Allerdings teilen Wähler nicht zwangsläufig das Weltbild der gewählten Partei, sodass zwischen Einstellungen und Wahlverhalten durchaus eine Lücke klaffen kann.

Problematisch ist auch der theoretische Bezugsrahmen, der sich zwar auch auf die "autoritäre Persönlichkeit" nach Theodor W. Adorno bezieht, die Legitimität des Ansatzes jedoch von Lipset herleitet. Lipset bezieht sich hingegen auf die Mittelschicht und nicht auf ein gesellschaftliches Zentrum, wie immer man dieses definieren mag. Des Weiteren irritiert der explizite Bezug auf Lipset, da es nach dessen Verständnis zwar einen eigenen Extremismus der Mitte, nicht aber einen Rechtsextremismus der Mitte geben kann. Lipset bezieht den Begriff "Rechtsextremismus" auf den totalitären Autoritarismus der Oberklasse, der nicht identisch ist (und auch nicht sein kann) mit dem Extremismus der Mittelklasse, für den Lipset den Faschismus und nicht den Rechtsextremismus identifiziert. Entsprechend merkt Jesse an, dass der Begriff "Extremismus der Mitte" missverständlich sei.[20]

Wo ist "die Mitte"?

Aus empirischer Sicht ergeben sich jedoch noch größere Probleme mit dem Begriff "Mitte". Die beiden größten liegen in der Definition und der Operationalisierung. So kritisiert auch Jesse an der Formel, der Extremismus komme aus der "Mitte der Gesellschaft", dass sie "je nach Interpretation eine Banalität oder eine unbewiesene Unterstellung" sei. Selbstverständlich gebe es Rechtsextremismus auch in den mittleren sozialen Schichten der Bevölkerung. Allerdings sei es "eine unbewiesene Unterstellung, wenn suggeriert wird, von den tragenden sozialen Gruppen der Gesellschaft gehe Rechtsextremismus aus".[21] Doch bleibt auch bei dieser Kritik offen, wie im soziologischen Sinne die "tragenden Gruppen" definiert sein sollen.

Es lässt sich sowohl eine soziale als auch eine politische Mitte definieren. Die genaue Grenzziehung zwischen der Mitte und dem Rest ist vor allem bei der sozialen Mitte schwierig. Wo beginnt zum Beispiel die soziale Mitte, und wo endet sie? Ab wann gehört jemand der Mittelschicht an und ab wann der Unter- oder Oberschicht? Je nach sozialstrukturellem Ansatz fallen die Definitionen unterschiedlich aus. Vor dem Schicht-Ansatz wurde lange Zeit von "Klasse" gesprochen. Inzwischen findet man neben der Einteilung in Schichten häufig eine Unterscheidung der Gesellschaft nach "sozialen Lagen", "Milieus" oder "Lebensstilen".[22] Wie bewertet man Selbsteinstufungen in den "Schichtmodellen"? In welchem Milieu verortet sich "die Mitte"? Und wenn man die Mitte definieren kann, wie misst man sie?

Beim Schicht-Ansatz wird die Einteilung in der Regel anhand des Berufs, des Einkommens und des formalen Bildungsniveaus vorgenommen. Die genaue Grenzziehung fällt aber auch hier schwer. Ab welchem Einkommen beginnt die Mittelschicht? Wie geht man mit arbeitslosen Akademikern um und wie mit gut verdienenden Arbeitern? Generell können Gruppen wie Arbeitslose, Studierende, Rentner und Hausfrauen über den Schicht-Begriff nicht eingeordnet werden, da die Einordnung primär auf Basis des Berufs vorgenommen wird. Noch schwieriger wird es, wenn man einem Milieu- oder Lebensstil-Ansatz folgt und versucht, hier die Mitte zu operationalisieren, um sie empirisch zu untersuchen, zumal zum Beispiel die Sinus-Milieus generell über Schichtgrenzen hinweg verlaufen und darüber hinaus fortlaufend verändert und an die gesellschaftlichen Veränderungen angepasst werden. Die Verwendung des Mitte-Begriffes ist somit mangels Lokalisierbarkeit der sozialen Mitte häufig wenig erhellend.

Eine politische Mitte zu definieren, erscheint aus ähnlichen Gründen problematisch, zumal sie sich im Rahmen des gesellschaftlichen und politischen Wandels inhaltlich kaum festmachen lässt. Wo befindet sich zum Beispiel die politische Mitte bei den Themen Homo-Ehe oder Atomkraft? Zudem sollte man Mitte nicht mit Mehrheit verwechseln. Wenn extremistische Einstellungen mehrheitsfähig wären, müssten sie weit in die Gesellschaft reichen, könnten aber auch eine Mehrheit haben, ohne von der Mitte getragen zu werden. Mehrheiten für oder gegen eine politische Frage haben somit wenig Aussagekraft bezüglich einer politischen oder soziologischen Mitte.

