Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Gert Krell
Peter Schlotter

Weltbilder und Weltordnung in den Internationalen Beziehungen

Dass die Welt, in der sie lebten, eine bestimmte Ordnung hatte, haben die Menschen zu allen Zeiten angenommen. In die frühen Vorstellungen von Weltordnung war stets der Kosmos einbezogen, spielten andere Akteure als die Menschen, also Tiere, Fabelwesen, Geister und vor allem Götter eine wichtige Rolle. Die mythisch oder religiös geprägten historischen Weltbilder haben sich im Verlauf der Moderne säkularisiert und wurden von politischen Ideologien abgelöst, wobei teilweise heilsgeschichtliche Traditionen in rationalistischer Verkleidung überlebten. Die konservativen ("realistischen"[1]), liberalen, marxistischen, neuerdings auch feministischen Weltbilder in den Internationalen Beziehungen – großflächige Deutungsmuster des "Wesens" der Weltpolitik[2] – sind eng verbunden mit Vorstellungen von Weltordnung, ihren Möglichkeiten und Grenzen.

Weltordnungskonzepte befassen sich damit, wie die Welt organisiert oder strukturiert ist beziehungsweise wie sie es sein sollte. Dabei steht immer auch die Frage im Raum, was eine "gute" (Welt-)Ordnung ist. Das reicht von Minimalbedingungen für Koexistenz bis zu einer Ordnung, die Kooperation institutionalisiert und Konflikte so einhegt, dass alle Nationen und ihre Bevölkerungen in Frieden und Wohlstand leben, die Nachhaltigkeit verbessern und Minimalstandards für Menschenwürde einhalten. Im Folgenden betrachten wir einige ausgewählte Weltordnungskonzepte, die auf unterschiedliche Denktraditionen aufbauen, und spannen dabei den Bogen von souveränitätsbasierten, also staatenzentrierten Vorstellungen zu überstaatlichen Weltordnungen und Modellen globaler Vergesellschaftung und Weltstaatlichkeit.

Staatenkonkurrenz

Seit dem Aufkommen der Hochkulturen in Ostasien, im Zwei-Strom-Land und in Ägypten finden wir staatsähnlich organisierte Gesellschaften: Die Antike kannte die griechische Polis, die hellenistischen Monarchien, die römische Republik und das Imperium Romanum – nach Max Webers Typologie "traditionale Staaten". Aber erst mit Beginn der Neuzeit entwickelte sich als Ergebnis langer politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Auseinandersetzungen in Europa das, was wir heute unter "Staat" verstehen. Durch den europäischen Staatenbildungsprozess entstanden verfasste Gesellschaften, die ihren Bürgerinnen und Bürgern Sicherheit und Ordnung, vor allem Schutz vor Bürgerkrieg, prospektiv auch Wohlstand versprechen, und in denen ihre Existenz zentral durch das Leben in einem Staat bestimmt ist.

Im Zuge des Kolonialismus und Imperialismus wurde diese Idee von Staatlichkeit als Instrument der Sicherheits- und Wohlstandsgewährleistung universalisiert. Es gibt heute auf der Erde keine staatsfreien Räume mehr in dem Sinne, dass nicht jeder Winkel der Welt staatlich verfasst wäre oder zumindest von irgendeinem Staat beansprucht würde. Das seit dem 17. Jahrhundert parallel zur Herausbildung der Westfälischen Ordnung entwickelte Völkerrecht ist im Kern ein Staatenverkehrsrecht. Die UNO ist ein Staatenbund; staatenlose Völker haben es schwer, in der Welt Gehör zu finden. Staaten erlangen erst dann äußere Souveränität, wenn sie von anderen Staaten anerkannt werden.

