30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Die 19jährige Miss Germany Nicole Reinhardt präsentiert auf einer Veranstaltung der "Nigeria-Hilfe" in Frankfurt ein Originalgemälde von Bundeskanzler Helmut Kohl und Tennisspieler Boris Becker, das zugunsten der Stiftung versteigert werden soll. (1988/89)

 width=
6.11.2015 | Von:
Patricia M. Clough

Ära Kohl? Eine Kanzlerschaft in den 1980er Jahren - Essay

Kein Kanzlerbonus

Dennoch blieb Kohl als Person lange Zeit ungewürdigt. Während des größten Teils der 1980er Jahre wurde ihm kein "Kanzlerbonus" zugebilligt. Seine Stärken und Leistungen wurden häufig von Fehltritten in politische Fettnäpfchen überschattet oder von der Kritik an seiner Gewohnheit, Probleme "auszusitzen". Vielen war es regelrecht peinlich, dass er der Kanzler der Bundesrepublik war. So begann eine andere Art Kohl-Witz die Runde zu machen, die gleichermaßen seine eingefleischtesten Kritiker aufs Korn nahm: Kohl steht am Rhein und betet zu Gott um ein Wunder, damit die Menschen endlich an ihn glauben. Das Wunder geschieht und Kohl schreitet über den Rhein. Am Ufer hat sich eine Menschenmenge eingefunden, die ihm dabei zuschaut. Einer der Zuschauer meint höhnisch: "Seht ihr, er kann noch nicht mal schwimmen."

Bei der Bundestagswahl 1987 sank der Stimmenanteil der CDU auf 44,3 Prozent ab, zudem musste die Partei in einer alarmierenden Serie von Landtagswahlen Verluste und Niederlagen hinnehmen. Viele Christdemokraten waren gegen Ende der 1980er Jahre unzufrieden; in ihren Augen war die Führung schwach und uninspiriert, und so formierte sich unter führenden CDU-Mitgliedern sogar eine Art Verschwörung, die darauf abzielte, Kohl als Parteichef abzusetzen. Doch mit seiner immensen politischen Gerissenheit und seinem Machtinstinkt setzte Kohl sich im September 1989 auf dem Bremer Parteitag gegen die internen Kritiker durch.

Politisch betrachtet waren die 1980er Jahre in Bonn hauptsächlich eine Periode der Konsolidierung, in der die Aufbruchsstimmung der frühen 1970er Jahre endgültig verebbte, und somit eine Übergangsphase zwischen zwei wichtigen Wendepunkten der Nachkriegsgeschichte: dem Wechsel 1969 von einer CDU-geführten zu einer SPD-geführten Koalition einerseits und der Wiedervereinigung 1990 andererseits. Hätte Kohl vor 1989 gehen müssen, wäre seine Kanzlerschaft in den Geschichtsbüchern wohl eher überblättert worden. Aber am 9. November jenes Jahres, nicht einmal zwei Monate vor dem Ende der 1980er, fiel die Berliner Mauer. Zwei Wochen später ergriff er mit seinem Zehn-Punkte-Programm für die Vereinigung Deutschlands die Initiative und verwandelte mit einem Schlag sowohl seine Karriere als auch die deutsche Geschichte. Aber das ist die Geschichte der 1990er Jahre.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Patricia M. Clough für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.