Fauler Apfel

21.9.2015 | Von:
Christoph Giesa

Die neuen Rechten – Keine Nazis und trotzdem brandgefährlich - Essay

Hass als Triebfeder

Woher kommt all dieser Hass? Allein die Frage danach birgt schon gefährliche Fallstricke. Denn dass jedes menschliche Handeln einen legitimen Grund haben muss, dürfte eines der größten Missverständnisse unserer Zeit sein. Jean-Paul Sartre stellte schon vor Jahrzehnten fest, dass der Schlüssel zum Antisemitismus der Antisemit sei, nicht der Jude. Warum sollte das bei Muslimen, Homosexuellen oder anderen Minderheiten anders sein? "Der Hass klagt an ohne Kenntnis der Fakten. Der Hass urteilt, ohne begreifen zu wollen. Der Hass verurteilt willkürlich. Er hat vor nichts Respekt, er sieht sich als Objekt einer universellen Verschwörung. Am Ende, erfüllt vom Ressentiment, gegen alle Argumente gefeit, zieht er eigenmächtig und großspurig einen Schlussstrich, indem er zubeißt. Ich hasse, also bin ich", brachte der Philosoph André Glucksmann das Phänomen später auf den Punkt.[4]

Für den aufgeklärten Menschen in uns ist das schwer nachzuvollziehen. Wir wollen uns in keinem abgeschlossenen Weltbild einrichten, wir wollen nicht vorschnell urteilen, auch wenn wir den Impuls alle kennen. "Der vernünftige Mensch sucht unter Qualen", schrieb schon Sartre. "Er weiß, dass seine Schlüsse nur wahrscheinlich sind, dass sie durch andere Betrachtungen zu Zweifeln werden; er weiß nie genau, wohin er geht; er ist ‚offen‘, er kann als Zauderer gelten." Der Hassende hingegen entscheidet sich bewusst gegen diesen Weg des Hinterfragens. Er sucht, wie Sartre es formuliert hat, die "Abgeschlossenheit", oder, wie man es heute wohl sagen würde: einfache Antworten. Sartre wusste: "Sie wollen keine erworbenen Anschauungen, sie erstreben angeborene; da sie Angst vor dem Denken haben, möchten sie eine Lebensweise annehmen, bei der Denken und Nachforschen nur eine untergeordnete Rolle spielen, wo man immer nur nach dem forscht, was man schon gefunden hat, wo man immer nur wird, was man schon war."[5]

Dadurch, dass die "Pegidisten" und ihre neurechten Stichwortgeber jemanden haben, dem sie negative Eigenschaften zuschreiben können, sind sie nicht gezwungen, sich im Vergleich zu ihresgleichen zu betrachten. Selbst der letzte Versager kann sich noch zur Elite zählen, wenn er seine Hautfarbe, seine Religion, sein Geschlecht oder seine sexuelle Neigung dadurch aufwertet, dass er alle, die anders sind, abwertet. Ob sie selbst auch nur das Geringste etwa zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands oder dem Funktionieren unserer Demokratie beigetragen haben, spielt keine Rolle: Im Vergleich zu einem vor Folter geflüchteten Raketenwissenschaftler aus Syrien sieht sich selbst ein sich von Dschungelcamp zu Dschungelcamp hangelnder "deutscher Michel" qua Geburt, Haut- und Haarfarbe mit einem nicht einzuholenden Vorsprung ausgestattet.

