Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Gideon Botsch
Christoph Kopke

NS-Propaganda im bundesdeutschen Rechtsextremismus

Der "Lassaner Bote" ist eine mehrmals im Jahr erscheinende Flugschrift örtlicher neonazistischer "freier Kameradschaften" in Mecklenburg-Vorpommern, die ihrerseits vielfältige Verbindungen zur dortigen NPD aufweisen. Das Blättchen wird kostenlos über Briefkästen verteilt. Es verbirgt seinen rechtsextremen Hintergrund nicht, ist aber auf Breitenwirkung angelegt und relativ seriös gestaltet. Das Sommerheft 2015 thematisiert fast ausschließlich das, was im neonazistischen und rechtsextremen Lager als "Überfremdung" und "Volkstod" bezeichnet wird. Der Politik wird in verschiedenen Beiträgen vorgeworfen, Deutsche zu vertreiben und deutschen Familien zu schaden, andererseits aber den Zuzug von Asylbewerbern und anderen Einwanderern zu befördern. Unter anderem wird ein Foto gezeigt, laut Bildunterschrift eine "Mauerparole in Berlin im Mai 1945" mit dem Text "Wir kämpfen für die Zukunft unserer Kinder!"[1] Ein weiterer Beitrag thematisiert den Geburtenrückgang. Daneben steht ein Textkasten folgenden Inhalts: "Die Arbeit ehrt die Frau und den Mann. Das Kind adelt die Mutter."[2]

Hier finden wir zwei Mal NS-Propaganda in einer nur vierseitigen Publikation der rechtsextremen Szene. Bei der einen Abbildung handelt es sich offenbar um die Endsiegs- und Durchhaltepropaganda des untergehenden Regimes. Das andere Zitat ist ein nur geringfügig veränderter Ausspruch Hitlers; er zierte das "Mutterkreuz" und gehörte zu den weit verbreiteten nationalsozialistischen Sinnsprüchen. Ein Hinweis auf Hitler als Urheber des Zitats unterbleibt im "Lassaner Boten".

Hierin zeigt sich ein Grundproblem für die extreme Rechte der Bundesrepublik mit Blick auf ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus. Einerseits bezieht sich ein Großteil des Milieus weiterhin positiv auf den historischen Nationalsozialismus, steht deutlich unter dem Einfluss nationalsozialistischer Propaganda, teilt deren Parolen und ist auch von Form und Inhalt dieser Propaganda fasziniert. Andererseits ist man sich wohl durchaus bewusst, dass der direkte Rückgriff auf NS-Propaganda nur begrenzt werbend wirkt und nur den kleinen Kreis derjenigen anspricht, die ohnedies schon von Hitler, der Wehrmacht oder dem Nationalsozialismus fasziniert sind. Muss die Szene also mindestens mit Blick auf die Binnenwirkung unter den eigenen Anhängern immer wieder auf nationalsozialistische Propaganda zurückgreifen, so ist sie zugleich auch zu Zurückhaltung gezwungen – aus Rücksicht auf öffentliche Sympathien wie aus Furcht vor Repression.

Namentlich Hitlers Buch "Mein Kampf" ist für heutige rechtsextreme oder neonazistische Propaganda nur sehr bedingt geeignet.[3] Der Reiz des "Verbotenen" macht seinen Besitz zwar zum begehrten Ziel, auf Flohmärkten und im Militaria-Handel erzielt das Buch – je nach Ausgabe – immer noch hohe Preise. Der Text bleibt indes sperrig und seine Lektüre wenig attraktiv, wobei valide Erkenntnisse zu Reichweite und Rezeption des Buches in der rechtsextremen Szene nicht vorliegen. Nur eingeschränkt bedient die Schrift diejenigen Aspekte an Hitler und dem Nationalsozialismus, die für Rechtsextreme die eigentliche Faszination ausmachen. Schon nationalsozialistische Propaganda-Experten hatten diese Probleme bei der Rezeption von "Mein Kampf" erkannt. So war das Werk durch den Verlag mit einem ausführlichen Schlagwortregister versehen worden. Zitierfähige und propagandataugliche Passagen und Sinnsprüche wurden kompiliert und der Öffentlichkeit "in Häppchen" präsentiert. Dies geschah durch "Spruchsammlungen",[4] in verschiedenen "Jahrbüchern" oder "Jahrweisern" der unterschiedlichen Gliederungen und angeschlossenen Verbände der NSDAP oder durch die vom Zentralverlag der Partei Franz Eher Nachf. erstellten "Wochensprüche", die im ganzen Reich verbreitet wurden.[5] Derartige Druckerzeugnisse aus den Zwischenkriegs- und Kriegsjahren sind begehrte Devotionalien in der rechtsextremen Szene und daher weit verbreitet. Wer sich für den gesamten Text von "Mein Kampf" interessierte, konnte diesen längst im Internet herunterladen, so schon seit Jahren auf den Internetseiten der US-amerikanischen Neonazi-Organisation NSDAP/AO,[6] und auch aktuell finden sich im Netz unkompliziert und schnell Downloadmöglichkeiten. Auch so bleibt Hitler im heutigen Rechtsextremismus präsent. Ton- und Bildmitschnitte seiner Reden und Auftritte – ebenfalls einfach im Internet zu finden – sind aber noch sehr viel besser geeignet, das Interesse auf sich zu ziehen, als Auszüge aus "Mein Kampf" oder andere geschriebene Worte. Absichtserklärungen rechtsextremer Verlage, "Mein Kampf" nach dem Ablauf des Urheberrechts neu zu drucken, sind nicht bekannt.

Fußnoten

1.
Der Lassaner Bote. Volkstreues Mitteilungsblatt für die Stadt Lassan & Umgebung, Sommer 2015, S. 2.
2.
Ebd., S. 4.
3.
Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt nach Angaben des "Spiegel" das Interesse an "Mein Kampf" seitens deutscher Neonazis als gering ein. Vgl. Verfassungsschutz-Einschätzung: Hitlers "Mein Kampf" ohne Bedeutung für Neonazis, 2.10.2015, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/mein-kampf-von-adolf-hitler-ohne-bedeutung-fuer-neonazis-a-1055733.html« (7.10.2015).
4.
Vgl. Othmar Plöckinger, Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922–1945, München 2006, S. 413ff.
5.
Vgl. Bernd Sösemann, Die Macht der allgegenwärtigen Suggestion. Die "Wochensprüche der NSDAP" als Propagandamittel, in: Berliner Wissenschaftliche Gesellschaft e.V. (Hrsg.), Jahrbuch 1989, Berlin 1990, S. 227–248.
6.
Vgl. US-Neonazis missbrauchen deutsche Behördennamen im Netz, 9.9.2001, http://www.handelsblatt.com/archiv/mein-kampf-wird-vertrieben-us-neonazis-missbrauchen-deutsche-behoerden-namen-im-netz/2097198.html« (16.9.2015).
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Autoren: Gideon Botsch, Christoph Kopke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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