Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Silke Gülker

Wissenschaft und Religion: Getrennte Welten?

Neues vom Gottes-Teilchen" titelte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im Juni 2014, nachdem das Forschungszentrum CERN wieder neue Daten aus der Elementarteilchenphysik veröffentlicht hatte.[1] Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lehnen den Begriff "Gottes-Teilchen" oft ab. Für populärwissenschaftliche Darstellungen scheint es jedoch geeignet, dieses Bild von einer Wissenschaft, die Gott sucht und findet. Dieses Bild entspricht eigentlich nicht dem dominanten Diskurs und macht damit gleichzeitig die Komplexität und Unklarheit deutlich, die mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion verbunden sind.

Generell ist in Deutschland wie auch andernorts das Einvernehmen groß darüber, dass Wissenschaft und Religion zwei substanziell unterschiedliche Weltbilder zugrunde liegen: Religion basiert auf Glauben, Irrationalität und Unsicherheit, Wissenschaft auf Wissen, Rationalität und sicheren Belegen. Im Rahmen eines Interviews hat eine Stammzellforscherin das Verhältnis von Wissenschaft und Religion für sich so auf den Punkt gebracht: "Als Wissenschaftler kann man ja nicht an alles glauben, was die Kirche einem erzählt."[2] Das Einvernehmen über diese getrennten Welten ist in Deutschland so groß, dass nur selten öffentlich darüber diskutiert wird – im Unterschied etwa zu den angelsächsischen Ländern. Dort hat der Streit zwischen sogenannten Evolutionisten (Verteidigern der biologischen Evolutionslehre zur Erklärung der Entstehung der Welt) und sogenannten Kreationisten (Verteidigern der christlichen Schöpfungslehre zur Erklärung der Entstehung der Welt) viele Facetten und wird mit breiter öffentlicher Aufmerksamkeit ausgetragen.

Sei es im Einvernehmen oder im offenen Konflikt: Wissenschaft und Religion scheinen auf zwei nicht zu vereinbarenden oder jedenfalls zueinander in Spannung stehenden Weltbildern zu fußen. Woher kommt diese klare Einschätzung und was ist davon zu halten? Dieser Frage widme ich mich zunächst historisch, dann konzeptionell und schließlich mit Blick auf aktuelle empirische Beispiele.

Konflikterzählungen

Einer der prominentesten Erzähler zum Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion war sicherlich der französische Philosoph und häufig als Gründungsvater der Soziologie betitelte Auguste Comte (1798–1857). Nach seinem "Dreistadiengesetz" durchlaufen Individuen sowie die Menschheit als Ganzes eine Fortschrittsentwicklung vom theologischen über das metaphysische zum positiven Stadium. Anstatt metaphysische Ursachen für (zunächst) Unerklärbares anzunehmen, geht für die positive wissenschaftliche Methode "ihre wissenschaftliche Wirksamkeit (…) stets ausschließlich aus ihrer mittelbaren oder unmittelbaren Übereinstimmung mit den beobachteten Phänomenen hervor".[3] Erst im positiven Stadium wird damit "ein völlig normaler Geisteszustand herbeigeführt".[4]

Comtes Philosophie ist zugleich politisches Programm. Seine "Rede über den Geist des Positivismus" enthält die zu dieser Zeit üblichen Rassismen, wenn er sich etwa darüber auslässt, welche der "drei großen Rassen" in welchem Stadium verharren.[5] Es geht ihm programmatisch darum, die Welt in das positive Stadium zu überführen: Die herkömmliche Religion soll durch die positive Wissenschaft abgelöst werden. In der Spätphase seines Wirkens bezeichnet er dann den Positivismus selbst als "Menschheitsreligion"; in mehreren Ländern werden sogenannte Tempel der Humanität errichtet, Comte inszeniert sich als Stifter einer säkularen Religion.[6]