Nicht nur Minderheiten sind es übrigens, auf die sie ihren Hass projizieren und den sie für alles, was in ihrem Leben schief läuft, verantwortlich machen. Auch der Staat lässt sich dafür bestens nutzen. Der dient dann vasallenhaft immer genau jenen, die sie gerade für die Hauptschuldigen an, nun ja, allem Übel auf der Welt halten: entweder dem "Ostküstenkapital", den "Rothschilds" oder irgendeiner Lobby. Damit ist die Ausrede perfekt: Warum sollte man einem solchermaßen fremdgelenkten Staat noch Respekt zollen? Warum sich nach seinen Gesetzen richten? Warum Steuern zahlen – noch dazu, wenn man dem Irrglauben anhängt, das Hauptziel der aus dem Ausland gesteuerten Regierung und Medien bestehe vor allem darin, die "richtigen" Deutschen bluten zu lassen? So weicht der verschämte, anonyme Hass dann auch dem offenen. Dem Hass, zu dem man mit seinem Gesicht und seinem Namen steht – weil man überzeugt ist, dass es ein gerechter Hass ist.

Von der Hoheit über das Denken zur Gegenrevolution

Der Erfolg der neuen Rechten ist dabei übrigens nicht von Umfragewerten oder Wahlergebnissen für die AfD oder den Teilnehmerzahlen von Pegida abhängig: Um die gesellschaftliche Atmosphäre zu vergiften, braucht es weder eine parlamentarische Mehrheit noch eine flächendeckende Präsenz in den Parlamenten. Karlheinz Weißmann, seit Langem einer der führenden Köpfe der neurechten Bewegung in Deutschland, sieht eher Parallelen zum Vorgehen der 68er: "Sicher nicht im Sinne einer Kopie, aber doch schon so, dass man sich die Mittel der Subversion aneignen und vor allem die Methoden der Herrschenden entlarven muss. Die Kritik der Verhältnisse wäre das erste, was zu leisten ist, dann kommt alles andere: Gegenaufklärung – Gegenöffentlichkeit – Gegenrevolution."[6]

Das erste Zwischenziel ist also nicht, formale Macht über Entscheidungen zu erlangen, sondern die faktische Deutungshoheit zu wichtigen Themen – und damit die Macht über die Gedanken der Menschen. Diese Fähigkeit, gesellschaftliche Diskurse im vorpolitischen Raum so zu dominieren, dass die eigenen Interessen von anderen übernommen und am Ende als gesamtgesellschaftliche Interessen wahrgenommen werden, wird in der neuen Rechten unter dem Benoist-Begriff "Metapolitik" diskutiert.

Die Verschleierung der wahren Ziele beugt Verboten vor und führt dazu, dass sich nur einige Landesämter in ihren Verfassungsschutzberichten mit dem Phänomen der neuen Rechten auseinandersetzen. Dass die Überlegungen und Pläne von deren Szenehelden deswegen weniger radikal wären als die derjenigen, die unter verschärfter Beobachtung stehen, lässt sich klar verneinen. Gerade weil die neue Rechte es schafft, sich kommunikativ immer noch innerhalb der Grenzen des Legalen zu bewegen, ist sie auf lange Sicht so gefährlich. Oder um es mit Peter Glotz zu sagen, der schon Ende der 1980er Jahre vor der Bewegung warnte: Die neue Rechte "bildet ein core curriculum, einen Lehrplan" heraus, der "für die liberale, aufgeklärte, im Kern laizistische, tolerante Zivilgesellschaft eine weit größere Gefahr bedeutet als das, was unsere Polizisten beobachten".[7]

Debatte als richtige Reaktion?

Wie geht man nun mit diesen Entwicklungen um? Einer der wichtigsten Ansätze ist und bleibt die Überzeugungsarbeit mit der Macht des Wortes. Diese muss Hand in Hand mit dem Versuch gehen, dem Misstrauen im Allgemeinen entgegenzuwirken. Wer mit einem Bauchgefühl, dass er es in Politik und Medien ohnehin nur mit Dienern fremder Interessen und Mächte zu tun hat, an Themen herangeht, der ist für Populismus jeglicher Art empfänglicher als diejenigen, die – ohne dabei unkritisch zu sein – immer noch ein Grundvertrauen in die demokratischen Institutionen haben. Sich genau zu überlegen, mit welchen Begriffen man Kritik an bestehenden Missständen formuliert – und die Vermeidung des antidemokratischen Vokabulars der neuen Rechten – wäre schon ein erster Schritt zur Entschärfung der Debatte.

