Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)
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Das Subversive retten. Eine Denkfigur der 1980er


6.11.2015
Die 1980er Jahre waren für einen Großteil der westdeutschen Linken ein deprimierendes Jahrzehnt. Zwar war es die Blütezeit der neuen sozialen Bewegungen, die Hunderttausende Bundesbürger mobilisierten und dazu beitrugen, das partizipatorische Element in der politischen Kultur der Bundesrepublik zu verstärken. Doch gerade weil die Hoffnungen auf vermehrte politische Einflussnahme von unten so sehr gewachsen waren, empfand man die dann sichtbarer werdenden Grenzen als umso frustrierender: die Ablösung der SPD- durch eine CDU-geführte Bundesregierung, das Scheitern der Massenbewegungen um das Kernkraftwerk Brokdorf, die Startbahn West des Frankfurter Flughafens, die Stationierung der Mittelstreckenraketen. Auch im kulturellen Feld waren die Hoffnungen auf Liberalisierung, die sich in den vorangegangenen Jahrzehnten so markant zur Geltung gebracht hatten, erheblich gedämpft worden. Eine "Kultur für alle", noch in den 1970er Jahren als Ort der Demokratie für alle Bevölkerungsschichten konzipiert, beschleunigte nur den Individualisierungsstrom. An die Stelle des gemeinsamen produktiven Tuns war eine hochgradig individualisierte "Erlebnisgesellschaft" getreten. Was einstmals als Befreiung von den Fesseln einer vermeintlich traditionalistischen Gesellschaft gedacht war, entpuppte sich als Entsolidarisierung und Vereinzelung unter neoliberalen Vorzeichen. So oder ähnlich nahmen sich pessimistische Gegenwartsdeutungen der linksliberalen bis linksradikalen politischen Strömungen am Ende der 1980er Jahre aus.

Inwieweit sie zutrafen, steht hier nicht zur Debatte. Sondern es geht im Folgenden um Versuche, nach dem Kater der unerfüllten Hoffnungen von "1968" nicht aufzugeben, sondern Elemente des Widerständigen zu retten. Das Fortschreiten der Konsum- und Erlebnisgesellschaft und die politische Rechtswende von 1982 forderten Akteure heraus, die aus politischer Opposition und Gegenkultur der 1970er Jahre kamen und nach Wegen suchten, eine linke Position unter widrigen Prämissen aufrechtzuerhalten und möglichst zu erneuern. Diese Suchbewegung soll hier außerhalb des unmittelbar politischen Feldes betrachtet werden, in der Sphäre der Kultur, wo sich linke Zielvorstellungen und Praktiken unterhalb des flüchtigen Gekräusels der Tagespolitik dauerhafter abgelagert hatten.

Trieb und Subversion: Die Debatte in der Sexualwissenschaft



Mit einer Riege junger Sexualwissenschaftler in Hamburg und Frankfurt am Main hatte sich seit den späten 1960er Jahren eine Sexualwissenschaft etabliert, die ihren Gegenstand nicht mehr von vorgefassten Moralvorstellungen her betrachtete, sondern vorbehaltlos empirisch untersuchte. Daraus resultierte ein Interesse an sozialwissenschaftlichen Methoden, die den Aspekt der Deutung und Bewertung weniger stark gewichteten. In dieser Bewegung gerieten psychoanalytische Konzepte in den Hintergrund. Volkmar Sigusch, seit 1972 Professor für Sexualwissenschaft (der erste in der bundesdeutschen Geschichte), mochte sich nicht auf das Definieren und Vermessen beschränken, sondern betrachtete Sexualforschung als "Subjektwissenschaft" und wollte ihre komplexen Phänomene deutend erfassen.[1] Er bezog, wie es in einer Besprechung eines seiner Bücher in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hieß, eine "dezidiert antipositivistische Position", die die Liebe ebenso wenig wie die Triebe für restlos erkennbar hielt, sondern ihnen ein Geheimnis zusprach – alles in allem fand sich hier das Lob "eines Trieblebens, das sich sozialer Kontrolle entzieht und eine subversive Qualität annimmt", so der Rezensent begeistert.[2]

Mit diesem Ansatz stand Sigusch im Konflikt mit ihm nahestehenden Hamburger Kollegen. Gunter Schmidt hielt die Annahme innerlich sich akkumulierender Energien, die zur Entladung drängten – für ihn mit Eberhard Schorsch die "vulgäre Triebtheorie" –, für Ideologie, die wissenschaftlich nicht zu beweisen war.[3] Stattdessen ging Schmidt neutraler von Motiven aus, die nicht nur körperlich bedingt seien, sondern durch eine Vielzahl innerer wie äußerer Impulse gesteuert würden. Freuds Trieblehre hielt er für eine historisch bedingte Auffassung, die durch die Liberalisierung der Sexualität überholt sei. In der Gegenwart finde Kontrolle nicht mehr durch Repression statt, sondern, so sah er es in Anlehnung an Michel Foucault, durch Befriedigung der Suche nach Lust.[4]

