Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)
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Kein neuer Mythos. Das letzte Jahrzehnt West-Berlins


6.11.2015
West-Berlin ist seit einiger Zeit wieder "in".[1] Die versunkene Teilstadt hat wieder Konjunktur, sowohl als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung als auch als Objekt rückblendender Erinnerung oder gar "Westalgie". Diese Tendenz ist umso bemerkenswerter, da vor Kurzem das allgemeine Thema "Berlin" aus den globalen Geschichten des Kalten Krieges fast verschwunden war, während das spezifische Thema "West-Berlin" nach wie vor eine Lücke in der deutschen Nachkriegsgeschichtsschreibung bildet.[2]

In den vergangenen zwei Jahren haben sich jedoch eine ganze Reihe wissenschaftlicher Tagungen mit West-Berliner Themen befasst, und 2014/15 erfreute sich die Ausstellung "West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland" beträchtlicher Besucherzahlen – und zwar im Ephraim-Palais, ausgerechnet im ehemaligen Ost-Berlin.[3] Vielleicht noch bemerkenswerter: Das neue Interesse an West-Berlin gilt unter anderem den 1980er Jahren, einem Jahrzehnt, das im Berliner Kontext nicht gerade als hervorstechend erscheint, vor allem nicht im Vergleich zur "heroischen" Phase der Zeit vor dem Zustandekommen des Viermächteabkommens 1971. Dieses stellte eine Zäsur dar, die nach den Jahren der harten Ost-West-Konfrontation eine Art "anormale Normalität" einführte – mit dem Ergebnis, dass Berlin in den 1970er und 1980er Jahren immer mehr aus den internationalen Schlagzeilen verschwand.[4] Das West-Berlin der 1970er und vor allem der 1980er Jahre trat im öffentlichen Bewusstsein immer weniger als "Schaufenster der Systemkonkurrenz" oder "Vorposten der Freiheit" hervor, galt vielen Beobachtern eher als Sumpf der Filzokratie, Korruption und Mittelmäßigkeit, zunehmend provinziell, von Subventionen abhängig und dabei künstlich am Leben gehalten, mit einer alternden Bevölkerungsstruktur und wenig Aussicht auf Verbesserung.

Äußere Ruhe, innere Unruhe



Dass die Einwohnerzahl West-Berlins in den späten 1980er Jahren relativ stabil bei etwa zwei Millionen blieb, deutet darauf hin, dass ein wachsender Anteil der Bevölkerung aus Zuzüglern bestand: Neben Migranten kamen vor allem Studenten, Kriegsdienstverweigerer und sonstige "Alternativler" aus dem Bundesgebiet, die mit dem alten Frontstadtmythos jedoch nicht mehr viel anfangen konnten, sondern sich eher mit der aufblühenden alternativen Kultur identifizierten. Der Autor Peter Schneider bemerkte treffend: "In der Mitte der achtziger Jahre beschlich mich das Gefühl, dass die Geschichte aus Westberlin ausgewandert war und sich nur noch in kaum gelesenen Schlagzeilen am Zeitungskiosk bemerkbar machte. Unseren politischen Leidenschaften war die Luft ausgegangen, die Entspannungspolitik machte leise, zähe Fortschritte."[5]

Die Amerikaner neigten Anfang der 1980er Jahre dazu, West-Berlin einfach zu vergessen.[6] Als 1980 die Kongresshalle – heute das Haus der Kulturen der Welt, entworfen vom amerikanischen Architekten Hugh Stubbins und 1956/57 als Symbol der special relationship zwischen den USA und "Amerikas Berlin"[7] entstanden – einstürzte, versuchten West-Berliner Behörden, die Amerikaner für einen Wiederaufbau zu interessieren. Dafür waren sie aber nicht mehr zu gewinnen. Der Diplomat und spätere US-Botschafter John Kornblum war über die zunehmende Gleichgültigkeit seiner Landsleute so besorgt, dass er ein Memorandum zum Thema "Why Are We in Berlin?" entwarf, worin er das State Department daran erinnerte, dass der Viermächtestatus der geteilten Stadt nach wie vor eine stabilisierende Rolle in Mitteleuropa spiele.[8]