Auch inhaltlich kann man einiges tun, etwa beim aktuell viel diskutierten Thema der Spannungen zwischen Religionen und Kulturen. In der neurechten Szene werden alle Indizien ausgeschlachtet, die auf einen nicht mehr aufzuhaltenden "Clash of Civilizations" (Samuel Huntington) oder auf weltweite Religionskriege hinweisen könnten. Die Absicht ist klar: Seht her, die passen nicht zu uns, also schotten wir uns lieber ab! Die Völker und die Religionen bleiben besser unter sich, will man sagen, und unterstützt damit das neurechte Konzept des Ethnopluralismus.

Nun wäre es natürlich töricht, die real existierenden Probleme und Auseinandersetzungen, die vermeintlich im Namen von Religionen ausgetragen werden, zu verleugnen. Und doch hilft die Verkürzung der Debatte, der Verweis auf das Konfliktpotenzial, nicht, wie etwa Claus Dierksmeier, Direktor des Weltethos-Institutes in Tübingen, im Gespräch mit dem Autor feststellt. "Die Gemeinsamkeiten, die in den Religionen an sich angelegt sind, sind viel größer als bekannt. Und eigentlich im Alltag auch viel mächtiger, als die Unterschiede, die heute im Fokus der Öffentlichkeit stehen", gibt er zu bedenken. Seine jahrzehntelange Forschung habe gezeigt, dass sich über alle Grenzen von Kulturen, Religionen und Generationen hinweg immer wieder zwei Prinzipien und vier Werte förderlichen Umgangs miteinander bewährt hätten. Dazu gehören die Regel der Gegenseitigkeit und das Prinzip der Menschlichkeit sowie das Streben nach den Werten der Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Partnerschaft der Geschlechter. "Diese sechs Weisungen sind der Kern einer ethischen Haltung, die Menschen überall auf der Welt und stets zu verantwortlichem Handeln inspiriert haben", sagt Dierksmeier. Wer das weiß, kann sicher so manche Debatte in eine andere Richtung drehen.

Tabus verteidigen

Aber was macht man nun mit denjenigen, mit denen ein Dialog nicht mehr möglich ist, weil sie ihn verweigern? Die Antwort ist in der Theorie einfach, verlangt einem in der Realität allerdings einiges ab: Gegenhalten, Grenzen setzen, Tabus verteidigen. Der römische Dichter Lucius Accius hat schon vor Christi Geburt eine seiner Figuren den Satz sagen lassen: "Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten." In diesen Worten steckt die Erkenntnis, dass sich der Hass niemals ganz beseitigen, sondern höchstens kontrollieren lässt. Inzwischen haben einige derjenigen, die etwa auf Facebook unter Klarnamen ihrem Hass gegen Ausländer oder Juden freien Lauf ließen, ein Strafverfahren am Hals und sind ihren Job los.

Wenngleich es sich inzwischen eingebürgert hat, Tabus grundsätzlich schlecht zu finden – so einfach sollte man es sich nicht machen. Auch Dinge wie Anstand und Rücksichtnahme basieren letztlich auf Tabus. Manche von ihnen unterliegen Moden und einem zeitlichen Wandel, etwa wenn es um Kleidung oder Sexualität geht. Andere Tabus wiederum sichern das gedeihliche Zusammenleben unterschiedlichster Menschen. Es verwundert daher nicht, dass diejenigen, die die Axt an die Pfeiler unserer Gesellschaft legen wollen, sich den Kampf gegen Tabus auf die Fahnen geschrieben haben.