Sigusch hingegen wollte den Abschied vom Trieb, der schon auf breite Akzeptanz stieß, aufhalten. Bei den "Motivationspsychologen", so erklärte er bei seiner Attacke gegen Schmidt auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung 1982 in Hamburg, "hat das Sexuelle seine Sprengkraft verloren, mit Spannung, Dampf, Durchbruch, Explosion nichts mehr zu tun", es war "saft- und kraftlos, bild- und klanglos, da entsubstanziiert und entzaubert". Für ihn war der Eros das große, mit rationalen Mitteln nicht ergründbare Geheimnis, dem eine rebellische Kraft innewohnte. Dieses Geheimnis konnte – Freud sei Dank – nicht gelüftet werden, so viel die Sexualwissenschaftler auch zählten und maßen. Der "Tyrannis und dem Spuk des Faktischen" setzte er die "Anarchie der Lust" entgegen, während für Schmidt theoretische Positionen in der Erklärung von Sexualität einem historischen Wandel unterlagen.[5] Die Heftigkeit des Widerstandes, mit der seine Absage an den Trieb quittiert wurde, resultierte, Schmidt zufolge, nicht aus einem akademischen Streit um die richtige Lehre, sondern es ging "um Trauer", "um die verlorene subversive Unschuld der Sexualität, um ihr nicht eingelöstes Freiheitsversprechen".[6]

Siguschs Position war über die kleinen Kreise der Sexualwissenschaftler hinaus umstritten. Ihm traten andere entgegen, die ebenfalls etwas retten wollten – nämlich die Idee der Aufklärung vor der boomenden Rationalitätskritik. 1986 gab die Schriftstellerin Ulrike Heider einen Sammelband heraus, der den "Mythos neuer Sinnlichkeit" einer kritischen Revision unterzog und als "Erwiderung auf den erotischen Irrationalismus im zeitgenössischen Kulturbetrieb mit seiner antiaufklärerischen Rezeption von Denkern wie de Sade, Nietzsche und Bataille" gedacht war. Hier klagte der Sexualforscher Ernest Borneman Sigusch an, sich "in peinlichster Weise mit der neuen Romantik" assoziiert zu haben. Siguschs "Verhöhnung der Wissenschaft und der Ratio, diese Rechtfertigung des Irrationalen, geht Hand in Hand mit der neuen Gegenreform, mit der neuen Absage an die klassische Aufklärung, mit dem Verfall der großen französischen Tradition des klaren Denkens, mit der nostalgischen Nietzsche-Wagner-Hitler-Welle, mit der ‚poetischen‘ Unterwanderung des Verifizierbaren und Falsifizierbaren in der ‚neuen‘ französischen Philosophie".[7] Borneman sagte nicht, dass Sigusch zum Blut- und Boden-Ideologen geworden sei, aber im Kontext der Rehabilitierung des Antirationalismus in der Postmoderne und von Tendenzen der westdeutschen Kultur der Gegenwart, in der Ernst Jünger, Leni Riefenstahl und Arno Breker zu neuen Ehren kamen, hielt er derartige Aussagen, die ihm auf ein "romantisch-irrationales Weltbild" hinzudeuten schienen, für gefährlich.[8]

Tatsächlich hatte Sigusch ein ambivalentes Bild der Liebe gezeichnet. In seinem "hohen Lied der Liebe" skizzierte er die Utopie eines harmonischen Miteinanders – "leicht, heiter und kindlich wie ein Abendwind über Ägadien", im "niederen Lied der Liebe" die andere, "vielleicht vertrauter(e)" Seite: "Unsere Liebe ist eine Orgie gemeinster Quälereien. Sie ist voll raffinierter Erniedrigung, wilder Entmächtigung, bitterer Enttäuschung, boshafter Rache und gehässiger Aggression. (…) Unsere Liebe ist egozentrisch und asozial, eine nahe Verwandte des Wahnsinns und der Sucht."[9] Sigusch benannte nicht nur die Ambivalenzen der Liebe, für ihn überwogen klar die weniger idealen Aspekte. Der Aufstieg neuer sexueller Moden, die Faszination, die Gewalt in den sexuellen Beziehungen auslöste, bekräftigten Siguschs Befund ebenso wie die pessimistische Gegenwartsdiagnose derer, die ein auf Gleichheit und Gewaltfreiheit ausgerichtetes Ideal der "sexuellen Revolution" entschwinden sahen.


Fußnoten

1.
Volkmar Sigusch, Thesen über Natur und Sexualität, in: Hermann M. Gremliza (Hrsg.), Sexualität konkret, Bd. 1, Hamburg 1980, S. 118–123, hier: S. 123.
2.
Vom Trieb und der Liebe, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2.10.1984, S. 26.
3.
Vgl. Volkmar Sigusch, Lob des Triebes, in: ders., Vom Trieb und von der Liebe, Frankfurt/M.–New York 1984, S. 27–42. Schmidts Entgegnung auf Siguschs Kritik in: Martin Dannecker/Volkmar Sigusch (Hrsg.), Sexualtheorie und Sexualpolitik. Ergebnisse einer Tagung, Stuttgart 1984, S. 17ff., Zitat: S. 17.
4.
Vgl. Gunter Schmidt, Drang und Lust, in: Helmut Kentler (Hrsg.), Sexualwesen Mensch. Texte zur Erforschung der Sexualität, Hamburg 1984, S. 300–317.
5.
V. Sigusch (Anm. 3), S. 38, S. 41.
6.
G. Schmidt (Anm. 4), S. 316f.
7.
Ernest Borneman, Vom Kismet der Zwei. Entstehung der Liebe und Rückkehr der Zeitgenossen zu Liebesidealen der Vergangenheit, in: Ulrike Heider (Hrsg.), Sadomasochisten, Keusche und Romantiker. Vom Mythos neuer Sinnlichkeit, Reinbek 1986, S. 55–72, hier: S. 70f.
8.
Borneman an Norbert Mappes (Vorwärts), 28.2.1987, Akademie der Künste Berlin (AdK), Ernest-Borneman-Archiv.
9.
Volkmar Sigusch, Das gemeine Lied der Liebe, in: H.M. Gremliza (Anm. 1), S. 11–20, hier: S. 11.
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Autor: Detlef Siegfried für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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