Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Sebastian Conrad

Die Weltbilder der Historiker: Wege aus dem Eurozentrismus

Die Kritik am Eurozentrismus der Geschichtsschreibung gehört heute bereits zum guten Ton. Seit den 1970er Jahren ist auch im "Westen" die Forderung nach einer "Überwindung des Eurozentrismus" und einer gleichberechtigten Einbeziehung der "Völker ohne Geschichte" nach und nach zu einem Bestandteil des Mainstreams geworden. In anderen Teilen der Welt, vor allem in kolonisierten Gesellschaften, ist diese Kritik wesentlich älter und geht bis in das 19. Jahrhundert zurück. In den vergangenen Jahrzehnten haben Ansätze wie die Transnationale Geschichte, die postcolonial studies und die Globalgeschichte dazu beigetragen, Wege zu einer nichteurozentrischen Geschichtsschreibung auszuloten.[1]

Worin besteht der Eurozentrismus, und was ist daran so problematisch? In vielen Darstellungen werden zwei Ebenen vermischt, die sinnvollerweise auseinandergehalten werden sollten. Auf der einen Seite steht der Eurozentrismus als Sichtweise, als Deutungsmuster; auf der anderen Seite steht die Frage nach Europas Rolle in der Geschichte. Beide Aspekte sind natürlich eng miteinander verbunden, aber aus heuristischen Gründen ist es hilfreich, zwischen ihnen zu unterscheiden.

Eurozentrismus und Europazentriertheit

Als Perspektive erscheint der Eurozentrismus wiederum in unterschiedlichen Formen. Auch hier ist es hilfreich, die zwei wichtigsten Richtungen auseinanderzuhalten: Die erste bezieht sich auf die Idee von Europa als Ursprung des historischen Fortschritts, von Europa als Triebkraft der Moderne. Die zweite Richtung hat vor allem mit den Normen, den Begriffen und Narrativen zu tun, mit denen Historikerinnen und Historiker die Vergangenheit mit Bedeutung versehen – und zwar selbst dann, wenn von Europa gar nicht die Rede ist. Hier geht es also weniger um den historischen Prozess selbst, sondern um die Perspektive, mit der dieser Prozess in den Blick genommen wird.[2]

Um mit der ersten Richtung des Eurozentrismus zu beginnen: Die Stilisierung des historischen Prozesses als von Europa dominiert hat der Historiker Robert Marks folgendermaßen zusammengefasst: "Die eurozentrische Weltsicht betrachtet Europa als den einzig aktiven Gestalter der Weltgeschichte, gewissermaßen als ihren ‚Urquell‘. Europa handelt, während der Rest der Welt gehorcht. Europa hat gestaltende Kraft, der Rest der Welt ist passiv. Europa macht Geschichte, der Rest der Welt besitzt keine, bis er mit Europa in Kontakt tritt. Europa ist das Zentrum, der Rest der Welt seine Peripherie. Nur Europäer sind in der Lage, Wandlungen oder Modernisierung einzuleiten, der Rest der Welt ist es nicht."[3]

Lange Zeit war eine solche Sichtweise in der Weltgeschichtsschreibung ein gängiges Muster.[4] Inzwischen sind Historiker bemüht, die Vielschichtigkeit der Vergangenheit stärker zur Geltung zu bringen. So gewähren sie nichtwestlichen Gesellschaften in ihren Darstellungen mehr Raum und zielen dabei auf eine paritätischere Verteilung des behandelten Stoffes und eine Einbeziehung von Akteuren und Gesellschaften in vielen Regionen der Welt. Die Zeiten, in denen der Historiker Arnold Toynbee dafür kritisiert wurde, in seiner Weltgeschichte England nur ein Sechstel des Raumes zu widmen, den er für Ägypten reserviert hatte – Toynbee konterte, ein Sechzigstel wäre angemessen gewesen – sind vorbei.[5]

Dieses Bemühen um Inklusion zielt in letzter Instanz nicht nur auf geografische Gerechtigkeit, sondern darauf, das vorherrschende Narrativ der westlichen Dominanz zu hinterfragen und zu unterminieren. In der Tat hat die neuere Forschung deutlich gemacht, dass die teleologische Sicht älterer Darstellungen – der zufolge eine europäische Überlegenheit tief in der Weltgeschichte angelegt sei – nicht zu halten ist. Von einer europäisch-amerikanischen Hegemonie kann man vor dem frühen 19. Jahrhundert kaum sprechen. Die Entstehung der modernen Welt war das Ergebnis vielfältiger Interaktionen. Was lange Zeit als einzigartige europäische Errungenschaft gegolten hatte, beruhte häufig auf komplexen Austauschprozessen, zu denen Akteure in unterschiedlichen Regionen beigetragen hatten.[6]

