Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Barbara Zehnpfennig

Ein Buch mit Geschichte, ein Buch der Geschichte: Hitlers "Mein Kampf"

Dass sich eine deutsche Landesregierung als unerbittlicher Hüter der Urheberrechte eines Autors betätigt, der als einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte gilt, ist sicher ein historisches Unikum. Doch im Fall Adolf Hitlers, so scheint es, ist alles anders als sonst. Die bayerische Staatsregierung, welche die Rechte an Hitlers Bekenntnisschrift "Mein Kampf" hält, hat bislang noch jeden Versuch unterbunden, das Werk komplett oder in Teilen neu zu drucken und es damit der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gemeinhin dient das Urheberrecht dazu, einen Autor davor zu schützen, dass sein geistiges Eigentum von Unbefugten weiterverbreitet wird. In diesem speziellen Fall aber wurde das Urheberrecht im Sinne eines Zensurrechts gebraucht: Nicht der Autor sollte geschützt werden, sondern die Öffentlichkeit, nämlich vor der Lektüre eines als unzumutbar empfundenen Buches. Damit ist es jetzt allerdings vorbei: Ende 2015 laufen die Rechte an dem Werk aus, und dann kann es potenziell jeder publizieren, der will – sofern die bayerische Staatsregierung nicht doch noch einen rechtlichen Hebel findet, das in ihren Augen Schlimmste zu verhindern.

Doch ist dieses Buch wirklich so schlimm, dass man die Bürger vor der Lektüre bewahren muss? Lauert in ihm eine dämonische Kraft der Verführung, der auch ein in vielen Jahrzehnten gereiftes demokratisches Bewusstsein erliegen könnte? Um was geht es eigentlich in ihm, und wie hat man auf es reagiert? Diesen Fragen wird im Folgenden nachgegangen, wobei Eines schon vorab festzustellen ist: "Mein Kampf" nimmt tatsächlich eine Sonderrolle ein, weil es kaum ein Werk in der Geschichte gibt, bei dem sich in der Rezeption die Gedanken und die Taten des Autors derart unlöslich miteinander verbunden haben. Wer an "Mein Kampf" denkt, hat Auschwitz unmittelbar vor Augen.

Reaktionen

Obwohl Hitlers Taten weltweit bekannt sind, haben sie erstaunlicherweise nicht unbedingt weltweit Abscheu erregt. Das zeigt sich daran, dass "Mein Kampf" in manchen Ländern der Erde durchaus Konjunktur hat und teilweise mit Zustimmung gelesen wird. So erfreut sich Hitlers Werk beispielsweise in Indien, Ägypten und der Türkei großer Beliebtheit,[1] und man findet es, in die jeweilige Landessprache übersetzt, in vielen Buchhandlungen. Nun könnte man bei einem arabischen Land vermuten, dass es Hitlers radikaler Antisemitismus ist, der auf Sympathien trifft; wohl aus besagtem Grund wird die Originalfassung von "Mein Kampf" vorzugsweise auf islamistischen Internetseiten angeboten. Doch bei den genannten drei Ländern steht eher die Bewunderung für den "starken Mann" im Vordergrund: Hitler wird verehrt als großer Führer, der die Nation einte und sie aus der absoluten Niederlage zu imperialer Größe emporbrachte (der anschließende Untergang wird dabei offensichtlich ausgeblendet). Nationale Einheit und Glorie ist ein Thema, das auch für Indien, Ägypten und die Türkei von Belang ist, und insofern erhofft man sich wohl aus der Lektüre von "Mein Kampf" Hinweise, wie man seinerseits entsprechend reüssieren könnte.

Den ersten Band seines Buches schrieb Hitler 1924 in der Landsberger Festungshaft; der zweite Band entstand in den Jahren 1925/26.[2] Beide Bände wurden im Eher-Verlag zunächst getrennt publiziert, der erste 1925, der zweite 1926. Da sich der erste Band, in dem Hitler seinen Werdegang schildert, deutlich besser verkaufte als der zweite, der primär die Entwicklung der NSDAP nachzeichnete, erlebte der erste Band mehr Auflagen als der zweite, bis 1930 beide Bände vereint in einer "Volksausgabe" erschienen. Einzel- und Gesamtausgabe wurden nun parallel auf den Markt gebracht; insgesamt wurden von "Mein Kampf" bis zur sogenannten Machtergreifung 1933 etwa 240.000 Stück verkauft. Danach häufte sich die Zahl der Ausgabenvarianten (Leder, Dünndruck, Jubiläums-, Hochzeits- und andere Sonderausgaben), die jeweils unterschiedliche Auflagenhöhen erreichten. Bis 1944, als die Produktion schließlich versiegte, sind rund 12,5 Millionen Exemplare von "Mein Kampf" gedruckt worden.[3]