Befunde und Interpretationen

Dennoch gibt es empirische Ergebnisse, die man trotz der skizzierten Schwierigkeiten heranziehen kann, um rechtsextreme Einstellungen in der sozialen sowie der politischen Mitte – gemessen anhand der Links-Rechts-Selbsteinstufung – zu untersuchen. Dabei zeigt sich, dass Rechtsextremismus eben kein besonders ausgeprägtes Phänomen der sozialen Mitte ist. Der Politikwissenschaftler Richard Stöss misst ein rechtsextremistisches Einstellungspotenzial von 21 Prozent in der Unterschicht, 8 Prozent in der Mittelschicht und 4 Prozent in der Oberschicht. Daraus schließt er, dass "sich Rechtsextremismus weithin (aber nicht durchgängig) als ein Unterschichtphänomen" erweise.[23]

Auch in der aktuellen Mitte-Studie von Zick und Klein heißt es: "Die Zustimmung zum Rechtsextremismus ist in dieser Mitte am geringsten", und gemeint ist damit die sozioökonomische Mitte.[24] Demnach findet Chauvinismus in der Mittelschicht bei 10,4 Prozent der Befragten Zustimmung, in der Oberschicht bei 17,8 Prozent und in der Unterschicht bei 25,7 Prozent. Ausländerfeindlichkeit findet sich in der Mittelschicht bei 5,7 Prozent, in der Oberschicht bei 8,8 Prozent und in der Unterschicht bei 24,7 Prozent. Antisemitismus findet sich nur bei 2,8 Prozent der Mittelschicht, 2,2 Prozent der Oberschicht und 8,9 Prozent der Unterschicht. Bei den anderen gemessenen Dimensionen des Rechtsextremismus – Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus – liegen die Prozentsatzdifferenzen zwischen den sozialen Schichten bei weniger als fünf Prozentpunkten und sollten daher nicht inhaltlich interpretiert werden.[25] Auch in den früheren Mitte-Studien haben die unteren Schichten eine stärkere Zustimmungstendenz zu rechtsextremistischen Items.[26]

Bei der Verbreitung Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit "zeigt sich – ähnlich wie bei rechtsextremen Einstellungen – dass Personen, die sich in der mittleren Schicht verorten, am wenigsten feindselig sind".[27] Das gilt vor allem für Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Abwertung wohnungsloser Menschen, Etabliertenvorrechte, Sexismus, Abwertung asylsuchender Menschen, Abwertung von Sinti und Roma sowie Islamfeindlichkeit, die in der Unterschicht deutlich weiter verbreitet sind als in der Mittelschicht.[28]

Die empirischen Befunde können demnach nicht nachweisen, dass Rechtsextremismus ein Phänomen der sozialen Mitte ist. Das Gegenteil ist der Fall: Die soziale Mitte weist sowohl beim Rechtsextremismus als auch bei Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit die geringste Anfälligkeit auf.

Wenn die soziale Mitte kein Hort des Rechtsextremismus ist, vielleicht ist es dann die politische Mitte? Doch auch hier weisen die Ergebnisse in eine andere Richtung: "Mit Blick auf die politische Mitte wird zunächst deutlich, dass diese Mitte geringere Zustimmungswerte im Vergleich zu jenen Befragten aufweist, die sich ‚rechts‘ verorten." Die Autoren schließen an diese Feststellung an: "Auch bei Befragten, die sich in der politischen Mitte verorten, ist jedoch ein erhebliches Ausmaß an Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen zu verzeichnen."[29] In den dazu veröffentlichten Daten weist jedoch lediglich der Chauvinismus mit 12 Prozent in der politischen Mitte eine Zustimmung im zweistelligen Bereich auf (gegenüber 29,5 Prozent Zustimmung der Befragten, die sich politisch rechts verorten). Alle anderen Dimensionen des Rechtsextremismus kommen in der politischen Mitte auf Zustimmungswerte zwischen 1,3 (Verharmlosung des Nationalsozialismus) und 6,2 Prozent (Ausländerfeindlichkeit).[30]

Ähnlich verhält es sich bei Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die "unter politisch rechts stehenden Befragten am weitesten verbreitet" ist.[31] Zum Teil stimmen Befragte, die sich politisch rechts verorten, einzelnen Dimensionen der Menschenfeindlichkeit um bis zu zwanzig Prozentpunkte häufiger zu, als Befragte, die sich in der politischen Mitte verorten.[32] Auch die politische Mitte ist nach diesen Daten empirisch nicht im besonderen Maße von Rechtsextremismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffen.