In diesem Modell wird von dem fundamentalen Tatbestand ausgegangen, dass eine Lösung des Problems der menschlichen Unsicherheit, wie sie im innergesellschaftlichen Bereich möglich ist, nämlich eine souveräne Staatsgewalt zu installieren, sich auf zwischenstaatlicher Ebene nicht realisieren lässt. Wie kann es dennoch Ordnung geben, denn auch die Welt der Staaten ist ein Ordnungsmodell? Die Theorien des Realismus gehen davon aus, dass die Konkurrenz um Sicherheit und Macht prinzipiell nicht überwindbar ist und deshalb Frieden nie mehr sein kann als ein instabiler Waffenstillstand zwischen Staaten, die zu ihrer Sicherheit und bei Strafe des Untergangs auf Machtpolitik setzen müssen. Dass dennoch nicht ständig Krieg herrscht, liegt an zwei Mustern, die die Weltpolitik bestimmen. Zum einen pendelt sich gewissermaßen hinter dem Rücken der Staaten immer wieder ein Machtgleichgewicht ein, das sie zu einem vorsichtigen Verhalten veranlasst; zum anderen kann Hegemonie, also die führende Stellung eines Staates, Kooperation in Form von Bündnissen oder internationalen Regelwerken ermöglichen.[3] Die Sicherheitsgewährleistung durch militärische Rückversicherung bleibt jedoch Grundlage der internationalen Politik.

Liberale Friedensordnungen

Seit der Aufklärung, vor allem jedoch im 19. Jahrhundert kamen Weltordnungskonzepte auf, die zwar auch von der Souveränität der Einzelstaaten ausgehen, sie aber mit Friedensideen verbinden. Trotz Staatenkonkurrenz sind für die liberale Tradition Kooperation und (Welt-)Frieden realisierbare Perspektiven. Der Liberalismus setzt dabei unter anderem auf Freihandel und Demokratie.

Die Hoffnungen des deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) auf die positiven Wirkungen des Handels für den Fortschritt der Menschheit wurden zunächst von vielen Aufklärern und vor allem von der Freihandelsbewegung des 19. Jahrhunderts geteilt. Die Handelsfreiheit, wie es in den zeitgenössischen Texten heißt, fördere den Wohlstand; sie führe im Grunde nur zu einer erweiterten Form der Arbeitsteilung, von der alle profitierten. Handel habe sogar friedensfördernde Effekte. Diese positive Bewertung des Freihandels hatte besonders viele Anhänger in Großbritannien, damals das ökonomisch am weitesten entwickelte Land.

Als einer der Ersten setzte sich der deutsche Unternehmer und Intellektuelle Friedrich List (1789–1846) kritisch mit dem Freihandelsliberalismus auseinander.[4] Auch er war grundsätzlich von den Vorteilen der Handelsfreiheit überzeugt, meinte aber, dass die positiven Wirkungen der "kosmopolitischen Ökonomie" erst bei annähernd gleichem Entwicklungsniveau industrialisierter Staaten zum Tragen kämen. Andernfalls würde die überlegene britische Ökonomie die noch weitgehend agrarisch geprägten Staaten des Deutschen Zollvereins einfach niederkonkurrieren und nicht zur wirtschaftlichen Entfaltung kommen lassen. Entscheidend sei eben nicht, ob gleiche Werte getauscht würden, sondern die Frage, ob die für den Export hergestellten Waren auf Dauer die eigenen "produktiven Kräfte" (zu denen er auch Bildung und gutes Regieren rechnete) förderten und damit den Prozess der Industrialisierung vorantrieben. England sei selbst keineswegs durch Freihandel, sondern durch überlegte Schutzzollpolitik groß geworden. Damit hatte List auf eine durchgängige Problematik der Moderne aufmerksam gemacht: die nachholende Entwicklung.

Was den Zusammenhang zwischen Handel und Frieden angeht, so zeigte spätestens der Erste Weltkrieg, dass auch intensive wirtschaftliche Beziehungen nicht genügen, um einen großen Krieg zu verhindern, wenn institutionelle Strukturen für die Bearbeitung der Sicherheitsproblematik oder materieller Rivalitäten fehlen. Umgekehrt wurde mit der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg deutlich, dass Protektionismus, wirtschaftliche Abschottung und die Schaffung (vermeintlich) autarker Großräume durch Eroberungen nicht einmal im Rahmen einer aggressiv machtpolitischen Logik Alternativen zum Handel bieten. Dass die US-amerikanische Nachkriegsplanung gerade auch ökonomisch auf das Modell einer liberalen Hegemonie (leadership) setzte, war also nicht nur einem engen Interessenkalkül geschuldet, sondern auch Folge der existenziellen Erfahrung des Krieges mit Deutschland und Japan.

