Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)
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Aids-Geschichte als Gefühlsgeschichte


6.11.2015
Im Sommer 1981 berichtete die US-amerikanische Gesundheitsbehörde von einer mysteriösen Krankheit. Fünf junge Männer, die kerngesund schienen, litten plötzlich an einer Kombination von schwerer Pilzinfektion und Lungenentzündung – zwei von ihnen starben. Und immer mehr Menschen vor allem in Großstädten wie New York und San Francisco erkrankten. Die Ursache war unbekannt. Auffällig waren die dunklen Flecken auf der Haut der Betroffenen, das Kaposi-Syndrom, und die Tatsache, dass die meisten der Betroffenen jung und schwul waren. In der US-amerikanischen Presse geisterte bald die Bezeichnung "Gay-Related Immune Deficiency" umher. Aber zunehmend, wenn auch weniger stark, waren auch Menschen betroffen, die nicht in das Muster passten. 1982 schlugen Ärzte schließlich den Namen vor, unter dem die Krankheit dann berühmt werden sollte: "AIDS" – als Abkürzung für "Acquired Immune Deficiency Syndrome", übersetzt: "erworbene Immunschwäche". Im selben Jahr wurden die ersten Fälle in der Bundesrepublik beobachtet, ebenso vor allem bei schwulen Männern in Großstädten. "Der Spiegel" berichtete über den damals noch namenlosen "Schreck von drüben": "Eine Reihe geheimnisvoller, nicht selten tödlicher Krankheiten sucht Amerikas Homosexuelle heim. Jetzt wurden erste Fälle in Europa beobachtet."[1] Mehr als 130 Tote habe es inzwischen in den USA gegeben, 200 weitere seien erkrankt. Zehntausende hätten sich vermutlich schon infiziert.

Der Artikel stellte nur den ersten Anstoß zu einer wahren Flut an Medienberichten über Aids dar. Kaum eine andere Krankheit war in den 1980er Jahren in den Medien der westlichen Industrienationen so präsent. Noch heute ist pauschal von der damaligen "Aids-Angst" die Rede. Angst nahm und nimmt in der Geschichten von Aids eine wichtige Rolle ein. Statt jedoch davon auszugehen, dass jeder Angst vor dieser Krankheit hatte, ist es aufschlussreicher zu schauen, wann von wem Angst wovor artikulierte wurde, oder allgemeiner formuliert: in welchem Kontext und zu welchem Zweck über Gefühle gesprochen wurde. Problematisch ist bei dieser Erzählung einer allgemeinen "Aids-Hysterie", dass davon ausgegangen wird, der Umgang mit Aids sei in den ersten Jahren hochemotional und irrational gewesen, die zunehmende rationale Verwaltung des Risikos habe aber den Umgang mit der Krankheit "entemotionalisiert". Bei genauerem Blick auf die Gefühlsgeschichte von Aids lässt sich sagen, dass es ein Kurzschluss ist, zu denken, dass Emotionen immer weniger eine Rolle gespielt hätten, je stärker die (staatliche) Politik auf Aids und die damit verbundenen Probleme reagierte.

Dagegen spricht zum Beispiel, dass in vielen frühen Presseberichten über Aids gerade die Abwesenheit von Angst ein großes Thema war: Menschen, die keine Angst vor Aids zu haben schienen, wurde ein irrationales und riskantes Verhalten unterstellt. In späteren Berichten wiederum, in denen Betroffene selbst zu Wort kamen, stand vielmehr die Angst vor einer gesellschaftlichen Stigmatisierung und Ausgrenzung im Vordergrund (Dies werde ich vor allem am Beispiel des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" verdeutlichen).

Auch für die Mobilisierung und Institutionalisierung von Einrichtungen wie der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) war weniger Angst ein Thema als vielmehr Gefühle wie Trauer, Wut und Verzweiflung. Nicht nur die Betreuung von Erkrankten und Infizierten und ihre Gefühle, sondern auch die der Mitarbeiter gehörten zu den Aufgaben der Aids-Hilfen. So war es für diese wichtig, den "richtigen" Umgang mit der Trauer über den Tod von Betroffenen zu finden.

Emotionen waren aber ebenso ein wichtiges Element staatlicher Aids-Politik. So wurde das "Betroffenheitsnarrativ" immer wichtiger und zum tragenden Baustein. Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die ab 1987 starteten, setzten ebenso wie die DAH von Anfang an nicht auf Schockeffekte oder die Erzeugung von Angst vor einer Erkrankung, sondern darauf, dass jeder sich von dem Risiko einer Infektion betroffen fühlen sollte, um sich und andere davor zu schützen.


Fußnoten

1.
Schreck von drüben, in: Der Spiegel vom 31.5.1982, S. 187ff., hier: S. 187.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Magdalena Beljan für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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