Die Daten der aktuellen Mitte-Studie können somit die These nicht bestätigen, dass Rechtsextremismus vor allem ein Phänomen der gesellschaftlichen und politischen Mitte sei. Personen, die sich selbst im politischen Spektrum rechts verorten, sind wesentlich anfälliger für Rechtsextremismus als Personen, die sich der politischen Mitte zugehörig fühlen. Doch wer verortet sich politisch rechts?

Wir sind dieser Frage mithilfe der Politbarometer-Daten von 2012 nachgegangen.[33] Das Ergebnis ist relativ eindeutig: Im rechten Spektrum der Links-Rechts-Skala verorten sich vor allem ältere Menschen mit niedriger Bildung, die konfessionell gebunden sind.[34] Zusätzlich zeigen unsere Analysen, dass die Selbsteinstufung der verschiedenen Parteianhänger auf der Links-Rechts-Skala dem klassischen Muster entspricht. Menschen mit einer Parteineigung zu SPD, Grünen oder Linken verorten sich weiter links, während sich Menschen mit einer Bindung an CDU/CSU, FDP oder Parteien der extremen Rechten weiter rechts positionieren. Allerdings gibt es seit den 1970er Jahren eine starke Verschiebung innerhalb der ideologischen Verortung. In der Wahrnehmung der Parteien ist eine eindeutige "Mitte-Tendenz" sichtbar, und auch die Befragten ordnen sich immer stärker in der Mitte ein. Die Pole wandern seit den 1970er Jahren in die Mitte.

Fazit

Auch wenn nach der aktuellen Datenlage für "die Mitte" eher Entwarnung gegeben werden kann, heißt das nicht, dass dies ein Persilschein ist. Jeder kann Träger extremistischer Einstellungen sein, jeder kann für Extremismen anfällig werden. Und die Extremismusforschung in ihrer Breite hat dies auch nie infrage gestellt oder Extremismus quasi automatisch an den "Rändern" verortet.

Und hier liegt die Aufgabe der Sozialwissenschaften: immer wieder danach zu suchen, welche Extremismen in der Gesellschaft existieren und wo sie beheimatet sind. Gerade das Aufkommen des Salafismus beziehungsweise Islamismus verdeutlicht, wie wichtig auch eine präventive sozialwissenschaftliche Forschung ist, die sensibel bereits frühzeitig mit etablierten wie experimentellen Methoden extremistischen Einstellungen nachgeht.
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Fußnoten

