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Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

6.11.2015 | Von:
Lutz Raphael

1980er: Typische Jahre "nach dem Boom"

Das Denken in Jahrzehnten hat sich so fest in unseren Gewohnheiten verankert, dass das Reden über die 1950er, 60er, 70er oder 80er Jahre, inzwischen sogar über die "Nuller" Jahre, gar nicht mehr hinterfragt wird. Chronisten aller möglichen Dinge und Ereignisse nutzen diese gängige Zeiteinteilung, um ihrer Zusammenstellung und Kommentierung vermeintlich relevanter Sachverhalte, zeitgenössischer Texte, Musikstücke, Fotografien oder Kunstwerke plausible Grenzen zu setzen.[1] Der Sound der 1980er ist genauso plausibel wie die Mode, die Kunst, der Lebensstil oder die Philosophie dieser Dekade. All dies ist Anlass genug, über Folgen und Nebenwirkungen dieser Gewohnheit nachzudenken.

Zeitgeschichte und Dekadenkult

Zeithistoriker sind nicht ganz unschuldig an diesem Zustand unserer Geschichtskultur, haben sie doch frühzeitig die Chancen erkannt, die das Zehnersystem unserer Zeitrechnung ihnen bietet. Angesichts der Unsicherheit, im Fluss der jüngsten Vergangenheit überhaupt Halt zu finden, sinnvolle Abschnitte oder gar Zäsuren bestimmen zu können, bietet die Mechanik der Zehnjahresschritte vermeintlich Sicherheit, so auch im Fall der 1980er Jahre.[2] Natürlich weiß jeder Historiker, dass diese formale Zeitordnung inhaltsleer ist und für sich keinerlei analytischen Gewinn verspricht. Die historische Zeit schreitet nicht in Dekaden voran, die regelmäßigen Wahlzyklen der meisten Demokratien geben andere Taktungen vor; auch die Konjunkturzyklen des Kapitalismus halten sich nicht an die kulturelle Konvention der Dekaden – und politische, soziale oder ideelle Umbrüche schon gar nicht. 1517, 1776, 1789, 1815, 1848, 1905, 1914, 1917, 1933, 1945 – wer sich nur kurz einige wichtige Jahreszahlen der neueren und neuesten Geschichte durch den Kopf gehen lässt, findet bestätigt, was eigentlich allen klar sein sollte: Ein Jahrzehnt als sinnvolle Einheit der zeithistorischen Erörterung zu betrachten, ist mit hohem Risiko verbunden, denn leicht kann man sich dabei lächerlich machen und jeden wissenschaftlichen Kredit verspielen. Man stelle sich Beiträge zur deutschen Geschichte vor, welche schlicht die 1930er oder nur die 1940er Jahre in den Mittelpunkt rücken wollten. Auch die für Historiker naheliegende Option, dann eben kurze oder lange Jahrzehnte zu konstruieren, also die "Dekade" auf sieben, acht Jahre zurechtzustutzen oder auf 13, gar 15 oder 16 Jahre anschwellen zu lassen, ist intellektuell nicht ohne Risiko: Niemand wird die zwölf Jahre des NS-Regimes als "lange Dreißiger" verkaufen wollen.

Das sicherste Gegengift gegen den Biss der Dekadenkobra waren bisher politische Großereignisse: Regimewechsel, Kriegsbeginne und -enden oder internationale Verträge. Für die 1980er Jahre bietet das Doppeljahr der ost- und mitteleuropäischen Revolutionen 1989/1990 eine solche vermeintlich sichere Grenzlinie. Für die politische Geschichte der Bundesrepublik markieren der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung ohne Zweifel eine sinnvolle Zäsur. Dann muss nur noch ein passender Anfang gefunden werden, und schon haben wir unsere 1980er Jahre ordnungsgemäß bestimmt. Der Regierungswechsel 1982 von der sozialliberalen zur christlich-sozialen Koalition bietet sich dafür an, und so könnte man die kurzen 1980er einer westdeutschen Politikgeschichte von den langen 1970er Jahren (die auch bereits das Etikett das "sozialdemokratische Jahrzehnt"[3] angehängt bekamen) abtrennen. Diese kurzen 1980er Jahre wären aber – sicherlich ein kleiner Schönheitsfehler – nur der erste Teil der Ära Kohl, deren zweiter Teil ab 1990 müsste dann wiederum als die kurzen 1990er Jahre etikettiert werden und würde dann mit dem Antritt der rot-grünen Koalitionsregierung Schröder vorzeitig 1998 enden.

