Fauler Apfel
Pfeil links 1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Volkes Stimme? Rechtspopulistische Überzeugungen der Mitte

21.9.2015

Erfassung von Rechtspopulismus und Bestimmung der "Mitte"



Die Studie "Fragile Mitte – Feindselige Zustände", die hier zur Analyse der Verbreitung von Rechtspopulismus herangezogen wird, basiert auf einer telefonischen, repräsentativen Bevölkerungsumfrage von rund 2000 Personen ab 16 Jahren. Für die folgenden Auswertungen wurden nur Befragte mit deutscher Staatsangehörigkeit ausgewählt und diese Daten nach Repräsentativität gewichtet. Die Befragung folgt methodisch dem üblichen Vorgehen bei einem Telefonsurvey. Die Befragten wurden zu einer ganzen Reihe von Themen rund um Demokratie und Einstellungen zu Gruppen befragt. Dazu lasen ihnen geschulte Interviewer Aussagen vor, zu denen die Befragten anhand einer vierstufigen Antwortskala jeweils ihre Zustimmung oder Ablehnung signalisierten ("Ich stimme überhaupt nicht, eher nicht, eher oder voll und ganz zu").[21] Jede Einstellungskomponente wurde mit mindestens zwei Aussagen erfasst, die in vorangegangenen Studien und Vortests auf ihre Reliabilität und Validität geprüft wurden.[22]

In der vorangegangen, verwandten Langzeitstudie zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF)[23] wurde Rechtspopulismus über die Kernkomponenten autoritäre Law-and-Order-Haltung, Fremdenfeindlichkeit und (sekundärer) Antisemitismus definiert und erfasst.[24] Ab 2011 wurde angesichts der sichtbaren Propaganda zudem die Abwertung von Muslimen einbezogen, was sich auch empirisch bestätigen ließ.[25] Angesichts der massiven Feindseligkeiten gegen Roma und Asylsuchende haben wir für die Auswertungen nun zusätzlich die Abwertung dieser beiden Gruppen berücksichtigt. Der Antisemitismus spielt dagegen aktuell bei rechtspopulistischer Hetze eher eine Nebenrolle und lässt sich in den Daten auch empirisch zwar als eng verwandtes, aber doch getrenntes Konstrukt identifizieren. Der theoretischen Diskussion um Rechtspopulismus folgend wird zudem Demokratiemisstrauen beziehungsweise Demokratiefeindseligkeit erhoben, in die sowohl eine ablehnende Haltung gegenüber der parlamentarischen Demokratie als auch gegenüber Politikern im Sinne einer Anti-Establishment-Einstellung einfließt.

Nationalismus und eine Anti-EU-Haltung spielen bei rechtspopulistischen Diskursen ebenfalls eine wichtige Rolle.[26] Nationalismus hängt nach unseren empirischen Analysen jedoch schwächer mit den übrigen Versatzstücken zusammen. Eine Anti-EU-Haltung kann dagegen als mögliche ergänzende Komponente identifiziert werden. Sie wurde allerdings nur bei der Hälfte der Befragten erhoben und kann daher für die Berichterstattung nicht in einen Gesamtindex rechtspopulistischer Überzeugungen einfließen. Gleiches trifft auf die emotionale Komponente der "kollektiven Wut" zu. Diese prägt unseres Erachtens gerade die aktuelle rechtspopulistische Agitation,[27] wurde aber ebenfalls nur bei der Hälfte der Befragten erfasst. Der Gesamtindex, der einer Mittelwertskala aus den sechs Komponenten Fremdenfeindlichkeit, Abwertung von Muslimen, Roma und Asylsuchenden, Autoritarismus und Demokratiemisstrauen entspricht, ist hoch reliabel. Das heißt: Die genannten Komponenten gehen bei vielen Befragten Hand in Hand – entweder jemand stimmt in der Tendenz allen Facetten zu oder lehnt sie mehr oder weniger geschlossen ab.

Der Rechtspopulismus-Index hängt empirisch hoch mit der "kollektiven Wut" zusammen. Er ist zudem mit einer Anti-EU-Haltung,[28] Nationalismus (hier erfasst als Nationalstolz), der Billigung von Gewalt und zum Teil auch der Bereitschaft zur Gewalt verbunden. Deutliche empirische Zusammenhänge zeigen sich ferner mit ethnischem Rassismus, der Feindseligkeit gegen homosexuelle Menschen und Sexismus sowie mit der generellen Zustimmung zu Vorrechten für Etablierte.

Die sogenannte Mitte der Gesellschaft lässt sich politisch oder sozioökonomisch definieren und kann anhand objektivierbarer Indikatoren oder durch Selbstzuschreibung erfasst werden. Für die folgenden Analysen wurde die "Mitte", wie in den Politikwissenschaften üblich, zum einen über die Selbstverortung der politischen Position als "links", "eher links", "genau in der Mitte", "eher rechts" oder "rechts" und die Wahlintention (Sonntagsfrage) erfasst, zum anderen über Bildung und Einkommen definiert. Darüber hinaus wurden die Befragten gebeten, sich selbst auf einer zehnstufigen Skala zwischen "unten" und "oben" zu verorten, ohne vorzugeben, anhand welcher Kriterien sie dies tun. Zudem wurden sie danach gefragt, inwieweit sie sich selbst zur "Mitte der Gesellschaft" zählen (fünfstufiges Antwortformat von 1 = "ich stimme überhaupt nicht zu" bis 5 = "ich stimme voll und ganz zu").


Fußnoten

21.
Die Interviews wurden als CATI-Verfahren durch das Sozialwissenschaftliche Umfragezentrum Duisburg umgesetzt. CATI steht für "Computer Assisted Telephone Interviewing".
22.
Zur Erfassung von Fremdenfeindlichkeit etwa die Aussagen "Es leben zu viele Ausländer in Deutschland" und "Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurück schicken". Für die weiteren Items vgl. A. Zick/A. Klein (Anm. 8).
23.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände, Folgen 1–10, Frankfurt/M.–Berlin 2002–2012.
24.
Vgl. Anna Klein/Beate Küpper/Andreas Zick, Rechtspopulismus im vereinigten Deutschland als Ergebnis von Benachteiligungsgefühlen und Demokratiekritik, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 7, Frankfurt/M. 2009.
25.
Vgl. A. Klein/W. Heitmeyer 2011 (Anm. 20).
26.
Vgl. G. Hentges et. al. (Anm. 13).
27.
Details bei Andreas Zick/Beate Küpper, Wut, Verachtung, Abwertung. Rechtspopulismus in Deutschland, Hrsg. Ralf Melzer/Dietmar Molthagen, Fiedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2015 (i.E.). Die "kollektive Wut" wurde mit sieben neu entwickelten Items erfasst, die zu einer reliablen Skala zusammengefasst wurden, u.a.: "Dass Bürger sich auch mit Gewalt gegen Asylantenheime zur Wehr setzen, finde ich verständlich", "Die Wut der Bürger auf die Zuwanderung ist absolut verständlich", "In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer und Juden sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden", "In Deutschland kann man nicht mehr frei seine Meinung äußern, ohne Ärger zu bekommen".
28.
Die Anti-EU-Haltung wurde über drei neu entwickelte Items erfasst: "Deutschland wäre ohne die EU besser dran", "Deutschland muss mehr Stärke gegenüber Brüssel zeigen" und "Deutschland muss sich mehr auf sich selbst besinnen als auf Europa".
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/ Autoren: Andreas Zick, Beate Küpper für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.