Denen kann man das eine oder andere Eingeständnis ihrer Vordenker zum Kauen geben. Karlheinz Weißmann etwa formulierte: "Der Irrtum oder die vorgeschobene Behauptung der Linken war ja, dass eine Existenz ohne Tabus, ohne Bindung, ohne Institutionen möglich sei. Davon ist keine Rede. Es geht nur darum, dass die richtigen Leute mit den richtigen Vorstellungen die Tabus setzen, die Bindungen schaffen und erhalten und die Institutionen führen." Auf die Nachfrage seines Gesprächspartners, wer denn nun die "richtigen Leute" seien, antwortete er mit entwaffnender Arroganz: "Wir."[8] Hat man diese Absicht einmal durchschaut, ergibt sich der Umgang damit fast von allein: Schafft man es, bestehende gesellschaftliche Tabus zu verteidigen, kommt man gar nicht erst in die Lage, gegen die Tabus der neuen Rechten ankämpfen zu müssen.

Wachsam bleiben

Auch in einer Demokratie gibt es übrigens keine Pflicht, jeden Unsinn zu debattieren. Wer mitreden und mitgestalten will, der sollte zumindest die Bereitschaft zu ernsthaften Diskussionen und Kompromissen erkennen lassen. Wer seine Meinung absolut setzt, wer keine anderen Argumente gelten lässt, steht außerhalb der Runde. Das gilt ebenso für all diejenigen, die ganze Bevölkerungsgruppen als Feindbild etablieren wollen. In einer Gesellschaft, in der das Individuum zählt und Sippenhaft nicht gilt, ist das der Moment, das Gespräch abzubrechen – und dem Gegenüber das auch deutlich mitzuteilen. Wer sich etwa darauf einlässt, darüber auch nur zu diskutieren, ob der pure Hass gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen nicht von dieser selbst zu verantworten sei, ermöglicht denen, die diesen Ansatz vertreten – der ganz nebenbei schon seit Jahrhunderten die Basis für rassistische und insbesondere auch antisemitische Pogrome ist – schon den ersten Erfolg.

Die Publizistin Lena Gorelik hat 2014 über den Antisemitismus geschrieben, dieser mache "von seiner Wandelbarkeit Gebrauch". Er passe sich "den jeweiligen politischen Gesellschaftsformen, aktuellen Sprachcodes und der jeweils diskutierten Themen an, nimmt Strukturen an, mit denen er sich am besten tarnen kann – als das, was er niemals ist: Gesellschaftskritik beispielsweise, eine einzelne Meinungsäußerung, ein Ausdruck der Angst oder ein konstruktiver Beitrag zu einer politischen Debatte".[9] Diese Beschreibung trifft genauso auf neurechtes Gedankengut zu – wenig überraschend, dass der Antisemitismus, wenn auch nicht offensichtlich, so doch oft genug unterschwellig Teil des Wertekanons dieses Milieus ist. Und in Goreliks Beobachtung liegt auch schon die größte Herausforderung für die demokratische Mehrheitsgesellschaft: Sie wird sich niemals zurücklehnen und glauben können, das Problem durch eine klare Beschreibung schon halb gebannt zu haben. Die neue Rechte wird irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, wieder eine alte Rechte sein, weil sie wiederum selbst von anderen, neuartigen Formen des Menschenhasses abgelöst werden wird. Es ist ein ewiges Hase- und Igelspiel. Und wer jeweils Hase und wer Igel ist, wird sich immer wieder neu beweisen müssen.

Fußnoten

4.
André Glucksmann, Hass – Die Rückkehr einer elementaren Gewalt, München–Wien 2005, S. 10.
5.
Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, Hamburg 1994 (1944), S. 15, http://zeitgenoessischeaesthetik.de/wp-content/uploads/2013/07/SartreUeberlegungen.pdf« (18.9.2015).
6.
Karlheinz Weißmann, Unsere Zeit kommt, Schnellroda 2006, S. 69.
7.
Peter Glotz, Die deutsche Rechte, Stuttgart 1989, S. 38.
8.
K. Weißmann (Anm. 6), S. 74.
9.
Lena Gorelik, "Man wird doch noch mal sagen dürfen …" Antisemitismus in Hoch- und Populärkultur, in: APuZ, (2014) 28–30, S. 3–9, hier: S. 3.
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Autor: Christoph Giesa für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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