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Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

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6.11.2015 | Von:
Patricia M. Clough

Ära Kohl? Eine Kanzlerschaft in den 1980er Jahren - Essay

Mehr als auf den ersten Blick erkennbar

Gleichzeitig hielt sich unter linken Politikern und Intellektuellen, so meine ich, nach ihrer eigenen bahnbrechenden Zeit an der Macht ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber der neuen Regierung. Und dieses fand in der Person Helmut Kohls nur eine allzu leichte Zielscheibe. Obwohl er ein höchst erfolgreicher Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz gewesen, in der CDU kometenhaft aufgestiegen und mit überwältigender Mehrheit zum CDU-Vorsitzenden gewählt worden war, kam Kohl in Bonn zunächst nicht besonders gut an. Als Kanzler erschien er im Vergleich zu Brandt und Schmidt provinziell, unbeholfen und unfähig, sich auszudrücken. Auch seine äußere Erscheinung war unglücklich: Neben seiner Schwerfälligkeit und Größe hatte er die Angewohnheit zu blinzeln, als werde er von grellem Licht geblendet, dazu ein seliges Lächeln, das Menschen, die nicht zu seinen Anhängern gehörten, extrem reizen konnte. Wie ein Berater einräumte, war seine größte Schwäche eine "leichte sprachliche Ungenauigkeit", und auch Gräfin Dönhoff merkte an: "Die Leichtfertigkeit, mit der Kohl zuweilen mit dem Wort umgeht, hat etwas Erschreckendes."[5]

In ihrer harmlosesten Form waren es amüsante oder unglückliche Schnitzer, aber manchmal kam es auch zu schwerwiegenden internationalen Ärgernissen. In diesem Kontext erwies sich das enorme Selbstvertrauen, mit dem Kohl Spott abschüttelte, als weiteres Problem. Obgleich diese Selbstsicherheit zweifellos zu seinem Erfolg beitrug, nahm sie ihm auch die Fähigkeit, sich selbst so zu sehen, wie andere es taten. Zum Beispiel sah ich 1986, wie er mit Margaret Thatcher eine britische Militärbasis besuchte, in einen Panzer kletterte und dabei einen unförmigen grauen Overall trug, in dem er sich der ganzen Welt wie ein übergroßes Baby in einem Strampler präsentierte. Vollkommen unbefangen und glücklich lächelnd strahlte er eine ungeheure Selbstzufriedenheit aus.

Später las ich, dass ein solcher Auftritt den Karikaturisten und Mitbegründer des Satiremagazins "Titanic" Hans Traxler inspiriert hatte, Kohl den Beinamen "Birne" zu verpassen. Der Spottname war ein Geschenk des Himmels für Komiker, Kabarettisten und andere Karikaturisten – und Inspiration für zahllose Bücher und Anthologien über Kohls Stilblüten. Während der ersten Jahre seiner Kanzlerschaft lenkte die Flut von Hohn und Spott, die sich über den Kanzler ergoss, von seinen tatsächlich vorhandenen, tieferen Stärken ab. Nach und nach aber verebbte diese Welle, und die Witzfigur "Birne" erhielt spätestens 1987 den Todesstoß, als die Junge Union "I like Birne" als Wahlslogan benutzte.

Wenige seiner Kritiker verstanden, oder wollten verstehen, dass Kohl damals mehr als jeder andere westdeutsche Politiker einen direkten Draht zu den "gewöhnlichen Deutschen" hatte, natürlich insbesondere zu CDU-Wählern. Was später als "System Kohl" bezeichnet wurde, war ein umfangreiches, fein verästeltes Netzwerk persönlicher Kontakte, durch das er ständig mit dem Denken und Fühlen seiner Wählerbasis verbunden war und auf das er sich im Allgemeinen weitaus stärker verließ als auf das, was er von Meinungsforschern oder Kollegen hörte. Der "Zeit"-Journalist Gunter Hofmann sprach deshalb auch von einer "osmotischen Kanzlerschaft".

Als er ins Amt kam, repräsentierte Kohl fast die Hälfte der Wählerschaft, nämlich diejenigen, die von den Veränderungen der 13 Jahre zuvor genug hatten und sich nach Sicherheit und Stabilität sehnten, die Kohl und seine Koalition verhießen. Es handelte sich dabei um Menschen, die nicht darüber spöttelten, dass Kohl ein Aquarium mit Zierfischen in seinem Büro hatte, dass er seinen Urlaub jedes Jahr im selben Bilderbuchdorf in den österreichischen Alpen verbrachte oder dass sein Leibgericht der einfache pfälzische Saumagen war. Er war "gewöhnlich" wie sie. Die streitbareren und wortgewandten Roten mochten ihn mit Hohn überschütten, aber mein Eindruck war, dass die Masse der "Durchschnittsdeutschen" erleichtert war, dass Kohl an die Macht gekommen war. Insofern polarisierte er auf seine Art die deutsche Gesellschaft genauso wie zuvor Willy Brandt.

Und vielen passte sein Stil. Anders als der Krisenmanager Schmidt entschärfte Kohl Konflikte instinktiv, spielte Schwierigkeiten herunter und verbreitete eine Atmosphäre der Ruhe und Normalität. Seine Reaktionen auf jegliches Thema wurden vorhersehbar: "Das ist für mich überhaupt kein Problem", "Ich sehe keinen Grund warum …", "Ich brauche keine Belehrung in …", "Ich bin gelassen." Irgendwie wurde der Politik damit ein Großteil der Spannung genommen, sie wurde langweilig und banal.

Kohls Wähler hatten bald guten Grund, beruhigt zu sein. Dank der Regierungspolitik gab es in der Bonner Republik wieder einen Wirtschaftsaufschwung, und 1985 konnte Elisabeth Noelle-Neumann, die Leiterin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, berichten, dass 55 Prozent der Westdeutschen dem kommenden Jahr mit Hoffnung und nur 14 Prozent mit Angst entgegensahen – das war das größte Maß an Optimismus seit sieben Jahren. Kohl hatte die Krise um den NATO-Doppelbeschluss gemeistert und einige bedeutende Reformen auf den Weg gebracht, etwa in der Gesundheits- und in der Steuerpolitik.

Fußnoten

5.
Zit. nach: ebd., S. 115.
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Autor: Patricia M. Clough für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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