Hat man diese Gedankenoperation einmal vollzogen, purzeln einem auch schon die passenden Ereignisse und Zusammenhänge in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur entgegen, die eine solche Einteilung in kurze oder lange Jahrzehnte plausibel machen könnten: das Ende der großen Protestbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss, die konjunkturelle Erholung nach der zweiten Ölpreiskrise, der konservative Schwenk des in Feuilleton und Kulturbetrieb sich artikulierenden "Zeitgeists"; all diese Phänomene ließen sich anführen, um das Jahr 1982 als Startjahr stark zu machen – und so könnte man auch jenseits einer ganz eng definierten politischen Ereignisgeschichte dem so selbstverständlichen und pünktlichen Dekadenende einen etwas verspäteten Anfang gegenüberstellen.[4] Wir sehen an diesem Gedankenexperiment: Unweigerlich geraten wir in eine kurzatmige Taktung, die selbst die zehn Jahre einer Dekade zu lang werden ließe. Spätestens mit dem Regierungswechsel 2005 wären wir dann ganz aus dem Takt.

Pluralität historischer Zeiten

Jenseits aller ironischen Reflexion über die kulturellen Stereotype und professionellen Arbeitszwänge, die unserem Reden von "den 1980ern" eingeschrieben sind, bleibt die Frage, wie man diese Jahre eventuell besser in die zeitgeschichtlichen Kontexte einordnen könnte. Die radikalste Antwort lautet: indem man auf die Fiktion verzichtet, es gäbe überhaupt so etwas wie eine gemeinsame Zeiteinheit für die vielen, ganz unterschiedlichen Prozesse, Ereignisketten und Trends dieses Jahrzehnts. Ganz so, wie Flüssigkeiten unterschiedlicher Viskosität andere Fließgeschwindigkeiten haben, so sind auch den verschiedenen historischen Phänomenen ganz unterschiedliche Rhythmen und Zeiteinheiten zu eigen. Unsere Zeitgeschichte bestünde dann aus einem bunten Strauß lose miteinander verflochtener Bindestrich-Geschichten (Wirtschafts-, Kunst-, Sport- und andere Geschichten mehr) mit ihren eigenen Anfängen, Zäsuren und Krisenjahren. Eine solche Pluralisierung der Zeitläufe zerstört am Ende unsere Vorstellung von der einen Zeit, der einen Geschichte: Man hat dann nur noch Fragmente unterschiedlichster zeitlicher Länge und räumlicher Ausdehnung vor Augen. Damit können Spezialisten für Detailfragen – etwa: Wann wurden die Finanzmärkte dereguliert? Wann geriet die soziale Altersversorgung "in die Krise"? – und Bindestrichhistoriker bestens leben, aber der Preis ist hoch. Denn wir verlieren jeden Halt bei dem Versuch, Zusammenhänge zwischen den Phänomenen und Trends zu verstehen und die Einsicht in solche Rückkoppelungen und Wechselwirkungen auch in ein Gesamtbild zeitlicher Abläufe einzubringen.

Es gibt eine zweite Option: Die Dekaden der Zeitgeschichte können in größere Zusammenhänge eingeordnet werden. Was wir für ältere Epochen selbstverständlich machen, muss auch die jüngste Zeitgeschichte leisten, so risikoreich das Unternehmen ist, weil viele der zu beachtenden Trends noch gar nicht vergangen, sondern Teil unserer Gegenwart sind. Die 1980er Jahre sind, so die hier vertretene These, besser zu verstehen, wenn man sie in den größeren epochalen Zusammenhang der Veränderungen einordnet, welche ihren Ausgangspunkt in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren haben. Man könnte deshalb die Jahre 1968 und 1973 mit ihren jeweiligen Schlüsselereignissen (studentische Protestbewegung und Ölkrise) als symbolische Ausgangspunkte für eine neue Phase der jüngsten Zeitgeschichte Westeuropas und der Bundesrepublik wählen. Der Zeitbogen reicht also von den späten 1960er Jahren bis an den Beginn unseres Jahrhunderts, vielleicht sogar bis in unsere Gegenwart. "Nach dem Boom" ist ein bewusst offener Namensvorschlag, den ich gemeinsam mit Anselm Doering-Manteuffel für diese Zeitspanne vorgeschlagen habe. Die Leitideen, die einem solchen Periodisierungsvorschlag zugrunde liegen, sollen hier nur kurz zusammengefasst werden, um die anschließenden Überlegungen zur Bedeutung der 1980er Jahre verständlicher zu machen.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. Alexandra Sgro, Die bunten 80er Jahre – Vokuhila und Tennissocken, Berlin 2012; Dieter Rehnen, Die sagenhaften Achtziger, Düsseldorf 1999.
2.
Vgl. Werner Faulstich (Hrsg.), Die Kultur der 80er Jahre, München 2005; Meik Woyke (Hrsg.), Wandel des Politischen. Die Bundesrepublik Deutschland währen der 1980er Jahre, Bonn 2013.
3.
Bernd Faulenbach, Das sozialdemokratische Jahrzehnt, Bonn 2011.
4.
Als überzeugendes Beispiel für eine solche Einteilung vgl. Andreas Wirsching, Abschied vom Provisorium. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982–1990, Stuttgart 2006.
5.
Vgl. Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 20133; Morten Reitmayer/Thomas Schlemmer (Hrsg.), Die Anfänge der Gegenwart. Umbrüche in Westeuropa nach dem Boom, München 2014.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Lutz Raphael für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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