Der Weg in diese säkulare Religion wurde nicht von allen Positivismus-Anhängern mitgegangen. Inhaltlich aber war die Mission überaus erfolgreich: Wer fortan in der Wissenschaft ernst genommen werden wollte, musste sich an positivistischen Prämissen orientieren – und sich gegenüber religiösen Bekenntnissen eindeutig abgrenzen. Der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion ist zu einem Kontinuum in der Wissenschaftsgeschichte geworden. 1873 veröffentlichte der Philosoph und Naturwissenschaftler John William Draper sein viel beachtetes Werk "History of the Conflict between Religion and Science" mit der Kernthese, dass Wissenschaft und Religion zwangsläufig im Konflikt zueinander stehen müssen, denn "(…) faith is in its nature unchangeable, stationary; Science is in its nature progressive".[7] Wer also für den Fortschritt ist, kann nicht für Religion sein. Diese Überzeugung hat beispielsweise auch noch während der Gründungsphase der amerikanischen Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu geführt, dass religiös motivierte Soziologinnen und Soziologen aktiv aus der Fachgemeinschaft ausgeschlossen wurden, um die Etablierung als ernst zu nehmende Disziplin nicht zu gefährden.[8]

Historisch wurden die Konflikterzählungen inzwischen vielfältig infrage gestellt. Insbesondere die Interpretationen der sogenannten wissenschaftlichen Revolution haben sich verändert – der Zeit also von etwa 1500 bis 1700, die Autoren wie dem zitierten Draper als Inbegriff des Siegeszuges der modernen Wissenschaft über die Religion galten. Aktuellere historische Forschung stellt heraus, wie komplex gerade in dieser Zeit die Interaktionen zwischen Wissenschaft und Religion sowohl institutionell als auch für die individuellen Wissenschaftler waren. Ein Blick ins Innere der Institutionen zeigt etwa, dass Galileo Galilei durchaus auch innerhalb der katholischen Kirche Fürsprecher und Bewunderer hatte, nicht zuletzt den Kardinal Maffeo Barberini und späteren Papst Urban VIII selbst.[9] Große Wissenschaftler der Zeit wie beispielsweise Robert Boyle und Isaac Newton haben ihre naturwissenschaftliche Arbeit explizit aus der religiösen Motivation heraus betrieben, mit der Erforschung von Ursachen und Wirkungszusammenhängen die Existenz Gottes gerade zu beweisen.[10]

Die Verhältnisse waren also komplexer, als viele Historikerinnen und Historiker wohl auch in der Euphorie des erstarkenden Positivismus zunächst angenommen haben. Aber wo stehen wir heute? Offensichtlich hat Comte mit seiner These von der Ablösung der Religion durch die Wissenschaft nicht Recht behalten. Alltagsbeobachtungen wie auch zahlreiche Studien zeigen, dass die Bedeutung von Religion auch in modernen Gesellschaften weiterhin groß ist. Dies gilt allerdings ebenso für die Wissenschaft – sie wird vielfach als der entscheidende Wachstumsmotor in modernen "Wissensgesellschaften" beschrieben. Abgelöst wurde also weder das eine noch das andere. Aber was bedeutet das? Was genau steht sich da eigentlich gegenüber mit Religion auf der einen und Wissenschaft auf der anderen Seite?

Fußnoten

1.
Manfred Lindinger, Neues vom Gottes-Teilchen. Das Higgs gewinnt an Kontur, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.6.2014.
2.
Aussage einer Stammzellforscherin in einem Interview im Rahmen des DFG-Projekts "Wissenschaft und Religionskultur. Identitätskonstruktionen in der Stammzellforschung in Deutschland und in den USA".
3.
Auguste Comte, Rede über den Geist des Positivismus, Hamburg 1956 (1844), S. 16.
4.
Ebd.
5.
Ebd., S. 7.
6.
Vgl. Wolf Lepenies, Auguste Comte. Die Macht der Zeichen, München 2010.
7.
Zit. nach: http://www.gutenberg.org/files/1185/1185-h/1185-h.htm« (8.4.2015).
8.
Vgl. Michael S. Evans, Defining the Public, Defining Sociology: Hybrid Science – Public Relations and Boundary-Work in Early American Sociology, in: Public Understanding of Science, 18 (2009) 1, S. 5–22.
9.
Vgl. John Henry, Religion and the Scientific Revolution, in: Peter Harrison, The Cambridge Companion to Science and Religion, Cambridge 2010, S. 39–58.
10.
Vgl. John Hedley Brooke, Science and Religion. Some Historical Perspectives, New York u.a. 1991.
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Autor: Silke Gülker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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