Wie viele von diesen Büchern allerdings auch gelesen wurden, ist umstritten. Othmar Plöckinger hat in seinem Buch über die Rezeptionsgeschichte von "Mein Kampf" die These vertreten, dass es sich anders, als meistens angenommen, durchaus um ein vielgelesenes Buch gehandelt habe.[4] Allerdings lassen die äußeren Indizien wie die Ausleihrate in Bibliotheken keine definitiven Aussagen über die tatsächliche Lektüre zu; dass alle, die während der Herrschaft Hitlers anlässlich der Eheschließung oder anderer wichtiger Ereignisse mit einer Ausgabe von "Mein Kampf" beglückt wurden, sich mit dem Buch anschließend auch auseinandergesetzt hätten, lässt sich hingegen definitiv ausschließen. Immerhin galt es schon damals wegen seines Stils, seiner Hasstiraden und seines Umfangs (fast 800 Seiten) als unlesbar. So wenig, wie man Hitler vor 1933 als Person ernst nahm, so wenig ernst nahm man im Allgemeinen auch, was er an Programmatischem in "Mein Kampf" verkündete.

Zwar gab es durchaus Reaktionen auf die Veröffentlichung – seitens politischer Gegner, seitens christlicher Publizistik, seitens anderer gesellschaftlicher Gruppen wie der Gewerkschaften.[5] Doch meist beschränkte sich die Rezeption auf einzelne Aspekte oder nur auf die biografischen Teile des Buches. Die 1932 veröffentlichte Schrift "Hitlers Weg" des Reichstagsabgeordneten Theodor Heuss setzte sich schon intensiver – und sehr kritisch – mit "Mein Kampf" auseinander, verkannte aber die revolutionäre Dynamik, die ihm zugrunde lag. Heuss glaubte wie viele andere Bürgerliche, Hitler werde sich durch das parlamentarische Verfahren bändigen lassen.

Realistischere Einschätzungen fanden sich vor allem im Ausland. 1935 veröffentlichte der Journalist Tete Harens Tetens in der Basler "National-Zeitung" eine Reihe von zehn Artikeln, in der er warnend darauf verwies, dass Hitlers Politik einem Plan folge, den er bereits in "Mein Kampf" offenbart habe.[6] Aus Wien meldete sich 1936 die Autorin Irene Harand zu Wort und geißelte couragiert die Schändung der Menschenrechte in Deutschland, die sie in Bezug zu Zitaten aus "Mein Kampf" setzte.[7] Und 1939 brachte der Schriftsteller Robert Charles Ensor in Oxford eine Broschüre heraus, in der er ausführte, dass Hitlers radikaler Rassismus, den er schon in "Mein Kampf" hatte erkennen lassen und den man in seiner Bedeutung nicht zur Kenntnis genommen habe, zu einer Expansionspolitik führe, die nicht mehr aufzuhalten sein würde.[8] Möglicherweise erlaubte der Blick von außen, also aus dem europäischen Ausland, eine klarere Einschätzung dessen, was "Mein Kampf" war und welche Bedeutung es für Hitlers politisches Vorgehen hatte, als die deutsche Binnenperspektive. Auf jeden Fall haben diese Warner in Hitlers Buch etwas gesehen, das in direktem Bezug zu Hitlers Vorgehen stand und von daher als Quelle für das Verstehen der Hitlerschen Politik von hohem Wert ist.

Diese Sicht wurde von der NS-Forschung nach dem Krieg in den meisten Fällen nicht geteilt. Zum einen hielt man es für eine Überschätzung der Bedeutung von Personen in der Geschichte, wenn man Hitler ins Zentrum des Geschehens rückte und sich von der Erforschung seiner Intentionen ein tieferes Verständnis des "Dritten Reichs" versprach. Zum anderen fand man "Mein Kampf" im Allgemeinen so banal und wirr, dass eine intensivere Befassung sich nicht zu lohnen schien.[9] Das ist auch heute noch ein verbreitetes Urteil, nicht selten von denen vertreten, die sich der Mühe einer eingehenden Lektüre gar nicht ausgesetzt haben. Bei einem Teil der Forscher zeichnete sich in den vergangenen Jahren aber doch ein gewisses Umdenken ab; so schöpft beispielsweise die Hitler-Biografie von Ian Kershaw intensiv aus Hitlers Bekenntnisschrift.[10] Dass aber erst 2000, also 55 Jahre nach Hitlers Tod und etwa 75 Jahre nach Abfassung seines Buches, ein durchgängiger Kommentar zu "Mein Kampf" veröffentlicht wurde,[11] ist eine Merkwürdigkeit, die einmal mehr auf die Sonderstellung Hitlers in der Geschichte verweist. Wenn gegenwärtig vom Institut für Zeitgeschichte in München eine kommentierte Textausgabe vorbereitet wird, die publiziert wird, sobald das Buch gemeinfrei ist, zeigt dies, dass man Hitlers Schrift nun immerhin auch von anderer Seite einer Kommentierung für würdig befindet.