Kant ging auch davon aus, dass die Verbreiterung der politischen Partizipation die Kriegsneigung herrschender Eliten zügeln werde, weil mehr Menschen die Gelegenheit bekämen, über Aktivitäten mitzubestimmen, deren Lasten und Risiken sie im Zweifel selbst zu tragen hätten und nicht mehr auf andere abwälzen könnten. Diese Idee eines demokratischen Friedens, die in den vergangenen dreißig Jahren intensiv erforscht worden ist, ist jedoch bis heute umstritten. Als mit reichlichen Daten gesichert gilt die Aussage, dass Demokratien intern weniger gewalttätig sind als Nicht-Demokratien. Ein zweiter weitgehend anerkannter Befund bezieht sich auf die Außenpolitik: Demokratien führen untereinander so gut wie keine Kriege, wohl aber gegen Nicht-Demokratien, und zwar keineswegs nur zur Verteidigung. Gleichwohl kann man davon ausgehen, dass funktionierende Demokratien weniger darauf angewiesen sind als autoritäre Regime, sich durch feindselige Abgrenzung nach außen künstlich zu stabilisieren.

Nimmt man das Nord-Süd-Verhältnis hinzu, dann gerät jedoch selbst für stabile und reife Demokratien diese Vermutung ins Wanken. So lassen sich zum Beispiel der Algerien-Krieg (1954–1962), der Vietnam-Krieg (1945/64–1973) oder der israelisch-palästinensische Konflikt (seit 1948) keineswegs mit der Sicherheitsproblematik allein erklären. Hier ging und geht es auch um Machtinteressen von Demokratien. Schließlich gilt es, vielfältige Formen der Intervention zu bedenken, mit denen demokratische Industriestaaten Fortschritte im "Süden" behindert beziehungsweise gewaltsame Auseinandersetzungen in Entwicklungsländern direkt und indirekt gefördert haben.[5]

Die Grenzlinie des demokratischen Friedens verläuft also nicht nur zwischen Demokratie und Nicht-Demokratie, sie verläuft auch mitten durch die Demokratie beziehungsweise den Liberalismus. Das gilt beispielsweise auch für das Geschlechterverhältnis. Die interessante Frage besteht hier darin, ob Krieg und Frieden "nur" arbeitsteilig entlang der Geschlechtergrenzen organisiert sind, oder ob die Geschlechterverhältnisse selbst eine Kriegsursache bilden. Für beides gibt es empirische Belege.[6] Vieles deutet darauf hin, dass Gesellschaften, in denen Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und "weibliche" Werte von beiden Geschlechtern genauso geschätzt werden wie "männliche", nicht nur gerechtere, sondern auch friedlichere Gesellschaften sind. Das aber bestätigt die Notwendigkeit, die demokratische Friedenstheorie um die Gender-Dimension zu erweitern, und zwar schon deswegen, weil selbst der demokratische Staat nach innen in Geschlechterfragen parteilich ist, ja sogar vielfach systematische Gewalt gegen Frauen toleriert – von Diktaturen oder militanten archaischen Bewegungen ganz abgesehen. Ohne eine Aufhebung von Übermacht und Gewalt in den Geschlechterbeziehungen wird es keine friedliche Welt geben können.

Fußnoten

1.
Im Fachgebiet der Internationalen Beziehungen (IB) entspricht der sogenannte Realismus dem Konservativismus in der allgemeinen politischen Theorie.
2.
Gert Krell, Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen, Baden-Baden 20094.
3.
Vgl. Ulrich Menzel, Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt, Berlin 2015.
4.
Ähnliche Argumente finden sich schon bei Alexander Hamilton (1755–1804), dem Führer der Federalist Party und ersten Schatzminister der USA.
5.
An dieser Stelle wäre auch auf den liberalen Imperialismus einzugehen, der das 19. und 20. Jahrhundert bis in Argumentationsfiguren zum Irak-Krieg hinein geprägt hat; vgl. dazu G. Krell (Anm. 2), S. 18ff.
6.
Vgl. ebd., S. 340–345.
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Autoren: Gert Krell, Peter Schlotter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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