1.
Vgl. Andreas Zick/Anna Klein, Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Bonn 2014; Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler, Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Leipzig 2014; dies., Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose, Gießen 2013; dies., Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012, Bonn 2012; dies./Marliese Weißmann, Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010, Bonn 2010; O. Decker/E. Brähler, Bewegung in der Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008, Berlin 2008; dies./Norman Geißler, Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland, Berlin 2006. Siehe auch den Beitrag von Andreas Zick/Beate Küpper in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Der Auszug aus dem Buch ist ins Deutsche übersetzt und mehrfach publiziert. Hier wird aus folgender Veröffentlichung zitiert: Seymour Martin Lipset, Der "Faschismus", die Linke, die Rechte und die Mitte, in: Ernst Nolte (Hrsg.), Theorien über den Faschismus, Köln 1967, S. 449–491.
3.
Zum Beispiel Rudolf Heberle, Theodor Geiger und Carlo Mierendorff.
4.
Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler, München 1991, S. 177.
5.
Ebd., S. 287f.
6.
Vgl. Viola Neu, Das Janusgesicht der PDS. Wähler und Partei zwischen Demokratie und Extremismus, Baden-Baden 2004, S. 151–167.
7.
Mittlerweile ist die Extremismusforschung auch von der Terminologie etabliert. Vgl. zur Kritik an der Extremismusforschung: Streitgespräch zum Thema Linksextremismus zwischen Richard Stöss und Uwe Backes, Moderation: Hans-Gerd Jaschke, in: Ulrich Dovermann (Hrsg.), Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2011, S. 291–318; Mathias Brodkorb, Kritik der Kritik – Über die missverstandene Extremismustheorie, 23.7.2010, http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2010/07/23/kritik-der-kritik-%E2%80%93-uber-die-missverstandene-extremismustheorie« (18.9.2015).
8.
Uwe Backes/Eckhard Jesse, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 19964, S. 45.
9.
Einige Kontroversen bei der Entwicklung von validen und reliablen Messinstrumenten sind dokumentiert in: Joachim Kreis, Zur Messung von rechtsextremer Einstellung: Probleme und Kontroversen zweier Studien, Arbeitsheft aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Berlin 2007. Die Einigung auf eine Rechtsextremismusskala erfolgte jedoch auch hier "mit Bauchschmerzen" (Vorbemerkung, S. 5).
10.
Vgl. Bundesverband deutscher Banken (Hrsg.), Rechtsextremismus in Deutschland. Wirtschaft und Politik in Daten und Zusammenhängen, in: INTER/ESSE, 8 (1998), S. 1. Für ein weiteres Beispiel für unterschiedliche Potenziale je nach Grenzwert vgl. Jürgen W. Falter, Wer wählt rechts? Die Wähler und Anhänger rechtsextremistischer Parteien im vereinigten Deutschland, München 1994.
11.
Siehe Anm. 1. Von 2006 bis 2012 gab die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) die Studien heraus. 2014 erschienen zwei Studien, wobei die Studie von Zick/Klein ebenfalls von der FES herausgegeben wurde.
12.
Vgl. zum Beispiel O. Decker/J. Kiess/E. Brähler 2012 (Anm. 1).
13.
Vgl. Klaus Schroeder, Expertise zu "Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland", in: Extremismus in Deutschland – Schwerpunkte, Perspektiven, Vergleich, in: Politische Studien, (2007) 1, S. 83–119; Joachim Kreis, Einige Anmerkungen zur "Expertise von Prof. Dr. Klaus Schroeder zur Studie ‚Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland‘", in: J. Kreis (Anm. 9), S. 87–103.
14.
Vgl. Eckhard Jesse, Mitte und Extremismus, in: Uwe Backes/Alexander Gallus/ders. (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus und Demokratie, Baden-Baden 2013, S. 13–35; Uwe Backes, Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft? Paradoxie und triste Banalität eines Gemeinplatzes alarmistischer Zeitdiagnostik, in: Ministerium des Innern Brandenburg/Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen (Hrsg.), Rechtsextremismus zwischen "Mitte der Gesellschaft" und Gegenkultur, Tagungsband zur Fachtagung am 28.1.2013 in Dresden, Dresden 2013, S. 33–50.
15.
O. Decker/J. Kiess/E. Brähler 2013 (Anm. 1), S. 16.
16.
Bereits in der ersten Studie von 2006 wurde diese vermeintliche Distanz zur Extremismustheorie formuliert: "Zudem wird mit dem Begriff (gemeint ist Extremismus, Anm. d.A.) vermittelt, dass eine "Mitte" der Gesellschaft existiert, die sich von diesen Extremen klar abgrenzen lässt." O. Decker/E. Brähler/N. Geißler (Anm. 1), S. 12.
17.
O. Decker/J. Kiess/E. Brähler 2012 (Anm. 1), S. 16.
18.
E. Jesse (Anm. 14), S. 25.
19.
Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Elmar Brähler und Johannes Kruse 2011 in einer Studie über "Die Parteien und ihre Anhänger", http://www.uni-leipzig.de/pdf/pm2011-343_ergebnisse.pdf« (18.9.2015). Vgl. Kai Arzheimer, Die Wahl extremistischer Parteien, in: Jürgen W. Falter/Harald Schoen (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005, S. 389–423.
20.
Vgl. E. Jesse (Anm. 14), S. 15.
21.
Ebd., S. 34.
22.
Zudem wurde auch der Schicht-Begriff schon unterschiedlich verwendet. Zum Folgenden und für eine ausführlichere Darstellung der Unterschiede zwischen Klasse, Schicht, sozialer Lage, Milieu und Lebensstil vgl. Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit, Wiesbaden 20058, S. 38–42, S. 363, S. 427–431.
23.
Richard Stöss, Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 20103, S. 66.
24.
A. Zick/A. Klein (Anm. 1), S. 41. In der Studie wird die "sozioökonomische Mitte" durch Selbsteinstufung auf einer zehnstufigen Skala bestimmt. Die Werte von vier bis sieben werden als Mitte definiert. Vgl. ebd. S. 76.
25.
Vgl. ebd. S. 42.
26.
Vgl. O. Decker/M. Weißmann/J. Kiess/E. Brähler (Anm. 1), S. 112f.
27.
A. Zick/A. Klein (Anm. 1), S. 76.
28.
Vgl. ebd., S. 77.
29.
Ebd. S. 42f.
30.
Vgl. ebd. S. 43.
31.
Ebd., S. 76.
32.
Vgl. ebd., S. 77.
33.
Vgl. Matthias Jung/Yvonne Schroth/Andrea Wolf, Politbarometer 2012 (Kumulierter Datensatz inkl. Kurzbarometer), GESIS-Datenarchiv, Köln 2014.
34.
Die detaillierten Ergebnisse der linearen Regression können bei den Autorinnen angefordert werden.
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