Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Hermann Glaser

Zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus – Ein Weg, um den Erfolg von "Mein Kampf" zu verstehen - Essay

In den 1950er und 1960er Jahren hatte ich Gelegenheit, immer wieder Gespräche mit Hans Kohn, Max Horkheimer und Jean Améry zu führen; auch mit vielen anderen, ehemaligen Emigranten und Wissenschaftlern, die wichtige Werke zum Nationalsozialismus geschrieben haben. Tenor dieser Gespräche war häufig die Notwendigkeit von Mentalitätsgeschichte beziehungsweise Psychohistorie; nur mit deren Hilfe könne man das Entstehen, die Entwicklung und den Erfolg des Nationalsozialismus verstehen. Dessen Wurzeln reichten weit ins 19. Jahrhundert zurück, in dem der "deutsche Geist" vielerlei Perversionen erlitt, die Hitler für seine Zwecke nutzte. Das verstärkte meine Arbeit auf diesem Gebiet, die zu meinem Buch "Spießer-Ideologie" führte.[1]

"Spießer" als anthropologischer und sozialpsychologischer beziehungsweise kulturhistorischer Schlüsselbegriff stand – so der damalige Diskurs – für ein Mentalitätsmuster und für Seelenbilder, die den Niedergang humaner Bildung phänotypisch verdeutlichten. Als Begriff ist er insofern nicht unproblematisch, da er, häufig umgangssprachlich gebraucht, der Trennschärfe entbehrt, auch verniedlichend wirken mag. Als wissenschaftlich fundierter Fachausdruck war er jedoch – freilich, indem man ihn definitorisch auffächerte und beschrieb – eine gute klassifikatorische Bestimmung. Vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und im beginnenden 20. Jahrhundert entdeckten Autoren wie Frank Wedekind, Heinrich Mann, Carl Sternheim, Bertolt Brecht, Hermann Broch, Marieluise Fleißer oder Ödön von Horváth die dämonischen Abgründe des Spießers und sahen darin vor allem die Ursache für den Untergang des bürgerlichen Zeitalters.

Adolf Hitler, so meine Argumentation, war die Inkarnation des oft in seiner Abgründigkeit nicht erkannten oder verharmlosten Kleinbürgers. Er traf auf ein Volk, das "verspießert" war; es erfolgte eine gegenseitige Identifikation, wie sie der "Führer" auf dem Reichsparteitag in Nürnberg am 13. September 1936 unter dem Jubel der anwesenden Kampforganisationen der NSDAP angesprochen hatte: "Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt unter so vielen Millionen. Und daß ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück."[2] Das in Wirklichkeit furchtbare Unheil dieser unio mystica war über Jahrzehnte vorbereitet worden.

Mutation des Bildungsbürgers

Die stets drängende Frage, die auch die Nachgeborenen beschäftigen sollte, lautet: Wie konnte es dazu kommen, dass Franz Grillparzers dunkle Vision von 1849 bittere Wirklichkeit wurde, dass nämlich der deutsche geschichtliche Weg von der "Humanität durch Nationalität zur Bestialität" führte, dass ein Volk, das auf allen Gebieten der Kultur, vor allem seit der Aufklärung und Klassik, so viele wertvolle Beiträge zur Entwicklung der Weltkultur geleistet hatte,[3] auf einen Zustand regredierte, der "deutsch" mit den schändlichsten Verbrechen verband. Das Wort von Karl Kraus, dass aus dem Volk der Dichter und Denker eines der Richter und Henker geworden sei, stimmt zwar nicht in Gänze – denn die Deutschen waren als Gesamtheit nicht herausragende Kulturbürger, und nicht alle Deutschen waren in den Verbrecherstaat involviert –, ist aber in der Tendenz richtig: Es ereignete sich in Deutschland ein "Zivilisationsbruch", der selbst von größten Kulturpessimisten für unmöglich erachtet wurde: die Mutation des Bildungsbürgers zum servilen Untertan und schließlich zum brutalen, gewissenlosen und unbarmherzigen "Volksgenossen". Bewirkt hatten dies die "Agenturen" des Staates und der Gesellschaft (Universität, Militär, Verwaltung, Kirche, Parteien, Organisationen, Vereine, Verbände, "schwarze Pädagogik"[4]). Sie zerstörten den deutschen Geist beziehungsweise "entkernten" ihn und füllten die verbleibenden leeren Hülsen mit gegenteiligen "verkehrten" Inhalten.

Wohin man auch blickt: Der Aufstieg des Nationalsozialismus vollzog sich auf der Grundlage einer zerstörten oder pervertierten Kultur. Hitler war als Inkarnation bourgeoiser Durchschnittlichkeit nicht ein raffinierter Verführer, sondern schon mit seinem Buch "Mein Kampf" der deutsche abgründige Spießer. Man hat lange die Meinung vertreten, Bedeutung und Einfluss von "Mein Kampf" dürften nicht zu hoch eingeschätzt werden, da das Buch zwar weit verbreitet, aber wenig gelesen wurde. Das mag stimmen oder nicht; doch kann man auch folgern: Das Buch war so erfolgreich, weil es überhaupt nicht mehr gelesen werden musste. Lebensgefühl und Weltanschauung eines Großteils der deutschen Bevölkerung stimmten mit dem überein, was in "Mein Kampf" dargeboten und propagiert wurde. Der Inhalt des Buches – zudem in Tausenden von Broschüren, in allen Zeitungen, Zeitschriften und jeglichen Propagandamaterialien, besonders auch durch die Reden Hitlers und seiner Gefolgsleute unters Volk gebracht – enthielt all das, was des "Spießers Wunderhorn" (Gustav Meyrink), die Pandorabüchse kleinbürgerlicher Traktätchenverfasser, bereithielt: abgründige Gemeinheiten, in schiefe Metaphern geschlagene Ressentiments, endlose Tiraden, rhetorisch aufgeschminkte Plattitüden. So wurde Hitlers Mediokrität zum Schicksal eines Volkes, das sich Schritt um Schritt von Humanität und Kultur hatte abbringen lassen. Für den Aufstieg der Nationalsozialisten bedurfte es – und das machte die große Stunde des Kleinbürgertums aus – keiner geschickten Verführung, keiner raffinierten Dämonie oder Verlogenheit. Hitler musste nur er selbst sein; das war sein "Erfolg"; er musste nur Spießer sein, mittelmäßig, primitiv, ohne Vorzüge und Meriten; das war sein "Verdienst".

Fußnoten

1.
Hermann Glaser, Spießer-Ideologie. Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert und dem Aufstieg des Nationalsozialismus, Freiburg/Br. 1964 (ferner 1974, 1978, 1985).
2.
Zit. nach: Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Bd. 1, Würzburg 1962, S. 643.
3.
Vgl. Hermann Glaser (Hrsg.), Soviel Anfang war nie. Deutscher Geist im 19. Jahrhundert. Ein Lesebuch, München–Wien 1981.
4.
Vgl. Katharina Rutschky, Schwarze Pädagogik – Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, Frankfurt/M.u.a. 1977.
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Autor: Hermann Glaser für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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