Während West-Berlin außenpolitisch kein Krisenherd mehr darstellte, war die Lage innerhalb der Teilstadt alles andere als ruhig. Anfang der 1980er Jahre schien sie fast unregierbar geworden zu sein: "Zahlreiche Probleme auf politischer, sozialer, städtebaulicher und wirtschaftlicher Ebene bündelten sich um 1980 zu einer manifesten Sinnkrise der ‚Insel‘."[9] Der sozialliberalen Koalition unter dem Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe (SPD) waren die Zügel so weit entglitten, dass verschiedene Bauskandale im Januar 1981 zum Rücktritt des Senats führten – und damit mehr oder weniger zum Kollaps der altehrwürdigen Berliner SPD, die "Der Spiegel" als "SPD-Ruine" darstellte.[10] Das Resultat war das "Drei-Bürgermeister-Jahr", in dem binnen weniger Monate zunächst Hans-Jochen Vogel (SPD) und dann Richard von Weizsäcker (CDU) das Bürgermeisteramt übernahmen.[11]

Hinzu kam ein handfester Konflikt mit der Hausbesetzerbewegung, die dem Wohnraummangel durch die Besetzung leerstehender Altbauten begegnete. Bereits im Dezember 1980 war es in Kreuzberg zwischen Polizei und Hausbesetzern zur "Schlacht am Fraenkelufer" gekommen, in deren Folge sich die Bewegung rasch ausgebreitet hatte. Bis Juni 1981 gab es in West-Berlin 165 besetzte Häuser. Es folgten Aktionen wie der "Tuwat-Kongress" beziehungsweise das "Tuwat-Spektakel", die sich gegen die angekündigten Räumungen richteten, weitere gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei sowie schließlich der Tod des 18-jährigen Hausbesetzers Klaus-Jürgen Rattay unter umstrittenen Umständen. Kurzum: Auf den ersten Blick bot West-Berlin Anfang der 1980er Jahre kein schönes Bild. Das alte, "heroische" West-Berlin der Zeit Ernst Reuters und Willy Brandts, der Luftbrücke und des Kennedy-Besuchs schien weit entfernt und völlig verflogen zu sein.

Aber dieses Bild trügt. Denn das West-Berlin der 1980er Jahre war trotz Stagnation und Marginalisierung wesentlich vielfältiger, vitaler, kreativer und interessanter als manchmal angenommen. Zudem wäre der Vergleich mit dem "alten" West-Berlin ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Die Lage der Stadt hatte sich im Laufe der Jahre fast vollständig geändert, und eine adäquate Beschreibung der Geschichte West-Berlins in den 1980er Jahren muss diesen Änderungen Rechnung tragen. Die folgenden Thesen sollen dies unterstreichen.


Fußnoten

1.
Vgl. Stefanie Eisenhuth/Martin Sabrow, "West-Berlin". Eine historiographische Herausforderung, in: Zeithistorische Forschungen, 11 (2014) 2, S. 165–187.
2.
Vgl. Winfried Rott, Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948–1990, München 2009.
3.
Vgl. Franziska Nentwig/Dominik Bartmann (Hrsg.), West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland, Berlin 2014.
4.
Zum Begriff "anormale Normalität" vgl. Ann Tusa, The Last Division. Berlin and the Wall, London 1996, S. 31.
5.
Peter Schneider, An der Schönheit kann’s nicht liegen. Berlin – Porträt einer ewig unfertigen Stadt, Köln 2015, S. 107f.
6.
Vgl. David E. Barclay, On the Back Burner. Die USA und West-Berlin 1948–1994, in: Tilman Mayer (Hrsg.), Deutschland aus internationaler Sicht, Berlin 2009, S. 25–36.
7.
Vgl. Dominik Geppert, "Proclaim Liberty Throughout All the Land". Berlin and the Symbolism of the Cold War, in: ders. (Hrsg.), The Postwar Challenge, Oxford 2003, S. 339–363.
8.
Interview des Verfassers mit John Kornblum, 22.3.2007.
9.
Krijn Thijs, West-Berliner Visionen für eine neue Mitte, in: Zeithistorische Forschungen, 11 (2014) 2, S. 235–261, hier: S. 235.
10.
Zu Hausbesetzungen und Sorgen um den "Tod" West-Berlins vgl. Emily Pugh, Architecture, Politics, and Identity in Divided Berlin, Pittsburgh 2014, S. 204–224, S. 232–240.
11.
Vgl. Dirk Rotenberg, Berliner Demokratie zwischen Existenzsicherung und Machtwechsel, Berlin 1995, S. 487–536.
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Autor: David E. Barclay für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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