Ein Motiv für die letztgenannte Ausgabe ist sicher auch die Besorgnis, das Buch könnte großen Schaden anrichten, sollte es ohne Anmerkungen und Erklärungen auf den Markt gelangen. Es ist jedoch die Frage, inwiefern es sich dazu eignet, im dazu bisher nicht geneigten Leser rassistisches beziehungsweise sozialdarwinistisches Gedankengut zu verankern. Denn die Lektüre ist in der Tat mühsam, der Stil alles andere als einnehmend, die Themen sind weitgestreut und oft mit historischen Bezügen versehen, die sich nur dem Kenner erschließen. Selbst in der rechtsextremen Szene – die also von Hitlers Gedanken nicht mehr überzeugt zu werden braucht – dürfte man nicht allzu viele finden, die sich durch die 800 Seiten hindurchgearbeitet haben. Und wenn wie im Fall des Prozesses gegen den Holocaustleugner Ernst Zündel ein gleichgesinnter Verteidiger in seinem Plädoyer aus "Mein Kampf" zitiert,[12] dann ist das noch kein Beweis für die fundierte Kenntnis der Schrift in rechtsextremen Kreisen. Befürworter wie Gegner wissen nur allzu oft nicht, wovon sie reden.

Deshalb soll nun zur Sprache kommen, was Hitlers Buch eigentlich beinhaltet: Es ist Autobiografie, es ist die Entfaltung einer Weltanschauung, es ist die Verkündung eines politischen Programms.

Fußnoten

1.
Zur Bewunderung des "Führers" in Indien vgl. Hasnain Kazim, Wie Adolf nach Indien kam, 11.3.2010, http://www.spiegel.de/panorama/chai-time-wie-adolf-nach-indien-kam-a-682326.html« (1.10.2015).
2.
Die näheren Umstände der Entstehung sind nachzulesen bei: Othmar Plöckinger, Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922–1945, München 2006, S. 29–164.
3.
Mit der Lizenzvergabe ins Ausland verfuhr der Verlag bis zu Kriegsbeginn sehr restriktiv. Veröffentlicht wurden meist nur Übersetzungen des gekürzten Textes. Als man aufgrund der neuen Machtkonstellationen keine Rücksichten mehr zu nehmen brauchte, konnte der vollständige Text erscheinen, übersetzt in etwa 14 Sprachen.
4.
Vgl. O. Plöckinger (Anm. 2).
5.
Ebd., S. 203–577.
6.
Vgl. Tete Harens Tetens, Was will Hitler? Außenpolitik und "letzte Schlußziele" nach Hitlers eigenen Worten. 10 in der Basler National-Zeitung veröffentlichte Aufsätze, hrsg. von Johann Babtist Rusch/Alfred Kundert/Carl Albert Looski, Basel 1935.
7.
Vgl. Irene Harand, Sein Kampf. Antwort an Hitler, Wien 1936.
8.
Vgl. Robert Charles Kirkwood Ensor, Herr Hitlers Self-Disclosure in Mein Kampf, Oxford 1939.
9.
Zu den Ausnahmen gehört beispielsweise Werner Maser, der 1966 sein Buch "Adolf Hitlers Mein Kampf. Geschichte. Auszüge. Kommentare" mit dem Hinweis versah, dass kein Text für die Erklärung Hitlers und die NS-Zeit so aufschlussreich wäre wie "Mein Kampf". Der Titel von Karl Langes Buch "Hitlers unbeachtete Maximen. Mein Kampf und die Öffentlichkeit" (1968) verdeutlicht die Problemlage.
10.
Vgl. Ian Kershaw, Hitler, 2 Bde., Stuttgart 1998/2000.
11.
Barbara Zehnpfennig, Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation, München 20053. Eine kompakte, auf die ideologische und programmatische Seite konzentrierte Neufassung des Kommentars wurde 2011 publiziert: Barbara Zehnpfennig, Adolf Hitler: Mein Kampf. Studienkommentar, München 2011. Das Buch von Christian Zentner, Adolf Hitlers Mein Kampf. Eine kommentierte Auswahl, München 1974, besteht dagegen hauptsächlich aus Zitaten, die recht freihändig bewertet werden.
12.
Der Prozess fand 2007 vor dem Mannheimer Landgericht statt, der Verteidiger war Ludwig Bock. Vgl. Stephan Braun/Anton Maegerle, Rechtsanwälte der extremen Rechten, in: Stephan Braun/Alexander Geisler/Martin Gerster (Hrsg.), Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten, Wiesbaden 2009, S. 378–403, hier: S. 387.
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Autor: Barbara Zehnpfennig für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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