An dieser Stelle ist es sinnvoll, kurz auf das Verhältnis zwischen Eurozentrismus und Europazentriertheit einzugehen. Gewiss ist es wichtig, die ganze Bandbreite historischer Erfahrung in ihrer regionalen Vielfalt zu rekonstruieren. Aber zugleich besteht die Herausforderung darin, nicht ins andere Extrem zu verfallen und die Rolle von Machtstrukturen unter einem bunten Flickenteppich lokaler Geschichten verschwinden zu lassen. Die Überwindung des Eurozentrismus sollte nicht mit einer Marginalisierung Europas (und der Vereinigten Staaten) einhergehen. Wenn Historiker die neuere Weltgeschichtsschreibung dafür preisen, dass sie "ein besonders geeignetes Instrument ist, die Beiträge aller Völker zu der gemeinsamen Geschichte der Welt anzuerkennen", dann klingt das vor allem nach guten Absichten – und birgt zugleich die Gefahr, Machtstrukturen und politische Hierarchien zu vernachlässigen.[7] Alternative Interpretationen der Weltgeschichte sollten nicht die Situationen verschleiern, in denen Euro-Amerika eine dominante Rolle spielte.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Betonung der Europazentriertheit einer historischen Situation und ihrer eurozentrischen Deutung: Zu sagen, dass die Industrialisierung sich zuerst in England ereignete, ist nicht eurozentrisch; anzunehmen, dass sie nur dort auftreten konnte, hingegen schon. Als viele Gesellschaften im 19. Jahrhundert damit begannen, nach Westeuropa und Nordamerika zu schauen, wenn es um Vorbilder für ein modernes Schulwesen ging, war das ein Ausdruck der Tatsache, dass das geopolitische Terrain sich zugunsten des Westens verändert hatte. Eurozentrisch wäre zu behaupten, dass moderne Institutionen nur im Westen hätten entstehen können und nicht anderswo. Auch wenn beide Dimensionen zusammenhingen, kann man doch die Evaluierung der historischen Rolle Europas – im Grunde eine empirische Frage – von dem Problem des Eurozentrismus in heuristischer Absicht trennen; das ist umso wichtiger, da eurozentrische Deutungsmuster häufig auch dann Verwendung finden, wenn es gar nicht um Europa oder den "Westen" geht.

Das bringt uns zurück zu der Frage des Eurozentrismus als Deutungsmuster und leitet zu einem zweiten Aspekt dieser Problematik über, dem begrifflichen Eurozentrismus. Die Schwierigkeiten, sich von der eurozentrischen Meistererzählung zu emanzipieren, sind besonders anregend von dem Historiker Dipesh Chakrabarty erörtert worden. Seine These lautet, dass "im akademischen Diskurs über Geschichte (…) ‚Europa‘ immer noch das souveräne, theoretische Subjekt aller Geschichten (ist), einschließlich derjenigen, die wir als ‚indisch‘, ‚chinesisch‘ oder ‚kenianisch‘ bezeichnen." All diese nationalen Geschichten seien "Variationen einer Meistererzählung", die in und für Europa entwickelt worden ist.[8]

Im Kern liegt dies daran, dass historische Akteure seit dem 19. Jahrhundert – keineswegs nur in Europa – die europäische Geschichte zum Modell einer universalen Entwicklung erklärten. Diese Sicht wurde im begrifflichen Instrumentarium der modernen Sozialwissenschaften verankert und dadurch immer wieder reproduziert. Vorgeblich analytische Begriffe wie Nation, Revolution, Gesellschaft oder Fortschritt transformierten eine lokale (europäische) Erfahrung in eine universalistische Theoriesprache, welche die Interpretation der jeweils lokalen Vergangenheiten bereits vorstrukturiert. "Nur ‚Europa‘ (…) ist theoretisch (…) erkennbar; alle anderen Geschichten sind Gegenstand der empirischen Forschung, die einem theoretischen Skelett, welches substantiell ‚Europa‘ ist, Fleisch und Blut verleiht."[9] Die Spezifität und historischen Unterschiede nichtwestlicher Gesellschaften werden dann typischerweise in einer "Sprache des Mangels", in einer Rhetorik des "noch nicht" beschrieben und als Defizite behandelt.

Fußnoten

1.
Vgl. Sebastian Conrad/Shalini Randeria (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus: Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2002; Eric R. Wolf, Die Völker ohne Geschichte. Europa und die andere Welt seit 1400, Frankfurt/M. 1986.
2.
Eine Typologie unterschiedlicher Formen des Eurozentrismus findet sich bei John M. Hobson, The Eurocentric Conception of World Politics: Western International Theory 1760–2010, Cambridge 2012.
3.
Robert B. Marks, Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, Darmstadt 2006, S. 20f.
4.
Prominente Beispiele sind William McNeill, The Rise of the West: A History of the Human Community, Chicago 1963; Eric Jones, The European Miracle: Environments, Economies and Geopolitics in the History of Europe and Asia, Cambridge 1981; David Landes, The Wealth and Poverty of Nations: Why Some Are so Rich and Some so Poor, New York 1999.
5.
Arnold J. Toynbee, A Study of History, Bd. 12: Reconsiderations, London 1961, S. 630.
6.
Vgl. etwa Robert Bartlett, The Making of Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change 950–1350, Princeton 1994; Jack Goody, The East in the West, Cambridge 1996; John M. Hobson, The Eastern Origins of Western Civilisation, Cambridge 2004.
7.
Jerry H. Bentley, Shapes of World History in Twentieth-Century Scholarship, Washington D.C. 1996, S. 4f.
8.
Dipesh Chakrabarty, Europa provinzialisieren. Postkolonialität und die Kritik der Geschichte, in: S. Conrad/S. Randeria (Anm. 1), S. 283–312, hier: S. 283.
9.
Ebd., S. 285.
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Autor: Sebastian Conrad für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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