30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

 width=
6.11.2015 | Von:
Patricia M. Clough

Ära Kohl? Eine Kanzlerschaft in den 1980er Jahren - Essay

Erneuerung?

Aber ebenjener Oppositionsführer wurde tatsächlich Kanzler, und man könnte behaupten, dass die 1980er Jahre in Westdeutschland tatsächlich am 1. Oktober 1982 begannen, als Helmut Kohl den Amtseid ablegte. Dieser konservative Gezeitenwechsel war in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von 1969. Er war nicht das Ergebnis eines Wahlsiegs zugunsten inspirierender neuer Ideen, sondern einfach eines Seitenwechsels der FDP. Die elektorale Bestätigung des Wechsels folgte erst im Jahr darauf – fiel dafür aber umso durchschlagender aus. Brandt war ein extrem charismatischer Kanzler gewesen, Kohl war alles andere als das. Und während die Politik der sozialliberalen Koalition eine dramatische Abkehr vorheriger Regierungspolitik bedeutet hatte, setzte Kohl in wichtigen Bereichen auf Kontinuität. So setzte er etwa die Ostpolitik seiner Vorgänger fort, die die CDU zuvor noch so bitter bekämpft hatte. Zugleich versuchte er aber auch, konservative Werte aus der Vergangenheit zurückzuholen – möglicherweise in der Hoffnung, seinerseits ein "neues Lebensgefühl" befördern zu können.

Kohl forderte nichts weniger als eine "geistig-moralische Wende". Als Oppositionsführer hatte er Schmidt vorgeworfen, dem Land keine "geistige Führung" zu geben. Kurz nach seiner Amtsübernahme verkündete er in seiner Regierungserklärung: "Die schweren materiellen Probleme, vor denen wir stehen, sind (…) nur zu lösen, wenn wir uns den geistig-moralischen Herausforderungen unserer Zeit stellen. Wir stecken nicht nur in einer wirtschaftlichen Krise. Es besteht auch eine tiefe Unsicherheit, gespeist aus Angst und Ratlosigkeit – Angst vor wirtschaftlichem Niedergang, Sorge um den Arbeitsplatz, Angst vor Umweltzerstörung, vor dem Rüstungswettlauf, Angst vieler junger Menschen vor ihrer Zukunft."[3]

Er griff das Thema auch in anderen Reden immer wieder auf und sah die Hauptursache für die beschriebenen Missstände in "einer seit über einem Jahrzehnt betriebenen Verunsicherung im Verhältnis zu unserer Geschichte, zu unseren grundlegenden ethischen Werten und sozialen Tugenden, zu Staat und Recht und letztlich auch in einer Verunsicherung in unserem nationalen Selbstverständnis". Viele Werte, so behauptete er, seien im "Abfalleimer der Geschichte" gelandet, darunter Religion, Autorität, Familie und Respekt vor dem Alter. "Immer mehr Menschen wurden im letzten Jahrzehnt der ethischen und moralischen Orientierungspunkte für ihr Handeln beraubt. Wachsende Verunsicherung und zunehmende Orientierungslosigkeit führten zu einem weitverbreiteten Kultur- und Fortschrittspessimismus und Zukunftsangst." Er kündigte einen "historischen Neuanfang" an, eine "Politik der Erneuerung" sowie der "Freiheit, Dynamik, Selbstverantwortung". Ungeachtet aktueller Trends sprach er von "Heimat", "Vaterland" und "Liebe zu Deutschland" und forderte Klugheit, Mut, Maßhalten und vor allem Optimismus.[4]

Kohls "geistig-moralische Wende" wurde in der Bundesrepublik mit beträchtlichem Spott aufgenommen. In seinem Bemühen um eine Renaissance konservativer Werte war er jedoch keineswegs allein. In den USA betrieb Präsident Ronald Reagan eine konservative Konterrevolution und forderte Patriotismus, Autorität, Freiheit vor staatlicher Einmischung und eine Rückkehr zu Familienwerten. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher setzte sich im Vereinigten Königreich für eine Rückkehr zu den "viktorianischen Werten" des 19. Jahrhunderts ein. Auch ihre Ideen wurden breit kritisiert.

Tatsächlich erwies sich die "geistig-moralische Wende" als Misserfolg. Nach und nach stellte sich heraus, dass Kohl zwar über zahlreiche Stärken verfügte, aber "the vision thing", wie der erste Präsident Bush es abfällig nannte, gehörte nicht dazu – dies wurde später auch mit den Versprechen "blühender Landschaften" in der ehemaligen DDR und einer europäischen Währung ohne die erforderlichen Grundlagen augenfällig. Mit der Zeit musste er erkennen, dass sich Werte, insbesondere in einer Demokratie, nicht durch die Regierung oktroyieren lassen, sondern dass Änderungen von Anschauungen aus der Gesellschaft selbst erwachsen müssen.

Es zeigte sich, dass viele der gesellschaftlichen Entwicklungen, die bereits vor und während der sozialliberalen Ära eingesetzt hatten, tief greifend und letztlich unumkehrbar waren. Junge Leute würden ihre Haare nicht plötzlich wieder kurz schneiden, ihre Wohngemeinschaften oder "wilden Ehen" aufgeben und wieder zu ihren Eltern ziehen. Frauen würden ihre Karrieren nicht aufgeben und an den Herd zurückkehren. Menschen, die sich von alten autoritären Konventionen emanzipiert hatten, waren nicht länger geneigt, anderen zu gehorchen, die ihnen vorschrieben, wie sie ihr Leben gestalten sollten. Die Friedens-, Antiatomkraft-, Umwelt- und Frauenbewegungen setzten ihr Engagement ungebrochen fort. Die Heilung der Beziehung der Deutschen zu ihrer eigenen nationalen Identität stand noch in ferner Zukunft.

Fußnoten

3.
Zit. nach: ebd., S. 88f.
4.
Zit. nach: ebd.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Patricia M. Clough für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.